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«n seiner Einfachheit; aber diesmal hatte sie Veilchen an der Brust, und der herbe Zug um ihren Mund fehlte.
Er mußte vor sich hiulächeln — wie genau er dieses Mädchengesicht kannte! Oft in der Nacht, wenn er wachend lag, sah er es aus dem Dunkel tauchen und sich vor ihn hiupflanzen. Er wußte ganz; genau, wie es in ihren Augen aufleuchtete, weuu er ihr begegnete; wie ihre Brauen sich tzusammonschoben, wenn sie schieden. Er freute sich immer auf den Wechsel in ihren Mienen; ihr Gesicht war ihm wie ein liebes Buch, das man gern liest, das man gar nicht aus der Hand legen mag.
Romer hörte herzlich wenig von der Traurede, er beobachtete Neida Dallmer. Jetzt stand sie im vollen Sonnenflimmer, überstrahlt von Licht; ihr weißes Kleid leuchtete wie Schnee, ihr Haar schimmerte golden. Demütig hielt sie den Kopf gesenkt; das war ihm so neu an ihr, es rührte ihn. War sie nur andächtig, oder an was dachte sie? Da — jetzt hob sie den Kopf! Er erschrak fast. Sie drehte sich halb um, groß und suchend glitten ihre Augen durch die Kirche. Wen suchte sie — ihn?! Nur einen Augenblick, aber es hatte ihn durchfahren, unwillkürlich drückte er sich tiefer hinter die Säule. Er sah den Ausdruck der Enttäuschung auf ihrem Gesicht.
Den ganzen Nachmittag hatte er an diesen suchenden Blick denken müssen. Einsam saß er in seinem Zimmer und starrte durchs Fenster auf die Gasse. Hinaus mochte er nicht, in Scharen zogen die Spaziergänger vorüber. Mädchen, Arm in Arm, bebändert und geputzt; Mann und Weib, die Jüngsten am Rockschoß; Liebespaare, junge Burschen, Soldaten mit ihren Schätzen. Alles wallfahrtete ins'Freie. Da würde kein Weg unbelaufen fein: die Täler hallen vom Schreien der Buben, aus jedem armseligen Wirtshaus Tanzmusik, über die einsameren Bergpfade wandeln Verliebte, oder Kinder suchen Himmelsschlüssel und frühe Maikräuter. Dazu Osterglocken überall! Nichts für ihn. Trübselig saß er in der Stube; er nahm ein Buch zur Hand, aber er stierte über die Seiten loeg. Draußen lachende Menschen. Er fühlte sich grenzenlos allein.
Langsam, langsam stieg eine Sehnsucht in ihm auf. Er gedachte der Knabenzeit, in der ihm die Mutter bunte Ostereier versteckt und er sie jubelnd mit den Schwestern gesucht hatte. Alles vorüber — alle voneinander gerissen, die sich einst mitsammen gefreut — —! Gut, daß ihn niemand sah! In weicher sehnsüchtiger Stimmung stützte er den Kopf und träumte mit offenen Augen. Bilder der Vergangenheit zogen an ihm vorüber, und in ihm wuchs ein Verlangen — ja doch, ein Verlangen — nach was?!
Mit einem Seufzer stand er endlich auf. Draußen war es still geworden, Nebelschleier webten schon überm Rhein. Es war Zeit, sich aufzumachen, Xylanders halten freundlich gebeten, den heutigen Abend bei ihnen zu verbringen. Wie eine leise Melodie summte es ihm in den Ohren: ,',Du wirst dabei an Dällmers Haus vorübergehen — du wirst sehen, ob Licht in den Fenstern ist — vielleicht ist sie zurück vom Fest — vielleicht kommt sie gerade."
Träumerisch schritt Rainer daher. Er halte dem schmalen kiesigen Weg, den sogenannten Leinpfad unterhalb der Chaussee gewählt, der war ganz einsam; oben kam viel halbtrunkenes Volk. Der Pfad ging dicht mn Rhein, die Weidenbüsche hingen über, das Wasser plätscherte so eigen. Nichts mehr klar zu erkennen, alles vom Abendduft bezogen, verschwommen in den Linien. Verschwiegen, geheimnisvoll.
Er ging sehr langsam. Mitunter schnellte sein Fuß einen kleinen Rheinkiesel vor sich her; dem starrte er gedankenlos nach, bis das Steinchen im großen Bogen ins Wasser hüpfte — das plätscherte auf, dann wieder gleich das stille monotone Glucksen. Von der Chaussee herüber klang Gejohle und ein Kreischen von Weiberstimmen, hier unten niemand — da — ein schneller Tritt! Hinter ihm kam jemand. Nun ein Hüpfen, ein Knirschen von Kies, ein hastiges Atmen. Er drehte sich um.
Durch die Dämmerung sah er ein Paar Augen strahlen, ein helles Gesicht, eine schlanke Gestalt im dunklen Mantel. Ein großes Erfreutsein kam plötzlich über ihn.
„Fräulein Dallmer! Nelda, Fräulein Nelda?!"
„Ja," antwortete ihre sonore Stimme merkwürdig gedämpft — eine scheue Beklommenheit kämpfte drin mit unterdrücktem Jubel — „ich sah Sie vor mir gehen, ich habe Sie gleich erkannt! Guten Abend, wie geht es Ihnen? Fröhliche Ostern!" Impulsiv streckte sic ihm beide Hände ent
gegen; eine wohlige Wärme rieselte in die seinen über und flutete mächtig von ihr zu ihm.
„Ich freue mich!" Er ließ ihre Hände nicht los. „Ich war sehr einsam heute!"
Es siel ihm gar nicht ein zu fragen: so spät Sie hier allein? Er lvar zufrieden, daß fie da war; was ging ihn augenblicklich alles andere an?
„Ich komme von Agnes Röders Hochzeit, unser Mädchen ist in die Apotheke nach Ehrenbreitstein. Papa ist gar nicht wohl, ich laufe darum vor nach Haus !"
„Ich begleite Sie."
„O das ist schon!"
Sie paßte ihren raschen Schritt seinem langsamen an.
So gingen sie. Rund herum wurden die Nebel dichter, die Nacht war plötzlich da, übers Wasser kam fernes Läuten. Der Wind war still, kein Hauch, nur ein stockendes Atemholen Seite an Seite. Neldas Schläfen klopften, hämmerten; ihr war heiß, es drehte sich mit ihr im Wirbel, und innen an ihr riß etwas, ein Bangen hielt sie zurück, ein mächtigeres Gefühl stieß sie vorwärts!
„Sie zittern, Fräulein Nelda, friert Sie?"
Er legte den Mantel fester um ihre Schultern. Es durchschauerte fie vor Glück bei seiner Sorgfalt; unwillkürlich drückte sie sich dichter neben ihn. Sie blickten sich an.
„Fräulein Nelda, ich habe Sie in der Kirche gesehen!"
„Ach — ich Sie nicht!"
„Ich habe nichts von der Rede gehört, ich habe nur Sie immer beobachtet!"
„Und ich habe Sie immer gesucht. Der Text war so wunderschön. „Wo du hingest, will auch ich hingehn; dein Volk sei mein Volk, dein Gott mein Gott!" Ihre Stimme war sicher geworden, ihre Brust dehnte sich unter einem tiefen Atemzug. „So muß es fein; ich dachte —"
„Ich sah's, Sie dachten an etwas Besonderes. An was dachten Sie? An wen, Fräulein Nelda?"
Sie schüttelte den Kopf.
„An wen? Nelda!"
Er wußte nicht, daß er jetzt flüsterte, dringend und aufgeregt. Eine heimliche Hoffnung legte ihm die Worte in beit Mund. Wie reizend, wenn sie sagen würde: „an —"
„An Sic!" sagte sie plötzlich laut und fest, daß es ihn doch duLchschreckte. Sie hob die Augen zu ihm auf, ein glänzendes Licht brannte in ihnen. Es drang ihm in die Seele, es durchlief ihm die Adern und stieg ihm zu Kopf. Er breitete die Arme aus, ohne es eigentlich zu wollen.
„Nelda--!"
Sie sah ihn einen Augenblick starr an, tief erbleicht; daun schoß ihr glühendes Rot in die Wangen und verdunkelnde Tränen in die Augen. Sie stammelte, sie taumelte und griff mit der Hand um sich.
Er wußte nicht, wie das so rasch geschehen, er hielt sie in den Armen und drückte seine Lippen auf die ihren; ein Rausch kam über ihn, als er ihren warmen Mund an dem seinen zucken fühlte.
„Nelda, gutes teures Mädchen, an mich — an mich!"
Er küßte fie wieder und wieder, feine Arme umschlangen sie fester.
Sie sagte nichts, schr kräftiger Körper lehnte hilflos wie der eines Kindes an seiner Brust; sie ivar willenlos und zitterte wie Laub, das der Sturmwind rüttelt.
(Fortsetzung folgt.)
Die Anruhekl um und in Hungen in -en 3av- 1850 und M8.
Von Adolf Stanback), Hungen. (Fortsetzung.)
Zu den gemeinschaftlichen. Beschwerden mehrerer Gemeinden gehörte auch die, daß die Besitzungen von Arnsburg seinerzeit nicht an die Gemeinden übergegangen seien. Letztere glaubten benachteiligt worden zu sein, weil sie den Rechtstitel nicht kannten, unter denen die Arnsburgischen Besitzungen ehemals an ihre derzeitigen, Besitzer überkommen waren. Zur Beseitigung der in Umlauf gelangten Zweifel wurde bekannt gegeben, daß das fürstliche Haus Solms-Braunfels kraft des Friedensschlusses zu Luncville vom 19. Februar 1801 seine Besitzungen in Lothringen foteie baä fürstliche Haus Solms Lich seine Ansprüche aus das Amt mceberg abgetreten habe. In Verbindung mir den gräflichen Häusern Solms Laubach und Solms Rödelheim erhielten beide Häuser in Gemäßheit des § 16 des ReichsdeputationshauPtschlusscS


