— 502 —
allmählich jedes Wegstück abnahm, Lis gar nichts mehr zu sehen war und vor ihnen wieder das massige Gebirge oder der breite Wald lag, daß man meinen mußte, da sei's anl Ende, da müßte man sich den Kopf einrennen.
Der Fuhrmann redete nicht viel. Er rauchte beharrlich feilte Pfeife, trieb die Pferde an und fragte höchstens, wo sie sei, ob der Vater noch gesund wär und die Mutter —■ ob fe noch ihr F-eldärweit selwerscht dhete — und ganz zuletzt, ob fe schun verheiert Wär.
Die Ense sagte ja, und der Peter wurde rot. Sie stieß ihn gleich an, daß er ja ruhig sein sollte.
„Do ehr Mann her wär, was für e Landsmann."
„Aus Mainz," sagte die Elise.
Dann war's gut.
Sie waren oben auf der Gnldenllinger Höhe. Der Peter blickte weit hinein ins Gebirge. Da möcht er doch all hin.
Und wieder dies merkwürdige Bild der Straße, die man nur stückweis sah, eng zwischen den Bergen, wie ein Helles Band, dunkel befandet. Und auch jetzt, wie schon die ganze Zeit zu feiten der Straße, sah er im Gebirge drin Felder und Obstbäume, und er mußte sich still bekennen, daß der Odenwald doch auch Welt sei. Dies Bekenntnis fiel ihm jetzt weniger schwer, weil er vom Reiz der Landschaft so viel in sich ausgenommen hatte.
Am Guldentlinger Hof stiegen die beiden ab. Der Feldweg links führte nach Mittershausen.
Der Peter bedankte sich bei dem Fuhrmann sehr höflich. Der achtete aber gar nicht daraus. Er ließ seine Pfeife im Munde, nickte mit dem Kopse, murmelte so etwas wie „gärn geschehen" und fuhr weiter.
Da erwachte der Rheinhesse wieder im Peter. Ja, der Odenwald geftel ihm, aber die Odenwälder — diese Probe wenigstens — nein. So was Unbeholfenes, Klobiges, Ungeschliffenes fand man doch „drüben" nicht.
Damit war er noch beschäftigt, als sie schon ein ziemliches Stück den Feldweg hineingeschritten waren. Als dann der Peter aussah, sah er ein gänzlich andres Bild, ein sanftes und liebliches.
Es kam ein Glücksgefühl über ihn, die Auslösung feines Genießens. Dem gab er sich hin. Er hatte keine Worte dafür und wollte keine. Er wußte ja gar nicht, was es war, woher es kam. Er war so froh, so gehoben, so leicht war ihm und sorglos. Er fragte nichts mehr. Er schaute nur und schaute. Aber die Neugierde quälte ihn nicht.
So war ihm noch nie gewesen. So sonntäglich, so mild, so gart. Höchstens mal daheim in den Wiesen, oder am Abend, wenn er von des Meisters Werkstatt aus ins Feld geblickt hatte und auf der weißen Kirchhosmauer der Glanz der untergehenden Sonne lag.
Die Seele war ihm gelöst, er gab sich nicht Rechenschaft.
Der Meister Michel Sieben siel ihm ein. Und die Meisterin. Ob sie wohl noch an ihn denken würden? Sie waren doch gut gegen ihn gewesen! Ob sie wohl noch gesund seien und der Michel Sieben so fleißig bei der Arbeit?
Er müßt sie doch bald besuchen, mit der Elise. Ob sie denen gefallen würde?
So ging's ihm durch die Seele, die in ihrem freien Momente all des Gütigen und Schönen des Lebens dachte. Dessen, was noch war und werden sollte.
Ein weiter Wiesengrund dehnte sich vor den Wandernden aus, rechts weit hinaus, mit dem Bach drin, der wie ein Glitzerbaud blinkte, hinten die Berge, vor ihnen, ein wenig nach links geschoben, ein dunkler Uchteuschlag, der bis zur Höhe hinauswuchs. Und dort, am untersten Zipfel hinter den Fichten, ein staar niedrige, strohbeoeckte Häuser, breit und abgerundet, ein paar breite, massige Schornsteine, aus denen der weiße Rauch schwebte, und ganz hinten die Berge wieder, von der Sonne beschienen, wie in weiten dichten Schleiern.
Der Peter zergliederte auch nicht, was er sah. Er schaute nur und fühlte die Wärme feiner Seele wachsen. Er fühlte sich wachsen.
Und er drückte der Elise fest die Hand — und hielt sie ttn — und küßte sie.
Die Elise sah ihn groß an. Das war sie gar nicht Von dem Peter gewohnt.
„Na?" fragte sie.
„Ich bin so froh!" sagte er.
Das war alles, was er wußte, was er von der Land
schaft verstand und dem, was sie in ihm wirkte. Was er von sich verstand.
„Das ist Mittershausen vor uns, — noch ein klein Viertelftündche. Aber ganz Hinte am Berg liegt mein Vaterhaus, mer kann's von do net sehe."
Die Elise sprach auf einmal deutlich ihren Dialekt. War sie selbst ergriffen oder bewirkte das die Heimat, daß sie treu und echt werden mußte und nicht vornehm reden durfte, hier auf dem Boden, wo sie Kind gewesen und rein und unverziert?
Der Peter hörte gar nicht. Er ging mit ihr Hand in Hand. Nur nach einer Weile sagte er wieder: „Du, ich bin so froh, Elise!" Und er drückte ihre Hand fester und küßte sie.
„Schode, du!" fügte die Elise. Aber es gefiel ihr doch.
Nach einer Weile sing sie an zu fingen:
„Es steht ein Baum int Odenwald, -
Der hat viel grüne Acht,
Da bin ich schon viel tausendmal
Bei meinem Schatz gewest."
Sie lachte. Dann hielt sie an.
„Du, awwer da uze mußt be heit. Danze — den „Dreher". Da geht's — ru — um — rumdidum —
Ich Bin von Mitterschhause,
Mei Vatter is en Beseitbinner,
Mer wohne do hinne drauße, Do hinne drauß am Wald.
Was geht's dich an, du Hammelschwanz, Wann ich mit meiner Bäsel danz!
Ich danz mit meiner Bäsel, Was scher ich mich um dich!"
Und die Elise hüpfte und sprang davon, und der Peter lief ihr nach. Er holte sie ein und hüpfte mit ihr, denn ihm war zum Hüpfen froh. Sie hielten sich an den Händen und sprangen dahin — links zwei drei — rechts zwei drei — links zwei drei — rechts zwei drei — und hüpften fast so ins Dors hinein.
(Fortsetzung folgt.)
Die UaValm-MenÄLMZ.
Von Dr. Kurt Heinsmann.
Nachdruck verboten.
Mit großer Lebhaftigkeit wird gegenwärtig an der Hebung des Bühnenlebens gearbeitet. Die Interessengemeinschaft der Theaterleiter („Deutscher Bühnenverein") hat sich mit dem Beginn dieses Jahres ein eigenes Kampforgan mit zahlreichen wissenschaftlichen Mitstreitern geschaffen. Anderseits hat auch der Rechtsschutzverb and der Bühnenangehörigen, die „Deutsche Bühnengenossenschaft", sein Pretz- organ gleichen Titels, das bisher zumeist nur kurzen lokalen Notizen und der Wiedergabe der Sprclverzeichnisse und Rollenbesetzungen sämtlicher größeren und mittleren Bühnen gewidmet war, unter dem veränderten Titel „Der neue Weg" sich zu einem geistig regen Sprechsaale unter Beibehaltung jener interessanten Spielverzeichnisse ausgebaut.
Ein drittes neues Fachblatt, die „Deutsche Theaterzeitschrift", bedeutet gleichfalls einen weiteren Ausbau des vom Vater ihres Herausgebers geleiteten und weiter bestehenden „Theater-Couriers" mit der Spezialität der Regiepläne aller wesentlichen Novitäten. Endlich ist noch ein fünftes Berliner Theaterblatt, „Bühne und Welt", mit der Spezialität reich illustrierter Künstlermonographien und Szenenbilder aus Novitäten, sowie der Wiedergabe ganzer Einakter, mit größerer Unabhängigkeit in voller Geistesfrische in das zweite Jahrzehnt seines Bestehens eingetreten, nachdem es bisher zugleich dem Bühnenvereine der Theaterleiter als amtliches Organ diente.
Viel weniger ist also neuerdings darüber zu klagen, daß den „Theaterleuten" Interesse an der geistigen Weiterbildung ihres Berufes abginge, als vordem, wo man nut Vorliebe seufzte: Dumm ist der Kerl, wie ein Tenor ! Nur schade, daß ein Tenor der einzige beim Theater ist, der mehr als fünf Neugroschen für seine Bildung übrig hat
Alles mögliche hat man in den Jnteressenkämpfen UN-


