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„Stell sie wieder rauf, Artur! Nu, Fritz Leberecht, erzähle du!"
„Ich habe geträumt, ich habe die Käroline Brümsel wiedergesehen, mit der ich Tanzstunde hatte. Sie ist zwar nicht hübsch, aber pockennarbig; und daß sie ein bißchen hinkt, wird reichlich dadurch ausgewogen, daß sie viel stärker schielt. Und wie mich das Mädel sah, — d. h. eigentlich sah sie an mir vorbei — da sagte sie: „Ach, Fritz Leberecht, da bist du ja auch wieder! Du hast wohl studiert?" r- „Das hab ich," sag ich — und sie: „Natürlich Jus" — und ich: „Versteht sich. Ich möchte gern zur R e g i e r n n g." „Ach, wie komisch", lacht sie. — „Wieso komisch?" sag ich. — ,,Ra, du hast doch vielleicht gelesen, daß mein Vater ins Ministerium gekommen ist."
Er schwieg und sah treuherzig vor sich hin.
„Na und dann?" drängten die Freunde, begierig, des aufregenden Traumes Ende zu erfahren.
„Wieso — und dann? Ich hab' mich natürlich sofort mit ihr verlob t."
Fritz Leberecht fuhr sieben Minuten später im Fond der Droschke, als Geladener, zum „Silbernen Hirschen".
Die Freunde saßen schweigsam Und eittgefchüchtert gegenüber. Etwas wie Ehrfurcht hatte sich auf ihre Herzen gelegt. Wer so schön träumt — der macht Karriere, dachten sie.
Und seufzend zahlten fie die Droschke.
schöne Brunnen.
Von Jos. Ang. Lux.
Kein Platz ist einsam, wo ein Brünnen rauscht. Die Landschaft wird lebendig, wenn ein Wässerlein plaudert, und die Wanderung kurzweilig. Auch in der Stadt ist bas Wasser belebendes Element. Hier hat sich die Kunst seiner bemächtigt, tim die Wirkungskraft zu steigern. Brunnen sind fast bie em» zigen architektonischen Denkmäler, welche die Städte einst besaßen. Das haben die alten Städtebauer gut verstanden. Brunnen, die man in alten Städten ober Stadtteilen erblickt, sind ein Labsal, nicht nur für die Durstigen. Die rhythmische Monotonie des strömenden Wassers gleicht die disharmonischen Straßengeräusche aus. Sie webt ein feines, gleichmaschiges Tonnetz durch den zerstückten und abgerissenen Lärm, bindet und verebnet, nimmt seine Härten und trägt ihn im ruhigen Flusse, gebändigt und besänftigt fort. Und sinkt die Stille der Nacht aus den Stadtplätz herab, bann tönt sie wie sanfte, einlullende Musik. Der Stille nimmt sie das Bange, Atembeklemmende, die Erstorbenheit. Urweltslieber sind es, bie jedem Röhrbrunnen entsteigen, ein Rauschen, bas schon im Anfang der Welt dasselbe war. Eine Welt homerischer Stimwtingen erwacht, Blöcklinsche Bilder, wenn man will, inmitten kleinstädtischer Philisterei. Die Stimme des Meeres, der großen Mutter, lebt in dem kleinen Wasserstrahl, tönt nach, ein fernes Echo des Meeres, das nach Thales von Milet, dem Ahnherrn Unserer Philosophie, der Urgrund aller Dinge war. Der Mensch schaüt darin fein eigenes Symbol. Beide sind verschwiegenes'Nebelheim. Man kennt -nicht die verborgenen Wunder des allumfließenden Wassers. Kein Blick durchbringt alle Tiefen der Seele, so streng und tief hüten beide ihre Geheimnisse. Gin! Mgrund sind sie, oft ein grauenvoller Abgrund. Jeder Brunnen timschlreßt ein solches Symbol. Und aus der Tiefe beS rauschenden Brunnens steigen alle rätselhaften, wunberfameil Gestalten, mit beneit die wundersame Phantasie das Wasser belebt hat, empor, und sind Stein geworden, oberhalb des Brunnenrandes. Edle Plastik! Und wie das Gras zwischen den Steinstufen sproß, blüht unvermerkt und ungerufen das Volkslied empor. „Am Brunnen vor dem Tore' .... ." Das war einst der gesellige Sammelpunkt der Stadt "und unter deut Rauschen des 'Wassers ward der Klatsch gepflegt. Und die Kinder der Dienstbarkeit kamen mit Kannen und Krügen und in das 'Plätschern mischte sich lautes Gelächter. Aber wenn es still ward und einsam, schlich oft etrt Gretchen, mühselig und beladen, und jammerte vor dem BrnNnen: „Wie könnt' ich einst so tapfer schmalen....." Und
Klage verrinnt im Rauschen, und manche Träne rollt rns Becken, ern Bropfen unter Millionen von anderen, hur ein!
Mlßiger als die Brüder, und steigt zum Himmel empor als lichte Wolke und sinkt 'nieder in den Schoß des 'Meeres, wo sie mit Unzählbaren anderen Tropfen in unendlicher Klage aufrauscht, scheit und wild, als ob alle Tränen der Welt da gesammelt waren und alles Weh zusammenklänge. O Mensch! Alle Brunnen Mo davM voll und aus der Tiefe tönt es wie eine versunkene! Glocke! Wie das Wasser zieht! Neigt man sich über beit Rand, tim die heißen Lippen zu netzen, erschaut man fein eigenes Bild. ■x)U allen Dingen erkennen wir gerne unsere Züge. So zu sehen, Ist eben Menschenart. Alle Kunst wurzelt darin. Vermenschlichen will sie die außermenschliche Natur, das ist ihr Sinn. Am Brnnneu! wird es 'offenbar. Ein Naturelement hat fie zu fassen, und was hat sie da nicht alles getan! Geht man durch irgendeine alte Stadt oder einen alten Stadtteil, so steht man oftmals still im'
Banne eines solchen edlen Gebildes. Die neuen Stadtteile entbehren eines derartigen Schmuckes. Das totire den Stadion tern zu sagen, und alle schönen Möglichkeiten wären ihnen aus Herz zu rücken, die sich bei der Betrachtung der Seele erschließen. Ist diese Sache bloßer Schmuck? Ei, da wäre wegen des 'Aufwandes manches' Bedenken zu erheben. In der Tat über ist sie zugleich eine hygienische Notwendigkeit, die nur deshalb nicht 'erörtert wird, weil man sie ohnehin gerne einsieht.
Wir haben also das Glück, die Angelegenheit rein künstlerisch betrachten zu dürfen. Steht der Künstler vor der 'Aufgabe, so erschließen sich ihm tausend verlockende Wege. Alle Geister haben ihm vorgeleuchtet, alle Kulturen bis ins graue Altertum hinein. Unerschöpflich sind die Gestaltuitgs'möglichkeiten, die das strömende, mimende, spritzende oder ruhende Wasser darbietet. Die Phantasie aller Völker und aller Zeiten hat dem Meißel des Bildners! vorgearbeitet und eine Märchenpracht erschlossen, vor der die schönheitssuchende Seele erschauern muß. Mer alle Wege, die! in bie Schatzkammer ber Ueberlieferung führen, finb schon begangen worden. Viele dieser Wege sind sogar schon unzählige Male begangen worden und werden es 'immer wieder. Fast überall arbeitet der Meißel dem Liede nach, folgte die plastische Verkörperung dem rein dichterischen Bilde. Der suchende Künstler mag die Argonautenfahrt versuchen, er mag bie Griechenmeere! durchqueren und alle mythologischen Bewohner der Gemässer bis zur fernsten Quellennymphe im Hirtenreiche Arkadiens äuffuchen und sich ihre Legenden erzählen lassen. Er mag sich aus der Heiterkeit des griechischen Götterhimmels in das Niflheim der Nibelungen begeben, oder, wenn es ihm gelüstet, den Ritt ins alte romantische Land "unternehmen, den deutschen Zauberwald! erforschen und bei den Undinen und anderen Kindern des feuchten Elementes sein Glück probieren. Aber er glaube nicht, daß er der erste fet. Und sei es der seltsamste Md köstlichste Stofs in irgendeiner Stadt steht ein Brunnen, wo er sicherlich verwendet ist. Aber was liegt daran? Der selbständige Künstler wird jeden Stoff neu und interessant gestalten, .denn schließlich ist in der bildenden Kunst die Form das 'Entscheidende. Könnte es nicht ber Fall fein, daß unter beit Plastikern einer kommt, der mit einem Naturgefühl begabt wie Böcklin oder Segantini, eine homerische Stimmung hinzaubert, mitten in beit Alltag, ursprünglich und neuartig und dennoch 'nicht über beit bekanntest! Borstellungskreis hinausgehend? Es' könnte ganz gut .möglich' fein, meine ich. Jede Stabt könnte einen NibeluitgenbrniutM! haben und er könnte in jeder Stadt merkwürdig und anziehend sein. In allen Fällen aber würde sehr viel darauf ankommen, daß das Wasser selbst in den Dienst der plastischen Idee gesteM, feiiter Natur gemäß 'behandelt werde, was die Barocksiinstler so trefflich verstanden haben, von denen die historischen Gärten' manches gefangene Werk bis heute bewahren. Denn beim Brunnen und auch beim ornamentalen Brunnen ist das Wasser doch bie Hauptsache, und bie Architektur, die es einfaßt, zusammenhält ober darbietet, und bie edle Plastik, die das Werk beherrscht, um dem.' Gedanken des Ganzen einen bestimmteren, verdichteten symbolischen Ausdruck zu geben, sind doch eigentlich hervorgegangen aus dem Wesen dieses Naturelementes und dadurch formal bedingt. Brunnen, an denen das Wasser durch Turbinen hervorgetrieben, gepeitscht und mißhandelt wird, so daß man an feiner ®rfdjeiitnitg! nicht so sehr seine edle Natur betrachten als vielmehr die Wirkung! der Maschine unerquicklich nachsühlen kann, sind unkünstlerisch, mag auch bie Plastik für sich allein bedeutend fein. Denn dann ist ein Teil nur Vorwand des anderen und das Werk zerfällt jü zwei Hülsten, die kein Ganzes bilden.
In. einem öffentlichen Garten, wo viele Liebespärchen spazieren gehen, glückliche und unglückliche, steht ein anmutiger Brunnen, mitten im Teich, darin sich hoch aus den Binsen ein seltsames Liebespärchen erhebt, ein Triton und eine Nymphe. Die Liebenden, die hier vorüberwandelit, können sich, sofern sie es ^beachten', an dem sathrischrn Widerspiel erfreuen. Auf sie blinzelt der Triton aus bem Schilfe, er drückt bie geraubte Nymphe, bie sich! schreiend wehrt, an sich und weit im Bogen speiend, höhnt er mit fratzenhaftem Grinsen herab. Was mir an diesem Brunnen bedeutsam ist, das ist der Wasserspeier. Es liegt nichts W-ider- fpruchsvolles oder gar Widerwärtiges barin_, baß ber Wasserstrahl aus bem Munde schießt, benn bas Wasser ist des Tritons eigentliche Heimat. Dagegen wirkt es abstoßend, wenn irgendeine menschliche Figur, die nichts von dieser Amphibienuatnr besitzt, als Wasserspeier verwendet wird, wie man es an Brunnen der Neuzeit oftmals vorsiildet. Aelterc Kunstpenoden haben sich vor solchen Mißgrifseu wohl gehütet. Die Gotik verwendete Wasserspeier aller Art, aber sie verwendete als Vorbild nur Wesen, deren Lebenselement das Wasser ist, oder sie erfand zu' diesem! Zweck mit erstaunlicher Phantasie eine ganze Welt von abenteuerlichen Fabelwesen. Tiefe Zusammenhänge müssen sichtbar werden'. Und jedes Kunstwerk soll ein reines Gefäß sein, des leuchtendsten Geistes erfüllt. O, ich kann mir denken, daß ein Künstler an1 allen Schätzen der Ueberlieferung vorübergehen mag, ohne auch nur einmal 'das Zauberwort zu sprechen: Berg Sesam, tit dich aitf! daß er lieber in das Wesen der Dinge hinabsteigt, tim! atis ihm die Form heraufzuholen.
Zu den Großen gehören immer nur solche, welche den Kreis der herkömmlichen Darstellungswittel durchbrochen und der Natur nette künstlerische Darstellungsmittel abgerungen haben.


