Ausgabe 
15.2.1909
 
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zählt der Künstler,in Boulogne-sur-Mer als der 'Sohn eines Kuchen-und Pastetenbäckers; an den Süßigkeiten des Lebens' hat es mir also schon in meiner Kindheit nicht ge­fehlt. : Mein Baier wollte anfangs, daß ich sein Nachfolger würde und mein Leben in der Backstube zubrächte, dazu hatte ich aber durchaus keine Lust. In seinem Aerger deportierte mich der Vater nach England, rief mich aber-bald wieder von dort zurück und brachte mich tut der Eisenbahn in Bon- logne-sur-Mer unter. Für die Prosa des Eisenbahndienstes hatte ich jedoch ebensowenig Verständnis wie für die Poesie des Bäckerhandwerks: Zum Theater trieb's mich mit aller Macht. Was bic Liebe zur Schauspielkunst iir mir er­weckte, ob die ewig wechselnde, phantastische Szenerie des heimatlichen Gestades oder die Lektüre dramatischer Werke, weiß ich selbst nicht recht. Jene närrische Sehnsucht nach dem Theater muß wohl von Anfang an mehr oder weniger bewußt in mir gesteckt haben. Nebermächtig wurde dieser Drang, zur Bühne zu gehen, als ich von den ersten großen Künstlererfolgen meines Bruders hörte. Da hiclt's mich nicht länger in Boulogne-snr-Mer; mein Vater mußte mir die Erlaubnis' gebenmeinem Bruder zu folgen." Zn- terefsant find die Mitteilungen Cvguelins über seine Ar t, zu ärbeiten :Wenn Sie mich fragen, wie ich arbeite, so bemerke ich zunächst, daß ich die Menschen nicht eben sehr studiere. Vielmehr scheint es mir, als ob ich, wenn ich diese oder jene Rolle studiere, eine Art unmittelbarer Vision der darzuftelleiiden-Bühnenfigur habe. Stelle ich zum Beispiel einen Geizigen dar, so zeichnen sich die Sil­houetten eines Geizigen in meinem Geiste, und diese Sil­houetten suche ich zu verkörpern. Die eigene Erfahrung ist im allgemeinen für den Schauspieler nicht erforderlich. Wer könnte auch verlangen, daß der Bühnenkünstler alle Leiden­schaften, die er zur Darstellung bringt, selber vorher durch- gekostet habe? Anders steht es jedoch mit der Liebe: Um diese lebensvoll und wahr auf der Bühne zum Ausdruck bringen zu können, muß man selber geliebt haben. Für alle anderen Leidenschaften ist die eigene unmittelbare Er­fahrung entbehrlich; hier hilft sich der begabte Schauspieler durch Lektüre und durch die Beobachtung der Welt, die ihn umgibt. Im großen ganzen jedoch arbeite ich wenigstens hauptsächlich, mit Hilfe meiner Phantasie." Zur Anregung seiner Phantasie dienten ihm hauptsächlich die Bilder, die zahlreich an den Wänden seiner Wohnung hingen. Sie waren ihm für seine Arbeit unentbehrlich, uiid die unbe­deutendste Federzeichnung, die wunderlichste Karikatur konnte das innere Wachstum der Bühnengestalt in ihm be­fördern. Ueberhaupt liebte er die bildende Kunst sehr, Hol­bein schätzte er über alles und für Wilhelm Busch, von dein er alle Werke besaß, hatte ereine wahre Schwär­merei, eine tiefe Bewunderung". Sonst war er weder mit deutscher Dichtung, noch-mit deutscher Theaterkunst ver­trant. Er kannte nur etwas von Goethe und hatte unr­ein einziges Mal in Köln eine deutsche,Schauspielertruppe gesehen.Leider bin ich nicht nach Deutschland' gegangen."- Er arbeitete nicht viel.Nur mich zur Arbeit gedrängt zu fühlen, muß ich eine Rolle zu studieren haben. In diesem Falle aber arbeite ich überall unb ununterbrochen, int Wagen, beim Essen, im Bett, dann kann ich überhaupt nichts anderes tun als arbeiten, dann habe ich nur eine fixe Idee als meine Rolle. Wenn inan die Theaterleidenschaft hat, daun ist das wie eine Krankheit; wer sie aber nicht hat, der wird nichts Gutes schaffen, nichts Lebendiges. Auf der Bühne selbst ordne ich durchaus nicht meine Persönlich- . A ^cr. Vtm wir bargestellten Person unter, sondern ich fühle mich als ihr Herr. Doch behaupte ich, daß man rnm- destens elf- bis fünfzehnmal eine Rolle gespielt haben muß, ehe man sie vollständig beherrscht. Für beit Schauspieler 'ft oben wie für jeden anderen Künstler die Zeit die beste Lehrmeisterin."

Der Nömg in Unterhosen.

Im Reichstage sprach kürzlich der Abgeordnete,Dr. Pfeiffer zugunsten eines Theatergesetzes und erwähnte dabei auch ein paar

ZensuMcklein. Eines dapbu betraf beit Talisman Ludwig Fuldas. Hierzu schreibt nun der Dichter freut Bert. Tagbl. folgende lnWge Geschichte, die wir im Auszugs wiedergeben.

' ,/Jü Wi en sollten, als das Werk am dortigen Deutschen! VolMßcater seiner Erstausführung entgegenging, die beiden Vers« der Rita nicht gesprochen werde« dürfen, die da läuten:

Herr, kann dich das im Ernst erbosen?

Du 'bleibst! der König auch in Unterhose»."

Als ich damals in Wien zu den Proben eintraf, war das Verbot bereits in allen Zeitrtitgen und Witzblättern besprochen' und kommentiert worden, und die zwei ominösen Verse hatten' dank der vorsorglichen Obrigkeit eine Notorietät erlangt, di« ihnen sonst vermutlich nie zuteil geworden wäre. Herr Direktor v. Bukovics erklärte mir infolgedessen, er lege den größtem Wert darauf, daß die gestrichene Stelle wieder freigegebetc würde, und er verspreche sich viel von meiner persönlichen Intervention!. Ich fuhr also in Begleitung des Dircktionsselretärs auf die f. k. Statthalteret und trug einem jüngeren Beamten, der uns Mit vollendeter Höflichkeit, empfing, unser Anliegen vor. Ich betonte vor allem, daß. diese Worte eines unschuldigen Kindes nicht etwa

. eiste «Respektlosigkeit, sondern den naiven Ausdruck echtester Königs- : treue enthielten, insofern sie die.Unabhängigkeit der Würde des! Monarchen -von iseinem Kleide Hcrvorheben. Der Beamte ver­sicherte mir darauf, diese Ausfassung werde von der Behörde keiues- wegs bestritten, und das Verbot, das schlechterdings nicht zurück- " genommen werden könne, bezieh« sich ja auch! gar nicht auf die beiden Verse als solche, sondern lediglich auf das eine Wort Unterhosen". Dieses anstößige und in guter Gesellschaft uu- zulßssige Wort'sei auf öffentlicher Bühne nicht zu bntoen; ich solle doch.- nur ein geziemenderes, wi« zum BeispielIbttreKeiber" dafür setzen, und daun sei . alles in schönster Ordnung.Ab- gemacht," sagte ich, schüttelte ihm die Hand, und wir empfahlen! uns.

Auf dem Rückweg meinte der Tirettwusselretär, es werde mir doch eine Kleinigkeit sein, den zerstörten Reim, dieser amt-» lichen Variante entsprechend, wiederlstrznstellen.Gott behüte':" erwiderte ich;an einer -Zensurverordunng soll man nicht drehen! und deuteln. Akkurat so, wie ntmt uns die Verse freigege6e.it hat, sollen sie auch gesprochen werden." - Ter Abend kam; das ganze Haus wartete gespannt auf den ohne mein Zutun berühmt gewordeneit Passus, mifr Helene Odilon als Rita deklamierte! mit maliziöser Betonung der Versenden:

Herr, kann dich das ine Ernst erbosen?

Tu bleibst der König auch in Unterkleidern."

Ich habe nie wieder tut Theater einen solchen Sturm erlebt. Tie k. k. Zensur Hatte einen durchschlageltden Erfolg errungen.

Undankbar, wie Behörden nun einmal sind, strich sie darauf­hin wieder die ganzen beiden. Verse und verstand keinen Spaß mehr. Tenn etliche Jahre später wurde Rosa Retty, die bei ihrem! Debüt am Bolkstheater in dieser Rolle sich das Unaussprechbar« absichtlich entschlüpfen ließ, vor Gericht zitiert und mußte ein« empfindliche Strafe zahlen.

Ich! aber wurde noch einmal an die Wiener Zensur erinnert^ als ich int Frühjahr nach jener Premiere iu Karlsbad weilt!« und in der dortigen offiziellen Knrlisst ganz fett gedruckt den! kaiserlich königlichen Gendar'meriehÄnptmann Un ter Hösel ver­zeichnet fand. Da sagte, ich! zuj mir: ,,Ist das nicht eine schreiend« Ungerechtigkeit? Ten erlaubt sie!!"

Giftige Meidungsstütke.

Unter der Regierung Ludwigs XIV. in Frankreich stand die Giftherstellung unb namentlich die feine Kunst, tot- briitgende Stoffe in den verschiedenste!!, harmlos scheinende!! Formen den Menschen beizubringen in höchster Blüte. Ver­giftungen durch präparierte Bonbons, durch den Rauch von arsenikhaltigen Kerzen, durch vergiftete Blumen und vor allem durch vergiftete Handschuhe, Stiefel, Kleidungsstücke, Wäsche unb Strümpfe waren nichts seltenes. Ohne Zweifel sind viele der recht fabelhaft klingenden Berichte ans da­maliger Zeit ohne weiteres erfunden, doch ist es auch «benfo unzweifelhaft, daß auch in unseren Tagen Vergiftungen allerdings unfreiwillige durch Kleidungsstücke usw. vor- kominen. Im Jahre 1900 wurden sieben Fälle von Ver­giftungen durch Tragen giftgefärbter Stiefel und seidener Strümpfe bekannt. Was die chronischen Zinnvergiftmigen anbelangi, so hat die Frage, ob es überhaupt möglich ist, daß auf dem. angegebenen Wege durch die Strümpfe eine Vergiftung stattfinden kann, außerordentliches Interesse. Pro­fessor Trabert teilt in feinem großen Lehrbuch der Jntari-