Ausgabe 
15.7.1909
 
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Die Pflastermeisterin.

Roman von Alfred Bock.

(Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.)

1 III.

Die Pflasterarbeit in Dietkirchen rückte nur langsam fort. Die Gemeinde hatte die Kosten, 'der Staat die Arbeits- Überwachung und spatere Unterhaltung der Pflasterstraße übernommen. Bei genauer Prüfung der Wegstrecke stellte sich heraus, daß der Untergrund- hier und da mangelhaft war. Es wurde Chausseeschotter und Kies aufgeschüttet. Wo die Neuauffüllung geschah, konnte mit der Pflasterung erst begonnen werden, nachdem das Deckmaterial Halt und -Festigkeit gewonnen hatte. Es kam vor, daß die Gesellen, die morgens zur Arbeit antraten, unverrichteter Sache wieder abziehen mußten. Das verdroß die Leute. Als der Straßemmterbau allenthalben gleichmäßig festgelegt war, drängte der Staatsstraßenbeamte, zu dessen Aufsichtssprengel Dietkirchen gehörte, so energisch auf rasche Fertigstellung der Arbeit, daß Friedmar die Zahl der Pflasterer beträcht­lich vermehren mußte und dadurch ganz gegen seinen Willen die Lohneinn-ahme der Altgesellen verkürzte, die seither mit ihm hantiert und sich auf eine lange Akkordarbeit eingerichtet hatten. So war Friedmars Verhältnis zum eigentlichen Stamm seiner' Leute mißlich geworden. Diese behaupteten, er habe schon am ersten Tage, da er als Meister-auf der Ar­beitsstätte erschien, den Herrn und Rechthaber herausge­kehrt. Das -war aber eine böswillige Unterschiebung. Fried­mar beabsichtigte keineswegs, seine Arbeitsgenossen die größere Machtbefugnis, die ihm jetzt zugefallen war, fühlen zu lassen. Aber er grollte ihnen, weil sie sich auf seiner Hochzeit so ungebührlich benommen und die Fischbacher geradezu herausgefordert hatten. Einzig aus diesem Grunde blieb er nach der Hochzeit auch den Mittagsmahlzeiten fern, die er ehedem gemeinsam mit den Gesellen in der Schänkezum wilden Mann" eingenommen hatte. Es traf sich, daß der Straßeuaufseher zur Mittagszeit die Pflaster­bahn in Dietkirchen besichtigte. Dieser war ein gewissen­hafter Beamter, der seine Sache aus dem FF verstand und scharf darauf sah, daß die begonnene Arbeit planmäßig und tadellos vollendet wurde. Bei gelegentlicher Prüfung hatte er einmal entdeckt, daß die Wölbung der Straße nach der Mitte zu steil anstieg. Sofort hatte er Friedmar, der da­mals noch Obergeselle war, herbeirufen lassen und befohlen, daß das Pflaster der beanstandeten Strecke wieder aufgerissen werde. Der Herr Aufseher konnte sehr unangenehm werden, wenn man feine Schuldigkeit nicht bei ihm tat. Im Privat- verkehr dagegen war er wie ausgewechselt, ein witziger, jovialer Mann, der einen guten Bissen und einen gediegenen -Trunk liebte. Auch mit Friedmar hatte er in zwanglosem Beisammensein schon manchen Schoppen geleert. Die Sonne stand scheitelrecht. Bom Turm der Dorfkirche drang gell und abgerissen das Zwölfuhrläuten auf die Arbeitsstätte.

Die Gesellen, die in der Sonnenglut nur mit §emb und! Hose bekleidet schafften, erhoben sich schwerfällig von ihren Holzpflöcken, zogen ihre Joppen -an und schritten langsam und ermattet dem Wirtshaus zu.

Wo halten Sie Mittag?" fragte der Aufseher Fried-, mar, der sich eben anschickte, den Platz zu verlassen.

Im Stern," antwortete der junge Meister.

Gehen Sie mal mit ins Einhorn. Da kehre ich immer ein, wenn ich über Mittag hier zu tun habe. Die Frau, Roth kocht eine Suppe, die einen Toten lebendig machen kann. Und das Fleisch schmilzt einem im Mund."

Friedmar kam die Aufforderung gelegen. Unterwegs erzählte der Aufseher, die Einhornwirtin sei verwitwet und eine entfernte verwandte des Bürgermeisters. Ihr Mann habe den größten Teil seines Vermögens an der Getreide­börseverwispelt". Der Frau sei eben noch so viel ge­blieben, mit ihrem einzigen Kind, einer Tochter, Hans und Hof über Wasser zu halten. Das Wirtshaus sei wenig besucht, aber das Essen sei delikat dort. Der Meister sollL nur erst probieren.

Die Einhornwirtin, eine Frau, an fünfzig, mit stark verwitterten Zügen, über auffallend strahlenden rehbraunen. Augen, hieß die Gäste willkommen.

Was gibt's zu essen, Frau Roth?" erkundigte sich der

Wie gewöhnlich, Herr Aufseher. Supp', Rindfleisch' Meerrettich und ein Stück Kuhkäs drauf, gut durchgezogen."

No, lassen Sie mal anfahren, Frau Roth, wir haben Hunger."

\ Während die Alte in die Küche trippelte und die Männer im kühlsten Winkel der Wirtsstube Platz nahmen, trat die Tochter des Hauses herein, den Tisch zu decken. Der Aufseher nickte ihr vertraulich zu.

Grüß Gott, Lina."

Gu'n Dag, Herr Aufseher."

Heiß heut."

Ja, mächtig, Herr Aufseher.

Da bring ich einen jungen Ehemann."

So?"

Seine Frau hat auf dem Kochlöffel gepfiffen. Aber wie er am Einhorn vorbei wollt', ist ihm der Küchenduft in die Ras' gestiegen. Da ist er bei euch eingekehrt. Also -angestrengt, Lina. Sonst brennt er uns durch."

Das Mädchen lachte hell auf, wobei zwei Reihen weißer Zähne zum Vorschein kamen. Frei, aber ohne Koketterie! ließ sie ihre Blicke über die schlanke Gestalt des jungen Meisters gleiten.

Ich mein', ich hab' Euch schon gesehen. Gelt', der Pflastermeister?"

Ja," erwiederte Friedmar, von der hüvj^en Er- scheinung des Mädchens betroffen.

Sie war nicht groß, sondern zart und zierlich gebaut. Aus dem Oval des ebenmäßigen Gesichts sprachen die glänzenden Augen der Mutter. Das braune Haar, das in