Ausgabe 
16.8.1909
 
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hie kleinen Augen, die dünnen Lippen! Wie sie aNgezogen warendie bunten Hosenträger überm weißen Hemde, das kleine, runde, schwarze Hütchen auf. Die Haare hinten Lang und gerade abgeschnitten. Wie Puschen kamen sie dem Peter vor. So steif waren sie auch. * Und so unmännlich kamen sie ihm vor. Sie hatten alle die reinsten Buben- köpse, so klein und unentwickelt. Und die Haare ins Gesicht gestrichen, kleine Zipfel über den Ohren hervor. So idiotisch war das für den Peter. Der wollte einen rechten .Scheitel und einen rechtenBusch" aufgestrichen, daß esnach, was pussah". '

Dazu gingen sie so schwerfällig und unbeholfen. Sie tappten nur so hin. Breit setzten sie sich an die Tische Und rauchten. Sie tranken nicht rasch auch das erschien schwerfällig bei ihnen, und der Wein, der allerdings schlecht und sauer war, belebte sie nicht. Sie sprachen ihm aber doch zäh zu, sie hatten Ausdauer.

Nein, die Odenwälder Burschen gefielen ihm wichst

Wer tanzen konnten sie! Sapperment! Da waren sie ganz andere Kerle, wenn sie's Mädel im Arm hatten.

Das ging anders wie in Rheinhessen. Alle Bewegungen ruhiger, jeder Bogen vorsichtig und abgemessen, ein wenig zurückgehalten, aber doch ganz hingegeben und mit aller Kraft. Und jedesmal ein Karer, schöner, runder Bogen.

Za, ganz anders wie in Rheinhessen. Der Rheinhesse hüpft, wenn er tanzt. Der will vom Boden los. Der will herum. Und wenn er Wein getrunken hat, fliegt er nur so hin. Das ist sein Temperament. Er scheut auch einen Sprung nicht. Und selbst seine Sprünge stehen ihm gut.

Wie Geißböcke," sagen zwar die Fremden manchmal, aber es brächte es keiner so hin. Dabei behandelt der Weinhesse sein Mädchen fein mit Anstand. Er wird ihr Kavalier. So tanzen also immer zwei, deutlich zwei, der Bursche und das Mädchen.

Es war hier fast, als tanze jeder für sich. Keiner wich dem anderen aus. Wer sie stießen sich nie, Bursche und Mädchen wie in eins verwachsen, so ging's im Steife wie mit der Maschine.

Dem Peter wurde ordentlich angst, da mitzutanzen. Da bekäme er Stöße, daß er flöge tote eine Feder. Denn das ging so mechanisch und sicher und rücksichtslos weiter, btt würde Feiner ausweichen.

Er hatte keinen Mut. Wer die Elise ruhte nicht. Er müsse tanzen.

Er tat's. O, er hatte seine liebe Not. Die Püffe kamen Von links und rechts. Zuletzt ließ er der Elise die Führung. Da ging's besser, sie brachte ihn durch. t

Die Burschen sahen ihn von der Seite an.

Dei Schatz muß es noch e Lißche tarne, Elis'," sagte einer. Die anderen lachten. Der Peter ward rot.

Du kannst nix," sagte ihm die Elise und warf ihn energisch herum.

Als der Tanz aus war, wollte er nicht mehr tanzen.

Wer das duldete sie nicht. i

Den Walzer unbedingt noch," forderte sie.Drei Tänze wenigstens."

Er tanzte den Walzer. Es ging, weil die Elise gleich die Führung nahm. Der Elise war aber ein dummer Ein­fall während des Tanzes gekommen:Schneiderbock, mäh!"

Und das wurde sie nun nicht los. Es summte ihr beständig im Kopse herum. Sie hatte Mühe, es nicht laut herauszusingen. Kaum, daß sie's zurückhalten konnte.

Sie wollte etwas anderes denken, etwas ganz Fernes Und Fremdes. Wer wie sie auch ansetzte, gleich war's wieder ha:Schneiderbock, mäh!"

Sie lächelte. Und immer weiter ging's im Walzer. Der Peter mußte mit. Pausen gab's da nicht. Ihm schwin­delte. Wer die Elise hatte ihn eisenfest.

Geh, schäm dich," zürnte sie.

Und weiter ging's. Er hörte schließlich nur noch, wie die Füße gleichmäßig und eintönig hinschliffen. Eins, zwei, drei, eins, zwei, drei.

Und er wurde mitgedreht.

Er wagte nichts mehr zu sagen. Er schämte sich.

Was wohl die Elise von ihm denke? Für einen rechten Waschlappen würde sie ihn halten. Er war ja halbtot. Er hing ganz in ihren Armen. Und sie drehte ihn wie eine Puppe.

Der Trompeter schmetterte immer noch wie toll. Ging denn dem Kerl nicht der Atem aus?

Und die Elise drehte ihn. In ihrem Kopfe sang's:

Eins, Wei, dreis eins, zwei, drei Schneiderbock, mäh, Schneiderbock, mäh, mäh, mäh mäh, mäh, mäh"

Da war der Danz aus.

Die Elise lachte, daß es schallte. '

Der Peter war froh. Er taumelte nach seinem Platz. Er wischte sich die Stirn. Kreidebleich war er, und feine Augen waren groß.

,Meh, schäm dicht" puffte ihm die Elise in die Seite.

Das war ein bißchen zu arg," sagte er.

Die Alten lächelten. Der Peter hatte sein Ansehen eingebüßt.

Des Schneidern macht halt schwach," sagte der Vater.

Do Haus bei uns in de Berg, do bläst halt doch q gesinder Luft," sekundierte die Mutter.

Des will ich awwer mane. Un Schwarzbrot gesse un en Schnaps, wann de Wind gar ze arig peift, hau, des gibt Knoche," meinte der Vater wieder.

Der Peter sagte nichts dazu. Die Burschen zischelten über ihn und wiesen auf ihn. Die Elise ärgerte sich. Aber sie schämte sich! noch viel mehr.

Der Peter wäre am liebsten davongelaufen. Er nahm einen Schluck von dem Wein, der essigsauer war. Er schüttelte sich.

Die Elise befürchtete etwas Menschliches.Du wirst doch nit" sagte sie bedeutungsvoll.

Nein 's ist wieder gut."

Dann saß er still. ,

Alle Freude, alles Glück war hin. Wenn er nur in Mainz wäre! wünschte er sich. Er hatte kein Interesse mehr an all dem, was hier war und vorging. Er saß stumpf da.

Wie ein Häufchen Unglück," sagte die Elise.

Dazu wurde die Luft in dem kleinen, niederen Saal immer dicker, schwüler und rauchiger. Sie wollten sich in die Stube nebenan setzen, schlug der Peter vor. Gleich an der Tür war noch ein Tisch frei.

Sie gingen dahin. !

Du, ich tanz, bleib du nur fitze," sagte d.ie Elise dem Peter ins Ohr, da sie unterwegs waren.

Da ging sie auch schon, da drehte sie sich auch schon mit einem Odenwälder Burschen, der sie kräftig und geschickt herumwirbelte.

Der Peter hatte Platz genommen und sah ihr zu. Nein, so konnte er's nicht!

Ms der Lanz aus war, führte der Bursche die Elise hinaus an seinen Tisch und reichte ihr sein Glas. Dann brachte er sie zurück.

Des geht annerscht, gelle?" sagte er zum Peter.

Beim nächsten Tanz tanzte die Elise wieder. Sie fragte gar nicht erst. Sie war unermüdlich. Immer kam ein an­derer Bursche, der sie zum Tanz abholte.

Der Peter wagte nichts zu sagen. Das Herz war ihm so schwer. So traurig war er. So elend war ihm, als sei er krank. Totperbenskrcmk.

(Fortsetzung folgt.)

RiKgr um Napoleon.

Skizze von Alexander L. Kielland.

(Nachdruck verboten.)

(Das folgende ist eine der letzten dichterischen Arbeiten des großen norwegischen Erzählers Alexander L. Kielland. Sie entstand 1895, in der Zeit, als Kielland das Material zu seinem letzten Werke: Rings um Napoleon zusammentrug und ganz erfüllt ivar vom Geiste der napoleonischen Zeit, Er schickte die Skizze, die erst 1907 von der Familie des Dichters der Oeffentlichkeit übergeben wurde, seinem Freunde, dem Maler Eilif Peterssen, als Präsent mit einem Briese, in dem es heißt:Hiermit schicke ich dir als Gegen­gabe ein kleines Ding, das ich in diesen Tagen während der Bureauzeit unter vielen widerlichen Unterbrechungen geschrieben habe. Die Unbedeutendheit mag einigermaßen durch die Seltenheit ausgewogen werden, da es das einzige ist, was ich seit langen Jahren Lust gehabt habe zu schreiben." Der Bries ist charakteristisch für die Stimmung, die Kielland in den Jahren beherrschte, da er, für die Literatur ver­schollen, feine Kräfte im Gemeinde- und Staatsdienst ver­brauchte. Die Uebertragung ist von Max Bamberger.)

Längst kann man schon eine alte Tretmaschine geworden sein und alltäglich in engem Kteis seinen vorgeschriebenen,