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Schwänken und Märchen, die der bekannte Wiener Folklorist Tr. Friedrich S. Krantz (Der Volksimmd", Band 7 und 8, Leipzig 1907, Deutsche Berlagsaktiengesellschaft) soeben heraus­gegeben hat.

Wie in jeder echten Voltspoesie spiegelt sich auch hier der Mensch in Leid und Freud mit seinen guten und mit seinen schlechten Eigenschaften.

Der Grundzug ist ein wehmütiger Pessimismus.Uns Zigeuner hört und erhört Gott niemals/' klagt dort ein alter Zigeuner,seit unserem Ursprung rufen wir ihn vergeblich M, allezeit sind wir rußig, rauherzig und hungrig und immerwährend aufs Betteln angewiesen, während wir doch Tag und Nacht fremder Leute Hacken, Schaufeln und Aexte schmieden!"

Mit Bitterkeit entgegnete ein anderer Zigeuner auf die Frage, wer ihn zum Betteln angeleitet habe:Die Menschen, die mich Zigeuner schimpften!" Sauer genug läßt es sich der Zigeuner im allgemeinen werden. Mit Recht hält er den Bauern, die ihm seiner Armut wegen Borwürfe machen, entgegen:Schämt ihr euch nicht, daß ihr mir für die Arbeit und Mühe mein Lebenläng so wenig für meine Ware gebt?"

Die notwendige Ergänzung ist ein krasser Realismus ; gerade weil ihni irdische Güter so kärglich zugemessen sind, weiß er ihren Besitz umsomehr zu schätzen. Sich gehörig satt essen §u können, dünkt ihm der Inbegriff allen Glückes. Sein Weib ist ihm am liebsten, wenn sie ihn zum Imbiß ruft, am ver­haßtesten, wenn sie nichts zum Essen hat. Als ein Zigeuner ge­fragt wurde, ob jer lieber eine Schalmei oder eine Tamburina oder eine Geige höre, versetzte er:Lieber höre ich ein fettes Ferkel schmoren, der höchste Ohrenschmaus aber für mich ist, wenn bei uns daheim das Ferkel den Bratspieß schmückt und der sich drehende Spieß knirscht, das ist für meine Ohren eine Schalmei, meine Augen sind vollkommen Dunst, im Mnnde läuft mir das Wasser zusammen, ich stopfe mir den Magen an und satt, mache ich einen Luftsprung!"

. Trotz dieses krassen Realismus weiß sich der Zigeuner immer­dar mit gutem Humor zu helfen. Vor kurzen: noch erhielten die Zigeuner von den Kroaten die von Tollwut befallenen Schweine geschenkt. Auch ein Notar jn dem kroatischen Städtchen P. hatte einst ein tollgewordenes Schwein niedergeschossen und einer Zigennergesellschaft überlassen. Das war ein Jubel im Zigeuner­lager! Am Abend erschien der Führer der Truppe beim Notar. Was willst du noch, Zigeuner?" fragte ihn der Notar.O, mein Meister," sagte der Zigeuner und kraute sich hinter den Ohren, hast du nicht etwa auch ein tollgewordenes Faß Wein?"

Bon den Frerlden int Jenseits hält der Zigeuner nicht viel. Wenn er zum Christentum ober Islam übertritt, so ge­schieht dies nur aus nüchternen Zweckmäßigkeitserwägungen. Füreinen Vorschuß auf die Seligkeit" in klingender Münze oder in Biktualien verzichtet er gern auf die ihm in Aussicht gestellten himmlischen Freuden. Nur durch Geschenke können ihn die Geistlichen zum Glaubens'ivechsel bewegen und auch dann

nur selten.

Tie-se Art derBekehrung" bewirkt oft drollige Szenen. So versprach ein Geistlicher einem Zigeuner einen Sack Mehl, wenn er die Namen des dreieinigen Gottes auswendig wisse. Als der Zigeuner nach zwei Tagen iuieber kam, rief ihm der Pope schon von weitem entgegen, ob er die Namen der Drei­einigkeit schon gelernt habe.Ja, freilich!"Also heraus damit!"Gott Vater, Gott Heiliger Geist, Amen!"Ja, wo läßt btt beim bett Sohn?" schrie ihn der Geistliche ergrimmt an. -Der Sohn wartet in bet Küche auf den Sack mit Mehl," erwiderte rasch der Zigeuner.

Eigenartig begründete ein Zigeuner feine Weigerung einem Popen gegenüber, der ihm für seine Bekehrung 40 Gulden ge­boten hatte:Wäre dein Glaube nicht um 40 Gulden weniger wert als mein alter zigeunerischer, du tätest mir nicht darauf zahlen wollen, darum verbleibe ich mit Weib und Kind bei unserem alten Glauben, er frißt unseren Pferden den Hafer nicht weg!" - t

Auch von der irdischen Gerechtigkeit hält der Zigeuner nicht Viel und wohl mit Recht. Viel Schnurren haben die Bestechlich- feit des Kadi zum Gegenstand. So gab ein Zigeuner, der eine Axt gestohlen hatte, zunächst aber bereit war, in einer christlichen Kirche beit Reinigungseid zu leisten, ans ANgst vor den vielen! Heiligenbildern dem Eigentümer die Axt mit ben Worten zurück: Da hast sie, deine Axt; doch bei deinem Christenglauben bitte ich 'dich, verrate nichts davon den Heiligen, denn unter ihnen kann sich ein Böswilliger vor finden, der mich dem Kadi anzeigt, ich aber habe daheim nicht einmal einen Löffel voll Fett, um den Brei für die Kinder zu schmalzen, geschweige denn Geld, um den Kadi zu bestechen."

Köstlich ist eine Historie, wie ein Zigeuner die Bestechlichkeit eines Kadi listenreich auszunutzen wußte. Der Zigeuner trat als Anwalt eines armen Bauern auf, der den Kadi nicht be­stechen konnte, unb der deshalb kein Gehör fand. Bei der Ver- händlüng zwinkerte der Zigeuner dem Richter bedeutungsvoll zu und klopfte dabei auf seine Brusttasche. Der Kadi glaubte, er würde nachher eine gute Belohnung erhalten imb fällte ein Urteil zu Gunsten des Klägers. Dann ging er dem Zigeuner Und bat ihn um das, was er ihm! in Aussicht gestellt habe. Statt M Geldes zog der Zigeuner «inen Ziegelstein unter dem Rock«

hervor und sagte:Siehst du, Richter, wem: du kein gerechtes Urteil gefällt hättest, nut diesem Ziegelstein hätte ich oir den Kopf zerschmettert!"

Verschlagen handelte auch jener Zigeuner, der einem Herrn unausgesetzt nachlief und ihn anbettelte, ohne daß sich jener daran kehrte, bis er in höchster Erregung rief:Beschenk mich augenblicklich, Herr, sonst tue) ich etwas, wovor ich mein Lebenlaug zurückgeschaudert bin!" Eingeschüchtert gab jetzt der Herr dein Zigeuner einige Kreuzer und fragte ihn dabei, was er denn anderenfalls getan hätte, darauf der Zigeuner:Ja, Herr, wenn du mir nichts gegeben hättest, und die anderen desgleichen, so müßte ich notgedrungen arbeiten, das war diesmal meine feste Absicht!"

Auch bei seinen häufigen Diebereien verläßt ihn sein an­geborener Humor nicht. Für seine Gewöhnung an kleine Dieb­stähle ist die Antwort bezeichnend, die ein Zigeuner gab, dem man mitteilte, daß sein Zelt abgebrannt und seine ganze Habe dabei gestohlen sei. Ganz in Gedanken bemerkte er:Wie schade, daß ich nicht zugegen gewesen bin, daß auch ich hätte etwas erwischen können!"

Lachen muß man Über jenen Zigeuner, der auf einem Jahr­märkte einem Kürschner einen Pelzrock stahl, von einem Dritten gestellt, diesen bat, zu schweigen, ihm als Entgelt ben Pelzrock versprach 'unb sich selber einen zweiten stehlen wollte. Dem Manne wars zwar weniger um dem Rock zu tun als daruUi, zU sehen, wie der Zigeuner wohl seine Absicht ausführen würde. Er ging deshalb auf ben Vorschlag ein und nahm den Pelzrock über den Arm. Der Zigeuner ging zum Kürschner hin und wisperte ihm ins Ohr:Schau mal, Herr, dort über den Weg auf jenen Mann hin, der dort steht und in den Händen den Pelz­rock halt, diesen Pelzrock hat er 'von dir gestohlen!" Ter Kürschner dankte dem Zigeuner für die gütige Aufmerksamkeit unb bat ihn, eine Weile ans die Ware acht zu geben, bis er jenen Gesellen feit» nähme. Unterdessen verduftete natürlich der schlaue Zigeuner mit reicher Beute.

Selbst int Angesicht des Todes verläßt ihn der Humor nicht. So entgegnete ein Ziaeuner, der zum Galgen geführt wurde, dem Geistlichen, der ihm auf dem letzten Wege Trost spendete und ihm unter andereiN sagte, er werbe noch heute in den Himmel eingehen und mit den Engeln und allen Heiligen gemeinschn nachtmählen:Pope, ich fühle mich in meinem Zelt am wohlsteN und behaglichsten, unb int übrigen bin ich gänzlich Unwürdig^ mit so bedeutenden Persönlichkeiten zu nachtmählen, vielmehr gebührt eine solche Ehrung dir, Vater, und wenn es dir recht ist, trete ich sie dir von Herzen gerne ab!" Ein anderer Galgen­vogel ließ bas Glas Wein, das man ihm brachte, fallen. Als er die Scherben sah, sagte er zu ben Umstehenden:Das ist ein ungünstiges Vorzeichen, wahrscheinlich erlebe ich heute noch eine Unannehmlichkeit!"

So weiß sich der Zigeuner mit goldenem Humor über alle Widerwärtigkeiten seines Lebens hinwegzusetzen, und selbst, wenn er das irdische Jammertal verläßt, weiß er die für ihn beionderS schwere Reise ins unbekannte Jenseits mit richtigemGalgen­humor" anzutreten.

Aus Julius Wolffs Anfängen.

Der Dichter Julius Wolff, der vor einem Vierteljahr­hundert mit' seinen Versehen und historischen Romanen alle Welt entzückte und ein Lieblingspoet des deutschen Volkes war, begeht am 16. September seinen 7 5. Ge­burtstag. In weit über einer halben Million Exem­plare sind seine zahlreichen Werke verbreitet, den größten Erfolg aber hatte er mit den zuerst erschienenen Dichtungen Till Eulenspiegel redivivus",Der Rattenfänger von Hameln" undTer wilde Jäger" errungen. Wolff ist sehr spät zur Dichtung gekommen und war schon Mitte der Dreißiger, bevor er überhaupt daran dachte, sein hübsches, in Gelegenheitsgedichten geübtes Talent zum Bersemachen für höhere Stoffe und umfangreichere Werke auszunutzen. Diese Zeit seiner Anfänge und ersten Versuche hat er selbst anmutig und humorvoll in der von H. E. Franzos heraus­gegebenen Geschichte des Erstlingswerks geschildert. Von Kindheit an hatte ihn eine geheime Lust zuni Reinien hin­gezogen ; seitdem er mit zwölf Jahren den Eltern ein langes Neujahrsgedicht gewidmet, hatte er eine Menge kleinerer und größerer Gelegenheitsgedichte von verschiedentlichem Inhalt und wechselnder Form verfaßt, die wohl auch ab und zu in irgend einem kleinen Wochenblättchen anonym ab- q«druckt wurden. Die Leitung der Tuchfabrik in seiner Heimatstadt Quedlinburg, die er von seinem Vater über­nommen hatte, verstrickte ihn in mancherlei schwierige Ver­hältnisse und ließ ihch auch keine rechte Muße und Samm­lung zum Fabulieren. Allmählich aber traten ihm doch volkstümliche Sagen- und Heldengestalten, die von Jugend auf in seiner Phantasie gelebt, immer lebendiger und an­schaulicher vor die Seele, unter ihnen vor allem zwer fahrende Gesellen, Till Eulenspiegel und der Ratten-