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Stofe? 'k dch 'nein» Fran uM nteiit Danziger Kollege Prof.
Als Wir*) am Mittag des eisig kalten 29. Dezember 12« von Breslau auf dem nicht mehr ungewöhnlichen Wege durch die Lüfte mit unserem Ballon Schlesien abreisten, ha hatten uns die Meteorologen zwar richtig prophezeit, daß wir eine ungewöhnliche Kälte zu bestehen haben würden, doch über unser Reiseziel hatten sie uns getäuscht, da sie uns nach.kurzer westlicher Reise ein Abschwenken nach Süden in Aussicht stellten. Wir glaubten daher am Morgen des 30. Dezember fremdländische südliche Fluren unter uns er- ivachen zu sehen. Doch es sollte anders und besser kommen. Wir hatten die Nacht in schwerem Kampfs um die Erhaltung Unserer Wärme zugebracht, ein Thermometer in meiner äußeren Manteltasche, dessen Verständnis erst oberhalb —10° anfing, hatte seinen quecksilbernen Zeiger tief unter dem Beginn der Skala versteckt, und nur die wundervolle Rauh- reifbekleidung unseres Tauwerks, sowie die zu Eisklumpen ttnd Eisplatten verwandelten Eßvorräte konnten uns einen Ungefähren Begriff von der unwirtlichen Temperatur geben, der wir während des ungefähr 14 Stunden währenden nächtlichen Dunkels trotzen mußten. Mer die Ballonführung, d. h. vor allem das Haushalten mit dem Ballast, gab uns doch öfters kritische Situationen, bei denen die Notwendigkeit schnellen Entschlusses die Lebensgeister mächtig anfacht. Galt «s doch, unseren Ballon möglichst lange in der Luft zu erhalten, schon um nicht zu nächtlicher Landung gezwungen zu- werden. So hatte uns nach Dresden — das war die letzte 'Station sicherer Orientierung für uns — die Erde ab und zu durch ihre verhüllende Wolkendecke einen Denkzettel geschickt, denn öfters kamen uns Gebirgszüge so nahe, daß es aufpassen galt, um glatt darüber Hinwegzukommen. Aber auch dann blieben unsere fragenden Rufe über den Ort unbeantwortet, denn in dieser unwirtlichen Nacht war so leicht Niemand im Freien, um uns Bescheid zu geben.
MWWe VMSNfühkt Mch dem | bringung von Inschriften fand bei uns ungeteilte Znstittv,
Bon R. Ab egg-Breslau. I mnng, nur hätten wir noch sehr viel lieber als den Namen
| des Besitzers den des Ortes auf dem Dach gelesen. Es war, wie wir durch freundliche Vermittlung des „Gieß. Anz." sicher hercmsgebracht haben, B e l t e r s h a i n bei Grünberg, das wir kurz vor 9 Uhr überflogen. Im Laufe der nächsten Stunde — wir waren durch die wärmenden Strahlen der Sonne inzwischen längst außer Rufweite mit der Erde, nämlich auf 1700 m Höhe gestiegen — hatten wir uns mehr und mehr einem zu unserer Rechten auftauchenden Wald- gebirge, dem Taunus, genähert, dessen Berggipfel im zarten Weiß des Winterreifs prangten. Nordwestlich von uns fesselte unseren Blick eine Stadt mit altersgrauer Burg. In zwei Geschossen umschließen dort die Burgmauern zwei alte Türme ohne Dach. Es mag um Nauheim und Friedberg gewesen fein; Parkanlagen, kurhausartige große Gebäude, davor ein großer See stehen uns noch vor Augen.*) Weiter ging es über die Wette rau, wo wir auch von der Bü ding er Gegend aus beobachtet wurden; noch fast eine Stunde dauerte es, bis aus dem Dunst unter uns das glänzende Band des Mains auftauchte, dem wir in spitzem Winkel zuflogen, zur Rechten die Taunusabhänge, gekrönt vom Feldberg mit seinem Plateau und Aussichtsturm, die nunmehr schon tief unter uns lagen; !oir schwebten in 2300 m über der Taunus- ebene, dem Südostabhang der Berge entlang, unter unS eine Fülle schönster Städtebilder, deren Namen uns auch erst hinterher klar wurden und zum Teil noch fehlen. So habeil wir nicht nur in der Erinnerung, sondern auch aus der photographischen Platte sestgehalten eine länglich ge- baute Stadt, in der Hauptrichtung durchzogen von einer ungewöhnlich breiten Straße, die an ihrem Ende zu einem Komplex alter Burgbauten führt, zweifellos Homburg mrt der Saalburg. Vorher noch, näher am Taunus, ein Ort mit merkwürdiger Kirche, deren alter viereckiger Uhr- turm losgelöst jenseits der an der Längsseite entlang führenden Straße stand, der Karte nach vielleicht Friedrichsdorf.
Als das langersehnte Licht des neuen Tages endlich dämmerte, befanden wir uns in etwa 800 m schwimmend teuf öev Oberfläche eines majestätisch lautlos wogenden Wolkenmeeres, ein weltentrücktes einsames Gasbläschen in ' der Unendlichkeit des Luftozeans. Eine Situation, dem Lustschiffer wohl vertraut, aber in ihrer Großartigkeit immer wieder von überwältigendem Eindruck. Erst die Morgenröte zeigte uns zu unseren Füßen einige Wolkenlücken und das erste, was wir im Frühlicht von der Erde erblickten, war eine gewaltige rückläufige, nach Süd westen sich öffnende Eisenbahnkurve, au ihr im Südosten ein Bahnhof. Aus Mancherlei anderen Anzeichen noch ging hervor, daß wir uns siu einem Bergland befanden. Wir suchten vergeblich in Unserem Kartenvorrat, Ivo sollten wir auch einen Anhalt .finden. Erst nachträglich durch freundliche Hilfe hessischer Wartungen ist es gelungen, sichere Punkte unserer Luftreise !am 30. Dezember klarzustellen. Die Bahnkurve war Als- jf e! d. Zu unseren Füßen wurde es allmählich immer klarer Ünd Wolkenfreier; zur Linken unserer Flugrichtung erhob srch etwa bis zur gleichen Höhe mit dem Ballon der schneebedeckte Rücken des Vogelsgebirges und dahinter in der Ferne der Zug der Hohen Rhön. Unter uns zog sich in vielen Windungen die Bahnlinie von Alsfeld nach Gießen. Die Evtlveißen Schlagbäume einer Bahnschranke verrieten uns, daß wir über hessischem Lande schwebten. Und verlockend es dort aus. Besonders blieb uns in Erinnerung die »teile, wo sich die beiden reizend geschlängelten Flüßchen iSJ-jni und Felda vereinigen, um zusammen rechtwinklig zu ihrer ursprünglichen Richtung davonzufließen. An ihrer , eremrguirg umarmt die Felda liebevoll einen freundlich gelegenen Ort, nach Ausweis der Karte Nieder-Gemün- m'r"V .3,au*" dm dein Fluß abgekehrten Seite von der Bahnüme begrenzt wird. Weiter hat sich uns ein Ort einae- prag«, aus dessen einem Dach mit riesengroßen weißen Let-
"P- Hartmann" zu lesen stand. Diese Art der An-
Um y212 Uhr überschritten wir etwa bei Rüssels-, h e i m den eisschollentreibenden Main und überflogen nun noch eilt kleines Stück hessen-darmstädtischen Landes, biss wir über dem Rhein zum Abstieg schritten und nachdem wir unser Schleppseil mit Rheinwasser getourt hatten, unter; freundlichem Beistand der fast vollzählig herbeigeeilten Einwohner — selbst die auf einer Brandstätte beschäftigte Feuern wehr fehlte nicht! — in Nierstein auf dem Rheiuquai unsere denkwürdige Fahrt beschlossen. In nahezu 24 Stunden hatten wir in der Luftlinie etwa 640 km, in Wirklichkeit aber wesentlich mehr durchflogen. Genau vor dem Hause einer lieben alten Tante lag unser Landungsplatz^ und mit ihr und ihrem guten alten Niersteiner gab es naturgemäß ein zwar unerwartetes, aber um so freudigeres Wiedersehen.
Aus der Geschichte tzes Cafche-ltuchLs.
In den „Rittern des AristophaneS" will sich Kleon bei dem dummen Bott, denr Demos, recht einschmeicheln, and so sagt er SU ttiiu: „Wenn du dich schneuzest, o Demos, wisch deine Finger an meinen Haaren ab!" Tie Griechen der Blütezeit, die Zeit- geiiosten des Perikles und der Aspasia, hatten also kein Taschentuch, sondern bedienten sich beim Nasewischen ihrer Finger. Selbst die vornehmsten Leute wischten sich mit den Acrmeln die Tränest aus den Augen., In einem amüsanten kulturhistorischen Buche, das soeben erscheint, erzählt Dr. CabanSs von dem ersten Auftreten und der allmählichen Einführung und langsamen Ber- breckung des Taschentuches tm Laufe der Jahrhunderte. Bei dest Persern war es überhaupt gegen die gute Sitte, zu spucken über schn/uzem Aucy bei den Römern der spätrepublikanischest Zeit, die bereits ern Schweißtuch aus feinem Linnen kanntem würde es mr unpassend gegolten haben, sich in Gegenwart von «der die Nase zu wischen. Nur in der: stillen Abgeschlossen^it der inneren Gemächer war es den Römerinnen erlaubt, sich die Nase zu schnauben, und auch hier machtest to selten Gebrauch, weil sie wußten, daß
—Mißfallest ihrer Gattest erregen würden. Taschen-
*) Nauheim.


