Ausgabe 
15.3.1909
 
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;,Sn dem' grünen Wald,

Wald ist mein Aufenthalt, Allwo ich in meinem Sinn' Gewesen, ja wesen Lin."

3. So viel Land, als an der Linde ist. So vielmals hat mich mein Schatz geküßt. Aber ich muß gesteh'n: Weiter ist nichts gescheh'n.

Doch die Amsel soll mein Zeuge sein Wir waren ganz allein.

Das Liedcheir, dem!, tote man sieht, eine ganz reizende Melodie in Bettenhansen, eigen ist, wird auch sonst in der Umgegend Gießens gesungen. Bocket hat es schon 1879 in der Spinnstube zu Heuchelheim bei Gießen singen hören. In Großen-Linden, wie in Großen-Buseck ist Text und Melodie verändert, die Um- Strmungen reichen aber beide nicht entfernt an die Schönheit es Bettenhäuser Liedes.

hinter -en Kuliffen der Mode.

Zwischen den großen Modehäusern der Rue de la Paix hat jetzt wieder jener stumme heimliche und erbitterte Kampf begonnen, der alljährlich im Frühjahr $ttm Austrag kommt und von dem die graziösen Pariserinnen' und die fremden Stimb innen der franzö­sischen Modekünstler nur ivenig erfahren. Die Ateliers suchen sich gegenseitig die phantasievollen und erfolgreichen Dichterinnen der neuen Frühjahrsroben abspenstig zu machen, und nicht selten werden Furstengehälter bezahlt, um diese oder jene Königin des Arbeitszimmers, die in der vergangenen Saison mit ihren ge­schmackvollen und geistreichen Dessins ihrem Atelier den Weg «mn Ruhm bahnte, der Konkurrenz abspenstig zu machen und für Has eigene Atelier zu engagieren. Ta ist diese oder jeneerste Anpasserin", die im letzten Modefeldzng durch ihren aparten Geschmack die Gunst der elegantenj Welt im Sturm erobert hatte und deren .Tätigkeit für den Chef die beste Reklaute und die höchste Ehre bedeutet. Aber noch wichtiger für den geschäftlichen Erfolg der Saison ist Vielleicht die erste Verkäuferin. Sie muß alle Tugenden der klugen Frau in sich vereinigen, den zartesten Takt mit Geist und Liebenswürdigkeit, Geschmack mit Anmut und Sprachgewandtheit; aber all das würde nicht ausreichen, wenn sie nicht eins besäße, was sie vor allen anderen auszeichnen muß: List. Sie muß es 'verstehen, die anspruchsvolle Kundiit nicht nur Kufriedenzustellen, sondern auch so zu kleiden, daß ihre Tvilette rühmliches Aufsehen erregt; sie muß es' aber auch verstehen, die weniger eleganten Danten, die von der Natur aus mit einer Anziehenden Erscheinung nicht gesegnet sind, durch Raffinement Und Schlauheit von .dem Ankauf der schönsten Modelle zurnck- zuhaltcn. Es gibt fffir eine echte Pariser Verkäuferin kein größeres Herzeleid, als ihre schönsten Toiletten mit einer Dame entschwinden M sehen, die nichtchie" ist und durch ihre Erscheinuirg rind ihr Auftreten das erworbene Wunderwerk der Kleiderkunst wicht angemessen zur Geltung zu bringen vermag. Es gibt nichts Lustigeres, als! in einem der berühmten Läden der Rue de la Paix zu beobachten, mit welch tückischer Liebenswürdigkeit die ehr­geizige erste Verkäuferin sich bemüht, ihr unsympathische Kundinnen von dem Ankauf der schönsten Toiletten und der neuesten Entwürfe abzuraten. Die schlanken graziösen Mannequins rauschen langsam durch bett Raum und zeigen die neuesten Schöpfungen der Mode. Aber während die Kundin noch alle Schmerzen der Ungewißheit durchkostet, hat die Verkäuferin im stillen längst ihren Entschluß gefaßt. Um keinen Preis darf diese etwa ungraziöse Südameri­kanerin oder jene etwas plumpe Madame den Stolz ihres Ateliers davontragen.Aber gewiß, Madame, aber gerne . . . Aber Madame hat -übersehen, wie diese Linien hier ihre Gestalt un­günstig erjd)einen lassen. Madame muß schlank aussehen, die Taille muß einen anderen Winkel bilden, ach ja, sehen Sie, dies Kleid hier, dies ist das richtige, dies ist die Form, die MadaMes Gestalt am günstigsten betont." Und Madame ist immer Wachs in der Hand einer Pariser Verkäuferin. Sie nimmt, was ihr bestimmt ist; die schönsten Modelle aber Werben nur an wenige Liebtingskundinnen vergeben, bei denen man die Gewißheit hat, daß sie dieerßativn" auch günstig lancieren werden. Das sind jette Königinnen in der Mode, deren Beispiel für die übrigen Damen tonangebend ist und die die Macht haben, ihren Schneider berühmt zu machen oder zu ruinieren. Aber die erste Verkäuferin schmiedet rastlos nette Pläne. Die Hübschesten, die graziösesten, die elegantesten ihrer Mannequins müssen in den neuesten Roben zum Rennen, in den Bois oder auf die Chämps' Elysoes, um hier am Sonntag Morgen auf demSentier de la Vertu" die treuesten Lmienmelodien und Farbensittfonien ihres Ateliers den neugierig neidischen Blicken der Pariserimten zu zeigen. Die Keinen Schnei­der buben dann Spalier, um hier die letzten geistreichen Ein­fälle der Modegöttin zu erhaschen und hinter einem Baum halb verborgen ober durch eine Zeitung verhüllt, hastig mit dem Bleistift festzuhalten.ek

Vermischtes.

"Goethe als Pantoffelheld. In einem Almanach aus dem Begimt des 18. Jahrhunderts finden wir eine amüsante Schilderung, die den großen Geisteshelden Goethe als einen richtigen Pantoffelhelden kennzeichnet. Es heißt darin:Unser Ausflug in die Gefilde der Umgegend Weimars ist dadttrch gestört worden, daß Johann Wolfgang v. Goethe sich uns nicht anschließen mochte. Trotzdem er uns seyue Zusage bereits gegeben hatte. Der Grund ist nur in dem ungnädigeit Verhalten der Charlotte von Stein zu suchen, beim jedermann weiß, daß er ein Weiberheld, und ein richtiger Pantoffelheld sey. Wenn immer sie schlecht Laune be­zeigt, müssen wir alle auf seyue Geselligkeit verzichten, denn nur sie hat zu bestimmen, und er sagt kein Wort dazu. Sie hält die Zügel in der Hand, und er muß danach teinigen. Wir waren zu­sammen sehr ärgerlich auf Johann Wolfgang und auch auf Char­lotte, beim wir sehen keinen Grund darin, daß sie uns seyue Ge­sellschaft vorenthält. Es ist ridicule, daß er sich also von ihren Launen bestimmen läßt. Mais, assen, er bleibt doch trotz aller Munterkeit, trotz aller sentiments, trotz des esprits ein unter­würfiger ihres Herzens und ein Pantoffelheld." Auch Christiane Bulpius gegenüber wurde es Goethe sehr schwer, seinen Willen zu behaupten. Selbst in den Fällen, in denen er von der Richtigkeit seiner Ansichten vollkommen überzeugt war, konnte Christiane doch immer ihn zu ihrer Ansicht bekehren, natürlich ivaren es zumeist Kleinigkeiten, Fälle, die sich im häuslichen Leben abspielteu, wo die Frau die Oberhand behielt. So war der Einfluß von Christiane immer ausschlaggebend, wenn es sich darum handelte, Neuerungen auf dem Gebiete des häuslichen Lebens ober in bet Kleidung zu treffen. Es war nicht bie Toilette von Christiane, bei bet sie ihren Geschmack durckisetzte, sondern die Garderobe des großen Goethe, die ihr allein oblag zii bestimmen. Die schlechte Laune von Christiane soll es inöglich gemacht haben, Goethe, der ja bekanntlich bei seinen Arbeiten nicht allzuviel von der Umgebung abhängig war, die Stimmung für eine Arbeitszeit vollkommen zu verderben.

Literarisches.

Illustrierte Zeitung, Leipzig, Verlag von I, I. Weber. Die Auslese an wertvollem Bilder- und interessanten! Textmaterial, das in der soeben erschienenen Nummer 3427, m geschmackvollster Form dargeboken toirb, ist so reichhaltig, daß mir uns hier mit einer kurzen Aufzählung der bemerkenswertesten Teile Begnügen müssen. Zunächst fallen eine Anzahl großer, in sich abgeschlossener, reich illustrierter Beiträge auf, so z. B. Tie Entwicklung der Schrift" (sechs Wandgemälde von Hans Kob er st ein),Auf der Hortobagh", bekanntlich der letzte Rest der alten ungarischen Puszta, undModerne Prunkwäsche". Statt­lich ist auch die Zähl der Vollbilder; Mir finden in vvrM-t lichen ReproduktionenTie Sängerin" von F. E. Wvlsrvmt, I. F. EngelZaungäste", W. KrahmerMotiv bet Leitmeritz" undVor Sonnenuntergang" nach einem Kupferstich von F. A. Berner von O. Frenzel. Mehrere Biographien berühmter Männer, unter betten eine Würdigung Willy Burmesters aus der Feder von Arthur Smolian besonders hervorgehoben sei, btto en den lieber gang zu dem nicht minder interessanten tagesgeschichtlichen Teil. Von dem übrigen umfangreichen Material sei nur noch auf zwei AufsätzeDie drohende Verteuerung der Telephongebühren" von Dr. August Koppel undR«chsstenograpNe" von Professor Dr. Eduard Eitgel hingewiesen.

Zitaten-Rätsel.

Aus jedem der folgenden Zitate ist ein Wort zu nehmen, f» baß sich ein neues Zimt ergiedt:

1. Was ist das Leben? Ein Trugbild nur, Ein Schatten und ein flüchtiger Gedanke.

2. Wer Rätsel beichtet, ivird in Rätseln losgesprochen.

3. Nur bie Lumpe sind bescheiden, Brave freuen sich der Tat.

4. Sein Schicksal schafft sich selbst der Mann.

5. Hast btt getan, was deine Pflicht, Vertraue Gott, beim er verläßt dich nicht.

6. Ein Dummkopf findet immer einen Dummkopf, der ihn bewundert.

7. Der Fürst ist der erste Diener seines Staates.

8. Verlaffen, verlassen, verlassen bitt il

Auslösung in nächster Nummer.

Auslösung des Königszugs in voriger! Nuumtep! Bricht unter dir bie Brücke, Denk' nicht, daß Gottes Hand Dich aus beut Wasser zücke Und heb' an's trock'ne Land.

Gott wollte sich erbarmen, Als er dir Arme gab;

Nun rud're mit den Armen

Dich selber aus dem Grab. WackernagÄ»

Redaktion: K. Neurath. Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei, R. Lange. Gießen.