366
nicht in der Fibel und nicht ini Bilderbuch. Und in Farben, es war ja lote ein Wunder. Alles aus Holz und alles so lebendig. Dem Pferd seine Augen, dem Esel seine Ohren, der Ochs, wie er sprang und den Schwanz streckte, und dort der Ritter mit dem Schwert und das Edelfräulein mit dein Falken auf der Faust, das waren ja alle Herrlichkeiten der Welt. So was hatten wir noch nie gesehen.
Wir standen und guckten. Und der arme Lukas lächelte. Aber da war mehr — das ivar alt nicht nur zikiik Angucken, danach warf man mit Bällen, nut roten und gelben und grünen, die der Lukas aus Lappen genäht hatte. Wenn eine Figur so getroffen wurde, daß sie in ihrem Mechanismus nicht wieder aufsprang, sondern fest nach hinten fiel, bekam mau einen Preis: „Einen Fisch, eine Zigarre, auch eine Zigarette!" Das lvar der Preis. Ter Lukas rief's ans und lud all die „Herrschaften" ein, mal zu werfen.
Uns hatten die Herrlichkeiten ja schon angezogen. Nun kam das Werfen hinzu und — die Zigaretten lockten. Nur ein paar Süßmäuler schielten nach .den Lebkuchenfischen. So verwarfen wir fleißig unsere Pfennige.
Aber da lvar noch ein Merkwürdiges. So beim Zielen nnd Zielaussuchen ging's uns. erst auf. Das Hauptstück in der Mitte — was war denn das? Das war ja der Lukas selber, mit seinem grünen Uebervock, seinem großen Hut. Eine Rute in der .Hand, eine Kiepe auf dein .Rücken mit allerlei Siebenfachen drin, mit Puppen und Spielzeug, so daß ein Kopf, ein Arm, ein Wagenrad, ein Pfcrde- schwantz oben heraussahen. Und traf man aufs Zentrum, hob der Lukas den Arm mit der Rute und wackelte mit dem Kopfe, uni) das ging so lange lveiter, bis der lebendige Lulas hiutrat nnd Kops und Arm festhielt.
Eine Freud', da wir das erkannt hatten! Einer sagte es dem andern. „Auf ben Lukas!" hieß es, uub alle Bälle flogen nach bem Zentrum im lieberrock be§ armen Lukas. Aber nur wenige trafen.
„Ans ihn, den Lukas!" bieß nun ber Ruf, ber jetzt laut geschrien mürbe. Balb war bie kleine Bube von Menschen umstellt,, denen das merkwürdig vorkam, unb wer mal dastanb, der warf auch, nicht bie kleinen Leute nur, auch bie großen.
Als ob wir fühlten, baß bie Art unseres Rufes bie Leute herbeizöge, änderte er sich in jedem Munde ganz von selbst und ganz in derselben Weise: „Haut ihn, den Lukas!" Das zog in ber Tat noch mehr, bewirkte sogar, daß ber Polizeidiener streng herantrat.
Immer neue Werfer kamen. „Einen Fisch, eine Zigarre, auch eine Zigarette!" hatte der Lnkas nur zu rufen. Das andere besorgten wir. Aber zu geben hatte er nicht viel. Nur wenige trafen. Nickel nach Nickel aber glitt in die Tasche seines Ueberrocks, und er schmunzelte.
Auch am zweiten Kirchweibtag zog der Spaß noch. Unb fehlten mal bie großen Leute, so warfen wir, unb der Lukas gab ein paar Würfe brtin und gab auch mal eine Zigarette, wenn nichts getroffen worden wär. Er konnt's auch.
Seitdem mocht's manchmal geschehen, daß einer dem Lukas auf der Straße zurief: „Haut ihn, den Lnkas!" Er ward aber nicht böse darüber. Er schmunzelte und nickte einem zu.
. Das war, wie ich selbst noch, ein Bub war. — Als ich erwachsen war, lernt' ich den Lukas genauer kennen. Er war nun viel älter geworden, aber immer noch rüstig. Er machte noch immer die kleinen Ausbesserungen, für die man eigentlich keinen Handwerker hat. Er pfuschte ja wohl auch manchem Handwerker ins Geschäft, aber er pfuschte doch halt nie. Denn was er gemacht hatte, war gemacht. Gerade wie er der beste „Viehdokter" in der ganzen Gegend war. Wenn er ein Schwein ansah, wußte er, was ihm fehlte. Unb sagte er, daß ihm nicht zu helfen wäre, konnte man drauf schwören. Verriet et aber ein Mittel — ein Ruböl ober einen Tee ober sonst eine Diät, bann war's, denn auch sicher, baß bas Vieh wieder gesund wurde. Steif und fest glaubte mau daran.
So verdiente sich der arme Lukas all die Jahre hin seinen Unterhalt.
Dann setzte auch ich ihn in Nahrung. Ich war ans Besuch heimgekommen, und der Uhrmacher in der Stabt hatte mir meine gute „Nachtmahluhr" total „oerruiniert", so daß sie zum erstenmal, seit ich sie hatte, nicht ging. . Ich klagte das meiner Mutter und schalt auf die Uhr und den Uhrmacher, und vielleicht auch auf den Paten, der sie
mir geschenkt hatte. Da schickte mich die Mutter zum armen Lukas.
Ich trug ihm die Uhr hin.
Er saß am Fenster. Aus seinem Tisch lag allerhand feines Handwerkszeug, Feilen und Zangen, Stifte und Schräubchen. Und der Lukas tiftelte gerade an einer Brosche ans Tombak mit einem feuerroten Stein und bog die kleinen Häkchen vorsichtig bei.
Er war so in seine Arbeit vertieft und behandelte das unwerte Ting mit so viel Vorsicht, daß er mich anfangs gar nicht beachtete. Als $r endlich fertig war, blickte er einen Augenblick vor sich hin über die Gärten, die sich da unten den Hügel hin dehnten. Denn die Bäume blühten gerade, weithin, und es war ein schöner Anblick von dem Fensterchen da oben.
(Fortsetzung folgt.)
Der Kartoffdfrieg in Oberhessen im Jahre MO.
Von Georg Schäfer in Gießen.
(Bei unserem Preisausschreiben mit dem ersten Preise ausgezeichnet für die beste geschichtliche Arbeit aus den Jahren der Revolutionen.)
(Nachdruck verboten.)
Nach den napoleonischen Kriegen im Jahre 1815, besonders aber, nachdem Napoleon im Jahre 1821 auf der Insel St. Helena gestorben war, gab es Frieden in Europa. Dieser Friede wurde 1830 in Frankreich, in den Vereinigten Königreichen Belgien und Holland, im Herzogtum Braun-, schweig und im Kurfürstentum Hessen gestört.
In Frankreich, genauer in Paris, das die Hauptrolle in politischer Hinsicht bei den Franzosen spielt, brach eine Revolution aus, weil der damalige König Karl X. fünf Ordonnanzen, d. h. Befehle, ergehen ließ, die die politischen Freiheiten der Franzosen beschränkten: Die Kammer wurde aufgelöst, die Preßfreiheit beseitigt, das Wahlgesetz nnd bie Rechte ber Abgeorbneten würben stark gemindert.
Daraufhin griffen die Pariser zu den Waffen: Die Revolution brach am 27. Juli aus. Ain 29. Juli gingen zwei Linienregimenter zu den Aufständischen über und das übrige Militär marschierte von Paris ab. Am 30., Jul« wurde der Herzog von Orleans zum General-LMtnant von Frankreich ernannt, am 2. August dankte König Kart ab und sein Vetter Louis Philipp wurde König von Fran!reich. Hiermit war die Ruhe wieder hergestellt.
Belgien und Holland bildeten zusammen das „Vereinigte Königreich der Niederlande", bie fortwährend nn Streit miteinander lagen. Es würde zu weit führen, diese Kämpfe näher zu schildern. Der Streit ging in Haß über, so baß sich beibe Staaten voneinander losrissen. Die Julirevolution in Paris hatte das Volk aufgeregt. Am 25. Au- giist 1830 wurde in Brüssel die Oper „Die Stumme von Portici" aufgeführt; das Werk entflammte die Gemüter. Die Belgier' erklärten sich für unabhängig, worauf die Holländer Antwerpen belagerten unb bombardierten.
(In den klaren, kalten Dezembernächten des Jahres 1830 hörte man den Donner der schweren Belagerungsgeschütze vor Antwerpen bis in den Vogelsberg.)
Die Belgier wählten sich den Prinzen Leopold von Sachsen-Koburg zum König. Holland blieb bei dem Hause Oranien. — .
In Braunschweig verübte Herzog Karl, der 182.3 bie Regierung angetreten hatte, allerlei Frevel. Durch seine Verschwendungssucht verdarb er die Finanzen des Landes. Zuletzt wurde er (1830) von seinen Agnaten und sogar vom Deutschen Bundestag für regiernngsunfahig erklärt. Am 7. September 1830 brach ein Aufstand aus; das Resibeuz- schloß wurde erstürmt und in Brand gesteckt, der Herzog mußte ans dem Lande flüchten. Seine Diamanten, Mätressen unb andere Sachen nahm er mit. Zuletzt ließ er sich <" Genf nieder, wo er 18,73 starb. Er vermachte') sein Eigentum, zirka 25 Millionen, der Stadt Genf unter dem Vorve-
') Herzog Karl war mit dem Prinzen Alexander von Hessen weittällfig verwandt und naher bekannt. Er schrieb dem P^nzci in seinen letzten Lebensjahren: Besuche mich bald, ich Win e! ' zu meinem Universalerben cinsetzcii. Der Prinz erhielt den Du n als er zur Jagd fahren wollte; er steckte das Schreibt tn D. Tasche und vergaß es. Da Herzog Karl keine Antwort W' ! wurde er zornig und setzte die Stadt Gens al§: Unioerfalei ein. Die Quelle, woraus ich vorstehendes erfuhr, ist unanfechtv


