M9 — Nr. 59
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Spättnghof.
Roman von K. v. d- Eide L
(Nachdruck verboten.)
(Fortsetzung.)
„Tine, meine Tochter, was sitzest dn da und simulierst Und spekulierst?" klang Anndortjens Stimme vom Ofen her. „Du bist akkurat so wie dein Vater!"
Tine fuhr in die Höhe. „Mutter, da kommt jemand." ■ „Zu uns? Nanu! "Ein Herr mit 'nem Handstock. Wer kann das sein? Wir sind doch niemand nichts schuldig!"
Jetzt ging die kleine Haustür auf. Es wurde an die Stubentür geklopft. „Herein!" rief Anndortjen mit heller Stimme, und herein trat Jak Thomsen von Spätinghof.
Der junge Mann sah nichr Anndortjens mißtrauisch janf ihn geheftete Augen, er sah nur am Fenster das schlanke, schwarzgekleidete Mädchen mit den wunderbaren Glutaugcn und dem welligen, blauschwarzen Haar. Er sah mit einem Blick alles an ihr, jede Schönheit. Das kleine Ohr, das sich halb hinter dem dunklen Haar versteckte, die feinen Nasen- K, die zu zittern schienen, und den kleinen, roten Mund,
ie eine aufbrechende Knospe aussah. Nie war ihm ein Mädchen so leuchtend schön erschienen.
„Ihr kennt mich wohl nicht mehr?" fragte Jak und drehte sich nach Anndortjen um und wieder zurück zu Tine.
An der Wendung des kantigen dunklen Kopfes erkannte ihn Anndortjen.
„Jak, ach Gott, ja. — Nein, was du groß geworden bist! Setz nieder, ich will man schnell 'ne Tasse Kaffee kochen, das Wasser kocht all."
Jak setzte sich und sprach mit Anndortjen und sah dabei. Tine unverwandt an. Diese war so verwirrt, daß sie sich kaum regte.
„Der Alte ist gestorben?" fragte Jak.
„Ja," sagte Anndortjen mit einem klagenden Blick zu der niedrigen Decke hinauf, ,.er ist rein tot. Du hast ihn ja gekannt, Jak. Ein Bauernschlachter, was ist das? Das ist was und auch nichts. Im Frühjahr hat er gegärtnert, im Sommer stand er im Heu und im Herbst in dem Kleigarten. Im Winter aber, wenn das Eis in Zapfen stand, dann bliihte sein richtiges Geschäft. Und Schweine haben sie hier gemästet, ich sage dir, an die vierhundert Pfund. Da mußte er nun vier Wochen vor Weihnachten auf Mutshof das Schwein schlachten. Es wog," — Anndortjens Stimme brach — „dreihundertfünfundachtzig Pfund."
Sie wischte sich die Augen mit dem Zipfel ihrer blaugestreiften Küchenschürze und fuhr fort: „Wir hatten einen Frost, daß die Zapfen vor unserem Fenster vom Dache herunterhingen, dazu kam noch der Ostwind. Und mein Alter muß das Schivein draußen auf oie Leiter bringen. Dreihundertneunzig Pfund wog es. Ich kriegte ja ein
schönes Stück Speck, aber einen Husten brachte er mit. Und dabei hatte er drei Hosen und drei Jacken an und zwei Tücher um den Hals. Aber ich hab's immer gesagt, die Mannsleute sehen sich nicht vor; nun hab' ich die Bescherung."
„Und Tine?" fragte Jak. Seine Blicke verzehrten die schwarze Gestalt, die, unbeweglich mit dem Rücken an das Fensterkreuz gelehnt, ihm gegenüberstand.
„Ja, Tine," fuhr die Frau gejchivätzig fort, „das war auch seineSpekularion, das mit dem Nähenlernen. Nun sitzt sie da, als 'ne Braut, die niemand holen will, und ich habe die Last davon. Unsereins denkt doch auch einmal weiter. Ich hab' es ja immer gesagt: Gretjen Lorenz ist noch viel zu gut zuwege, die gibt nichts ab, und zwei Naherschen können sich in Ramstedt nicht nähren. Das beste i|i, Tina geyt in Dienst; denn eine Witfrau, die noch 'ne große Tochter bei sich hat, da greift doch keiner zu. So, nun trii^k man,) mein Jung, hier ist Kandies."
Jak tat einen leisen Pfiff durch die Zähne und schlug mit dem Handstock an die Hosen. „Wegen Tine komme ich gerade; ich wollte sie mieten." Seilte dunklen Augen bohrten sich in die des Mädchens.
Tine sah ihn wie gebannt an und konnte ihren Blick nicht abwenden. Sie hätte laut rufen mögen: Nein, ich will nicht; aber sie brachte keinen Ton aus der Kehle.
„Ja, ich weiß nicht," meinte die Mutter. „Gut haben würde sie es wohl bei euch, das glaube ich gern. Ich habe ja auch eure arme Mutter gehegt und gepflegt und hab' ihr die Augen zugedrückt. Und" daun hab' ich euch hier herüber genommen und habe Buchweizengrütze mit Sirup und Warmbier gekocht. Ja, das hat euch geschmeckt. Was hab' ich davon gehabt? Nichts als einen Dreigroschenstuten, und der war behext."
„Mutter!" sagte Tine leise mahnend.
„Na, man erzählt sich doch .allerhand von Mamsell; daß sie 'ne Hexe ist, das weiß doch Land und Sand."
„Das nehme ich auf mich, Frau Nachbarin. Ich stehe dafür ein, daß Tine nichts passiert. Wiebke Themann ist zwei Jahre bei uns gewesen. Sechsundfünfzig Taler sind doch auch mitzunehmen."
„Ja, ja." Anndortjen drehte und wand sich; sie nahm ihren Schürzenzipfel in die Hand und sah sich in der Stube um. Sie konnte aber nirgends ein Stäubchen entdecken; es war alles blank und sauber. „Was macht denn Jan?" fragte sie.
„Jan? Der ist gut zuwege."
. „Er war ein guter Junge."
„Ja, ja." Jak war aufgestanden, er zwang Tine, seinem Blicke standzuhalten; sein Blick sog sich an ihren Augen fest. „Kannst du zum ersten März kommen?" fragte er, als er dicht vor ihr stand. Er fragte laut und herrisch.
„Ja," sagte Tine leise; sie >vav wie hypnotisiert.


