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halt, daß sie ihm et;t großes Reiterstandbild errichten müsse, was im Fahre 1879 geschah?) >
Die drei großen Revolutionen in Paris, Brüssel und Braunschweig wären Wohl spurlos an unserer Provinz vorübergegangen, wenn nicht in den benachbarten kurhessischen Provinzen Hanau und Fulda, die unser Oberhessen im Süden und Osten umschließen, ein Aufstand ausgebrochen wäre. Die erste Ursache war das anstößige Ver- hältnis des Kurfürsten Wilhelm II. mit der Emilie Ortlöpp aus Berlin. Er erhob diese zur Gräfin Reichenbach und beschenkte sie mit großartigen Gütern, die in Böhmen und Mähren zusammengekauft wurden. Die Kurfürstin, eine preußische Prinzessin, die sehr beliebt war, lebte entfernt vom Hose. Das sonst so ruhige und geduldige kurhessische Volk wurde in feinen Gefühlen aufs Aergste verletzt. Dazu kam noch der hohe Wildstand, der die landwirtschaftlichen Erzeugnisse in bedauerlicher Weise schädigte; der verderbliche Schmuggel an den Landesgrenzen, die lästigen Formen im Händel und bei Ueberschreitung der Landesgrenzen, die drückenden gutsherrlichen Lasten und das rücksichtslose Auftreten mancher Beamten.
< Da trafen die Nachrichten von Brüssel und Braunschweig ein und der ^Aufstand brach Ende September in der Provinz Hanau los.
.Einige Tage später (28. September) erschienen kürhessische Neberläuser in den hessischen Grenzorten Laugen- vergheim, Himbach und Eckartshausen und wiegelten das Volk auf. Den Zollhäusern galt der erste Angriff; die Aufrührer verbrannten die Bücher der .Zollerheber, zertrümmerten das Mobiliar und ergötzten sich an einem Fäßchen Branntwein. Von da ab marschierten die Krawaller nach Mittel-Gründau, das an der Grenze liegt und etwa je 7 Kilometer von Gelnhausen und Meerholz (beide im ehemaligen Kurhessen) entfernt ist. In Mittel-Gründau fanden die Revolutionäre starken Sukkurs. Die Sturmglocke wurde gezogen, der Gemeinderat versammelte sich, der "Bürgermeister und der Lehrer traten an die Spitze der Rebellen und führten die Aufrührer nach dem eine halbe Stunde entfernten Hain-Gründau, wohin die Nachricht von dem Anmarsch des großen Haufens bereits gedrungen war.
Deshalb standen schon alle Hain-Gründauer Männer und Jünglinge, die marschfähig waren und sich mit Stöcken, Beilen und Hämmern versehen hatten, zum Weitermarsch, nach Büdingen bereit.
Unterwegs kam die Nachricht: Ein kleiner Haufen Väterlandsbefreier sei von einem in Büdingen aufgestellten Militärkommando zurückgeschlagen worden.
Diese Nachricht verdoppelte den Zorn des großen Haufens, der von Minute zu Minute stärker anschwoll und bereits viele hundert Köpfe zählen mochte.
Einer solchen Uebermächt gegenüber konnte das Militärkommando umso weniger Widerstand leisten, als die Einwohner von Büdingen mit den Krawallern fraternisierten. Die Einwohner schwenkten Tücher und Hüte und versprachen Hilfe gegen das Militär.
„Es wird vernichtet werden, wenn geschossen wird!" schrien die Zornigsten, die sich nachher am ersten verkrochen.
Ein Bauer, der den Einzug in Büdingen mitmachte, erzählte :
„Wir wurden bei unserer Ankunft in Büdingen cmp- fangen wie ein König oder Kaiser. Aus allen Fenstern schauten Leute heraus, die uns als Befreier begrüßten. Man drückte uns die Hände und labte uns mit Speisen und Getränken."
Um zwei Uhr nachmittags war der Zug in Büdingen; ohne Zögern begannen die Verwüstungen an den Gebäuden des Staates und des Grafen. In erster Linie richtete sich dm Zerstörungswut der irregeleiteten Menschen auf die staatlichen und gräflichen Dienstpapiere: auf die Steuerlisten, die Heberegister über Holz- und Grasgelder, weil die Anf- rührer glaubten: Wenn diese Register und die Prozeßakten verbrannt sind, kann nicht mehr festgestellt werden, was einer schuldig ist und die Schuld fei’ dadurch getilgt.
Waren diese Papiere und Akten beseitigt, so begann die Verwüstung der Wohnungen und der Möbel.
Ein Angriff auf das Landgericht und die Wohnung des Landrichters wurde zwar verhindert, hier floß jedoch das erste Blut. Ein Mann erhielt einen Stich mit einer
) Auch in Berlin, Hamburg, Karlsruhe, Altenburg und im Königreich Sachsen kamen Kraivalle vor, die jedoch schnell unterdrückt wurden.
Heugabel; die Wunde war lebensgefährlich, der Verletzte starb an der Verwundung.
Gegen Abend kam denk Grafen Ernst Kasimir"') ein rettender Gedanke. Es ertönte Musik, hinter der die Stadtfahne hergetragen wurde. Schleiinigst stieg der Graf zu Pferd Mrd ritt hinter der Fahne her, die die Richtung nach Norden, nach dem sog. Jerusalemer Tor hinaus und bem: Dörfchen Büches, nahm.
Von allen Seiten kamen die Krawaller herbei nnd schlossen sich dem Zuge an. Viele angesehene Personen aus Büdingen taten ebenso. Binnen einer halben Stunde waren die Rebellen hinausgelotst nnd Büdingen schien wie aus- gestorben.
Der Graf und die Bürger Büdingens marschierten bis nach Büches mit, wo sie zur Seite traten und den Zug vorbei marschieren ließen, dann zogen sie — von Sorgen befreit — nach dem schön gelegenen Heimatstädtchen zurück.
Die Aufrührer waren von der feinen Behandlung nnd der Ehre, die ihnen angetan wurde, so begeistert, daß sie den Grafen zum König von Büdingen ausrufen wollten.
Von Büches marschierten die Ausrührer nach Bleicheii- doch, wo sich der Haufen, der immer stärker anschwoll, spaltete. Der eine Teil marschierte über Ortenberg nach Gedern und schotten, der andere nach Nidda-, Wo, sich Gelegenheit fand, wurden Verwüstungen vorgenommen.
Besonders übel hausten die irregeleiteten Menschen in Ridda. Die Dienstakten im Landgericht, alle Möbel, Türen, Fenster wurden zertrümmert, selbst die Tapeten rissen die verrückten Menschen herunter. Hiermit war dem Haß bet* Krawaller noch nicht Genüge geleistet, sie vergriffen sich auch an bem Privateigentum der Beamten. Der Landrichter erlitt einen Schaden, der nachträglich auf 5300 Gulden (zirka 9*200 Mk.) geschätzt wurde.
Sehr unangenehm wurde dem damaligen Pfarrer in Nidda mitgespielt; er hatte sich besonders devot benommen, als der Großherzog, einige Jahre vorher, durch Nidda reifte. Die Bauern setzten den Pfarrer auf einen dürren Klepper, zwangen ihn an der Spitze des Zugs zu reiten und von Zeit zu Zeit zu rufen: „Es lebe die Freiheit!"
Nachdem die Krawaller die ganze Nacht vom 29. auf den 30. September in Nidda getobt hatten, zogen sie früh morgens auf der großen Straße, die von Nidda durch die Wetterau nach Friedberg führt, auf das Dorf und das Schloß Bingenheim los.
Dieses alte Schloß war n a ch dem 30jährigen Krieg von 1648 bis 1681 die Residenz des Landgrafen Wilhelm Christoph von tzefseu-Gingenheim, einer Seitenlinie von. Hessen-Homburg. Als die Linie erlosch und die kleine Land- grafschaft, die auch "die „Fuldische Mark" genannt wurde, an Hessen-Darmstadt zurückfiel, wurde das Schloß zu Dienstwohnungen für den Rentamtmann und den Forstinspektor umgewandelt.
Auf den Rentamtmann und seine DienstnktenH hatten es die Aufwiegler in erster Linie abgesehen. Dieser Beamte war dienstlich verpflichtet, die herrschaftlichen Güter, Wiesen und Aecker zu verpachten, die Pachtschillinge zu erheben, die Holzgelder einzutreiben, die Zehnten, Gilten und Zinsen ilnd sonstigen Lasten und Abgaben hereinzubringen, abgesehen von anderen dienstlichen Arbeiten.
Tas Geld >var vor 80 Jahren sehr rar, die Verdienste schlecht, die Beitreibung der Rückstände stieß darum auf große Schwierigkeiten: ohne Härten ging es nicht ab.
Das Beitreibungspersonal bestand, und besteht heute noch, aus dem Pfandmeister, dem Rentaintsdiener, der auch Donkäuenbote und zu damaliger Zeit das „Groscheu- männchen" genannt wurde und einem vom Ortsvorstand! zu ernennenden Zeugen. Den Spitznamen Groscheirmännchen erhielten die Domänenboten bezw. Rentaintsdiener deshalb, weil sie die Mahnzettel austragen mußten und von jedem Mahnzettel eine Gebühr von 3 Kreuzern = einem Groschen zu beziehen hatten. Wurde der Schuldner zahlungsunfähig, so konnte das Groschenmännchen seinen Groschen und seinen
s) Er wurde 1840 in den Fürstenstand erhoben.
4) Die nachfolgenden Schilderungen stammen von Augenzeugen und zwar von Altbürgermeister Lahm in Bingenheim, sowie von dem „alten Schwab", der heute noch als. geistig und körperlich rüstiger Greis von 94 Jahren in Bingenheim lebt. Ferner benutzte ich die aktenmäßige Darstellung des „Bauernaufstandes in der Großh. Hessischen Provinz Oberhefseu im Herbst 1830 von Laudgerichtsdirektor Stammler in Gießen", sowie verschiedene Anhaltspunkte aus den Reutamtsrechnuilgen und Beitreibungsakteii.


