Ausgabe 
16.1.1909
 
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tüchcr hat Gayet in ben Gräbern twn Antuwe äuÄ gnechM- byzantinischer Zeit gefunden; die Toten Yelten weiße Tücher in den Händen nnd auch die Lebenden ,nutzten ihr Schnupftuch immer in der Hand tragen, da die Klewnng noch kerne Taschen kannte In der Epoche des osttömischen Kaiserreichs heißen die SÄweißtücherfacialia", d. h. Tücher, die zum Abtrocknen des Gesichts dienten. Sie such wohl nur selten gebraucht worden, itni deni Riechorgan Erleichterung zu schaffen; dazu bediente inan sich weiter nach guter alter Sitte der Fmger. In dieser Tätigkeit zeigen Skulpturen deS Mittelalters kühne Ritter und ehrwürdige Geistliche, rmd auch die Weinenden wischen sich die lUuaen mit dem Mantel ab. Tas eigmtliche Taschentuch tn der Storni, wie wir es noch heule haben, ist jedenfalls zuerst nm 11540 in Venedig aufgetaucht und hat sich von da ichnell m 'alle Kiilturländer verbreitet. Am Hofe Heinrichs II. galt es M ein Zeichen höchster Vornehmheit und war ein Gegenstand von großer Kostbarkeit. Unter Heinrich III. kam man ans die Idee, es zu parfümieren. Unter Karl IX. trugen es die Kavaliere zusammen mit den Handschuhen in der Hand, aber es blieb em Privileg der vornehmen Herren, die es stolz bei sich trugen, aber sich seiner nur bedienten, wenn das Gröbste des Geschäftes schon vorher erledigt war. ES wäre übertrieben, wollte man fugen, daß der Gebrauch des Taschentuchs im 17. Jahrhundert Noch unbekannt war, aber sicherlich hat man nur sehr selten feine Zuflucht zu ihm genommen. Das illustriert hübscy eure Anekdote, die Allemant des Rsaux von einem Tiner der feinsten Gesellschaft aus denr Jahre 1630 erzählt, bei dem auch..der große Turenne anwesend war. Mitten während des Essens kam dem Herrn d'Hautcrive, einem der vornehmsten Edelleut« Frankreichs, das Bedürfnis, sich zu schnmlzen; er preßt seine Finger gegen das eine Nasenloch und schleudert den Inhalt des andern mit aller Gewalt >vie einen Pfeil klatschend gegen den Kamin,wobei ein Geräusch iuie von einer Pistole geyöat wurde". Nebeil Turenne sitzt der Marquis von Niivrgnh. Bei dieser lmerwarteteii Explosion ruft er ganz entsetzt aus:Atem Herr, sind Sie nicht verletzt?" Ein allgemeines Gelächter, oeendet dieses Intermezzo der Tischunterhaltung. Unter Ludwig XI v. wurden die Taschentücher immer größer iind ganz mit Spitzen besetzt. Ja, man trug sogarSchnupftücher' um den Hals in Form von großen Halskrausen, und nachher verwandelten sich dieseTaschentücher" wieder in Schulterkragen nach Art unserer Modernen Fichüs. Später wurden die Taschentücher mrt Brld-ern geschmückt und illustrierten so im kleinen in der Tasche dre ganze Welt; da sah man Porträts, Schlachten, Liebesszenen, Land­schaften rmd geographische Karten. Tie Wiederkech: der antiken Kleidung im Directoire verpönte die Tasche rind nahm denr Schnupftuch seinen angestammten Platz, so daß es nunmehr den Schönen von eleganten Verehrern uachgetragen werden mitrae. >T«ß auch heute das Schnupftuch noch nicht so verb»mtet ist, wie man wohl airninmrt, beweist die Tatsache, daß dre große Mehrzahl der russischen Soldaten bis vor wenigen Jahrmr von diesem hygienisch so wichtigen Gegenstand keine Ahnung hatten. Vor nicht allzu langer Zeit erst ist das Taschentuch obliga­torisch in der russischen Armee eingeführt worden. Ter Japaner dagegen trägt stets eine große Menge von Taschentüchern der sich, aber sie sind aus Papier und werden nach dem Gebrauch logleich dem Feuer überantwortet. Dies rst vom Standpunkt der Hygiene aus höchst sinnvoll und segensreich, rmd ein fran­zösischer Arzt hat den Vorschlag gemacht, unsere leurenen Taschen­tücher, an denen die Krankheitsbazrllen sehr leicht haften, durch papierene zu ersetzen, die sogleich nach der Verwendung vernichtet werden. ____________

vermischte».

* Was Menschen hinterlassen. Nicht von "großen Reichtümern und Legaten soll hier die Rede sein, auch nicht von einer vielköpfigen Generation, sondern von eigenartigen Vermächtnissen, deren Weiterbestehen die Erb­lasser noch bei Lebzeiten genau festlegten. Simon Daudet, ein entfernter Verwandter des großen Franzosen, vermachte 2000 Franks zur Pflege für seinen alten OleaiiderbariiN, 700 Mk. hatte der ehemalige Schattspieler Brühl für eine ihn überlebende Fledermaus übrig. Nicht weniger als 37 Paletots vermachte ein kürzlich in Breslau verstorbener Rentier seinen Erben, wobei er nicht uirterließ darauf hin- zuweisen, daß es alle geivesen seien, die er seit seiner Kon­firmation erstanden hat. 6000 Mark verschrieb der ans Ham­burg gebürtige Kaufmann Großknecht für die Hebamme feiner Kinder, Alfonso dal Abbia, ein spanischer Weinhändler, schenkte sogar dem Arzt, der seine Behandlung vor dem Tode übernommen hatte, 20000 Franks. Der Schriftsteller Martinberg, von dem in keinem Literaturkalender auch nur eine einzige Silbe steht, überlieferte seinen Nachkommen Redaktion; E. Anderson. Rotationsdruck und Verlag der Br>

feitt säuberlich auf Karton geschrieben 500 Unterschriften, die sie zu Geld machen sollten, was ihnen natürlich nie gelang. 6000 Dollars finden sich in dem Vermächtnis des Amerikaners Brighton für eine Erfindung, die für die Bu­reaus besser ist, als die bisherigen Ofensysteme, ein Lands­mann von ihm vermachte in mehr lyrischer Stimmung 250 Dollars für ein ganz modernes Frühlingsgedicht, doch unterließ er hierbei anzugeben, welche Art Dichtung er als modern betrachtete. Sehr böse Erfahrungen mit den Men­schen müssen schließlich zwei Sonderlinge, der eine ein Ire, der andere ein Franzose, gemacht haben, denn der erste setzte 20 Proz. seines Vermögens für ein Lexikon aus, das sämt­liche Einbruchsarten und Berbrecherkniffe enthalten sollte, der zweite ging sogar noch weiter, er versprach in jedem Jahre einem Brautpaar seiner Heimatsstadt, das ohne Schwiegermutter in die Ehe treten würde, 500 Franks.

Literarisches.

Nummer 1 des 5. Jahrgangs der S ch a u b ü h n e ", Wochenschrift für die gesamten Interessen des Theaters 'herausgegeben von Siegfried Jacobsohn, hat u. a. fast, genden Inhalt: Manfred. Bon Byron, Nachdichtung von Josef Kainz. Wege zum Drama I. Paul Ernst. Von Julius Bab. Der Graf von Gleichen. Bon S. I.! Charakterzeichnung bei Shakespeare. Von August Strindi berg. Deutsche. Schauspieler. Von Hermann Bahr. -h Treuebruch. Bon Peter Altenberg. Briefe einer Kvrnö-t diantin. I. Irene Triesch. Von Rudolf Frank. Gustav' Mahlers Erbe. Bon Felix Stößinger. Sudermann ist Paris. Von Franz Farga. Revue der Presse. Aus dop Praxis.

Die Belgischen Künstler in Berlin. Dicj vielbesprochene u. vielgerühmte Ausstellung Belgischer Kunst in Berlin findet nun auch in den Münchener Monatsheftes Die Kunst" eine Würdigung von Dr. Rob. Schmidt, Schmidt erblickt den Wert der Ausstellung weniger in dem! besonderes Aufsehen erregenden Schaffen einzelner Künst­ler, als vielmehr in der Einheitlichkeit des guten schmackts, in der Ehrlichkeit, die über jede Scheinkunst sich erhebt und im hohen Niveau in technischer Hinsicht. Eine Reihe vorzüglicher Abbildungen illustriert seine Aus-, führungen. Famos illustriert ist auch im gleichen Heft ein Aufsatz über den Karlsruher Maler Professor Kaspar Ritter, wohl einer unserer beliebtesten deutschen Porträt tisten. Die ausführlichen Berichte über die vielbesproi diene AusstellungMünchen 1908" werden sodann mit einem! Kritische Rückblicke" betitelten Aufsatze geschlossen. Meh­reren Abbildungen eines von Professor Emanuel von Seidl gebauten Landhauses in Murnau folgt ein Aufsatz über die Paderborner Werkstätten Bernard Stadlers und eist amüsant illustrierter Artikel über neue Porzellanplastik aus Meißen und Kopenhagen. Den Schluß bildet eine umfang­reiche, mit vielen Abbildungen erläuterte Publikation über die Handwerker und Kunftgewerbeschule in Krefeld, die als eine der fortschrittlichsten im Reiche gilt und sich an den kunstgewerblichen Ausstellungen der letzten Fahre mit schönem Erfolg beteiligte.

Zitatett-Riitscl,

In nachfolgende«; 12 Zitaten sind ebenso viel Wörter enthalten, welche im Zusammenbang ein neues ergeben:

1. Wer lugt, der stiehlt auch. t , ..

2. Denn wer den Besten seiner Zeit genug getan, der hat gelebt iür alle Zeiten.

3. Und hüte deine Zunge wohl.

4. Wer Zeit hat, warte nicht aus Zeit.

5. Gewalt bricht Eisen. t

8. Der Horcher cm der Wand hort seine eigne Schänd'.

7. Wer zu spät kommt, wird übel logiert.

8. Mir geballter Faust sängt mau keine Fliegen.

9. Sich freuen in Ehren, kann niemand wehren.

10, Grau wie der Himmel liegt vor mir die Welt.

11. Güter und Würden schasst Mühen und Bürden.

12. So steht sie mm allein und alt.

Auflösung in nächster Nummer r

Auflösung der Charade in voriger Nummer: L u s t s a h r t. J

'fchen Univ?rsttätZ°Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Gießen.