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möchte. Doch, wie schort früher bemerkt, ist es gar riicht die Absicht des alten Bauern, eine fette Alimentation heraus- znschlagen, nur eine Waffe soll es für den Notfall sein. Und alt sind die beiden ja noch nicht, 54—58 Jahre, sie wollen sogar noch weiter Mitarbeiten, mit den Kindern an einem Tisch essen und ihnen den Lohn für zwei Taglöhner ersparen. Der alte Bauer rst nachher auch der Patriarch im Hause geblieben rrnd der Friede niemals gestört worden.
So ist es aber freilich nicht immer. Wo sich alt und jung nicht vertragen, und jene die ausbedungenen Räume und den ganzen Auszug in Anspruch nehmen, ob sie ihn auch nicht verbrauchen können, da wird es den Jungen oft schwer, sich über Wasser zu halten, besonders dann, wenn das Gut mit Hypotheken belastet ist und Zinsen bezahlt werden müssen.
Doch wieder zurück zur Verhandlung. Position um Position mußte wie in einer scharfen Reichstagsdebatte einzeln genommen werden, und wenn der Vater der Braut als Hauptgegner, Dank seiner Verbündeten, zu denen sich sogar hier und da die gegnerische Schwiegermutter gesellte, aus der Defensive allmählich in die Offensive überging, da gab es ost scharfe Worthiebe, und meistens mußte der in die Enge getriebene Hartschädel seine Forderung herunterfetzen; freilich suchte man ihm so viel als möglich das Gefühl der Niederlage zu ersparen. — Endlich nach etwa zweistündigem Kampfe (die Waffen waren allmählich stumpfer und die Kämpfer müde geworden), war der einige Bogenseiten füllende „Auszug" als Einlage zur Kaufno Ml abgeschlossen und wie von einem Alp befreit atmete alles, selbst der alte Haudegen nicht ausgeschlossen, erleichtert auf. Gegenseitiges Händeschütteln und Beglückwünschen als Zeichen des Friedensschlusses hob die Gegnerschaft auf. Unvermerkt hatten sich schon vorher die beiden Schwiegermütter dem Brautpaare genähert. Wortlos reichten sie sich die Hände und die Tränen in den Augen der Frauen bezeugten die innere Freude darüber, daß alles zu gutem Ende gekommen war.
Mit der an mich gerichteten Aufforderung des Amtsvorstehers, die Kaufnotul zu verlesen, wurde die bereits in Fluß geratene Unterhaltung nochmals unterbrochen und die ganze Versammlung erhob sich mit einer Würde und Andacht, wie etwa in der Kirche, wenn der Geistliche die Epistel verliest oder das Gebet spricht. Es machte einen geradezu komischen Eindruck, wenn man beim Verlesen des langen Speisezettels in die andächtigen Gesichter blickte. Doch auch diese Mrze Szene, sowie die besonders bei den Alten etwas umständlich vollzogenen Unterschriften samt Beglaubigung und Untersetzen des Amtssiegels gingen rasch vorüber und bald klangen die Gläser, und unter fröhlicher Unterhaltung wurde der letzte Groll hinuntergespült. In der nun folgenden Ansprache, die wohl in erster Linie denl Brautpaar, dann aber auch den Eltern desselben galt, suchte ich durch Ernst und Scherz die rechte Stimmung, besonders auch bei dem im Grunde genommenen biederen Alten zu wecken, was mir denn auch vollständig gelang.
Unterdessen hatten sich die Frauen in die Küche begeben, um das Aufnschen des Festmahles zu beschleunigen; denn — merkwürdige Uebereinstimmung der Parteien — allen knurrte schon seit einer Stunde der Magen. Bald brachte man die dampfende Suppe, der in ziemlich rascher Aufeinanderfolge mehrere Gänge gebratener, gesottener und gebackener Speisen folgten, und man konnte wohl im Zweifel sein, ob denn heute erst „Verspruch" oder schon „Hochzeit" gefeiert werde.
Nun merkte man nichts mehr von Meinungsverschiedenheiten. Alle ließen der reichbesetzten Tafel und den immer wieder neu zugetragenen Flaschen durch fleißiges Zulangen alle Gerechtigkeit widerfahren. Wie nach beendigtem Mahle die innere Stimmung dieser fröhlichen Naturkinder durch Scherzreden, Lieder u. dgl. noch weiteren Ausdruck fand, das sich auszumalen, darf ich wohl dem geehrten Leser selbst überlassen. Nur noch das eine will ich verraten: aus den Augen des Brautpaares strahlte ungetrübtes Glück als Vorbote einer glücklichen Ehe und die zufriedenen Gesichter der Alten verrieten, daß sich auch bei ihnen alles in Wohlgefallen aufgelöst hatte. — In früher Morgenstunde soll freilich der Heimweg manchem der Gäste etwas beschwerlich geworden und sogar der mit den beiden Braunen bespannte Korbwagen wieder in Aktion getreten sein.
Vevmüschter.
* Ditz Wissenschaft vom Bauchredcu bietet eintztst Mitarbeiter der AnualeH den Gegenstand zu einer fesselnden Plauderei. ES scheint, daß die medizinische Wissenschaft das Geheimnis des Bauchrvdens nie völlig zu entschleiern vermochte: malt wird sozusagen als Bauchredner geboren oder man erlernt es nie. Es ist eilte besondere Fähigkeit, die nur entwickelt und gesteigert werden kann. „Der ganze Mechanismus der Bauchrednerei," so äußert sich der bekannte französische Arzt und Psychologe Dr. Richerand, „besteht in einer langsamen und scharf abgemessenen Ausatmung, der stets ein sehr starkes Einatmen vorausgeht, durch das der Bauchredner in seinen Lungen eine sehr große Luftmeiige aufstapelt und deren Entweichen er nun geitmt reguliert. Aber diese Kenntnis reicht keineswegs aus zur Erklärung des Phäno- mens an sich, denn dann müßte bei entsprechender Uebung jeder Mensch Bauchredner werden können. Was die echten Bauchredner kennzeichnet, das ist die Fähigkeit, den Laut so hervorzubringen, daß es den Anschein erweckt, daß eine andere entfernte Persönlichkeit spricht und um dies zu erreichen, müssen selbst die „geborenen! Talente" lange und mühsam Men und lernen. Bis in die fernste Vergangenheit führt die Geschichte dieser eigenartigen Kunst zurück. In früheren Zeitaltern umgab der Bolksaberglaube den Bauchredner mit phantastischen Legenden und man fürchtete ihn vM ein .Wesen mit übermenschlichen Fähigkeiten. Mehr als ein Bauchredner ist im Mittelalter als Hexenmeister auf denk Scheiterhaufen den Feuertod gestorben. Die klügeren freilich mieden die Berührung mit dem abergläubischen Volke und stellten als Narren! ihre Künste dem Amüsement der Fürsteii gegen klingenden Lohn zur Verfügung. Um 1643, so berichtet Dickinfon, sah man in Oxford eilten Bauchredner Namens Braucing, der weit und breit als das „Murmeltier des Königs" berühmt war. Gegen Ende des 17. Jahrhunderts ließ der gelehrte Abbö de la Chapelle ein seltsames Werk über die Kunst des Bauchredens erscheinen, in dem eine Fülle wunderlicher Dokumente verarbeitet sind. So die Geschichte eines braven Krämers von Saittt-Germaiw-ew-Lahe, namens Saint-Gilles, der um 1770 durch seine Kunst populär war. Der bravo Händler hatte keinerlei okkulten Ehrgeiz und bereit- toiltig stellte er sich einer Kommission der französischen Akademie zur Verfügung, die dann die Ätmungskraft des Bauchredners sorgsam beobachtete und prüfte. Wenn im Altertum die Sybillen, Priester und Wahrsager sich eifrig mit der Bauchrednerei pe- schästigten, um ihren Aussprüchen damit vor dem Volke eine Art überirdischer Ueberzeugungskraft zu geben, so wird in späteren! Zeiten das Bauchreden mehr zum Gegenstand des Amüsements und zur Erwerbsquelle. Berühmt war der Bauchredner Charles Comte, der zu Beginn des 19. Jahrhunderts Triumphe feiert« und gar manchen nicht immer sehr feinfühligen Scherz sich leistete. Sv machte er sich einmal in der Dorfkirche das .Vergnügen, vor den abergläubischen Bauern die Toten reden zu lassen. Am Tag« vorher war eine alte Frau beigesetzt worden; nun entstand große Aufregung, man glaubte, die unglückliche Alte sei am Ende lebendig begraben worden, und die ganze Gemeinde machte sich hastig ans Werk, das Grab und den Sarg wieder zu öffnen. Die Empörung war später so groß, daß Comte sich, nur mit Mühe vor dem Zorn der Bauern retten könnte. Der moderne Bauch- künstler, der im Variete seine Kunst zum Besten gibt, pflegt meist ein« Puppe mit auf die Bühne zu bringen, mit der er sich scheinbar unterhält. In den ersten Augenblicken erreicht er fast nie eilte völlige Illusion. Mer wenn er feine Kunst versteht, so wird er bald überzeugen. Alles kommt darauf an, die Aufmerksamkeit des Publikums auf die SÄle zu richten, aus der scheinbar die Stimm« tönen soll; wenn nun der Bauchredner selbst seinen Willen auf dies« Stelle Lmzentriert, so bleibt die Suggestion fast nie aus) und Man hat in der Tat den Eindruck, daß hier verschieden« Menschen von verschiedenen Stellen aus sprechen. •
* Schlechte Empfehlung. Barbier (der eben einen Bauer beim Rasieren gewaltig geschnitten hat, leise zum Lehrling, der einen Fremden einseift!: „Tu, schmier dem Fremden rasch Seife in die Augen--"
Geographisches Verschiebrütsel.
Hebriden — Schleswig — Alpen — Rügen — Pommern — Stralsund — Hamburg — Westfalen — Waldeck.
Vorstehende Namen sollen derart untereinander geschoben werden, daß eine Buchstabenreihe, von oben nach unten gelesen, dm Name^einer Insel in der Nordsee ergibt.
Auflösung in nächster Nummer.
Auflösung des KreuzEsels in voriger Nummer» P 8 S oct r li 6
Porz e Ilan Sehe 1 1 i n g Stal 1 in a g 1 1 i a an g u tz ä
Redaktion: K. Neurath. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei, N. Lange, Gießen.


