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Hochzeitsfest.
(Fortsetzung folgt.)
der Bürgermeister begaben sich ihrer Abend wurde das
Was pfeifen die Vögel, Was klappert der Has'. Wie hoch ist der Himmel, Wie glitzern die Stern'. Wie haben die Buben Die Mädchen so gern !"
Darauf allgemeines Hallo. Selbst Und die Gemeinderäte von Dietkirchen
„No, Meisterin," richtete er au die Hochzeiterin das Mort, „du mußt jetzt eigentlich nach.Dietkirchen zieh'n."
„Das wär' ein Plan, Bürgermeister." .
„Ja, wo dein Mann noch so laug bei uns schafft, sollt'st du ihm den Lösen Weg sparen. Koch' ihm doch drüben seine Supp'." ™..
Friedmar lachte/ „Die zwei Stund', Bürgermeister, pack' ich noch. Und wanu's drauf und dran geht,, hast du für uns kein' Unterschlupf."
„Wer sagt das? Wir machen einen Tauschhandel mit» einander. Ich geb' euch mein Haus, und ihr setzt mich hier herein. Hier ist's einem ganz wohlmütig."
„Schlag ein," scherzte einer der Tietkirchener Rats- । männer. „Du tust ein gut' Werk, Friedmar. Hernach! werden wir unseren Bürgermeister los. Der verpflastert so wie so unser ganz' Geld."
„Spaß beiseit," sagte der Bürgermeister, „sowie ihr drüben fertig seid, geb' ich!vas aus. Aus meiner Tasch'."
„Dreimännerweiu, Dreimännerwein!" spottete der Nachbar Kipping und verzog sein Gesicht zu einer fürchterlichen Grimasse. „Puh! Wo zwei beit dritten halten müssen, daß er ihn in die Gurgel hineinbringt."
Alles lachte. „Was wollt ihr?" bullerte der Alte mit komischem Ernst. „Der Bürgermeister ist ein nobler Mann und läßt sich nichts schenken, wie ihr. Ihr kriegt hier die guten Sachen alle umsonst und braucht nicht in euren Gack zu greifen. Wie ich Hochzeit gemacht hab', mußt alles seine fünf Gulden berappen, was mithalten wollt'."
„Nähmen Se mer'sch uich iwel, Herr Gipping," mischte der Hausierer aus dem Thüringischen sich ins Gespräch, „das war die reine. Unsitte. Weiter uischt. Bei uns daheeme müssen die jungen Aeheleite blechen. Und von Rechts wegen. Wo se so 'n Glück erläwen."
„Gelt, das tat’ Euch passen?" fauchte der Schlosser den .Hausierer unsanft an. „Zuerst hier den Wanst voll gefressen und dann noch 'ne Hand voll Markstücker fort-, getragen. Ha, ha! Thüringer Sauerkrautmagen."
„Ei dü mein Vater," fistelte der narrigc Balduin, „wie schön wär' das, wann die Hochzeitsleut ihr irdisch Gut gleich hingeben möchten an die armen Verwandten, die da hungern und dürsten. Wie geschrieben steht „Gib den Armen, was du hast, so wirst du einen Schatz im Himmel haben." Ei du mein Vater!"
Die Männer hatten teils ihre Pfeifen, teils Zigarren angczündet. Ter aufsteigende Tabaksrauch verdichtete sich allmählich zu einer blauen Wolke, die über den heißen Köpfen der Hochzeitsgesellschaft hin und her wallte. Am Tischende, wo die Pflastevgesellen und die Fischbacher saßen, machte der reichliche Branntweingenuß bereits seine Wirkung geltend. Die Mädchen und Frauen, die auf einen Sprung in den Garten hiiiaiisgegaiigcu waren, wurden bei ihrer Rückkehr mit dem Gesang empfangen:
„Eharlottchen, Charlottchen, Komm mit mir ins Gras,
Line neue schöpfungriheorie.
Im Türmer (Herausgeber Frhr. v. Grotthuk) lesen wir allerlei Jnteresfantes über die fog. PcnbulalioiiLtheoric, deren Hauptvertrcter Prof. Dr. Simroth ist. „
Ecuador und Sumatra sind die zwei Endpunkte der längsten. Erdachse. Zwischen diesen beiden festen Polen, dem West- und Dem O st p o l, pendelt die Erde in langsamen Schwingungen hm una her. ' Infolge dieser Erdpendclung wird der Nord-, und -suDpol auf dem Schwingungskreis, dem 10 Grad östlicher Lange, abwechselnd nach Süden und Norden vmchobcn. Diesen .SU ln5 40 Grade betragenden Pendelansschlägen entsprechen die großen, geologischen Perioden. Im Altert n m der Erde (in der paläozoischen Zeit) befand sich Europa rn Bewegung nach Nordest und kam im Perm in die erste Eiszeit hnicm. Als dann der erste Umschlag eintrat und die Erde nach! Süden pendelte, trat fic in ihr Mittelalter (in die mesozoische Seit) und kam Europa in der Kreide und zu Beginn der Neuzeit im Eozän in mb- tropische Lage. Wahrend des Tertiärs dann brachte cm neuer Umschlag Europa in die diluviale Eiszeit. Seither pendelt die Erde! wieder nach Süden. , c .
Warn ui aber pendelt unsere Erde z w m cy c n ihrem West- und Ost pol hin und her? Nach Simroth haben wir die Ursache hierfür in dem Ausfallen eines zweiten Erdmondes auf die Erde zu suchen. Indem dieser Mond von Wcstsüdwestcn her im Sudan schräg auf die Erde traf, wurde das Gleichgewicht der Erde gestört, die Landmaffen der Alten Welt drängten sich mehr zusammen und bekamen über die der Neuen Welt das Uebergewicht, auf der pazifischen Erdhälfte wurde Land vom Weltmeer weggespült, das auf den uralten afrikanischen Klotz gestützte Europa blieb vor der Wegspülung dnra) den Ozean bewahrt, und cs standen sich nun die landreiche atlantisch-indische, afrikanisch-europäische und die wasserreiche pazifische, amerikanisch- australische Erdhälfte gegenüber.
Die Entstehung der organischen Wesen erreichte auf dem Lande die höchste Stufe. Außerdem machte sich aber von jeher in der organischen Entwicklung das Bestreben geltend, UM von der direkten Abhängigkeit von der Sounenwarme und den klimatischen Verhältnissen freizumachen, eigene Wärme zu erzeugen, die eigene Leibeswärme zu regulieren. Tie Säugetiere und Boger, welche ihre Jnnentemperatur auf 37—41 Grad zu erhalten t in stände find, haben es in dieser Richtung am weitesten gvbrachri Diese beiden Grundzüge, der Ausgang der Lebewesen vom Lvao und die Befreiung voU der gleichmäßigen Wärme der Tropen, Simroth, geben int Zusammenhänge mit der Pendulativn. o ■ Erde den Schlüssel für das Verständnis der gesamten Schopsm u-
Würde und johlten kräftig mit. Gegen
warme Essen angerichtet, Erbsen, Sauerkraut, Schweine-! fleisch, Hutzeln und Schweinefüße. Die Hochzeitsgäste vertilgten ungeheure Mengen. Zum Nachtisch trug eine der Mägde einen Riesenkringel auf, der gleichmäßig unter alle Anwesenden verteilt ward. Auf Wunsch der Meisterin hatte man von Musik und Tanz Abstand genommen. Ein Grund mehr, daß die Hochzeit bei fortschreitender Zeit zu einem wüsten Trinkgelage ausartete. Widerlicher Duft, ein Gemisch von Tabak, Fusel und Speisegeruch, erfüllte das Zimmer. Ein Faß Bier wurde aufgelegt. Man trank ans großen Gläsern. Von den Männern war keiner mehr nüchtern. Zwei Gesellen setzten beit narrigen Balduin, der fortwährend mit Stichelreden um sich warf, auf die Ofen- platte. Tort zappelte er, höchst possierlich anzuschen, und schrie: Mgner, laßt mich läse,
Versoffen ist euer Verstand, Der Herrgott wird euch strafe, Die Cholera! kommt ins Land."
Der Hausierer aus Thüringen faßte den Nachbär Kipping unter den Arm, der nicht mehr stehen und gehen konnte.
„Här'n Se, Herr Gipping, die Gesellschaft wird mir zu jemischt. Sie sollen säh'n, da jibt's noch Keile. Kommen! Se, wir machenu uns dünne." Er brachte den Alten glück-, lich fort. Am schwersten hatten die Fischbacher geladen, Sie sangen mit deutlicher Anspielung auf den Hochzeiter:
„Der Mann im Ofeuloch Hat alles, was er will. Und was er will, Das hat er nicht, Und was er hat, Das will er nicht.
Der Mann im Ofeuloch Hat alles, was er will!"
Die Pflastergeselleu wollten hinter ihren Nachbarn nicht zurückbleiben und brüllten im Chor ein Spottlied auf die Fischbacher. Mit einem Male schossen von beiden Seiten Schimpf- und Schmähworte wie Raketen auf und verp'rasselten unter dein Gelächter der Tischrunde. . Ein Pflastergeselle nahm einen Fischbacher, der ihn gehänselt hatte, beim Schopf. Dieser warf seinem Angreifer ein Bierglas an' den Kopf. Es floß Blut. Plötzlich erfaßte alle eine förmliche Raserei. Die Pflastergesellen drangen auf die Fischbacher! ein, und nun entwickelte sich eine regelrechte Schlägerei. Laut kreischend zogen sich die Frauenzimmer zurück. Bei dem allgeineiiieu Tumult stürzte der Tisch um. Hageldicht sausten die Hiebe nieder. Auf der Osen-t platte wimmerte der nartige Balduin:
„Ei du mein Vater! Sie morden sich, sie morden sich. Tas ist das himmlische Strafgericht. Ei du. mein Vater!" I Mit Mühe und Rot gelang es Friedmar und den Männerst von Dietkirchen, die Wütenden auseinander zu bringen/ Tas Hochzeitsziiumer bot den Anblick eines eklen, wildcst Durcheinander. Die Blessierten wankten hinaus, die Bc-t trunkenen taumelten hinterdrein. So endete der Meisterin'


