Gr blieb im Stuhl sitzen und machte keine Anstalt, zu Bett zu gehen. Ich hatte mich so gelegt, daß ich das Zuniner übersehen konnte. Nun blinzelte ich ab und zu zwischen bcn, Lidern, um mich zu überzeugen, ob ihm nicht doch etwa die Augen zugefallen wären. Aber ich sah ihn nur immer dasitzen, starr den Blick vor sich hingewendet. Ich richtete mich also auf und zog meinen Rock wieder an:
Fritz, ich kann dir's nachfühlen, wenn du nicht schlafen kannst. Na, und wenn du nicht schlafen kannst, will ich auch nicht schlafen. Komm, wir wollen uns unterhalten.
Er blickte mit etwas freundlicherem Ausdruck auf, und ich fing an, ihm alles mögliche vorzureden. Als mir schließlich gar nichts mehr einfiel, nahm ich eine Nummer der Zeitung, die ich in der Tasche hatte, und begann vorzulesen. Aber bald merkte ich. so konnte es nicht weitergehen. Ich stellte daher meine Versuche ein, und er fing zu reden an.
. Ich ließ ihn ungestört sprechen. Vielleicht entlastete es sein Herz.
Je mehr die Stunden fortschritten — denn es dauerte lange, lange Zeit — je mehr wir uns dem Morgen näherten,, dem Augenblick, wo es hieß, mit beut Fiaker htnauszusahren in den Prater zu bet verhängnisvollen Begegnung, besto mehr hatte ich bie feste lleberzeugung, bet Mann bort mir gegenüber ist in ein paar Stünden mcht mehr aus der Erde.
Seine Worte waren wie das Bekenntnis eines Sterbenden. Er sprach immer mehr ohne Schleier, ohne Angst, ohne Scham, und alles, was er sagte, diente dazu, eines zu beweisen, zu erklären, zu entschuldigen: seine „Feigheit":
Ich bin von Kindheit an furchtsam gewesen. Ich hatte Angst, als Knabe vvi! bet Schaukel zu fallen. Andre Kinder, die wohl ein Gewehr geschenkt bekommen, freuen sich zu schießen. Ich habe cs nur zagend in die Hand genommen, und ich erinnere mich noch deutlich, daß ich es um keinen Preis bet Welt abfeuern wollte. Ich glaube, zu den Angstgefühlen, die mich mein ganzes Leben hindurch gequält haben und sich allmählich immer mehr entwickelten, hat meine Erziehung bett Gruno gelegt. Mir würbe als Kinb Angst gemacht vor bem schwarzen Mann. Zur Strafe würbe ich in bie dunkle Stube gesperrt, und das Entsetzen, das mich da überkam, werde ich nie in meinem Leben vergessen. Vor meinem Vater hatte ich solche Furcht, daß sich dieses Angstgefühl heutigen Tages noch nicht völlig verloren Hal. Jetzt ist Mangel an Ber- trauen daraus geworden, der mich zum Beispiel dahin gebracht hat, daß mein Vater von diesem ganzen Handel, iit bett tch hier verwickelt bin, keine Ahnung hat. Früher, wenn ich einer Gefahr gegenüberstanb, hatte ich keine Angst mehr, ober sie kam mir boch nicht zum Bewußtsein. Aber was vorherging, bas verursachte mir bas Gefühl der Angst. Warten! Warten! Dieses verfluchte Warteitmüssen, in Hangen und Bangen schweben, ob es eintritt oder nicht — das ist mir zeitlebens grauenvoll gewesen. Es hat mich gequält, >venn ich auf bet Schule irgenb. etwas ausgefressen hatte, ob es gemerkt würde ober nicht. Ich hatte keine ruhige Minute mehr, bis ich beitt Klassenlehrer gegenüber» stand, um zur Rechenschaft gezogen zu iuerbett. Ich malte wir bas fürchterlichste aus, was passieren tonnte. Für bie geringste Kleinigkeit fürchtete ich von bet Schule fort» gejagt zu werben. Stand ich daun ivirklich dem Betrefsen- den gegenüber, so erinnere ich mich, daß Verschiedentlich von den Lehrern behauptet iuittbe, ich ginge nicht in mich, sondern sei geradezu frech.
. Ich hatte auf der Schule verschiedene Mitschüler, die etueul bas Gruseln beibringen wollten. Es war bie Rede davon, ob man wagen würde, nachts einen Gang an der Ktrchhofsmauet entlang zu tun. Und als ein paar Mit- ichnler herausgefundeit hatten, daß mir das unangenehm I war, wurde tch damit geschunden. Mein Ehrgefühl ivurbe ausgestachelt, ich sollte, beweisen, daß ich nicht Angst hätte! I
I — Und das habe ich verschiedentlich getan, statt es als vernünftiger Mensch einfach für einen Jungenstreich auzusehen und zutnckzuweisen. Da war zum Beispiel so etwas, besten ich mich bis zu meinem Tobe entsinnen werbe. . .
Fritz lächelte trübselig:
— Also werde ich mich dessen nicht mehr lange zu entsinnen brauchen. Es handelt sich um eine Geschichte die unter uns umging. Man sollte um Mitternacht in einen ganz einsamen Saal treten, wo sich ein Spiegel befand. Dann sollte man zwei Lichter anstecken, vor den Spiegel treten, die Lichter rechts und links halten, in das Glas sehen und, indem .man sich fest in die Augen blickte, dreimal seinen eignen Namen rufen und jedesmal laut lachen. Es hieß, dann erschiene im Spiegel ein übernatürliches Gesicht, eine fürchterliche Fratze. ■ Ich kann mich nicht mehr deutlich entsinnen, wo meine Mitschüler das eigentlich her hatten, ob es aus irgend einem älteren Romane stamnite. Genug, hinter dem Gymnasium befand sich ein Gartensaal, der zu einem daneben liegenden Restaurant gehörte. Da gab es das erforderliche Material: Saal, Dunkelheit, Spiegel, Einsamkeit. Lichter würden hineingestellt und Streichhölzer. Ich weiß, daß ich eine fürchterliche Angst hatte, ich weiß, daß sich alles in mir dagegen empörte. Ich wollte nicht hinein. Hätte ich einen wirklichen Feind gehabt, konnte ich gegen jemand kämpfen, so war es etwas andres, aber das — nein. Ich dachte daran nur mit Entsetzen. Ich fürchtete mich vor dem Gerede der Mitschüler, und als der eine,_ ein großer, frecher Schlagetot, behauptete: „Der Morsum tut's nicht, der fürchtet sich viel zn sehr!" — da meinte ich, es mit meiner Ehre nicht anders vereinbaren zu können, als es eben zu tun.
Ein Tag wurde festgesetzt und Mitternacht erwartet. Ich trat in den schweigenden Garten in einer finsteren Nacht. Kein Mond fchien, kein Licht war in der Nähe. Ich tastete mich zum Eingang, und als ich den Saal durchschritt, schnell und hastig, weil ich die Qual möglichst abkürzen wollte, war es mir, als tönte das Echo meiner Schritte von allen Seiten wieder, wie unterdrücktes Lachen und Kichern.
Ich trat an den Spiegel, zündete die Lichter an, hob sie mit beiden Händen empor und erblickte im Glase mein entsetztes, fahles, eingefallenes Gesicht. Schon da hatte ich kaum die Kraft zu rufen, aber ich gewann es noch über mich und schrie dreimal meinen Namen in den Spiegel hinein und lachte dreimal kürz und heiser mit vor Angst fast erstickter Stimme. Als der letzte Klang verhallt ivar und ich mit übermenschlichem Grauen auf das Fratzenspukgesicht wartete, das mir int Spiegel erscheinen sollte, klang plötzlich gellendes Lachen von allen Seiten. Was bann geschehen ist, weiß ich nicht mehr. Ich weiß nur, daß ich die Lichter habe fallen lassen, uitb baß ich schwer krank wurde. Ein Nervenfieber hatte sich eingestellt.
Die Erklärung sand sich später einfach genug. Die Mitschüler hatten sich im Saale versteckt, hatten gekichert als ich eintrat und endlich bie gcllenbe Lache aufgeschlagen, als ich breimat meinen Namen gerufen. Es war nur ein bummer Schülerwitz, aber er hätte einen vielleicht ben Verstaub kosten können.
Dann kamen noch anbere Sachen: bas Anfassen einer Totenhemd unb, wie ich schon sagte, ber Gang über den Kirchhof im Mondenschein. Ich mag gar nicht daran denken! Ich wollte dir bloß sagen, wie das alles gekommen ist, und was offenbar an meiner Erziehung unb von meinen Mitschülern an mir gefehlt wurde. Wenn man etwas älter wird, pflegen solche Ueberreizungen der Phantasie zu verschwinden. Andern geht es so! Mir nicht. Ich habe jahrelang unter ber Furcht gelitten. Mein Verstaub sagte mir zwar, baß bas meifte, was ich vermutete, wovor ich mich fürchtete, Unsinn sei. Aber der Verstand hatte gut reden, vas Gemüt hielt nicht Schritt. Ich habe mich nicht vor Einbrechern gefürchtet, vor Mördern und Dieben, vor Menschen, ich fürchtete mich vor bem Übernatürlichen, obgleich ich wußte, baß es doch nichts Uebernätürliches gibt.
Ich fürchtete mich bavor, allein durch den Wald zu gehen, wenn es rauschte in den Zweigen, wenn weit und breit niemand zu sehen war, wenn vielleicht die Däinme- rung einbrach. Mir war es dann immer, als erwache heimliches Leben, als müsse hinter jedem Saume einer stecken, einer — ja, wer? — irgend einer!
(Fortsetzung folgt.)
wehr. Morgen früh ist doch alles aus. Also ich will dir's nur gesteheu: ich habe Angst allein int Zimmer.
Da erklärte ich mich bereit, zu bleiben. Meine Nachtsachen hatte ich nicht hier, schlafen würde ich ohnedies nicht, denn das Schicksal des Freundes ging mir zu nahe. Ich zog also meinen Rock aus, streckte mich auf das Sofa, hüllte mich in eine Decke, sagte kurz „Gute Nacht!" und drehte mich auf die Seite.


