Montag den |6. August
UM
Peter Nockler.
Die Geschichte eines Schneiders von Wilhelm Holz am er.
(Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.)
Der Peter wurde ordentlich angestaunt im Elternhaus der Elise.
„Aewlver en Feine hoste der erausgesucht, Elis', — en arig Feine!"
Die Elise toitrbe ordentlich stolz auf den Peter.
„Gelle, Mutter?" fragte sie.
„Ei, der waß jo meh wie unser Schullähre, der! Der red iwwers Werrer, iwwers Veh, iwwers Esse und Drinke nrnh tnip pit ^tnhiprfpr11
Auch der Vater der Elise hatte Respekt vor dem Peter gekriegt. Anfangs hatte er ihn ja mißtrauisch angeguckt. Der war zu zart, „der Elis' ihrer", der hatte kMe Knochen. Dann hatte der Peter ihm doch imponiert. Wenn der Peter auch sonst Ml war, hier bei den wortkargen Bauern wurde der Rheinländer lebendig in ihm. Ein natürliches Taktgefühl gewann die Herrschaft, und die feine Behandlung schmeichelte dem groben Volk und setzte ihn in die rechte Stellung. Er ward überlegen, ohne drückend zu werden. Er ward anschmiegend und wahrte sich doch immer wieder. Eine angeborene Gewandtheit im Umgang, wie sie einem Volksstamme eigen ist, in dessen Adern romanisches Blut fließt, ward noch erhöht durch den Instinkt des Werbenden. Denn zu werben war er doch auch gekommen, der Peter, und als er einmal erkannt hatte, daß er dem Alten Eindruck gemacht hatte, ward- er sich seiner Rolle bewußt. Er wollte sie gut spielen. Er ging gehörig aus sich heraus. Er suchte absichtlich zu imponieren, ganz ehrlich dabei und innerlich!. Er zeigte Interesse für alles, und er hatte es ja auch, wenn es auch sonst nicht seine Art war, es so sehr herauszuhängen. Er sprach mehr als sonst, und er wählte seine Worte, daß sie schön sein sollten, und daß sie gut klingen möchten, das forderte auch! schon der Anstand. Dafür kam man aus der Stadt, dafür ging man tagsüber nicht mit Pferden und Kühen um. Dafür war man doch, immerhin ein viel feinerer Mensch. Denn das ist ein Schneider, das macht sein Handwerk so. Und je feiner die Kleider sind, die er anfertigt, um so seiner wird er selbst, Denn einen feinen Anzug wird ein Tölpel nie liefern können, ein Roher und Rüpel gar nicht.
Da hat der Schneider so unrecht nicht, wenn er so philosophiert. Des Menschen Arbeit adelt ihn auch in diesem Sinn.
Uebrigens war der Peter auch! noch! in der rechten Stimmung. . Er hatte jetzt geradezu eine Liebe für alles. Und besonders für all das, was die Elise irgendwie anging.
Er ließ sich! den Odenwälder Frauen- und Mädchenstaat zeigen, bewunderte und lobte; und heimlich! wunderte er sich über den steifen Schnitt der Männerkleider. Sehr
zu loben fand er die hohen Betten, die aufgetürmten Beitkissen, die bunten Bettvorhänge, das selbstgesponnene Leinen.
Die Elise war ihm heimlich dankbar, daß er alles so schön zu sagen wußte und alles so lobte. Das machte die Eltern stolz, und sie freuten sich. Sie hatte ein wenig Angst gehabt, es werde ihm nicht gefallen daheim bei ihr, und er werde spötteln oder ganz still sein zu allem und! werde auch sie nach der häuslichen Einfachheit und Bäuer- lichkeit beurteilen. Denn die Stadt hatte sie gar nicht wenig verwöhnt darin, und auf manches blickte sie mit stillem Lächeln und schämte sich sogar ein wenig wegen diesem und jenem.
Da sie nun sah) daß ihm das Odenwäldlerische gefiel, ließ sie sich auch leicht von der Mutter überreden, ihren „Staat" anzuziehen, der noch neu und so, wie sie ihn damals von Mainz heimgeschickt hatte, in der Kiste lag.
Es sei doch auch „Wege de annern Leit", sagte die Mutter. Denn man sah im Dorf die städtischen Kleider nicht gern und sah ein Mädchen, das sie trug, leicht als Abtrünnige an, die sich stolz machen wollte, — und über die anderen überheben. Und dafür zahlten die meist bösen Zungen gehörig heim.
Zum Kaffee kam die Elise mit d§m kurzen, blauen Rock, am Bunde vielgefältelt und aufgedickt, die grüne Seidenschürze drüber und das blaue, bestickte Tuchmieder über dem weißen Leinenhemde. Sie hatte sich die Haare hinten fürs Häubchen zurechtgesteckt und sah sehr schön aus in ihrer Bauerntracht.
Auch dem Peter gefiel sie. Er sagte es ihr. Und sie zeigte ihm alles noch mal extra, streckte die Füße vor, daß er die dicken, Weißen Schafwollstrümpfe sah, die arrsgeschnittenen Schuhe und die prallen, runden Waden. Und fein zierlich! hielt sie den runden Rock auseinander.
„Ich bin von Mitterschhause,
Mein Vatter is en Besenbinner,
Mer wohne do hinne drauße, Do hinne drauß am Wald —"
Das fang sie und drehte sich dabei inder Stnbe herum, und als sie fertig war, machte sie dem Peter einen Knix.
Rach dem Kaffee stopfte der Vater die Pfeife frisch, und alle zusammen gingen sie „auf die Mussik".
Die Elise wurde von allen Seiten begrüßt, der Peter halb staunend, halb verächtlich betrachtet.
Die Odenwälder Burschen mochten den „Stadtkerl" nicht, und je nach ihrer persönlichen Artung bedauerten Und bespöttelten sie die Elise oder machten ihr Vorwürfe. Und andere waren neidisch und eifersüchtig. Und andere Waren ihr feind von nun an und hatten böse Wünsche für sie.
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Der Peter hatte sein Teil zu gucken. Die Mädchen all! Aber keines war so schön, wie seine Elise. Sie sahen all schon zu alt aus.
Und die Burschen! Die glattrasierten, spitzen Gesichter,


