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ttolttl 25. Februar 1803 die Klöster Altenberg und Arnsburg. Deren Güter wurden nach 'dein Hausrecht voM 10. November 1802 f.» verteilt, daß Solms Braunfels das Kloster Altenberg mit allen Besitzungen und den 4. Teil des ganzen Besitztums der Abtes Arnsburg, sodann die drei Häuser Lich, Laubach und Rödelheim jedes einen vierten Teil der Arnsburgischeu Besitzungen empfing. — Am 11. März bildete sich unter Mitwirkung Kießlings eine Bürgergarde, die stets mit 25 Mann und einem Befehlshaber! den Wachedienst versah. Mit dieser Einrichtung kehrte Ruhe in die Stadt ein. Weniger ruhig verhielten sich in den nächsten Tagen die Bewohner der umliegenden Orte. In der Nacht vom 12. ans 13. März wurden in Billingen dem Bürgermeister die Fenster eingeschlagen. Auf dem gräflich-laubachschen Hof bei Ruppertsburg wurden in derselben Nacht zwei Scheunen abgebrannt. Große Aufregung herrschte auch zu Trais-Horloff und Utphe; von Bellersheim her hörte man Gewehrseuer. •— Tie Nacht vom 13. auf 14. März verlief im allgemeinen ruhig; nur gegen Nonnenroth hin fiel ein Schuß. In Utphe war man mit den Verwillignngen bezw. der Antivort des Herrn Grafen unzufrieden und nötigte daher den gräflichen Verwalter in der Nacht vom Sonntag auf Montag, nach Tarmstadt abzureisen; und weitere Konzessionen zu erwirken. Noch waren die Deputationen von Hungen, Villingen, Nonnenroth und Röthges nicht zurück, als schon die Nachricht eintraf, daß eine Kommission von Darmstadt hier erscheinen werde, um die Ansprüche der Gemeinden zu untersuchen. — Lebhaften Anteil an der Bewegung nahm auch Wölfersheim. Tort wurde der Forstschütz Freihöfer von den Bauern verjagt. Forstmeister von Rabenau erstattete Bericht über den Vorfall, tvvrauf von Braunfels die Mitteilung kam, daß der Fall gerichtlich untersucht werde. Die Ausschreitungen gegen den fürstlichen Forstschützen können übrigens nicht von Belang gewesen feilt, denn der Bürgermeister Allwohn zu Wölfersheim berichtet unter dem 16. März: „Tic Gewalttätigkeiten, welche gegen den Freihöfer verübt wurden, kamen lediglich von der hiesigen Holzmacherrotte, die sich durch den Genuß von Branntwein Geist verschafft hatte und Freihöfer in den letztverflossenen Tagen, namentlich des Tages vorher, noch Veranlassung dazu gegeben haben soll. Tic ganze Sache ist beinahe nicht der Mühe wert,! davon zu reden. Ich 'habe die Hoffnung, daß Freihöfer heute Nioch! zurückgerufen werden wird, indem sich die gegen ihn auf- gereizten Gemüter befriedigend und halb reuevoll aussprechen." Fast gleichzeitig mit diesem Brief erhielt Kießling von „Gutgesinnten" zu Wölfersheim mehrfache Warnungen, indem er Miß? haudlungen zu fürchten habe. Als Rentamtmann Kießling nach der Ursache fragte, wurde ihm angegeben, man habe nichts gegen ihn, als daß er bei einer Verpachtung im Jahre 1841 einen höheren Pacht erstrebt habe. Trotz der Warnung des eben von Wölfers- beim kommenden Gerichtsdieners ging Kießling dorthin und leitete die nötigen Sicherheitsmaßregeln in Ansehung des Bergwerks- rechnungsweseus ein. Auch am 17. März weilte Kießling und zwar ungefähr 7 Stunden in Wolfersheim; es wurde ihm alle Achtung erwiesen und eine Bürgergarde gebildet.
Allenthalben schien man nun das Schicksal der vielen Petitionen an Standesherren und Regierung abwarten zu wollen, als von Bellersheim aus Drohungen an ReutamtmaNn Kießling gelangten. Als er am nächsten Tage dort weilte, brachte man von Obern- Hofen die Kunde, daß der gräfliche Oberverwalter Lorenz von der ganzen Gemeinde Überfällen worden sei. Dabei habe man die Abtretung des .von dem Herrn Grafen daselbst gekauften! Schenlfchen Gutes verlangt. Ohcrvcrwalter Lorenz und Pfarrer MärgUard (?) wurden bei dieser Gelegenheit beleidigt, Bürgermeister Schmidt aber förmlich geschlagen und die Proklamation des Großherzoglichen Staatsministers von Gagern vom 16. März von den wütenden Bauern zerrissen.
Welcher Art waren nun die mannigfachen Forderungen, die das unzufriedene Volk in seinen Petitionen teils an die Regierung, teils an die Standesherren richtete? Vor uns liegt eine Eingabe, die von den Gemeinden Wölfersheim, Södel, Melbach, Weckes- Heim, Wohnbach und Obbornhofen der Zweiten Kammer des Groß- Herzogtums Hessen durch bin Abgeordneten Ke i l von Melbach übergeben wurde (abgedruckt in der Frankfurter „Didaskalia" vom 20. März 1848). Sie lautet:
H o h e. z w e i t e S t ä n d e k n m m e r!
In gegenwärtiger, hochwichtigen Zeit ruhen die Blicke aller ächten Vaterlnudsfreuude auf Ihnen, und mit Vertrauen erwarten sie von Ihren weisen Beratungen des Landes künftiges und der kommenden Geschlechter dauerhaftes Glück. Tie bisherigen Verhandlungen des Landtages haben nur dazu beitragen können, dieses innige Vertrauen nur noch mehr zu bekräftigen, und mit lebendiger Freude hat es der Hessen biederes Volk vernommen, wie tief durchdrungen von vaterländischem Pflichtgefühl Sie Sich gezeigt, mit welcher Beharrlichkeit Sic die Erstrebung des Rechts bestanden, damit dieses biedere Volk fortan nicht mehr erscheine als Sclavei der Verhältnisse und der Willkür. - Indem die hessischen Landesstände ihrem ehrenvollen Namen durch die Thal würdevoll entsprechen, kommt ihnen zugleich der edle Beruf zu: „die Staatsbürger in Fällen, wo das Wohl ganzer Bezirke von Staatsangehörigen gefährdet ist," bei dem Landrssürsten kräftig zu vertreten.
Solche Fälle walten bei uns ob, und wir erlauben uns, sie
m Folgendem sowohl theilweise int allgemeinen Interesse deS Landes, als auch in unserem speciellen Interesse vorzutragen.
Anlangcnd das Institut der großherzoglichen Kreisräthe, der Oberrechnungskammer und der Stcuerobereimtehmercien, so glauben wir es der Erwägung der hohen Kammer und einer weisen Staats- regieruüg überlassen zu müssen, ob diese Institute gänzlich ab- zuschafteu oder einer besseren Organisation zu unterwerfen sehen; man wendet sich an näher gelegene Gegenstände, namentlich:
1. An die Ahschassung der sogenannten Tecanatsrechner.
Wie sehr diese zum Nachtheile des Volkes geschaffen sind, ist so vielfach bekannt, das darüber nur weniges zu sagen bleibt und beschränkt man sich nur darauf, daß manche Gemeinde ihr Kirchen vermög en früher jährlich für 11 ft. verwalten ließ, jetzt aber 50 ff. und mehr bezahlt, lind daß die Schuldner, um einige Pfennige zu bezahlen, mehrere Stunden Weges gehen müssen, um solche an ihren Rechner zu bringen, daß dabei viel Zeit versäumt und viel — unnvthiges — Geld verzehrt wird, und daß häufig im Einklang mit den Executanten das ganze Institut zur höchsten Bedrückung der Bürger bezeichnet werden muß.
2. An die Abschaffung der Gemeinde usw. Rechner außerhalb der Orte.
Altes was in Bezug auf die Tecanatsrechner gesagt worden ist, wird auch hierher wiederholt und noch dabei speciell bemerkt, daß auch nicht einmal genügende Sicherheit wegen dieser krcisrüth- lich 'Angestellten vorhanden ist.
3. An die Abschaffung der Kreisboten.
Cs ist eine entschiedene Wahrheit, daß diese Beamten zur höchsten Bedrückung der Bürger erscheinen und durch sie die höchsten Unterschleife in Bezug auf die Erpressung ihrer Gebühren vollzogen werden. Es läßt sich in Bezug aus dieses Institut in Wahrheit sagen, daß der Reiche arm, der Arme Bettler, und — der Kreisbote reich wird.
Wenn man überhaupt das Executioiisöerfahren aus dem praktischen Gesichtspunkte ansieht, so muß man zu der Ueberzeugung gelangen, daß solches bloß der Kosten wegen vollzogen wird lind daß es füglich einer Ortsbehörde zu überlassen sehn dürfte, die Gemcinde-Jntradeu beizutreiben.
4. An die Beseitigung aller Privilegien, namentlich: al der Wirtschaftsmonopoie;
b) deS Mühlenzwanges;
c) der Wasenmeisterei (Schinderei);
d) des Jagd- und Fischereirechts;
e) des Präsentatsrcchtes;
f) der Schäfereigerechtigkeit, nach dem Willen der Pflichtigen.
Was die Posten unter a, b und c anbelangt, so ist ihr Druck im ganzen Lande bekannt und wird noch ausdrücklich zur Wasen- messterei bemerkt, daß eine jede Haut eines krepierten Stück Viehes dem betreffenden Standcsherrn, resp. seinem Schinderei- Pächter, gehört und dem Eigentümer des gefallenen Stück Viehes aus einem angemaßten Rechte aus Pen Zeiten des Mittelalters entzogen wird.
In Betreff der Jagdgerechtigkeit wird zur Anschauung gebracht, daß Alles, was seither darüber beantragt wurde, nur auf Hochwildpret berechnet war. Zieht man aber in Erwägung, daß die Hasen, wo sie in großer Anzahl vorhanden sind, viel Schaden thun, so wird der Ausspruch gerecht erscheinen, daß die Jagdgerechtigkeit in ihrem ganzen Umfang volksthümlich aufznhebeu und den Gemeinden zu überweisen seh.
Daß der Schaden, den die Hasen anrichten, in nicht verpachteten standesherrlichen Jagdgefilden sehr bedeutend ist, mag daraus entnommen werden, daß das ganze Jahr hindurch gehegt wird und der Jagdeigenthümer nur einmal Treibjagd im Jahr, manchmal auch in einigen nur hält, wo derselbe dann mit zwei oder drei ebenbürtigen Männern soviel schießt, als möglich ist, und kann man in diesen Jagden stets annehmen, daß in jeder Gemarkung mehrere Hunderte von Hasen zur Fortpflanzung übrig bleiben. Auch wird außerdem noch eilte Bedrückung ans dem Jagdrecht angeführt, daß nämlich die standesherrlichen Jagdaufseher die sich manchmal ins Feld schleichenden Katzen lobt schießen und dafür ein gutes Schußgeld erhalten. — Zieht man) in Erwägung, daß in der Wetterau häufig durch 'Mäusefraß fast alle Getreidefelder vollständig rninirt werden, so dürfte die Veranlassung zu dem Neberhandnehmen der Mäuse wohl darin zu finden sechs, daß Katzen, Hunde, Füchse, Raubvögel, Raben, kurz alle Tiere, welche der Landwirtschaft nützlich sind, getödtet, dahingegen alle gepflegt werden, die ihr schädlich sind und folglich dem Bürger großen Nachteil nnb Schaden bringen.
(Schluß folgt.)
Vevmißchtss.
* Küu st liche Bl n m c n. Tie hängenden Gärten der Semi- ramis können kaum schöner gewesen sein als die mit Blüten reich' garnierten Hüte 'unserer Damen. Fast die ganze Flora der Welt ist auf den Töpfen vertreten; — sogar Helianthus annuus, be- kannt als „Sonnenblume" und geschätzte Gartenzierde deutscher Bahnwärterhäuschen, und die noch größere und berühmter«! Victoria regia fehlen nicht. Nur der studierte Botaniker oder erfahrene Gärtner ist imstande, alle die hutschmückenden Blüten richtig zu nennen. Zum Murren über den Blütenschmnck auf den Töpfen liegt indessen feine Veranlassung vor, denn die Fabrikation künstlicher Blumen hat eine staunenswerte Höhe erreicht- Tausende


