sie die gefalteten Hände auseinander, ihre Lippen hörten auf zu murmeln, sie packte sich an den Kopf und drehte sich herum wie im Wirbel uno wurde dann plötzlich ganz ruhig; durch das Dunkel ihres zerinarterten Kopfes schoß eine Erleuchtung — wenn es nun doch, doch wieder brannte?!
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Sie waren alle auf den Feldern lueit draußen. Selbst die Alten und die Kinder waren mit ausgezogen.- Die Kinder, vor den Gespannen her hüpfend, den weißen Staub des Weges aufwirbelnd; die Alten, nachschlurfend, in der Hotte den Säugling, oder den Laib Brot und den Kaffeekrug.
Nur das rufende Muhen einer Kuh, die mit vollem Euter im Stall stand, das unzufriedene Meckern einer Ziege, die man beim §au§ angepflöckt hatte, das wütende Grunzen eines Schweins, das gern dem heißen Koben entwichen wäre und sich draußen gewälzt hätte, belebten dann und wann die Totenstille des Dorfes.
Noch war es nicht Mittag, aber schon lastete die Sonne schwer, ihre Strahlen hatten förmlich Gewicht; sie drückten alles in den Gärten nieder: die rankenden Bohnen, die breitblättrigen Rüben, das in der Dürre herbstlich-fahl gewordene Gras. Die Aw ei enggedrängten Reihen der Häuschen pusteten einander Hitze ins Gesicht; sie waren wie die Backöfen. Alles Gebälk, von Fichtenholz gezimmert, die Türen und Fensterrahmen schwitzten Harz aus und sperrten, ausgetrocknet bis ins innerste Mark, sich in klaffenden Fugen. Mitunter kam ein Windstoß; aber er brachte keine Kühlung, er wirbelte nur Staub auf, und die Luft ivard dicker ivie vorher. Echtes Erntewetter; der blaue Himmel, leicht angegraut vom staubigen Dunst der mehligen Felder, au- gerancht vom heißen Odem der dampfenden Erde.
Aus den Schornsteinen der verlassenen Hütten kräuselte sich kein Rauch; heut kam niemand um Mittag heiin, heut ruhte man erst abends, wenn das letzte Korn drinnen war. Sorgsam hatten die Hausfrauen vorn: Fortgehn das Feuer im Herd gelöscht, mit Wasser die etwa noch schwelende Glut ausgegossen.
Nur bei der Witwe Driesch rauchte es. Sie war die einzige, die daheim war; und sie hatte Feuer im Herd wie immer. Ein großes Feuer. Wollte sie Kuchen backen? War der Sohn heimgekommen, daß ihr Schlot so rauchte? Dicke graue Dampfwolken quollen ans dem Schornstein und legten sich schwer übers Dach, lind jetzt tat sich die Tür auf, die Hintertür, bei der das Reisig lag; die Driesch kam heraus, in der einen Hand die Dose mit Streichhölzern, in der andern die Petroleumflasche. Sorgsam goß sie den letzten Rest über die dürre Reisigwelle aus, ein Zündhölzchen strich sie an — hei, die ganze Schachtel fing mit Feuer, sie ließ sie fallen, und die jähe Flainme beleckte gierig das petroleumgetränkte Gezweig.
Mit großen Augen stand die Alte dabei und sah's brennen. An der Hauswand reckte sich rasch die Flamme empor — knack — schon sprang das Hinterfensterchen von
1909 — Nr. 91
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Brennende Liebe.
Novelle von ClaraViebig.
(Nachdruck verboten.)
(Schluß.)
Er ließ sie stehen und sprang, mit eilt paar großen Sätzen seine Beete überhüpfend, dem Hause zu, froh, ihr entronnen zu sein.
Sie rief ihm nicht nach; sie sagte kein Wort. Wie vernichtet stand sie, ihre Hände umklammerten die Zaunstecken. Kälter Schweiß lief ihr über den Körper, und ein schreckliches Frösteln schüttelte sie. Ihr Sohn, r— ihr Willem — der war — der sollte — ja, was hatte er denn eigentlich getan?!
Es war ihr, als hätte sie einen Schlag vor die Stirn bekommen; sie konnte sich auf einmal gar nichts mehr klar machen, nur das wußte sie: ihr Willelm mußte bald kommen, bald kommen und denen da die Mäuler stopfen!
Stöhnend wankte sie in ihre Hütte zurück. Da war es jetzt ganz Nacht, nur das Feuer im Herd warf glimmende Scheine. Der schwarze Kater schnurrte, sie nahm ihn auf den Schoß und strich ihn, daß sein Fell Funken sprühte. Er schnurrte immer lauter und lauter, tote ein Spinnrad — in ihrem Kopf saß das Rad.
Es drehte und drehte sich: Mordbrenner — ihr Willelm war kein Mordbrenner — gehängt — ihr Willelm wurde nicht gehängt — der Gendarm, der Heid wären Esel — es hatte im Dorf gebrannt — seit er fort war, brannte es nicht mehr im Dorf — die Herren würden ihn pisacken, es schon herauskriegen — nein, ihr Willelm war kein Mordbrenner, ihr Willelm wurde nicht gehängt — der Gendarm, der Heid, die Herren vom Gericht, alle waren Esel — nein, ihr Willelm war kein Mordbrenner — aber wie, wie das ausweisen?!
Mit einem Schrei fuhr sie auf. Ihr Willelm wär unschuldig, ganz unschuldig, sie, seine Mutter, konnte es beschwören! Aber wer — wer glaubte ihr?!
„Heilige Maria, Modder" Gottes, erbarm dech! Ech brennen dir en Kerz an — esu hell, esu hoch! — hän es unschullig! Hilf, erbarm dech, heilige Maria, Modder, hilf!" Sie lallte und schluchzte und rang die Hände. Auf den Knieen rutschte sie durch die Stube und schlug die Stirn auf den Estrich. Was .sollte sie anfangen, wie konnte sie's ausweisen, daß ihr Willelm nicht der Brandstifter war?!
Die Nacht flog dahin, schon krähten die Hähne, bald würde der Morgen rot ins Fenster schauen. Was sollte sie tun, wie sollte sie ihm helfen?!
„Heilige Maria, voll der Gnaden, gegrüßet seist du! Ech gelowen dir —!"
Es hatte im Torf gebrannt, nun der Willelm int Kittchen saß, brannte es nicht mehr, aber wenn — ihre Augen wurden plötzlich ganz stier, mit einem tiefen Atemzug riß


