Ausgabe 
15.7.1909
 
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seltener Fülle um den Scheitel floß, war in einem vielfach gewundenen Nackenzvpf -aufgesteckt. Nm ihren kleinen Mund spielte ein schalkhaftes Lächeln. Da sie jetzt aus und ein ging, schien sie trotz ihrer schweren Schuhe den Boden nur schwebend zu berühren.

9io, Meister," schmunzelte der Aufseher,Ivie sprechen Sie jetzt? Die gefällt Ihnen, was?"

Da Friedmar schwieg, fuhr er fort:Wie der Einhorn­wirt sein Geld verpulvert hatte, nahm sie einen Dienst in der. Stadt an. Zwei oder drei Jahre ist sie.fortgeblieben. Tann ist der alte Bär abgekratzt, und sie kam wieder heim. Und ganz unverdorben. Ein wahres Wunder."

Die Einhornwirtin und ihre schöne Tochter trugen die dampfenden Schüsseln auf. Die Männer erlabten sich an der schmackhaften Kost und setzten einen tüchtigen Trunk daraus. Erst nachdem sie abgegessen hatten, rückte die Wirtin ihren Stuhl heran, indessen Lina bescheidentlich am Schank­tisch stehen blieb. Der Aufseher gab zuerst ein paar Schnurren aus der Stadt zum besten. Dann sprang die Un­terhaltung auf Dietkirchener Verhältnisse über. Tie Wirtin meinte, seitdem die meisten Leute aus dem Ort in die Fabriken gingen, sei ein ganz neuer Ton aufgekommen.

Die Familien hielten nicht mehr so zusammen wie früher, die Buben und Mädchen, die noch nicht trocken hinter den Ohren waren, bekamen eine Menge Geld in die Finger. Gegen die Eltern waren sie aufsässig. Tag für Tag saßen sie mit ihren grasgrünen Gesichtern in den Arbeitssälen zu­sammen. Abends auf dem Heimweg wurden Dummheiten gemacht.

Aller Zucht und Gesittetheit fühlte man sich ledig. Es fiel schon längst nicht mehr auf, wenn ein Mädchen ohne Kranz an den Traualtar ging. So weit war's gekommen. Der Pfarrer donnerte von der Kanzel herunter gegen das Luderleben und die wachsende Lotterei, aber er predigte tauben Ohren.

Ter Aufseher,- der Optimist war und die Jeremiade der Einhornwirtin sehr gelassen angehört hätte, sagte mit einem Auslug von Ironie:

No, Hrau Roth, und Ihr Bürgermeister? Warum schlägt er dann uicht mal mit Keulen dazwischen?"

Der Bürgermeister?" erwiderte die Wirtin bitter,der läßt Gott 'nen guten Mann sein, wann seine Scheuern nur voll sind. Geh'n Sie mir weg mit dein. Der tralatscht da und dort herum, horcht die Leut' aus und legt ihnen hernach den Spannstrick um. Das Aussäckeln versteht er. Umsonst ist er nicht der reichste Mann int Ort. Wir'sind ja verwandt miteinander. Wer nicht nach seiner Pfeif' tanzt, kriegt 'nen Stümper. Wie's bei meinem Mann aufs letzte ging, hat er den Bürgermeister rufen lassen und hat ihn angegangen, er möckst' uns beisteh'n, wann er nicht mehr da wär', weil wir Weibsleut' doch nicht soviel von der Wirt­schaft versteh'n täten. Kaum halt' mein Mann die Augen zugemacht, kommt Mein Bürgermeister her und biet' mir für meine ganze Sach' ein Schandgeld. Den Einsitz sollt' ich Kehalten. Die Lina sollt' sich wieder vermieten, meint er. Da hab' ich mich mit Hand' und Füß' gewehrt. Ich wollt' niein Eigentum nicht verkümmeln. Selbigmal ist der Bürgermeister zornrot fortgerannt. Und hat ein' Haß auf mich geworfen und hetzt und verred't's den Leut', daß sie in die Wirtschaft kommen."

Teufel," fuhr der Aufseher auf,das ist ja ein ganz- gefährlicher Mensch. Meiner Seel', hab' ich gar nicht ge­wußt."

Natürlich, wann der mit dem Herr Aufseher spricht, ist er glattzüngig bis dortaus. No, dessentwegen hat er uns doch nicht verquetscht. Freilich haben wir unsere Last. Die Zinsen drücken einen, und es wird uns sauer, bis wir Unser paar: Aecker in Ordnung haben. Wo alles jetzt in die Fabriken läuft, kriegt man für Geld und gute Wort' noch keins."

Ei zum Kuckuck, Frau Rotk spannen Sie nur eine« tüchtigen Mann hier vor. Ta gibt's nur ein Rezept. Die Lina muß heiraten."

Tas Mädchen lächelte und sagte unbefangen:In so Sachen ist kein ,Muß', Herr Aufseher."

Ta hör'n Sie's," brach die Wirtin los.Freilich, wann man so schneübig ist. Für die Lina läßt unser Herr­gott noch ein' extra backen."

Nur stät, Frau Roth," begütigte der Aufseher.Der Lina schlockert eines Tages auch das Herz-. Mag sie sich

sträuben, soviel sie will. So was kommt über Nacht. Und dann brennt sie lichterloh."

Die Männer zahlten ihre Zeche und erhoben sich. Fried­mar hatte an dem Gespräch nicht teilgenommen, ja nur mit halbem Ohr gelauscht. Auf dem Weg zum- Arbeite platz besann er sich, wo ihm das Mädchen im Dorflbegegnet sein könne. Sie hatte ihn gleich erkannt. Und die mußte einem doch in die Augen stechen. Er hatte zwar für die Weibsleut' nie einen rechten Blick gehabt. Aber diel Donnerkil! So sanber wie aus dem Kästchen genommen. Und anstellig. Wie die sich bloß herumdrehte. Da fiel1 sich eine ändere schon den Arm ans dem Gelenk. Ein Staats-, mädchen! So was zum Knuspern. Die Schnauz' gehalten. Die war! doch zn sittig für so dumme Spaß'. Wenn der ein Flappch zu nah kam, hatte er seine Ohrfeige weg. Aber was ging jihn denn das Mädchen an? War er oben uicht ganz klar, daß er sich mit seinen Gedanken auf einmal da fest- bohrte? Er hatte sein Teil daheim, und damit basta. Ge­rade das Gleichmütige und Gesetzte, was die Meisterin an sich hatte, das schickte sich für ihn auch. Die Burschenzeii hatte eti verpassen müssen. Jetzt war er gut uiitergekrochen- und konnte Gott danken dafür. Sonderbar! Wie die Ein- hornlina vorhin am Schanktisch stand, hätt' er aufjauchzen und sie hernmschwenken mögen. So was Jnnghaftes war über ihn gekommen. Possen! Als ob er nicht wüßte, was er seiner Meisterschaft schuldig war. Sollt' er der Meisterin was verzählen, wenn er abend heimkam? Lieber nicht, Die kannte ihn nur als ernsthaften Manu und tüt sprechen: Friedmar, du bist nicht recht bei Groschen."

Am änderen Tag war Friedmar anfangs schwankend, ob er demStern" treu bleiben oder ob er intEinhorn" Mittagrast halten solle. Der Sternivirt io ar ein grober Patron, und seine Suppe schmeckte wie Spülwasser. Fried­mar hatte keine Rücksicht auf ihn zu nehmen. Wo er fein Geld verzehrte, konnte ihm gleich sein Der Aufseher mar ein gescheiter Mann. Der sagte:Wer seine schwere Ar­beit hat, muß etwas zusetzen können. Und ein gutes Essen schlägt an."

Friedmar entschied! sich für dasEinhorn". Die Wirtin sah ihn gern wieder einkehren Für das Mittagbrot wurde der ortsübliche Preis ans eine gewisse Zeit hinaus verein­bart. Friedmar -gab bei besserer Verpflegung keinen Pfennig mehr aus als intStern". In den ersten Tagen setzten Mutter und Tochter dem jungen Meister die Gerichte vor und aßen daun später an besonderem Tisch. Friedmar meinte, man könne das doppelte Anrichten sparen. hielten sie künftig ihren Mittag selbdritt. Wenn abgedeckt war, zog sich die Alte in die Küche zurück und machte da ihrNickerchen". Ihre Tochter ttiochte immerhin dem! Meister Gesellschaft leiftcn. Ta war nichts dabet. Der war ja eingeheirater" Mann.

(Fortsetzung folgt.) r ,

Am der Geschichte der Aircheugemeinde Heuchelheim.

Heber die ältere Geschichte der Kirchengemeinde .Heuchel­heim existiert gegenwärtig nur wenig urkundliches Material. Die wichtigsten Urkunden sind während des 30 jährigen Krieges m Verlust geraten. 1646 wurde das Dorf von den Schweden voll­ständig iiiedergebrannt. . Auch während des 7 jährigen Krieges, namentlich während der Blokade von Gießen im Winter 1759 hatte der Ort schwer zu leiden. Dem Brande von 1646 sind auch die alten Saalbücher der Gemeinde meist zum Opfer gefallen Die älteste uns vorliegende Urkunde ist dasPfarr Com- p e t e it z und Kir ch-S aalb nch zu Heuchelheim". Es wurde 1741 auf behördlichen Befehl von dem damaligen Pfarrer Snsemihl angelegt und enthält Nachrichten vonbereit Ecele- s i a st icis, jur ibn s- nnd Gerechtigkeiten der Kirch, Pfarr und Schul zu Heuchelheim". Der Pfarrer Susemihl war noch in der Sage, aufgrund der damals Noch vorhandeucn- Urkunden und der in Privatbesitz befindlichen Familicn-ChrouikcN, sowie ferner gestützt auf mündliche Ueberlieferungen.öfterer Leute auf Verhältnisse des vorhergehenden Jahrhunderts zurückgehen stt können. So sind unter anderem diesem neuen Saalbuch von l/H Kaufbriefe von 16071643 in Abschrift beigefügt. Somit ent­hält das Susemihlsche Saalbuch auch manches Lehrreiche aus früheren Zeiten. ;

' Heuchelheim soll vormals-Hochelem am Hochthurm" ge­heißen haben wegen des hohen Kirchturms', den es ehedem gehabt,- so aber hernach vom Wetter ruiniert und abgenommen worden r lieber die Entstehung und den Namen H e u ch e l h e i m- sagt die Urkunde:Das Dorf soll aus'etl. Matzer-Hoffen, welche in dem mit Heucheln oder Korn-Haufsen bedeckten Feld gestanden, er­wachsen sehn und davon den Nahmen erlanget haben, sondert. M3