Ausgabe 
14.1.1909
 
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Beert, der eifrig herumHantierte. Er hatte seine blauett Schiffer- Neider an und ein rotes loses Halstuch um-, es fiel ihr eigentlich Wm erstenmal auf, welch ein hübscher Mensch- er war. Das kastanienbraune starke Haar, das schön geschnittene Gesicht mit den sonderbar lang geschnittenen Augen,verflixte Augen" hatte Hildegard gesagt mit der Hildegard hatte Hendrina ihn! Mich ein paarmal tanzen sehen gestern- abends

Der Laden knarrte ein wenig-, sie hatte daran gerührt. Beert sah sofort auf, mit einem! schnellen, scharfen Blick auf das Fenster- Ken. Den Blick hatte sie früher nie an ihm- gekannt, nur in den letzten Tagen erst.

Sie hatte in mancherlei Augen gesehen in' diesen Tage-», fast schien's ihr, als fei es überhaupt zum- erstenmal in ihrem Leben, daß sie so viel in andere Augen geschaut habe, daß- sie da etwas gesehen habe, was ihr bisher fremd gewesen. Sie schloß ihre eigenen Augen fest zu, da waren auch schon die- schlvarzen Augen -Georg Werners und dicht daneben! die braunen Beerts mit den langen schwarzen Wim-Pern. Und da waren die roten Lippen Tschortschies -über seinen weißen Zahnen-, der Mrmd, bet sie geküßt hatte am- Silvesterabend, und ha war Beerts Mund, ob der auch so küssen konnte, so heiß und so tveich, so Ivie der -andere?

Hendrina van Endert schauderte ein- wenig- in ihrem- warmen, weichen Bette. Was -war das nur in ihr, das neue, das was vorher nicht gewesen war? In ihr und um- sie? Das, was in1 ihr sich regte und sie unruhig und heiß machte, und das-, was sie in den Augen des Amerikaners las und in Beerts Augen? Ach, sie hatte auch allerhand Geschichten schon gelesen, in alten Zeitschriften und in Buchern, die z-ufällig den- Wieg in das- kleine Haus in Goch gefunden hatten, Geschichten--von Liebe und L-eiden- sch-aft. W-ar das Liebe, was sich da in ihr regte und- so heiß und süß war, und -doch- so beklemmend? Und- wenn- es! Liebe war, liebte sie den Georgie? Einen, den sie vor acht Tagen noch nicht ge­kannt hatte, der allen Mädchen nachlief, wie die Hildegard er- znhlte, und so ein Wilder, Böser war?

Oder war das Liebe-, was sie sich ängstigen und fürchten ließ vvr ihr und sieh flüchten z-u Beert, wo sie sich so sicher fühlte, so geborgen und ruhig. Mar der Beert ihr nicht noch dis- vvr -ein paar Tagen immer wie ein Bruder gewesen, wie solch ein großer-, gutmütiger Bruder? Ach Gott, war ihr nicht die ganz« Welt anders gewesen? War es -nicht, als ob sie jetzt in einer ganz, neuen M-elt sei, in einer Welt, wo es schön und wonnig- war zu leben, morgens ijtt erwachen und- z-n wissen, wie herrlich es sein konnte und abends einzuschlafen und zu träumen von dem- Erlebten des Tag es!

Draußen pochte ihr Batet hart an und rief mürrisch ihren Namen. Er hatte wohl noch nicht ausg-eschlafen und- war nun-schleckt gelaunt.

Steh' auf, Hendrina, et kommt Besuch!"

Besuch? Wer konnte das- sein?

Tie Tante Seit von Mainz-, Die hält auch ivatt besseres! dhun können, wie hier eruin ze flankieren. Aber nu steh ans."

Tie Tante Sette! Hendrina erinnerte- sich ihrer, kaum. Sie lvar emutfil in Goch gewesen vor lange«! Jahren, als Hendrina iwch! ein Kind war. Rur daß sie laut sprach und lustig war, hatte sie noch in der Erinnerung. Und daß ihr Vater- sie nicht leiden mochte, wußte sie. Manchmal hatte die Tante Sette einen Brief geschrieben und ihren Vater gebeten, Hendrina nach Mainz- zu schicken. -Aber -daraus war ja nie etwas geworden. lind nun kam sie selber. , H j I I ' I

Hendrina sprang aus. Ta gab «Ä noch' viel z-n tun'. Siei ftatte in den letzten Tagen nicht so recht Ordnung gehalten., Zu -viel anderes war ja auch auf sie eingestürmt. Wie konnte nm« aufräumen und Staubwischen, wenn man so bunte Gedanken Hatte!

Nun holte sie alles nach!. Das halbwüchsige Mädchen, das alle Tage 'ans Bingen 'kam- mch ihr bei der Arbeit half, guckte sie ganz, «rswunt an. -Sie Ivar sonst nur gewöhnt, daß das Fräulein trau» werisch und still herumging-, mauchnml für sie lächelte, dannj ivieder mit großen Augen ins Leere sah.

Der -alte van Endert war ganz sauertöpfisch. Sie sollte nicht kommen, die Sette. Sie würde ihn ja doch nur molestieren, aller-- dumm,es Zeng aushecken, herum schnüffeln, die Hendrina aus- ffnuntercn. Es war schon gerade schlimm.' genug, wie es war. Er lMte heute morgen den Beert wieder v-orgeuomMen. Ob er denn lE sehe, wie der Hase liefe. Ob er nicht sehe, daß der Amerm toter ihm- dl-e Hendrina vor der Nase wegschnappe? Und nach dem! .«writater habe er sich gestzrn abend um'gehört. Aäs der Wein- M--ttter sage, darauf gebe er ja nichts. Der sei ein Schwätzer nud- Nussch-netder. Aber glaubwürdige Leute haben ihm- erzählt, wie * tott dem Georg Werner stehe-. Geld hat er wie Her,. Bon seinem Kater -hat er schm einen' Haufen geerbt, dazu kriegt er noch

mal soviel von feiner Mutter. Wenn der Georg- heiratet, dann zieht er in die schöne Billa in Rüdesheim-, oder er kauft sich hier in Bingen ein Hans. Nach dein- Geld- von der Hendrina, da- sragt der nichts. Das läßt er int Schiff ruhig stecken, dazu ver­pflichtet er sich. Es- ist ihm- egal, ob er's jetzt gleich kriegt, ober, erst, wenn er, der Alte, mal tot ist. Darauf will er Brief un-df Siegel 'geben.

. Beert van Endert wurde blaß. Er sah den alten Fuchs! burdibtingenb an:Hat er das gesagt? Hat er mit Euch geredet, Oehm? Wegen der Hendrina?" Das kam ganz gepreßt hervor.

Der -alte van Endert blinzelte schjlan.Na, so nicht geradeaus. Aber -zu verstehen hat er mirs gegeben, so hinnenerum. litt daß der verliebt is bis in den großen Zeh, datt kann doch jeder eiu-- fehen! Datt war ja ett reine Kamedi gest-er abend. Und- datts Has du dir allein eingebrockt. Mit deinen bumnt'e Anstellereien! Stu totnS du et auch allein ausessen! Mir kann et jetzt egal sein!"

Oehm! Ihr müßt doch! scheit, was' das für einer is! Auf den ersten Blick müßt Ihr das' doch eraus haben! So 'n Leicht-, Ml und Schürzenjäger wie der l An dem wollt Ihr die Hendrina! geben?" Der junge Mensch bebte am- ganzen' Leibe.

Geben?" sagte der Alte giftig.Geben hab ich se dir wollen, du Has ja nich gewollt! Ich hatt ja alles fix un fertugf gemacht! Du braucht's bloß zuzepacken. Aber du Has ja gesagt, die Hendrina bat dich! nich lieben. Uni fe sollt nich gez-wnugest werden. Se sollt erst sehen, wie ett in der Welt wär ! Nu sieht se ett ja. Nu is ja einer da, den sie lieben kann! S!on aus­gemachte Dummheit! Als- ob die Flaulcut nicht immer den liebten, der gerab da is ! Wenn du ihr en paar Tag schön gebnn hätt'st, denn hält se dich, geliebt. 5bt liebt se v'leicht den annem. Wenn­er cu W-ind-huud- is un eit! Schürzenjäger, kamt ich datt ännern? D-lt Has et ja selber gesag, die Hendrina milß den lieben, den se heirat! Rn werden mer et ja sehen."

Er grinste schadenfroh, als er sah, wie Beert die Fäuste ballte.

Jetzt kanns- de Faust machen', eso v-ill du wills! Jetzt tont® du bett Schaden besehen! Mir is ett jetzt einerlei! Ich kann ett abwartcn. Ntt laß ben Werner schütt' Augen machen unb mit der Hindrina ctumi scharmnzieren. Ich haben ct nich ge^ wollt! Ich haben se extra Mit auf ett Schiss genommen, datt btt mit ihr Knuts in ett, Klare komm en! Datt du eso ett Dummerjan wärs, datt hab ich! nich gedach."

(Fortsetzung folgt.)

Winter und winteriedm im sächsischen Erzgebirge.

Anna berg-, im- Januar 1909.

Recht -mitten tut Gebirge ist das kleine Städtchen am Ab­hänge eines Hügels stufenweise ansgebcmt; ein Teil der kleinen Häuser liegt oben auf der Höhe, von wo ans man weit in die vielen Täler, die nach allen Seiten sich hinziehen, h-inabblicken tour. Mit dem Abend bin ich eben angetonntett. Nach der un­ruhigen Großstadt-Weihnacht, nach dem- lauten verwirrenden Leben unten den vielen Menschen im, buntesten Verkehr ist nun die Gebirgsstille- doppelt wohltuend-. Die letzten Tage unb Nächt« -über ist reichlich Schnee gefallen-, die Täler und- Berge find- winter­lich auf das Feinste ausgeputzt: beschneit find die Abhänge, be­schneit-die Wiesen unb Felder, beschneit die Waldungen. Oben, in der kleinen Bergstadt, stehe ich an einer Straßenecke unb blicke in die abcndstillen Täler hinunter. ES ist sternenhell, unb her Schnee tmrchiichtet das Dunkel, durchwebt es mit einem feinen nebeligen -Schimmer. Aus den Schneemassen treten da unb dort, einsam ruhend-, Häuschen hervor, nichts stört ihren Frieden, Lampen unb Laternen, Heller und matter, bis in weite Fernen zersttcut, winken von unten herauf, beleben die Landschaft, flim- ment leise, reflektieren in gelben, bläulichen, rötlichen, violetten to'ieiii Farben und werfen ihren Schein hinaus auf den Schnee. Ueberall, wo ein Schein hinfällt, ist der Schnee mit einer her- vortretenden, reichen gespenstischen Helle überbreitet ; der von einem! schönen reinen Blatt durchwirkte Aether Verharrt, einem unermeß­lichen Schatten gleich, unbeweglich über der Gebirgswelt. Das alles erscheint mir nun wie eilt Märchen, das ich schweigend mit erlebe. Welch ei,n Wunder, das alles zu schauen! Welch eine Freude, die winterliche Schönheit der schweigenden Täler nun aus dem vollen zu genießen!

Der Anblick hat mich andächtig gestimmt und andächtig gehe ich nach kurzer Weile die Straße weiter hinaus. Immer geht es bergan unb ich muß mir ein neues Gehen abgewöhuen, muh fester auftreten mit den Füßen, damit ich sicher fortkomme. Tis Kräfte des Körpers mnß tch mehr zttsammettnehmen. Die Lunge arbeitet lebhafter, ich mutz tiefer und- voller atmen und- fühle mich gezwungen-, die Brust zu dehnen, zu weiten. Welch eine Lust tst das, day llngewohnie einer neuen Umgebung: reinere; Luft,, strengeres Klima, bewegtere Natur, frischeres Lebe«, a-N sich selbst zu erfahren. Im Gehen, spüre ich, wie eine Wand-- lung t.n unb atrmir vvrgeht. Die Glieder spannen sich in den Muskeln nur- Sehnen straffer, die Sinne arbeiten lebendiger, ftte Keele fühlt sich befreiter. Fröhlicher nehme ich,ait allem