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Aus einem Zimmer drangen die leisen, silbernen Töne einer Wagenden Uhr. Zwölfmal klang das feine Stimmchen deutlich durch die Stille, die etwas Atemloses und Unheimliches Kalte, in dem schlafenden Hanse mit feinem Dust nach welkenden! Blumen.
Lena von Rieding wandte langsam: den Kopf nach zhrems Begleiter. Ihre Augen hatten wieder das tote Leuchten, jein schwer zu enträtselnder Ausdruck umzuckte ihren roten Mund. Ehe der junge Offizier noch die Bitte stammeln konnte, di« ihm auf den bebenden Lippen lag, fügte sie schon, den Kopf schüttelnd, traurig und schelmisch zugleich:
„Aschermittwoch! Das Fastnachtsspiel ist aus. Gute Nacht, Herr von Hassingen!"
(Fortsetzung folgt.)
Das Volkslied in Gberhesien.
Bon Pfarrer O. S chu l t e, Großeu-Liudeu,
III.
Eine Auswahl von oberhessischen Liedern soll hier nun folgen. Sie sind zum Teil dem! Archive der hessischen Bereinigung für Volkskunde entnommen, zum Teil entstammen sie eigenen Sammlungen. . , .
Das erste der! Lieder ist ein altes r eligivses Volkslied. Ob es zu einer Heiligenlegende gehört, ob es die legendarische Ausdeutung eines ungewöhnlichen Vorgangs darstellt — wer will es sagen? Genug, der Sinn scheint dieser: Eine Jungfrau ist in den Garten gegangen, Rosen zu brechen, und dabei dem Tode zum Opfer gefallen. Tas Lied berichtet, sinnig ans- schmückend, sie habe dort einen weißen Knaben gesehen, der sich auf ihre Frage als den Heiland Jesus Christus zu erkennen: gegeben habe. Die Ausdrücke „Maler" in der 3. und 4. Strophe, das Wort „malen" in der 3. Strophe sind unverständlich. Man erwartet dafür eher „Meister" und „machen". Tas Sieb stammt in dieser Fassung, wie schon bemerkt, ans Sandlofs im Schlitze» lande.
1. Es wollt'el - ne Jung-frau früh auf-steh'n, in den
Gar - ten wollt' sie geh'n, sie wollt' bre-chen et - ne
i
Ro-se__ ab, ei-ne Ro - se, Ro-se, brach sie— ab.
2. Und als sie in den Garten kaut. Sieh', da stand ein weißer Knab'. „Wer hat dich herein gelassen?
Ich hab' alles, alles wohl verwahrt!" —-
3. „Mir ist keine Mau'r zu hoch, ja hoch Und auch kein Schloß zu fest.
Ich bin ja der himmlische Maler,
Ter alles, alles malen kann." —
4. „Wenn du der himmlische Maler bist. So sag', wie heißt dein Nam'?" — .
„Mein Nam', der heißt Herr Jesu Christ, Herr Jesu, Jesu heißt mein Nam'."
5. Herr Jesus schrieb ein Briefelein, Nicht mehr als zwei, drei Wort': >
„Mein Vater wohnt im Himmel, An einem schönen, schönen Ort." —
6. „Wenn das mein Vater und Mutter müßt', Daß ich im Himmel wär', Sie täten sich nicht säumen Und kämen, kämen auch zu mir."
Dieses Lied ist, Wie schon bemerkt, ein altes religiösesl Volkslied. Man erkennt es daran, daß es eine religiöse Geschichte, wiedergibt. Es ist durchaus verschieden von den neueren religiösen Volksliedern, die in Oberhessen gesungen werden, und die mir Empfindungen, Gefühle darsteilen, wie: Laß mich gehen, Harre meine Seele, Ich bete au die Macht der Liebe. Tas alte religiöse Volkslied behandelt Legenden oder enthält Ausschmückung biblischer Berichte. Zu der ersteren Art gehört z. B. das imi ganzen Vogelsberge und darüber hinaus bekannte Lied von bei: hl. Ottilie:
Die heilige Ottilie lvnr blind geboren,
Ta kriegt der Vater einen großen grimmen Zorn, Ein Füßlein ließ er binden nsw.
Jtnb das ebenfalls weitverbreitete Lied von der hl. Katharina: Ter Kaiser und der König, Tie stritten beide sich Wohl nut die Katharina, nsio.
Zu der letzteren Art gehört das gleichfalls vielgesungeiie Lied: Maria die tvollt' wandern gehn. Wollt' alle Länder ausgehen,
Wollt' suchen ihren Sohn,
Ten sie verloren hat usw., und das selten gewordene:
Ais unser Herr Jesus zu Tische wohl faß.
Mit seinen zwölf Jüngern das Abendmahl aß, usw.")
Vielleicht tvundert sich dieser oder jener darüber, daß, in dem' fast ganz evangelischen Oberhessen noch Legenden gesungen werden. Aber jedem, der Volkskunde treibt, ist es ja bekannt, daß sich keine einzige Religion oder Konfession int Volke ganz rein in allen Konsequenzen durchsetzt. Es bleiben immer Reste der früheren übrig.
Bezeichnend für das religiöse Volkslied im Bogelsberge ist es auch, daß es nicht etwa bei besonderen Gelegenheiten, nein, mitten unter weltlichen Liedern angestimmt wird. Ich habe z. B. schon einmal das Lied: „Laß mich gehen" bei einer Kirmes gehört. Man hat oben im Gebirge den Unterschied zwischen Geistlichem und Weltlichem noch nicht so scharf gezogen, wie an den Abhängen und in der Ebene. Beides gehört da noch zusammen^
Der religiösen Volkslieder haben wir freilich nicht viele. Um so mehr Lieder, die die Liebe zwischen M a n si und Weib zum Gegenstand haben. Eines derselben, dessen Melodie an Innigkeit wohl von keinem andern übertroffen wird, ist das Lied von der grünen Heide, das Lehrer Schambach in Eichelhain, Kreis Lauterbach, ausgezeichnet hat:
1. So grün, wie ist—die Heiden, so grnn möcht' ich mich
kleb den. Mein -schätz, den ich so ger-ne hab', der
will ja von mir schei-deu.
2. Und scheidet er so weit von hier. So ivünsch' ich ihm viel Gutes.
:,: Wo ich ihn seh', wo ich ihn hör'. Schwingt mir mein Herz im Blute, j, r
3. Wenn von Papier der Himmel wär'. Und jeder Stern ein Schreiber,
:,: Und jeder Schreiber hätt' tausend Händ', Sie schricb'u nicht uns're Lieb zu End'.
In dem Liede scheinen Strophen vereinigt zu sein, die Ursprünglich nicht zusammen gehörten. Tie schöne Schlußstrophei ist jedenfalls Manderstrophc, die auch in andern Liedern vor- konunt. Tie erste Strophe scheint Kunststrophe zu sein. Aber wenn auch, das Ganze erscheint doch aus einem Gusse. Dis Heide ist grün, über die der Schatz zieht, und an die grüne Heid« wird die zurückgelassene Braut denken, so oft sie des Scheidens! sich erinnert.
Dem vor hingenannten Liede an Schönheit, aber wieder nach ganz andrer Seite hin, ebenbürtig ist das sogenannte Amsellied, das Reichstagsabgeordneter Köhler, Langsdorf, uns übersandt hat. Es stammt ans Bettenhausen bei Langsdorf im Kreise Gießen,
Ge-stern Abend in der stija-stillen Ruh', härt'ich- ei-ner
ycdehni
Am-sel in dem Wa-ja-Wal-de zu— Als ich so da
saß, mei-ner ganz ver-gaß, kam die Am-sel, schmeichelt
si-ja sich um mich, sie kü - ja - küß - te mich.
„Ei, du Amsel/ schmeichelst unerschreckt, Wer hat dir mein' Einsamkeit entdeckt?" —
*) Ter Verfasser des Aussatzes mürbe dankbar sein, wenn jemand die Melodien der genannten vier Lieder ihm einsenden wollte.


