Ausgabe 
14.8.1909
 
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serer Tage für das heutigeTheater-Elend" verantwort­lich gemacht. Mrs einen Krebsschaden der deutschen Theater­geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts aber hat man aus gewissen Gründen sehr selten auch nur andeutungs­weise hingewiesen: auf die Kävalier-Jntendanz.

Im deutschen Reichstage wurde öfters lebhaft beklagt, daß besonders int diplomatischen Dienste und int Offiziers­berufe vom Stabsoffizier aufwärts der Geburtsadel eine seine Qualifikation übersteigende Bewertung findet. Fast noch ungünstiger aber liegen die Verhältnisse bei der Lei­tung der ersten deutschen Kunstinstitute. Bedeutend mehr könnte fast ausnahmslos mit den beträchtlichen Geldntitteln geleistet werden, die durch die Munisizenz deutscher Fürsten ihrett Hofbühnen alljährlich geopfert werden.

Einer der größten Historiker aller Zeiten, Heinrich von Treitschke, sieht sich in seiner Universalgeschichte! des 19. Jahr­hunderts, da er nun einmal de rebus omnibus et quibusdam aliis sprechen muß, veranlaßt, auch der Bühne wahrhaftig beinahe eine halbe Seite zu widmen. Und Treitschke setzt an diese Stelle den richtigen und wichtigen Satz, daß es höchst bedauerlich war, die Leitung der ersten deutschen Bühnen den Fachmännern zu entreißen und in die Hände hochgeborener Dilettanten zu legen.

Schon die altert Griechen schieden in ihrer wunderbar klaren Desinitionskunst vor mehr als zwei Jahrtausenden die Staatsformen in drei Gruppen: Monarchie, Aristokratie und Demokratie, mit ihren Auswüchsen der Tyrannis, der Oligarchie und der Ochlokratie. Unsere herrschende Staats- form ist die der Monarchie mit parlamentarischer, also demo- iüatischer Einschränkung.

In der höheren Bewertung aber, die dem Geburtsade! im diplomatischen und inneren höheren Verwaltungsdienste, int Offiziersberufe und nicht zum mindesten auch in der Kavalier-Intendanz beigemessen wird, offenbaren sich Reste der aristokratischen Staatsform tnit ihrem Ausiouchse der Oligarchie.

Mut ist es gar nicht ztt verkeimen, daß die Kävalier-Jn- tettdanz unter Umständen ihre gewissen Vorzüge haben kann. Gestützt wird sie zuweilen auch durch eine gewisse Eitelkeit der Mitglieder höfischer Kunstinstitute.Urlaub charmant bewilligt von meinem verehrten Freunde, dem Grafen" wirkt im Munde des renomierenden Gastspiel-Virtuosen ent» schieden stärker, als wenn ein ganz* gewöhnlicher Müller oder Schulze die beutelustige Provinzfahrt bewilligt hätte.

Gewisse Kunststätten treiben geradezu Intendanz^Lehr- lingszüchterei. Der Kölner Stadttheaterdirektor rühmte sich K. B. kürzlich nach Erledigung der letztett Weimarer Inten­dantur-Vakanz öffentlich in der Presse seiner feudalen Ofsi- ziers-Direktionsvolontäre. Sicher haben auch nicht wenige Kavalier-Intendanten sich allmählich gar nicht übel in ihre Position eingearbeitet. Bei anderen dagegen scheint sich die Qualifikation, für diesen künstlerischen Beruf lediglich davon herzuleiten, daß sie mit einem feschen Soubrettchenmal was gehabt" hatten.

Kein. Wunder, wenn sich deshalb die Karikatur des feudalen Herrn Kavalier-Intendanten mit besonderer Vor­liebe angenommen hat. Ganz zu schlveigen von der aptit- lichen kleinen Simplizissimus-Vallettratte, die zum Inten­danten bestellt ist und <tnf alle Fälle doch erst mal baden will. Sollte wirklich das Jus primae noctis der Altvordern auf diese Art gewahrt werden? Ganz ernsthaft fabelt man von einem wahrhaftigen General-Intendanten, er hätte ein ent Paukenschläger, der um eine Gehaltszulage einkant, diese deshalb abgeschlagen, weil Seine Exzellenz von der Proszeniumsloge aus mit Mißfallen die großen Pausen bemerkt hätten, die der Gesuchsteller machte; erst sollte er fleißiger werden! Oder von dem allerobersten Kunstchef, der Romeos Julia auf ein Anliegen hin die Bedeutungslosig­keit ihrer Rolle damit bewies, wie weit unten sie auf dem Zettel stände! Karikaturen natürlich, die aber immerhin auf die oft lächerlich geringe Vorbildung solcher Herren zu ihrem bedeutungsvollen Amt deutlich hiuweisett.

Ein wichtiges Gegengewicht bildet die Kavalier-Inten­danz aber gegen den sogenannten Birtuosen-Direktor, den gefürchtetsten, weil konkurrenzlosen Rollenjäger. Denn wie bei der Schmiere die bejahrte Frau Direktor mit Wonne noch die Triumphe einer vielumworbenen Bühnenschönheit feiert, so kann es selbst an großen Bühnen (ein bedeutendes süddeutsches Hoftheater int letzten Jahrzehnt nicht ausge­schlossen) der gestrenge Herr Virtuosen-Direktor nicht lassen, in den ausgesuchtesten Bombenrollen unter Zurückdrängung der Mitspieler Lorbeeren einzuheimsen selbst wenn ein anderes Mitglied desselben Ensembles die Rolle dreimal besser geben würde.

Daß die Stadt- und Privattheater, wenn nicht ein Dramaturg, Musiker oder Regisseur von starkem künst­lerischem Zielbewußtsein an ihrer Spitze steht, höhere Ziele finanziellen Tendenzen opfern, ist begreiflich, weih menschlich.

Daß aber auch die Hofbühnen, die als Musteranstalten nur rein idealen Zwecken dienen sollten, vielfach den an sie zu stellenden Anforderungett nicht entsprechen, ist nicht zu­letzt eine Folge der Institution der Kavalier-Intendanz.

Als spezielle Gründe hat man außer der nicht allzu seltenen künstlerischen Unfähigkeit ihrer hochgeborenen Lei­ter ivohl ihre vielfach übertriebene Zurückhaltung gegenüber jedem Fortschreiten zu betrachten; ihre ängstliche Scheu vor politischen, religiösen, sozialen und sittlichen Tendenzen (zu­mal im Schauspiel, während die gesungene Moral schon etivas laxer seilt darf); ferner ihre allzu gefügige Rücksicht­nahme auf die Sottderinteressen einzelner, hochgestellter: Persönlichkeiten (nicht etwa nur des Souveräns selbst, der für seine Zuschüsse immerhin eine gewisse Gegenleistung be­anspruchen könnte); endlich aber auch den Umstand, daß selbst die vier (künftig fünf) großen Hofbühnen deutscher Zunge, die täglich in zwei Häusern spielen, nur einem Intendanten unterstehen. Eine einzige leitende Persönlichkeit aber wird günstigenfalls nur in einem der beiden gleichzeitig kulti­vierten Uunstgebiete, Oper gnd Schauspiel, in dem Maße Fachmann, also Dramaturg oder Musiker fein, wie es zur Leituttg eines ersten KUnstinstitntes dringend wünschens- ivert wäre.

Freilich mag es nicht leicht sein, einem großen und viel­seitigen Kunstinstitnte die geeignete Spitze zu wählen. Einer vom Batt" hat, zumal wenn er zur Leitung derselben Bühne berufen wird, der er zuvor als Mitglied angehörte, nicht immer die nötige Autorität, auch tticht immer die erforder­liche allgemeine Bildung. Mag es also wünschenswert sein, daß auch feinsimtige Kunstfreunde, die selber nie auf den Brettern standen, zur Leitung maßgebender Bühnen mit herangezogen werden, so ist es doch kaum fraglich, ob ge­rade blaues Blut und Kadettenhansbildung (bereit oberste Stufe der dritten Gymnasialklasse entspricht) die geeignete Qualifikation geben, wichtigen Kunstinstituten führende Geister, bahnbrechende Leiter zu schenken.

Lin Gedicht auf Zeppelin.

Geh. Justizrat Batst, der mit seinen 83 Jahren noch regen Anteil an allem nimmt, hat, veranlaßt durch die kürzliche Luftfahrt des Grafen Zeppelin nach Frankfurt, .ihm folgenden Brief geschrieben:

Exzellenz! Herr Graf!

Die schöne Rede des Herrn Oberbürgermeister Adickes in Frankfurt hat er auf zwei Zitate gebaut: den Psalm 90, B. 10, also lautend:Das menschliche Leben währet 70 Jähre und, wenn es hoch kommt, 80 Jahre, und ist es köstlich ge­wesen, so ist es Mühe und Arbeit gewesen." So ivar es bei Ihnen, Exzellenz, und unter Mühe und Arbeit haben Sie die erste hohe Altersstufe erreicht. Aber dabei soll es hoffentlich nicht bleiben: Sie werden auch die ziveite, di« höchste Stufe, nicht nur erreichen, sondern darüber hinaus Ihre Kräfte dem Dienst des Vaterlandes in Mühe und Arbeit für dieses leihen. Das ist von meiner Seite nicht