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Die Pflastermeisterin.
Roman von Alfred Bock.
(Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.)
Anderen Tags, Glockenschlag drei Uhr, setzte sich der Hochzeitszug vom Hause der Meisterin aus in Bewegung. Boran die Braut im vollen Staat, aber als Witfrau ohne Kranz, von zwei Männern aus der Freundschaft des Bräutigams geleitet. Darauf der Hochzeiter, einen Blumenstrauß im Knopfloch, zwischen zwei Mädchen schreitend. Dahinter schlossen sich die Verwandten, Freunde und Nachbarn an. Unter dem Feierklaug der Glocke gelangte man zur Kirche. Bor der Türe lösten sich die Gruppen auf, die Brautleute! gingen dem Altäre zu, dicht nebeneinander und ängstlich darauf achtend, daß keine Lücke zwischen ihnen entstand: Sonst schlüpfte der leibhafte Teufel durch, um die Liebenden zu trennen. Am Kirchentisch verbeugten sie sich zuerst gegeneinander, dann gegen den Geistlichen. Die Orgel setzte mit 'vollen Akkorden ein, und die Versammlung sang das Lied: „In allen meinen Taten
Laß ich den Höchsten raten."
Darauf hielt der Pfarrer die Traurede. Dieser war lein alter, behäbiger Herr, aus dessen wasserblauen Augen Güte und Menschenfreundlichkeit sprachen. Er erging sich behaglich in breitem Sermon. Als er dabei den Hochzeiter Mit einem Vöglein verglich, das in beständiger Unrast von Zweig zu Zweig gehüpft und nun endüsch lein warmes Nest gefunden habe, zuckte es verräterisch in manchem Gesicht, jund es fehlte nicht viel, daß die weihevolle Stimmung in das Gegenteil umfchlug. Gegen Ende der Traurede be- ganueu die Brautleute ihre Handschuhe auszuziehen, sehr langsam und einander.beobachtend. Denn wer zuerst von ihnen damit fertig wurde, starb gewißlich auch zuerst, Die Nersammlnug stimmte das Lied ait:
„Wo Gott zum Haus nicht gibt sein' Gunst, So arbeit' jedermann umsunst."
Die Zeremonie war beendet. Der Zug ordnete sich wieder. Jetzt schritt der junge Ehemann voran, hinter ihm seine Frau/damit sich sogleich das Bibelwort erfüllte: „Er soll dein Herr sein."
Kurz nach vier Uhr nahm die Hochzeitsgesellschaft im Hause der Meisterin an sauber gedecktem Tische Platz. Der Pfarrer hätte sich wegen dringender Amtsgeschäfte entschuldigen lassen. In der Nähe des Hochzeitspaares faß die freilich sehr spärlich vertretene Verwandtschaft. Daun folgten der Bürgermeister Und die Gemeinderäte von Dietkirchen, ihnen gegenüber der Nachbar Kipping und der Hausierer Schwadtke aus dem Thüringischen; weiter unten guf der einen Seite die Männer aus Fischbach, auf der anderen die Pflastergeselleu. Dazwischen waren Frauen und Mädchen verteilt. Zwei dralle Mägde mit blendend Weißen Schürzen trugen duftenden Kaffee, Kuchen, Blechwecke und Zwieback ättf. Für die Männer stand schon der Schnaps
bereit. Ein Schalk schlüpfte unter den Tisch, zog der Meisterin unversehens einen Schuh aus Und füllte ihn mit Schnaps. Der sonderbare Becher ging unter allgemeinem Jubel um, und jeglicher nahm einen Schluck. Eben begann man warm zu werden, als sich zur Unzeit der „narrige Balduin", ein Vetter des verstorbenen Pflastermeisters, erhob. Er war ein kleiner, verwachsener Mensch mit einem abstoßend häßlichen Gesicht. Aus dem unförmigen Kopf trat die Stirne wie eine vorgelagerte Wand hervor, lieber dem breiten Mund erhob sich der wulstige Nasensattel. Die kleinen, verglasten, von zottigen Brauen umbuschten Augen lagen tief in den Höhlen. Im Städtchen hielten ihn die einen für unzurechnungsfähig, die anderen behaupteten, daß seine Schwachköpfigkeit erheuchelt sei, nur um damit seine Faulheit und Nichtswürdigkeit zu bemänteln. Er aß bei einem Verwandten das Gnadenbrot, und seine Haupt- beschäftigung bestand darin, aus den Straßen die Zigarrenstummel zu sammeln. Diese ließ er in seiner Pfeife dann wieder in Rauch aufgehen. Wenn man ihm heute am Hochzeitstisch das Wort gönnte, geschah es nur deshalb, iveil man sich königlich dabei zu belustigen hoffte. Balduin aber sprach mit weinerlich krähender Stimme: „Wo wir jetzt mitten in dem Ehrentag dreinsteh'n, müssen wir doch auch an den seligen Meister denken, der droben int Himmel auf uns herunterguckt. Ach, wie freut er sich über das Füllen, das er großgezogen hat, das jetzt ganz ausgewachsen in seinem warmen Stall an der vollen Krippe futtert. Du himmlischer Vater, so 'n Füllen! „Liebe Frau," spricht der selige Meister da droben, „wie wunderschön ist's im Himmel. Da ist alles mit schweren goldenen Hlatten gepflastert, und eine davon ist Tausende wert. Ei, wie töricht ist's, drunten das Geld in Strümpfen zu verstecken. Ausstreueu soll man's au seine lieben Mittmenfchen und Vettern und Basen, denn feiner kann nichts mitnehmen. Und im Himmelreich! kriegt er zugemessen, soviel er forttragen kann. Ei, wie schön, liebe Frau, daß du das Pferdchen so hübsch gesattelt hast. Das gibt 'nen lustigen Ritt. Und die roten Gold--, stücke fliegen rechts und links! Alles her, alles hin. „Arm geh' du pus dem Erdenreich, dein himmlisch Bett ist wunder-i weich." Und dem seligen Meister laufen die hellen Freuden- tränen in den Bart. Ei, du hiinmlifcher Vater, was ist der selige Meister! für ein guter Manu. Ameu, Amen, Amen!"
Die Gesellschaft war im Zweifel, wie sie den halb verrückten, halb boshaften Tischsprnch Balduins aufnehnten sollte. Die einen murrten, die andern lachten. Friedmar sah ingrimmig vor sich hin. Am liebsten hätte er beit Buckel am „Schlafittch" genommen und zur Türe hinaus- geworfen. Aber er hielt an sich. Die Meisterin ließ bleich und verschüchtert ihre Blicke über die Tischrunde wandern. Und plötzlich wurde es ringsum so still, daß man das Piepsen einer Maus hätte hören können. Der Bürgermeister von Dietkirchen, als Honoratiorenperson und Mann von -Takt, war der erste, der das peinliche Schweigen unterbrach.


