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gleichmäßigen Rundlauf hintrotten, — vertieft man sich in die Schilderungen jener großen Zeit um Napoleon, dann überwältigt schon die Lust, diese mit Pulverdampf und glänzenden Abenteuern erfüllte Luft, und mitten in des Alltags kleinem, graugefärbten Ring findet man sich selbst schließlich wieder: warm durch wilde Bilder von Bataillen und Mannesmnt. Mes Erlebte, ja, alles, was man geträumt hat, tvird so bleich, so zahm, und man erkennt es als ein Nichts, — kein Menschenschicksal ist für einen Mann gleich reizvoll, bis zum Taumel berauschend, wie jenes: Napoleon gekannt, unter ihm gedient zu haben.
Du fitzest als blutjunger Leutnant aus deinem braven Gaul in der Eskorte des Kaisers, und manche Stunde schon hat die Schlacht um dich gerast. Kolonnen rücken vor, grüßen, entschwinden; zusammengeschossene Bataillone werden zurückgeführt, ralliiert; aus der Gruppe um den Kaiser preschen Adjutanten iiber Stock und Stein.
In dem dröhnenden Lärm, in der brausenden Bewegung ist diese Gruppe der ruhige Mittelpunkt. Die Eskorte hält in schnurgeraden Linien dahinter, und du sitzest auf deinem braven Gaul und verfolgst die Schlacht mit deinen Blicken, so gut du das vermagst, ohne den Kaiser aus den Angen zu lassen.
Eine Schar Wjutanten ist vorgesandt, er vom Pferde gestiegen; und plötzlich wendet er sich mit einer kurzen Order. Da kommt Bewegung in die Gruppe. Die Generale schauen hier hin, dort hin:
„Sire, im Augenblick ist kein Ordonnanzoffizier mehr zur Stelle."
Der Kaiser wirft den Blick auf die Eskorte und läßt ihn auf deinem Gaul ruhen:
„Reiten Sie nach Paris und melden Sie der Kaiserin: Die französische Armee hat am 14. Oktober eine große Schlacht gewonnen. General Mack ist in Ulm eingeschlossen."
Bevor du selbst ein Wort davon weißt, schießt du in gestrecktem Galopp nach rückwärts, dem Standplatz der Reserve zu, über Gräben/ Flugacker, um auf eine Straße zu gelangen. Du begegnest dichten Kolonnen, Geschützen, Kavallerieregimentern, die in Spannung und atemlosem Eifer in die Schlacht eilen. Denn es ist noch nicht später als elf Uhr und die Schlacht just noch in vollem Gang; nur einer hat schon den Sieg gesehen!
„Wohin, Monsieur?"
„Rach Paris zur Kaiserin! Die Schlacht ist gewonnen!" „Macht Platz! Macht Platz! Er soll nach Paris! Die
Schlacht ist gÄvonuen!"
Die dichten Kolonnen öffnen sich, all die gespannten Gesichter lachen, sie rufen — dir weit voran fliegt der Ruf: „Platz! Hier kommt einer, der nach Paris soll!" Und alles weicht und macht Platz; Generale wie Kanonen.
Du bist mit einem Mal ein Stück von ihm geworden; er hat zu dir gesprochen, und du bist sein Wort geworden, das Wort des Kaisers, das nach Paris fliegt.
Du reitest und reitest, nur einen Gedanken im Kopf: vorwärts! Denn eine Weile später sendet er neue Kuriere mit neuen Worten, die deine verschlucken, sobald sie eine einzige Minute vor dir anlangeu.
Deshalb: Pferde, Tag wie Rächt; das beste Pferd, das du triffst, nimmst du, und den ersten guten Pelz, den du siehst, denn kalt ist die Oktobernacht, durch deren Dunkel du vorsichtig reiten mußt, während du die Stunden zählst und die Worte murmelst und wiederholst, die Worte, die du wie mit seinem eigenen Munde überbringen sollst,
Dahin! Ohne Rast und schier ohne Nahrung, bis du endlich die mannigfaltigen Lichter von Paris am Abend- himmel aufblinken siehst
Hinein! In Karriere durch die Vororte, durch die Straßen, darin alles Volk sich jäh nach dir wendet und mit den Taschentüchern winkt; es kennt diese rasenden Ritte, die immer neue Siege, immer mehr Ruhm verkünden, — und glücklich springst du vom Pferd vor der großen Treppe der TUilerieu.
„Die Kaiserin!"
,-Jhre Majestät sind in Malmaison!"
„Vier Pserde — zum Teufel! — und einen JaHd- wagen!"
Du könntest dich nicht eine Meile weiter auf einem! Pferde halten.
Durch das Schloß fliegt das Gerücht: eine Meldung sei da Es kommen hohe Offiziere, Atinister, alte Hosherren, die sich dicht um dich in dem Vestibül drängen, während du einen Trunk Wein, ein Stückchen Brot Hinunterschlucksh „Vorgespannt!"
Die vier Pserde aus dem Stall der Kaiserin fahren aus dem Hof nach Westen durch Faubourg St. Germain; voran zwei Reiter mit Fackeln. Die Nacht ist schwärz; wird noch Licht im Schlosse sein?
Es ist Licht! Licht in allen Fenstern, die durch die vorbeigleitenden Baumstämme schimmern. Und du hörst Musik, wahrend du aus dem Wagen springst
Kein unnötiger Hofzwaug hält den Boten des Kaisers auf; im Ml wird dir der Pelz abgenommen, werdell die Sitten aufgerissen; du bist mitten im Saal.
Die Musik ist verstummt. Kaiserin Josephine, die in Abwesenheit ihres Gemahls einen Ball gibt, steht vor dir; die ganze Gesellschaft strömt auf dich zu.
„Monsieur — Sie kommen vom Kaiser? Geht es ihm gut?"
„Seine Majestät der Kaiser haben mir befohlen, Jhro Majestät zu melden: die französische Armee hat am 14. Oktober eine große Schlacht gewonnen."
Jubel! Winken! Damen und Herren drücken sich die Hände, umarmen sich; die ganze jugendliche strahlende Gesellschaft flammt in einer unbeschreiblichen Begeisterung auf, indes btt dastehst Und schlingst, als ob du weinen wolltest
Die Kaiserin winkt und wieder sollst du sprechen.
„General Ulm ist in Mack eingeschlossen."
Ein Sturm vo,t Gelächter. Mes scheint um dich zu kreisen; du schwankst; ein paar Herren eilen hinzu, dich zu stützen.
„Bringt ihm etwas zu essen," rüst die Kaisern lachend, „schnell Speise, Trank; seht Ihr nicht, daß der junge Mann vor Hunger um fällt?"
Hnrtig kommen Lakaien mit einem gedeckten Disch, der unter die Lichterkrvne gestellt wird. Da wirst du herangesetzt in deinen kotigen Stiefeln, in Hosen, auf denett Haare von allen deinen schweißigen Pferden kleben, und sämtliche Teilnehmer des abgebrochenen Balls umringen! dich, und ihre Fragen hageln auf dich nieder.
Wer du mußt essen; essen zum erstenmal nach langer Zeit, und niemand verdenkt es dir. In diesem von Eleganz und Schönheit ersüllten Saal ist man an kotige Stiefel, Pferbehaare ttnd zerrissene Uniformen gewöhnt, und die Etikette ist noch nicht steif genug, um diesem plötzlichen Kriegshauch widerstehn zu können, den sie alle im Blute fühlen, sie alle, diese leicht und festlich gekleideten Damen
Rasch steigt dir der Wein zu Kopf und du malst eine Schlacht, bereit gleichen noch nie geschlagen wurde.
„Da kam Marschall Ney" ...
„Ist der Marschall verwundet?"
„Rein, Madame, Ihrem Gemahl geht es glänzend!'<
Du hast keine Spur vom Marschall Ney gesehen; aber du hast eine Empsindung, als hätte er am rechten Fluß- user eine große Tat vollbracht, und du antwortest nach links und rechts, redest unbekümmert und unaufhörlich/ solange irgend einer noch da ist, der dir zuhören will, und dann endlich — zu Bett! In ein herrliches Bett, worin du erwachst ohne dich zu erinnern, ime du hineinkamst. . .
Spät am Nachmittag des nächsten Tages stehst du gemächlich auf und läßt dir Zeit; denn du bist fertig. Mutz Boten haben neue Meldungen gebracht, die die deine verschluckten, und niemand scheint sich noch deiner merkwürdigen Schilderungen von den Einzelheiten der Schlacht zu erinnern,


