Donnerstag den 16. September
B
Nerven.
Novelle von Georg Freiherr von Ompteda.
(Nachdruck verboten.)
(Fortsetzung.)
4.
Wir erwarteten Morsum am Bahnhof. Er war außer- vrdentlich aufgeregt und sah übernächtig aus. Wer ich sagte nichts, und als Ziesow eine entsprechende Bemerkung machte, antwortete Fritz:
— Die Eisenbahnsahrt macht einen doch höllisch kaputt. Ich habe die unangenehme Eigenschaft, daß ich auf der Reise nicht schlafen "kann.
Wir gingen sofort ins Hotel. Am andern Morgen früh sechs Uhr sollte das Duell auf einem Platz in der Nähe der Freudenau zwischen Donau und Donaukanal stattfinden.
Ich war dafür, den Abend in irgend ein Theater zu gehen, denn wir konnten doch nicht im Hotel sitzen bleiben.
Wir besuchten das Karltheater und sahen eine Operette. Es war keine der besten; der Name ist mir entfallen. Das Haus war ein viertel voll, und das verstimmt unwillkürlich!.
Bor Schluß brachen wir auf und kehrten ins Hotel zurück. Ich wollte Vorschlägen, uns noch eine Weile zusammenzusetzen, aber Ziesow, der bei seinen Bärennerven offenbar gar nicht auf den Gedanken kam, daß die Geschichte Unfern Freund aufregen könnte, meinte, es würde das aller- schlauste sein, wir gingen zeitig zu Bett, um am andern Morgen frisch zu sein.
Wir sagten uns Gutenacht. Aus der Treppe flüsterte er mir zu:
— Bitte, komm doch noch ein bißchen mit auf mein Nimmer.
Als wir uns allein befanden, sagte er:
— Weißt du, so nahe stehe ity ja Ziesow gar nicht, und zu denl, was ich vielleicht sprechen möchte, müßten wir allein sein. Der gute Ziesow wird wahrscheinlich bald schlafen. Ich allerdings, das sage ich dir gleich, kann nicht schlafen.
Ich meinte nur, indem ich ihm die Hand auf die [egte:
— Aber Fritz, den Versuch müßtest du machen! Etwas schlafen mußt du.
Doch er wehrte sich:
— Nein, das ist mir gantz «unmöglich. Ich bitte dich bloß um eins, tu mir den Gefallen und bleibe diese Nacht bei mir.
Ich versuchte ihm noch einmal zuzureden und führte als Grund an, er würde am andern Morgen durch seine Müdigkeit einen schlechten Eindruck machen und nicht Herr seiner Waffe sein.
Fritz blickte mich anu
— Das ist ganz gleich.
— Wieso denn?
— Nun, dieser Protitsch hat ja als Beleidigter den ersten Schuß. Zum zweiten werde ich nicht kommen.
— Was sagst du denn da jtiir wieder! Wieso denn?
Wir hatten uns nebeneinander an den Tisch gesetzt, auf dem eine Flasche Wein und zwei Gläser standen. Er beugte sich vor und flüsterte, während mich seine Augen groß und glühend betrachteten:
— Ziesow hat mir gesagt, wie die Sache liegt.
Ich erschrak:
— Was hat er dir gesagt?
— Nun, er hat mir gesagt, ich solle mich vorsehen und gut zielen, denn diese Gesellschaft hätte mir den Tod geschworen. Ich habe dir's doch immer gesagt, ich bin zum Tode verurteilt. Sie haben ja in einem der ersten Briefe ausgesprochen, sie betrachteten sich alle gleichmäßig als beleidigt. Wenn's dem einen nicht glückt, mich über den, Haufen zu schießen, da wird's vielleicht dem andern glücken. An die Reihe komme ich doch. Wie ein Hirsch, der einmal auf die Abschußliste gesetzt worden ist und fällt, sei es heute, sei es! morgen, sei es vorn Oberförster, vorn Förster, vom Jagdherrn — er fällt jedenfalls, darüber ist kein Zweifel, er wird abgeschossen. Und mich wollen sie eben zur Strecke bringen!
Er hatte nur meine eigne Ansicht ausgedruckt, doch ich suchte ihn zu beruhigen. Aber er schüttelte nur immer traurig den Kopf:
— Offen gestanden, ist mir's wirklich das liebste, wenn s mit dem ersten Schuß aus wär'. Es wäre möglich, daß ich mich bei dieser ersten und einzigen Gelegenheit morgen noch anständig benehme, aber wenn die Marter noch einmal losgehen sollte und zum drittenmal und vierteumal — nein, das hielte ich nicht aus. Ich bin so mürbe, so herunter, — ich will, daß die Geschichte morgen mit einmal zu Ende ist.
Es war schon sehr spät, so wollte ich ihn jetzt allein lassen, damit er sich noch ein paar Stunden hinlegen könnte. Vielleicht ließ die Spannung seiner Nerven nach.
Ich kündigte also Fritz meinen Entschluß an, zu Bett zu gehen. Um sechs Uhr müßten wir draußen sein, vorher sollte noch etwas gefrühstückt werden — also mußte meiner Ansicht nach mindestens um vier aufgestanden fein.
Er war außer sich und rief, indem er mich bei beiden Händen packte:
— Ich bitte dich, bleibe hier! Laß mich nicht allein! Ich will dir etwas sagen. Wir brauchen ja nicht zu sprechen. Ich kann nicht schlasen, aber du sollst schlafen. Lege dich hier hin, bloß, daß ich nicht allein bin.
Ich stritt mich mit ihm hin und her. Endlich sagte er, als letzten Trumpf, um mich zu bewegen, da zu bleiben:
I— M ist ja ohnedies jetzt alles ganz einerlei, ich kann mich vor dir enthüllen, ich schäme mich ja gar nicht


