Ausgabe 
15.3.1909
 
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die Tische mit den zerknüllten Servietten, den blitzenden Glasern mit dein rubinroten und grünlich-goldenen Inhalt, über bte er­hitzten Gesichter, in denen glanzende oder trunken matte Augen lebhaft lvanderten oder verträumt starrten, er horte das feine Geklirr von Porzellan und Glas, die plaudernden und lachenden Stimmen, die prickelnde Zigeunermusik, und es kam ihm so absurd vor, so lächerlich tragisch inmitten dieser genießenden Oberflächlich­keit aus de» Tiefen seines Herzens ein Gefühl herauszuheben, das nur für Moudscheinuächte int Buchenwald geschaffen schien. Trotzdem wollte er nicht mehr zurück. Ter Trotz der Verzweiflung trieb ihn vorwärts.

Ich hatte wohl Gelegenheit die reick-e Heirat zu machen! sagte er, und seine Stimme klang leicht gepreßt.Aber ich kranke an der Liebe des armen Leutnants zu dem armen Mädchen, das ich nicht heiraten kann und doch nicht aufgeben will."

Run tvar's gesagt, die Last abgewälzt. Verstohlen suchte sein unruhiger Blick 'das Antlitz der jungen Frau. ,

Er hätte sie schon, während er sprach, ruhig ansehen können.

Eine Lena von Rieding verriet sich nicht so leicht, auch juetut eine geliebte Hand ihr den Todesstoß, versetzt hätte. Dle Stirn wnr glott nnd soltentos, das goldörnnne Änge ttctx nnb ruhig, der Mund fest geschlossen, ein wenig herb, wie stets, wenn ihre Züge unbewegt waren. Mit gedämpfter, aber ganz fester

Hässingen mußte an die Worte denken, die sie am Schluß des Maskenballs von dem schalen Rest, von dem hässlichen Ende alles Schönen gesprochen. Ob auch sie Aehnliches dachte?

Er mochte, auch int Scherz, nicht die Frage darnach tun, und sie selbst deutete nichts an, daß itjire Stimmung sich ge­trübt Habe.

Aber zwischen den schmalen Braneii über der seinen, geraden Rase stand eine kleine Falte, deutlich« erkeicubar int grellen Licht des Vollmviides, gegen dessen Glanz die Gaslaternen trübe schienen und die Sterne nur schüchtern zu blinzeln wagten.

Tie Straße lag wie ausgestorben, aber hinter den etinta.y= teten Fenstern pulsierte noch das Leben. Verivorrcne Musik- klänge, ein klirrendes Fenster. Tann wieder Stille, nur das leise,, knisternde Seidenrauschen, der Schall ihrer eigenen Tritte.

In diese Stille hinein sagte Lena von Rieding mit der ihr eigenen Impulsivität: .

Sie waren heut abend sehr offen zu mir, Haus, und ich möchte nicht gegen Sie zurückstehen. Sie sollen wissen, woran ich kranke. Mein Mann hat mich zwei Jahre lang mit grundloser Eifersucht derart gequält, daß ich mich verzweifelt nach Glück, nach einem großen Gefühl sehnte, das mich siir heimliche Oualeu entschädigen'sollte. Ich fands in Bordighera, Ivo mein Manu mich gezwungen zurücklassen mußte, weil ich die rasenden Fahrten nicht mehr aushielt. Wenn mein Scharfblick mich nicht tauscht, so hat Frau von Schlettau mir schon einen Teil meiner Beichte ab genommen. Ich log, als ich gestern sagte, ich wüßte nicht, warum die Frau mich haßt, ich weiß es wohl sie war, zu I spät erfuhr ichs, die Geliebte des Mannes, der mir von Lieb« sprach, und dem ich ein Gefühl schenkte, das mau schwerlich ein zweites Mal so groß und stark empfinden kann. Es war ein Mitglied der nichtregierenden Nebenlinie eines Fürstenhauses, ich war nicht so selbstbewußt, wohl aber so überzeugt von feinet Liebe, paß ich darin kein Hindernis für unsere eheliche Verbindung sah. Ich wollte eine Scheidung von meinem Manne durchsetzen, aber ehe ich mit dem Prinzen in den kurzen Minuten des Allein­seins, die uns gegönnt waren, ernstlich über die Zukunft reden konnte, starb mein Mann. Es wäre Heuchelei, wollte ich be- I haupten, ich hätte ihn heiß betrauert, aber ich war von dein I Unglücksfall doch tief erschüttert und reiste ab, ohne den Prinzen I vorher gesprochen zu haben. Nach sechs Wochen erschien er in I Wannsee, ich hatte ihn erwartet mit dem Fieber der Sehnsucht, I das nur Glücks- und Liebeshungrige kennen"

Tie junge Frau holte tief Atem, und es schien, als wurde! I ihr Gang schleppend und schwer. Und dann sagte sie fast hart: IJa, er kam, wie ichs gehofft, und bot mir an, mit eilten

I Selbstverständlichkeit, die verriet, daß er nie au anderes §e- I dacht seine Geliebte zu werden. Ich wies ihm ohne jebe I weitere Erörterung die Tür, meine Liebe starb in einem kurzen, I qualvollen Todeskamps, aber seit jener Stunde werd ich den Ekel I nicht mehr los, das Mißtrauen vor allen Gefühlen, allen Freuden I wie müssen kleine Gefühle enden, wenn ein großes in den I Schmutz gezerrt werden sollte. Seitdem treibt mich auch eine | innere Ruhelosigkeit von Ort zu Ort ich habe wirklich eines I Art Spleen, wie man sonst dem Engländer zuschreibt, ich« such« 1 eine Heimat für mein .Herz, aber ich finde sie nirgends. Bitte, I sagen Sie mir nicht die gebräuchlichen Trostworte, sie sind zwecklos I und unwahr in solchen Monrenten, ich will auch« nicht noch I zuletzt eine tragische Note in das Konzert unserer drei Karnevals- I tage bringen. Ich habe Ihre Beichte ja auch nicht tragisch I genommen." .

Sie ging jetzt wieder rascher und elastischer und« brachte, I Hässingen' jeder Aeußerung enthebend, das Gespräch auf die stille

Aber Hans von Hassingens .blaugraue, längliche Augen leuchteten in einem bittenden Verlangen auf, als er die kühle, unbekleidete Hand, die Lena von Rieding ihm hinhrelt, fest umschloß. ,

Tie Haird entwand sie ihm'. In einem Aufflammen teeren«, jugendlichen Wagemuts wollte er statt dessen den Arm um ihre Schultern legen, sich den Kuß zu holen, das Recht des Karnevals, auf das er nicht verzichten zu können glaubte, aber die junge Frau war rasch eine Stufe höher in die geöffnete Tür getreten.«

Tas elektrische Licht zuckte auf. ... .

Still!" flüsterte Lena von Rieding, hob den Zeigesinger empor und neigte lauschend den Kopf.

Stimme sagte sie:

Tas ist allerdings ein ganz besonderes Verhängnis für «re, Hans, dessen Losung nicht so einfach sein dürfte. Sie tun mir leib, diese Verschärfung der Konflikte wäre nicht nötig gewesen aber glauben Sie ja nicht, daß Sie mir deshalb kleiner erscheinen, weil Sie für ein großes Gefühl einen aussichtslosen Kampf kämpfen. Ich will sogar mit Ihnen anstoßen auf das Wunder, das kommen soll, um Ihre Liebe zum Ziel zu verhelfen."

Sie sind so gut, Lena!"

Neberschätzen Sie mich nicht, mein Freund!"

Sie lehnte sich zurück und ein rätselhaftes Lächeln umspielte ihre roten Lippen, während sie ihm aufmerksam zusah, wie er die Sektflasche ans den klirrenden Eisstückchen hob und die Gläser to°^3umter mit demselben Lächeln nahm sie ihr Glas und näherte xs dem seinen.

Auf Ihre Liebe, Hans!"

Auge tauchte in Auge. Tie Goldpünktchen in der braunen Iris flimmerten, die roten Lippen lächelten. Lauerte nicht etwas hinter diesem Lächeln? Schelmerei oder Spott? Oder Mitleid? Oder ein heimliches Weh?

Hans Hässingen konnte dieses seltsame, müde Lächeln sticht vertragen, dieses Lächeln peinigte und« reizte ihn, und im Moment, da er hätte nur seiner Liebe denken dürfen, dachte er an den weichen, sehnsüchtigen Küß dieser lächelnden Lippen.

Seine Hand begann zu zittern, da er sein Glas ort das der jungen Frau stieß. Ein leise singender Silberton, der mit einer Dissonanz, dem feinen Knistern springenden Kristalls endete.

An Hassingens Kelch lief ein feiner, schimmernder Strich schräg durch die klare, spiegelnde Glaswand und verlor sich erst im schlanken, geschliffenen Stengel. Er hatte von jeher den Aber- glanben verlacht, aber im Moment war der Ton des springenden. Glases ihm doch« auf die Nerven gefallen, und« fein junges Gesicht war fahl, geworden.

Auch« Lena von Rieding erblaßte und suchte mit ßlugen, in denen ein leises Grauen stand, an ihrem Glase nach dem bösen Vorzeichen. Aber das ihre war heil geblieben. Ta glomm es flüchtig in ihrem Gesicht auf wie ein heißes Leuchten, und sie fanb ein Scherzwort, das die Deutung des kleinen Zufalls har- , . .. -

I des nächtlichen Wiesbadens. .

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Sie ein Vielliebchen mit Hässingen auf J'y Peuse und« verlor es schon nach wenigen Minuten, sie behauptete pineu kleinen Rausch zu haben und war so süß Und reizend«, daß dem jungen Offizier, der sich jetzt wie erlöst fühlte, seit er fein Geständnis los geworden, keine Bedenken mehr kamen!, sich pn ihrem Liebreiz zu erfreuen. Auf seine Liebe kam sie mit keinem Wort mehr zurück, auch dann nicht, als sie allein durch das schlafende Wiesbaden schritten und« der kühle Windhauch«, der aus den Parkanlagen her reinigend die Wilhelmstraße entlang1 wehte, die heißen Köpfe ernüchterte.

Wie immer auf dem Heimweg wurde die junge Frau stiller lind ernster, je nWr sie ihrem Ziele kamen.