Ausgabe 
14.6.1909
 
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der Hitze. Schreiend fuhr der schwarze Kater heraus und jagte mit versengtem Fell ins Weite.

Auch sie ging jetzt davon, langsam, Schritt für Schritt, blieb' oft stehen und sah zurück: würde das Feuer auch nicht wieder verlöschen?! Eine Angst kam sie an. Hatte sie am Ende nicht sorgfältig genug die im Herd geschürte Riesenglut herausgerissen und in der Stube herumgezerrt? Und Stroh darauf geworfen und petroleumgetränkte Lappen? All ihr wollenes Zeug, ihr schwarzes Kirchenkleid und das Tuch noch ein GesüMik von ihrem Manu selig hatte sie deswegen in Fetzen gerissen. Hatte sie etwa nicht brennende Hölzer genug ins Bett gesteckt, zwischen die Federn der aus­geschnittenen Kissen?! Doch, doch! Das Bett hatte schon tote eine Fackel gebrannt, als sie ans der Hintertür heraus­getaumelt war, halb erstickt, mit vor Rauch blinden Augen. Ja, ja, sie durfte ruhig sein, es würde schon genug brennen, es würde eine Flamme geben, die alle sahen!

Etwas rascher schritt sie weiter. Auf den Anger wollte sie hinauf. Am Bergkopf oben, da w-ürde sie am besten sehen, wie das Feuer höher und höher stieg, wie es das Dach ergriff, das ihr Mann selig zur Hochzeit neu gedeckt, wie es das Haus verzehrte, das der Großvater selig einst gebaut hatte!

Wenn nur niemand zu früh nach Haus kam, wenn die Hütte nur erst recht, recht toll brannte!

Sie beunruhigte sich noch immer. Durch das Tannen- wäldchen gedeckt, war das Dorf jetzt ihren Blicken entzogen. Brannte es auch noch brannte es auch wirklich noch?!

Sie rannte und keuchte bergan. Nur herauf zum Anger, voran, oben, da konnte sie sehen, da--

Hah!" Ein langgezogener Schrei wahnwitziger Freude entstieg gellend ihrer Brust. Da lag das Dorf ihr zu Füßen. Eine Rauchwolke lagerte dick über ihm. Aber jetzt, jetzt hah! jetzt schoß es rot ans der Wolke! Sie teilte sich, ein wirbelnder Wind blies darein, feurige Zungen leckten empor, riesengroß, frendenhell, und leckten nach rechts und leckten nach links und stießen zusammen, vereinigten sich, flössen ineinander über, und wurden noch länger, noch breiter, toiirbeit zu einem feurigen Band, das sich immer mehr und mehr entrollte, schnell abwickelte wie von einem Küäuel.

Weit aufgerissenen Auges stierte die Frau: Jesus, das war ein Feuer das war ein Feuer!

Es war längst nicht mehr die Hütte der Driesch allein, die da brannte. Bon Dürre und Sonnenglut ausgetrocknet, waren die Strohdächer aufgeflogen gleich Zunder. Jetzt brannten der Hütten schon vier, fünf. Mer noch nicht genug hiermit, der Wind machte sich dahinter und blies die Flammen an. Die eine ganze Reihe des Dorfes hinunter fegte der Brand; mit gespenstischer Eile sprangen Flämm- chen von Giebel zu Giebel. Wie Matten, von geschäftiger Hand zusammengerollt, krempelten sich hie Strohdächer um, erst sengten sie, erst schwelten sie, aber dann hui das totreife Getreide, jedes Korn ein Funke, puffte wie Pulver in die Höhe und sprühte Feuergarben in die Lust. Ein stinkender Rauch stieg zum Himmel empor und verdunkelte den Tag; aus den Ställen tönten die verzweifelten Stim­men der eingesperrten Tiere.

Kathrein Driesch hörte nicht das Jammergebrüll der Verbrennenden. Sie hörte nicht das Geschrei, das plötzlich, hinten weit, von den Feldern her, wie im Alarm zu ihr drang. Sie horte nicht das Krachen von Balken und Mauer­werk sie sah nur. Sah, triumphierenden Blickes, ein wildes, wogendes Flämmengetümmel, eine Glut, riesen­groß, den Sonnenglanz löschend mit ihrem Rot, eine Fackel, riesenhoch, vom Wind geschwungen, lodernd himmelan, bis vor des Allerbarmers eurigen Thron,

_ Die Mutter fiel in die Kuiee nieder auf den Anger, Huf das grüne Weideland der Herde und breitete ihre Arme weit und schlug sie wieder zusammen, als drücke sie schon jemand an die Brust, und weinte und lachte und hob die zitternden Hände hoch empor über ihr greises Haupt und schrie lauter als die hundert Stimmen der herbeistürzenden Dörfler, schrieb hinein ins Angstgebrüll der Tiere, ins Stürzen der Balken, ins Prasseln der Flammen:

Mein Willelm! Eweil kömmt hän!"

Der Traum.

Von Rudolf Presber, Berlin.*)

In einem juristischen Seminar saßen drei späte Se­mester zusammen.

Der Professor vorne ging eine Arbeit des Studiosus Buxenhagen, Hasso-Sueviae XX. X. X., über den Meineid durch. Es kann aber auch der Falscheid gewesen sein. Oder widerrechtliche Freiheitsberaubung. Der Studiosus Buxen­hagen, Hasso-Sueviae XX. X. X., verstand nämlich vom Mein­eid soviel wie vom Falscheid, und von den beiden zusammen soviel wie von der widerrechtlichen Freiheitsberaubung; nämlich gar nichts. Und die drei Studiosen hinten am Fenster interessierten sich weder für den Falscheid, noch für den Studiosus Buxenhagen, noch für den Professor.

Sie waren eigentlich ganz gegen ihre Gewohnheit hierher gekommen. Weil es draußen so heiß war und hier so schön kühl, und der Mann da vorn im alten, schwarzen Gehrock mit seinen leise vorgetragenen Ansichten nicht sehr genierte.

Die drei unterhielten sich über die Liebe.

Tas war ein sehr schönes Thema und jeder hatte etwas zu sagen. Plötzlich warf einer die Frage hin:

Und wer bezahlt nachher die Droschke zumSilbernen Hirschen"?"

Da wurde es still von der Liebe und man sprach von der Droschke. Sie hätten sie gern ausgeknobelt, aber sie hatten weder einen Knobelbecher noch Streichbeine. Da hatte der Jüngste plötzlich einen Einfall:

Wißt ihr was? Mer den schönsten Traum über die Liebe erzählt, der wird von den anderen beiden freigehalten und darf im Fond der Droschke allein sitzen."

Den schönsten Traum über Ich fürchte, das wird sehr unanständig", sagte der Aelteste.

Aber die beiden anderen protestierten. Der Vorschlag war schön, Vertrieb die Zeit und überhaupt. . . Also los!

Da erzählte der Aelteste:

Ich habe geträumt, ich ginge durch den Wald, da kam plötzlich,, in Tränen aufgelöst, barfuß, ein wunderhübsches Mägdelein, und . .

Barfuß ist schon faul", sagte der zweite, der aus Berlin war und nicht viel von Füßen hielt.

Da schwieg der Erzähler beleidigt still und ruhte sich aus von den gehabten Anstrengungen seiner Phantasie.

Ter zweite aber, der aus Berlin war und nicht viel von Füßen hielt, begann:

Stellt euch vor, im Traum sitz' ich neulich im Tier­garten und denke an gar nichts, oder an das Examen, was auf dasselbe hinausläuft. Plötzlich steht das Glück vor mir".

Woran hast du erkannt, daß es das Glück war?"

Es führte ein kleines Schwein am lilafarbenen Bändchen, und alle Automobile machten einen Bogen um feinen Weg."

Das Schwein beweist, nichts. Mer wenn die Auto­mobile es nicht überfahren haben, dann war es schon das. Glück! Also weiter."

Und das Glück war ein wunderschönes Weib, roch nach Heliotrop und hatte seidene Dessous, die immerzu knisterten und Strümpfchen . .

Nicht weiter ausziehn wir kennen das."

Auch gut. Und das Glück sagte zu mir: ich liebe dich) Artur." .

Nicht sehr neu."

Nein, aber erfreulich. Und ich werde dir durch alle Examina helfen, Artur; werde bei dir sitzen wenn du ar­beitest und werde dich darauf aufmerksam machen, wenn auf der anderen Straßenseite ein Vorgesetzter geht. Und du sollst durch deinen Fleiß ein berühmter Jnrist werden, wenn du auch das Pulver nicht erfunden hast. Und wie sie so sprach und ich genauer hinsah, da erkannte ich die Aehnlichkeit meiner Glücksgöttin mit der Siegesgöttin hoch oben vom Brandenburger Tor und . . ."

*) Unter dem TitelDer Vetter aus Köln" hat Rudolf Presber ein Büchlein lustiger Schwänke erscheinen lassen. Ter vielgelesene Verfasser vonLeutchen die ich lieb gewann" und vonSieben törichten Jungfrauen", gibt hier ein buntes Allerlei kleiner nachdenklicher und kecker Satyren; krause Späne, die wohl bei größeren Arbeiten entfielen, aber alle mit der persön­lichen Note des Humoristen. Hier ein artiges Stückchen ans dem unterhaltsamen Buch, das im Verlag der Concordia, Deutsche Verlags-Anstalt, Hermann Ehbock in Berlin W. erschienen ift-