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Zimmer, daß man wirklich kaum sein Gegenüber erkennen konnte.
Ich war von dem Kampfe wie zerbrochen und sagte — denn wir waren ja jetzt wieder Privatleute, wie Herr Petrowitsch sich auszudrücken liebte:
— Wissen Sie, Herr Petrowitsch, ich bin froh, daß es vorüber ist... •
Der Serbe lächelte:
— Aber glauben Sie, ich nicht?
— Aber warum siud Sie denn so hartnäckig gewesen?
— Wir mußten auf unseren Bedingungen bestehen!
— Warum denn?
— Es ist unsere Ueberzeugung. Es ist unser Auftrag; und dann erlauben Sie einmal, wir haben ja nachgegeben. Aber ich weiß nicht, ob wir dadurch die Sache nicht bloß verlängert haben.
— Wieso denn?
— Ja, es wäre möglicherweise bei unserer schweren Fassung mit einem Zweikampf aus gewesen.
— Das würde es doch auch so sein.
Herr Petrowitsch zog die Augenbrauen in die Höhe:
— Pardon, sagen Sie das nicht.
— Wir wollen hoffen, — und das muß ja doch jeder Christ und schließlich jeder Mensch, — daß das Duell glatt ybläuft. Damit wird dann die Sache erledigt sein.
— Pardon, sie ist nur erledigt für Herrn Protitsch.
— Und damit für uns alle.
— Gewiß, für uns, die wir Sekundanten find, aber wissen Sie, dann kommen doch noch die anderen Herren an die Reihe. . . Wenn das Duell mit Herrn Protitsch statt- gesunden hat, so ist einer aus dem Spiel. Aber daun siud noch drei übrig.
— Ich kann nicht verstehen, was die drei andern Herren damit zu tun haben.
— Die drei andern Herren? Nun, die drei andern Herren werden dann der Reihe nach Graf Morsum fordern.
Ich ivußte zunächst vor Staunen gar nicht, was ich autivorten sollte. Endlich sagte ich:
— Die können doch nicht alle einen und denselben Mann für ein und dieselbe Angelegenheit fordern! Einer der vier Herren hat die Vertretung zu übernehmen, und toeiut die Angelegenheit zwischen diesem, in diesem Falle dem Herrn Protitsch, erledigt ist, so ist damit die Sache vorbei.
Herr Petrowitsch zuckte die Achseln:
— Da sind wir anderer Ansicht. Wenn Graf Morsum aus dem Duell, das wir heute festgestellt haben, unversehrt hervorgeht, oder ich will sogar sagen, mit dein Leben davon kommt, so weiß ich genau, daß er der Reihe nach von den drei anderen Herren gefordert werden wird.
Da entfuhr es mir:
— Erlauben Sie, das ist ja der reine Mord!
Herr Petrowitsch wollte etwas entgegnen, aber ich ließ ihn nicht zu Worte kommen:
— Ich habe Ihnen gesagt: „Mord!" Das ist ein böses Wort; aber was bedeutet es denn anders? Es ist doch die systematische Abmachung, daß dieser Mensch nicht mehr am Leben bleiben darf!
Herr Petrowitsch entgegnete:
— Sie haben da eine sehr schlimme Auffassung. Ich glaube, ein anderer würde über das Wort, das Sie gebraucht haben, sich aufregen. Ich kann Ihnen nur sagen, ich finde es auch nicht gerechtfertigt, lind deswegen habe ich über das Wort „Mord" nichts zic erwähnen. Aber nicht wahr — Sie haben ja gesehen, wie ich in dieser ganzen Angelegenheit denke — nicht wahr, Sie werden das Wort nicht Herrn Boschanowitsch gegenüber, der vielleicht jünger und erregter ist, wiederholen? Es hat wirklich keinen Zweck. Ich habe Ihnen das nur erzählt, damit Sie wüßten, wie die Sache liegt. Machen Sie keinen Gebrauch Weiler davon und bringen Sie sich nicht selbst in Ungelegenheiten.
— Davor ist mir nicht bange !— erwiderte ich.
Aber Herr Petrowitsch sagte freundlich, indem er mir die Hand hinstreckte:
— O, fassen Sie das nicht so auf. Ich habe Ihnen ja gesagt, mit mir ist ganz gut reden. Wir sind ja fertig! jetzt, wir sind ja wieder Privatleute. Es mußten scharfe Bedingungen stattfinden in unserm Fall, und ich habe herausgedrückt, was ich herausdrücken konnte. Mein Amt ist mit dieser einen Sache erledigt.
Ich konnte mich noch immer nicht beruhigen im Gedanken an meinen unglücklichen Freund:
— Aber denken Sie doch einmal, Herr Petrowitsch, damit wäre ja dem Grafen Morsum sozusagen das Todesurteil gesprochen.
Der Serbe zuckte die Achseln:
.— Ach, es ist ja überhaupt gräßlich, solch eilte Geschichte. Tas dürfte ich Ihnen ja eigentlich nicht sagen, denn Sie sind der gegnerische Sekundant. Aber sehen Sie mal: warum sagt er solche Sachen? Das können wir Serben uns nicht gefallen lassen!
Die beiden andern waren mit ihrer Arbeit fertig, wir alle unterzeichneten das Protokoll und trennten uns bald darauf, um uns in drei Tagen — bis dahin konnte Fritz in Wie,n zur Stelle sein — wieder zu treffen.
Als die Serben davongegangen waren, erzählte ich Ziesow, ivas mir Herr Petrowitsch gesagt. Zieiow geriet ebenfalls in große Aufregung. Einmal über oas andre rief er:
— Das geht doch nicht! Das geht doch einfach nicht! Das ist unmöglich! Das dürfen wir nicht dulden!
Aber wir stimmten darin überein, daß vorderhand nichts dabei zu machen sei. Uns ging jetzt nur dieses eine Duell an. Doch war erst dieser Kampf vorbei, so würden wir jeden folgenden ablehnen.
Als wir zu Bette gingen, nachdem wir Fritz telegraphiert hatten, daß er kommen solle, ging mir die Sache immer noch im Kopfe herum.
Fritz hatte mir ja erklärt, er wäre zum Tode verurteilt. . Er ahnte also, wessen er sich von den Gegnern! zu versehen hatte. Das Grauen darüber packte mich dermaßen, daß mich in den Schlaf hinein Schreckgespenste verfolgten. Mir träumte, ich selbst hätte es mit den Serben ?,n tun. Mir stand Herr Petrowitsch gegenüber. Ich schoß ihn tot. Daun trat Herr Boschanowitsch an seine Stelle. Den traf ich gleichfalls in den Kopf. Dann war plötzlich Herr Protitsch da, genau so, wie ihn mir Fritz beschrieben, und da hatte ich das Gefühl: dem entgehst du nicht, der trifft dich, da kannst du machen, was du Willst. Und ich war dermaßen von dein Alpdruck bedrängt, daß ich nicht die Kraft besaß, als er die Pistole hob, die meine gleichfalls auf ihn anzulegen. Der Serbe schoß mich, ohne daß ich mich wehrte, ins Herz.
Schweißgebadet fuhr ich in die Höhe. Mein Traum war so lebendig gewesen, daß ich meinte, noch vor mir die rauchende Pistole zu sehen, die der andere hatte sinken lassen. Ich machte Licht und blickte verstört um mich. Ich lag in meinem Hotelzimmer.
Friede war auf der Straße. Wien schlief.
Aber ich hatte das Bewußtsein, vorgeahnt zu haben, wie es dem armen Freund ergehen würde, und hatte nur den Wunsch — als wäre bereits sein Schicksal entschieden —, daß er wenigstens auf anständige Art, einen Mut zeigend, den er gar nicht hatte, aus dem Leben schied.
(Fortsetzung folgt.)
Zigemechumor.
Bon Dr. Albert Hellwig.
(Nachdruck verboten.)
Zu den interessantesten, aber auch zu den traurigsten Typen des Menschengeschlechts gehören die Zigeuner — interessant durch die wilde Zähigkeit, mit der sie den Kampf ums Dasein kämpfen, sich ihre Eigenart, ihre Freiheit bewahrend, Wehmut erweckend aber durch ihr trauriges Los, von allen geknufft und gepufft, nirgends mit Liebe behandelt zu werden; rastlos eilend- von Ort zU Ort, von Land zu Land, sich kümmerlich des Lebens Notdurft erringend.
Nirgends gern gesehen, von allen gemieden und gehaßt, leben sie mit aller Welt in Kriegszustand. Der Zigeuner des 20. Jahrhunderts ist noch ganz Naturmensch. Für ihn gilt noch der Dualismus der primitiven Ethik, nach welchem gegen den Fremden alles erlaubt ist. Gelingt es ihni daher nicht, sich auf anständige Weise aufs Leben zu schlagen, als Wanderschwied, als Pferdehändler oder ähnliches, zur Not als Bettler, so scheut er sich nicht im geringsten, seine Hand nach fremdem Eigcntusm auszustrccken.
Trotzdem ist er im Grunde genommen kein schlechter Mensch, wie von Wlislocki Gjorgjevic und anderen Zigeuuerforschern schon längst bewiesen ist. Besonders herzerfreuend ist sein Humor, den er sich in allen Lebenslagen, auch iu den schwierigsten, zu bewahren weiß.
Bon dieser mehr liebenswürdigen Seite lernen wir dkN sev- bischesl und. kroatischen SJseMEt keMM in den 25Q


