Ausgabe 
14.6.1909
 
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Bilderrätsel.

Redaktion: K. Neurath. Rotationsdruck und Verlag der Brühl'scheu Universitäts-Brich- und Steindruckerei, N. Laune, Giehe«.

Auslösung in nächster Nniuiner.

Auflösung des Logogriphs in voriger Nummer:

Mutig oder feige?

Eine hübsche Erinnerung eines einundzwanzigjährigen Stu­denten und Reserveleutnants ans dem dänischen,Kriege von I8b4 erzählt Professor Karl Larsen in einem AussatzDer Mensch und der Krieg", der inNord und Süd" verofsentlrcht wird. Ev sind Schüsse gefallen, und die Meldung kommt, daßder Femd sich aus Leibeskräften mit unseren Feldwachen schlüge.. Wir rücken vorwärts zum Entsatz, hielten uns aber vorläufig m einer geschlossenen Kolonne mitten aus dem Wege und warteten nähere Ordre ab. Inzwischen pfiffen die Kugeln der Preugen um uns, und mancher brave Soldat mußte hier verbluten, ehe er noch dazu hatte kommen Minen, einen Schuß gegen die Feinde Däne­marks zu lösen. Es ist nicht angenehm, so nut den Händen tm Schoß zu stehen und sich erschießen zu lassen.Mutig oder wige i Diese Frage drängte sich mir wohl hundertmal in diesen zehn Minuten auf, und die Antwort lautete:Feige!" Fa, ich be­kenne es; wie ick dort stand, da war ich ein Feigling, ein elender Kujon aber ich bitte alle, die zu Hause auf ihrer Stube sitzen und über mich richten, ein so mörderisches Feuer auszuhalten, und zwar, ohne selbst eilte Hand erheben zu dürfen, em Wort zu sagen oder einen Schuß zu lösen.

Die Mannschaften der Feldwachen, von den Prerißen zurnck- gedrängt, kommen jetzt in voller Unordnung, vom Feinde ver­folgt, zurückgelaufen. Die Verwirrung ist tm Begrisf, auch tue Leute des Leutnants zu .ergreifen, sie geraten zwischen die wild Fliehenden, da wachte ich am". Man sieht nun, wie energuch die Nerven des jungen Mannes reagieren:Arik erneut Stock, den ich in der Hand hatte, schlug ich einen meiner Leute zur Erde. Darauf zog ich meinen Säbel und schrie:Der Erste von der zweiten Kompagnie, der ohne Ordre retiriert, wird niedergehauen!" Die Wirkung war verblüffend. Tie Zurückgebliebenen schielten nach mir hin, um zu sehen, ob es wirklich mein Ernst sei; aber es muß wohl etwas Imponierendes an mir gewesen sein, denn sie blieben Gleichzeitig erhielt ich die Ordre, mit meinem Zug einen Knick zu besetzen. Ich besetzte diesen, und eme halbe Stunde lang hielt ich ein wahrhaft mörderisches Feuer ans. Die Preußen benutzten die im Terrain sich bietenden Niederungen vortrefslich, so daß man sie in der Regel nicht sieht, bis sie einem gerade auf dem Leibe sind, llnb plötzlich sprang kaum zehn Schritte von mir ein preußischer Offizier heraus, sowie eine, Menge Sol­daten.Mutig oder feige?" fragte ich mich selbst; aber nun lautete die Antwort:Mutig!" Der Gedanke an die Heimat schwebte mir dunkel vorbei, der Gedanke an alles, was ich auf- geben mußte; aber es war nur ein Augenblick, tausendmal kürzer, als ich dazu brauche, es zu erzählen. Mein Regenmantel inachte mich kenntlich.Feuer, Feuer!" rief der tapfere Preuße, indem er auf mich deutete; aber eine Sekunde früher hatte ich bereits auf ihn gezeigt und gerufen:Legt an, Feuer!" Der Offizier fiel, und unsere kräftige Salve hatte überhaupt eine starke Wirkung auf unsere Feinde. Unsere Gewehre waren indessen fast alle ab- geschosseii, und deshalb:Zurück, lauft!" kommandierte ^ich, und nun liefen alle, was das Zeug halten wollte, über das Feld bis zum nächsten Knick. Ich brauche kaum hinzuzusügen, daß wir auf diesem Wege eine Salve erhielten, die 15 von meinen 45 Mann tötete oder verwundete, und daß die Kugeln besonders mir um die

Ohren pfiffen, aber den einzigen Schaden litt mein Regenmantel, in dessen untersten Saum ein Riß geschossen wurde, und danu meine Hände, die ich mir arg blutig riß an der Dornenhecke, die am Knick stand, über welchen wir himvegvoltigierten.Mutig, mutig!" so jubelte es in mir, und von diesem Augenblick fiel es mir gar nicht mehr ein, daß mein Leben in Gefahr sei . . . Wir zogen Ms gegen die Schanzen zurück, und der Kampf blieb hier eine Zeitlang stehen, bis das 6. Regiment zu unserem -Entsatz anrückte. Dann ging es vorwärts, wie es zuvor rückwärts ging, der Feind retirierte schleimigst . . . Der Kampf war beendet, der Bataillonskoinmaitdeur kam, der Regimeutskomntandeur kam, alles war mir wie in einem Traum, alles war mir, als hätte ich nichts davon erlebt: aber die Wagen, die mit den Verwundete und Toten nach Sonderburg rollten, die ernsten Ambulanzen, die feierlich auf den schneebedeckten Feldern vorwärts,schritten, um die Gefallenen aufzulesen, waren lebende Zeugen, daß hier ein Gefecht gestanden. Mein Hauptmann stand und sprach mit dem Regimentskominändeur, es war von mir die Rede, es war mein Mut, den er beschrieb, meine Tapferkeit, die er lobte, und nun kam er ans mich zu, drückte meine Hand und sagte:Viel Glück zu Ihrer Feuertaufe! Sie haben wie ein tapferer Soldat Ihre harte Probe bestanden." Ein tapferer Soldat! Ja, ich fühle es, von dem Augenblick an, wie es zur Tat kam, von dem Augenblick an habe ich nicht an die Möglichkeit gedacht, daß ich getroffen werden könnte."

Noch verweilt der jimge Leutnant glückselig bei dem offiziellen Rapport und einer ehrenvollen Erwähnung darin, und mit über­strömender Freude schließt er:Meine geliebte Mutter, meine lieben Geschwister, mein braver Christian, ehrlicher Niels, meine liebenswürdige Familie, empfangt den herzlichen Gruß eines Sol­daten!" _ _ ,

Am Düppeltage, dem 18. April, stand, er im Lautgraben! zwischen den Schanzen 2 und 3, und dort blieb er auch als tapferer Soldat".

Vermischtes.

*' Die Prüfung des chinesischen Briefträgers. Der chinesische Postbeamte, der den Söhnen des Hiiumels ihre Briefe überbringt, hat eine Reihe anstrengender und gefahrvoller Proben abzuleisten, ehe er des Amtes würdig befunden wird, das er bei kargem Solde dann verwalten muß. In einem fran­zösischen Blatte wird dies Examen geschildert. Vor allen Dingen muß der künftige Briefträger einen Beweis seiner körperlichen Leistungsfähigkeit und seines Mutes ablegen. Daher sendet man die Kandidaten auf große Fußreisen, weite Entsermmgen. »innen zu Fuß zurnckgelegt werden, durch einsame Bergschluchten und düstere Täler eilt der Prüfling, durchschreitet rauschende Gietz- bäche, durchquert sinstere Wälder, die durch Räuberunwesen be­rüchtigt sind, und kehrt dann nach Ueberbringiutg irgend> einer Probebotschaft znm Ausgangspunkt seiner Reise zuruck. Hal er die Wanderung mit der wünschenswerten Schnelligkeit liberwunoen, allen Gefahren getrotzt und durch List ober Kraft allen Widerstand besiegt, so stehen seine Aussichten für die Anstellung Aber das Examen ist noch nicht zu Ende; die schwerste Prüf«»» steht noch bevor. Zur Nachtzeit, wenn mit dem Dunkel die Ge­spensterstunde naht, muß der Kaildidat bestimmte abgelegene Orte aufsuchen, biel durch das Treiben von Dämonen und böien Geistern berüchtigt sind. Vollbringt er auch dieses Wagnis mit Uner­schrockenheit und Standhaftigkeit, so gilt er für würdig, als Beamter in den Postdieust einzutreten, aber viele scheitern au bieier Prüfung, die als die härteste und gefährlichste von allen Proben gut.

* Aits der M ü nch eiter Jugend. Der Gesandte eines deutschen Bundesstaates in Berlin führt bei einem Diner eine bekannte Dame der Berliner Hautesinance zu Tisch. Die Fran Geheime Koniiuerzienrat gebraucht in der ersten Viertelstunde me AnredeExzellenz", in der zweitenGraf N , . in der dritten beginnt sieMein lieber N. . .", worauf sich der Gesaudte zn ihr wendet:Mein Vorname ist Karl!"

Es mag schon als bemerkenswerter Versuch zur selbständigen und unabhängigen Formschöpfung gelten, wenn der ^plastische Künstler in einer BrUiinenidee aus die großen Ernahreriniieit der Brunnen deutet, auf die Wolken, die das erquickende Naß herab- träufeln. Auf den Steinpfeilern stehen streng architektonische Ge­stalten, ober scheinen aus dem Stein hervarzuwachsen, so hart und streng sind sie, und haben das Antlitz zum Himmel erhoben; lechzend, die Himmelsgabe herabzuflehen, und die hohle Hand strecken sie vor, den fallenden Regen aufzilfairgen. Alle Symbole sind in der Natur zu finden. Und alle hohe Kunst ist symbolisch. Ich kenne einen solchen Brunnen. Architektur und Plastik sind hier zur Einheit verschmolzen. Eines die notwendige Ergänzung des änderen. Die Architektur als Ausdruck der reinen Zwecklich- keit, als Stufen und Bruiinenraud, darauf m gleichen Abständen, gleicher Haltung nnd gleicher Gestalt, kniende ^üngluigsgestatten sich erheben, die Hände um die eigenen Schultern.gelegt, zm ruhigen Schauen den Blick auf die Wasserfläche gebannt, darin das eigene Bild emportauchen muß. Sie sind das Symbol des nchenden Wassers selbst, das die Schönheit der Schöpfung tn seinem spiegel anffängt, sie sind zugleich die Darstellung jener unendlich fußen und traurigen altgriechischen Legende des Narelssus, freilich tn herbe asketische Sprache des gotischen Geistes übertragen.

Schöne Brunnen das .wäre eine Angelegenheit für die : schnell auwachsende Stadt. Die Stadtväter mögen das bedenken. . -Die Römer gaben bent Volke nicht nur panem, auch eireenses. Aber wir errichten ja Denkmäler. Um jeden Preis. Wir nehmen sprn teren Geschlechtern Aufgaben vorweg, für die sich vielleicht^ einst größere Küiistler fanden. Schöne Brirnneii, das ist eme Aufgabe, bei der der Künstler nicht leicht danebeNgrelst und bei der die Stadt ihre Freude, ihren Nutzen hat. Daß es auch der Stadt nütze, daran sollen wir zunächst denken.

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