— 580
dringen, ein verzweifelter Kampf entsteht auf dem Marktplatz. Schill stürzt sich 'in1 den Haufen der Feinde ultb reißt den General Carteret mit den Worten vom Pferde: „Hundsfott, bestell mir Quartier!" Damit wendet erl sich in eine Gasse zurück, von feindlichen Kugeln verfolgt, aus einer Wunde blutend. Er jagt an mehreren holländischen Jägern vorüber, welche einem gefangenen Schillscheu die Wunden verbinden. Der tödlich verwundete Offizier wird beim Anblick seines gefeierten Führers wie elektrisiert. „Schill!" ruft er ihm! in seiner hellen Begeisternng zu. Die Holländer wissen jetzt, mit roem sie es zu tun haben, feuern auf den davonjagenden Reiter, mehrere Jäger umzingeln ihn, und her durch eine Schußwunde am Kopf und einen tiefen Säbelhieb verwundete Schill wird von ihnen vom Pferde gerissen. Unter den Händen der feindlichen Soldaten hauchte Schill seine Heldenseele aus. Mit dem entseelten Körper, dem sich im Leben keiner ohne Furcht genähert hätte, treiben sie jetzt ihren Spott. Als sich die .Nachricht von Schills Tod bewahrheitete, warf sich mit deut Schmerzensschrei: „Nun will ich auch sterben !" sein Husar Sommerfeld, der tapferste und treueste seiner Leute, vom Pferde springend und zu Fuß einhauend, in die dichteste Schar der Feinde. 'Dem Leutnant von Halletius boten die Feinde dreimal Pardon an, als er, vom Pferde gestürzt, am rechten Arm gelähmt, vom Boden aus noch mit dem Stumpf einer zerbrochenes Lanze links focht. Wie ihr Führer, der geächtete Schill, wollten sie sterbend den deutschen Völkern ein großes ,Beispiel geben: sie wollten lieber mit Ehren untergehen, als weiter in Schande
Ms Blücher die Nachricht von Schills Tod und dein Schicksal seiner Freischar erfuhr, schrieb er: „Die Schjllsche Expedition ist zu Ende. Er ist als ein braver Soldat gefallen, hat aber fein Haupt teuer verkauft. Nun will ich dem König eine kurze Frist geben; ordnet es sich dann noch nicht, kommen wir nicht zn einem Entschluß, so gehe ich und verwende meine Kräfte, die ich poch habe, znin Besten meines bedrängten deutschen Vaterlandes. Trage Fesseln, wer da will, ich nicht!"
Napoleon ließ die gefangenen Schillschen teils in den Häfen von Brest und Cherbourg zur Galeerenarbeit abführen, teils ließ er sie standrechtlich erschießen. So ließ er tun 18., 20. Und 22. Juli 1809 vierzehn Unteroffiziere in Braunschweig, und am 16. September elf Schillsche Offiziere zu Wesel am Rhein zerschießen.
Diese Helden starben, olfhe sich die Augen verbinden zu lassen, ihrer bisherigen glorreichen Laufbahn, würdig. Selbst tin dem mutigen Verteidiger der Schillschen Offiziere por dem Mutgericht zu Wesel rächte sich der napoleonische Despotismus. Dieser edle Verteidiger war der Advokat Perwez. Nach dem Code Napoleon, ja nach, den Rechtsgruudsätzen aller zivilisierten Völker, hat der Verteidiger der auf den Tod Angeklagten unbeschränkte Freiheit in dev Verteidigungsrede und darf darüber nicht angetastet Werden. Napoleon aber hatte die Niederträchtigkeit begangen, zu befehlen, daß das aus französischen Offizieren zusammengesetzte Kriegsgericht zu Wesel die Schillschen Offiziere verurteilte auf Grund eines Gesetzes aus der Revolutionszeit, welches auf „Diebstahl mit Einbruch und Straßenraub" Iben Tod setzte. Dafür aber, daß Perwez nachwies, die Schillschen seien fürs Vaterland, für die heiligsten Gefühle der Menschenbrust in den Kampf gezogen, wurde er auf Napoleons ganz besonderen Befehl gegen alles Rechtsgefühl in die Kerker Frankreichs weg- geführt. Das Niedrige und Gemeine, das Napoleon in ebenso hohen Grade entehrte, als sein außerordentliches Genie ihn erhob, trat ganz besonders hervor, wenn der Adel der Gesinnung ihm in einem Menschen entgegentrat, den er in seine Gewalt bekommen hatte und den er die Bedeutung feiner erzwungenen Macht wollte fühlen lassen. -
, Längst war Napoleon gestürzt, da schmachtete noch eilt großer Teil der Schillschen Helden in den Häfen von Brest Und Cherbourg. Man hatte sie vergessen auch in' den Kreisen derer, für die sie in den Kampf hinausgezogen waren. Vergessen hatte man auch die Gebeine der als Verbrecher in den Sandgruben von Vraun- schweig eingefdjarrten vierzehn Schillschen Unteroffiziere. Erst »lach 28 Jahren hat man ihnen ein christliches Begräbnis stnd eine würdige Stätte verschafft. Auch den am 16. September 1809 zu Wesel erschossenen Schillschen Offizieren wurde erst int Jahre 1834 ein Denkmal errichtet; bem edlen' Helden Schill erst im Jahre 1861. B.
Vermischtes.
* Todbringende Reklame. „Ein Toter und sechzig Verwundete, unter ihnen zwanzig lebensgefährlich." Man denkt unwillkürlich an den Bericht von einem blutigen Gefechtstag. Aber die Statistik registriert hier keine Opfer des Kriegsgottes, nur die Opfer einer eigenartigen neuen Reklamemethode, die ein unternehmender Neuyorker Por- zellanhändler in Anwendung brachte. In den Zeitungen Wndigte er an, haß er ein prachtvolles Tischservice zu. dem lächerlichen Preise von einer halben Mark verkaufen werde. Noch am selben Morgen wurde der Laden von
Tausenden von Frauen gestürmt, die int wilden Hand> gemenge darum kämpften, den hinteren Saal zu betreten, in dem das Service ausgestellt war. Mit Ellbogen und Schirmen, so berichtet Pearsons Weekly, rangen die kauffreudigen Damen um den Vortritt, zornige Worte schwirrten durch die Luft. Im wildesten Gedränge ertönt plötzlich der Ruf: „Hilfe! Hilfe!" Plötzlich entsteht das Gerächt, Feuer sei ausgebrochen, eine Panik ergreift die Menge und in sinnloser Flucht stürzt alles zum Ausgang. So entstand die Liste: 1 Toter und 60 Verwundete. Die amerikanischen Geschäftsleute pflegen bei der Eröffnung eines neuen Hauses zur Einführung am ersten Tage anzukündigen, daß alle Gegenstände zu Spottpreisen verkauft werden, ein Regenschirm mit echtem Goldknauf z. B. für zwanzig Pfennige, ein moderner Hut mit reichen echten Straußfedern für vierzig Pfennige usw. Dann stürzen die Gelegenheitssucher zu Tausenden herbei und in dem Andrang sind Ohnmachtsanfälle und Verletzungen an der Tagesordnung. So wurde kürzlich in Philadelphia ein neues Warenhaus eröffnet: man kündigte an, daß am ersten Geschäftstage alle Gegenstände zum Einheitspreise von vierzig Pfennigen verkauft werden. Der Andrang war so gewaltig, daß weder Polizei noch Gefchäftsperfonal die Flut meistern konnten. Stundenlang war der Verkehr auf der Straße gesperrt. Dutzende von Leuten endeten in den benachbarten Krankenhäusern mit Rippenbrüchen und anderen Verletzungen. Im Gedränge wurden fünfzehn Frauen die Kleider buchstäblich vom Leibe gerissen. Das beste Geschäft aber machten die Taschendiebe, die sich die Aufregung der Kauflustigen gründlich zunutze machten.
* Der Purpur der Alten. Sich in Purpur und köstliche Leinwand kleiden war im Altertum das Vorrecht der Reichen, was bei den minimalen Mengen Purpurstoff, den die einzelne Murexschnecke enthält, sehr begreiflich ist. Dieser antike Purpurstoff hatte unzweifelhaft einen beträchtlich mehr ins Blaue gehenden Stich als der heutige, wie sein Vergleich, mit der Farbe des Meeres, mit Amethyst, Heliotrop und Veilchen in den Schriften der Alten beweist. P. Friedländer hat nun den Inhalt der Purpurdrüsen von 12 000 Stück der Schnecke Murex brandaris, die er mit Hilfe der Vorsteher verschiedener zoologischer Stationen am Mittelmeer gesammelt hat, chemisch untersucht und gefunden, daß dieser Purpur stark bromhaltig ist und zu den Dibromderivaten des Jndigoblaus gehört. Da der Technik die Herstellung von synthetische Jndigoblau längst geglückt ist und auch die Herstellung der fraglichen Dibrom-Jndigo- nuance keine wesentlichen Schwierigkeiten macht, so wird es wahrscheinlich bald gelingen, Kleiderstoffe mit chemisch zusammengesetztem Purpur, der das Produkt aus den Meeresschnecken durch seine größere Reinheit übertrifft, zu färben. Solche Stoffe werden unvergleichlich billiger als die des Alteruims sein, so daß sich bald wahrscheinlich auch der Minderbegüterte den Luxus eines Purpurgewandes, leisten können wird.
* Boshaf t. „Bei der letzten Premiere der neuen Tragödie sollen ja die Leute viel gemeint haben." — „Jawohl, um! ihr Geld!"
■* Erklärung. „Sag mir, du bist doch ein gebildeter Mensch —• was ist das, ein Meteorologe?" — „Das ist leicht erklärt. Wenn m'an sagt: morgen ist's schön, und es regnet."
* Fm Dor fwirts Haus. Fremder: „Wieso ist denn hier die Polizeistunde verlängert worden?" — Wirt: „Deist Amtmann seine Frau ist gestorben, da braucht er nicht mehr sp früh zu Hause zu fein!"
Logogriph.
Mit „E" will ich dir eine Art Von eifenieftem Holze nennen; Doch bleibt es nicht vor Glut bewahrt, So wirst du's nur mit „5t" erkennen. Als Kops nimm „I" und dann ein „l" Als Fuß bei meinem Rätselworte, So ist es in Tirol eilt Quell In wohlbekanntem Badeorte.
Auslösung in nächster Nummer.
Auflösung des Silbenrätsels in voriger Nunnnerr Dani» — Ebers — Rhodos — Fama — Regensburg — Elbe — Illyrien — Haiti — Else — Jnterdict;
D e r F r e i h e i t eine Gasse.
Redaktion: I. V.: E. Heß. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universttäts-Btich- und Steindruckerei. R. Lauge. Gießern


