Ausgabe 
13.12.1909
 
Einzelbild herunterladen

679

ganz befriedigenden Betrachtungen schritt der Bauer mit der blaumelierten Zipfelmütze (Schnitzkappe) auf dem Kopfe, die kurze Pfeife behaglich schmauchend, durch Haus, .Hof und Ställe, mit prüfenden« Auge alles musternd, intb ein zu­friedenes Lächeln lag über seinen« rundlichen Gesicht und seine sonst etwas schnarrende Stimme klang heute viel weicher, wenn er hier und dort nach der Ausführung seiner Anordnungen fragte. Daß er nm« eigentlich die Herrschaft an seinen Sohn hätte abtcetcn müssen, daran denkt er nicht im geringsten, weiß er doch, daß alles beim alten bleiben werde, denn dazu ist sein Sohn zu sehr an Gehorsam ge­wöhnt, und da die sanfte, zukiiirftige Schwiegertochter und seine herzensguteAlte" fcho«r lange ein Herz und eine Seele sind, hat er auch von dieser Seite nichts zu fürchten. Doch, nm für alle Fälle eine schwere Waffe bereit zu haben, «nutz heute beim Verkauf eingepfefferter Auszug" in die Kausnotul ausgenommen werden: damit kann man wenig­stens der nach Herrschaft trachtende«« Jugend allezeit einen wirksamen Dämpfer' aufsetzen. Gebrauch würden er und seine Alte ja niemals von den, Auszug (Leibgeding) machen, dazu ist der Bauer im Grunde seines Herzens zu gutmütig und außerdem liebt er seinen Sohn wirklich wenn er auch äußer­lich nichts davon verrät. Nachdem er von seinem Rund­gang in die Kammer Wrückgekehrt, sich hier allein wußte, zog er nochmals bie in der Brusttasche verborgene«, Blatter hervor, um seine Aufzeichnungen bezüglich die Auszugs eener letzte«, Prüfling zu unterziehen und hier und da mit dem Stift noch Bemerkungen einzusügen.

Unterdessen rückt der Abend immer näher, die Ange­hörigen des Hauses stecken sich in ihren Sonntagsstaat und versammeln sich in der festlich hergerichteten Bauernstube, um die eingeladenen Verwandten und Freunde Ui emp- fanqen, und bald sind Bänke und Stühle besetzt, denn es war bei den Einladungen iu der ausgedehnten Verwandt­schaft nie«,and vergessen worden. Auch das Dorfoberhaupt als Vorsteher des Ortsgerichts, war schon anwesend, h,er in der kleinen Gemeinde, die mit zwei anderen eine Bürger­meisterei bildete, nur ein Beigeordneter. Mit «mchtiger Amtsiniene, mit Formular (Kausnotul), Feder und Tinte (denn letztere finden sich in den Bauernhaufern meist nur verrostet und eingetrocknet) versehen, begrüßte er d«e Ver­sammelten. Weil genannter Herr nutzt sehr sedergewandt

I war, hatte er sich meine Wenigkeit aus dem Nachbardorf als Sekretarius ausersehen und so erschien uh auch saft gleich­zeitig mit jenem, von dem Bräutigam auf dem mit znw« feurigen Braunen bespannten Korbtvagelchen abgeholt, m der großen Bauernstube, nach allen Seiten freundlich grüßend und ebenso begrüßt. Die weißgedeckten Tische mit diversen Flaschen, zahlreichen Glasern und den« blinkenden stinugeschirt verrieten recht einladend die zu erwartenden Genüsse. - Nicht so freundlich und vielversprechend schauten die düsteren Mienen der ziemlich getrennt sitzenben Herren Schwiegerväter dreur und es war mit sofort klar, daß der

Verspruch" zur schriftlichen Notifizierungnoch nicht so ganz I "spruchreif" sein dürfte. Trotz diesem und der etwas fecnd- I seligen Gruppierung der Parteien hoffte ich doch mit Hilfe

der Diplomatie des alten, erfahrenen Dorfoberhauptes und meiner im S illen für das Brautpaar übernommenen neben­amtlichen Pflichten eines Anwaltes auf eme schiedlich« faew liche Lösung, wenn ich auch aus Erfahrung wußie, daß so manches vermittelnde Wort an dem hurten Sinn dieser ur­wüchsigen Baueruna.uren machtlos abprallen wurde.

I Nachdem wir beide, dieAmtspersonen" des Abends, unter der großen Hängelampe, >vo es am hellsten war, uns niedergelassen hatten, placierten sich auch die noch übrigen Gäste in ernstem Schweigen um die Tische, dao Brautpaar aber saß ^ettvas abseits in gedrückter Stimmung; denn es war schon mehr als einmal vorgekommen, daß durch bei, Ewensiun bet Alten bet tzerzeusbund zweier Liebenden jal) S Se Mbe,n die Vorfragen über Kauf,umme LKt ufw. wie eingangs erwähnt erledigt W« es wichtigsten Punkte der Berhandlung, der Ie.gs.ellung des Auszugs" (Leibgeding). Die Forderungen des Ver- E&XwSÄ ® Esrs'tt'SEK I Milch Gemüse u. dgl. mehr zu vertilgen. Dep« ilneingcMih- j teil mußte es geradezu h^lich erschemen, ^Menschen gegen-

schließt. Wenn schon einerseits eine gleichmäßige Verteilung I her durch die verschiedene Höhenlage bedingten qualitativen großen Verschiedenheit der Güterstücke unter zwei, drei oder gar mehr Kinder inmitten des Gebirges wohl kaum aus­führbar ist, so würden andererseits die Besitzer dieser Teil­güter lauter sogenanntekleine Leute" werden, die auf einem I solchen Gut nicht bestehen könnten, und weil sie noch ander­weitigem Erwerb nachgehen «näßten, würde der ohnehin Mühsame landwirtschaftliche Betrieb überall bald vernach- läsfigt werden. Diese und noch andre Gründe lassen eine in­tensive rationelle Bewirtschaftung nur bei der vorhandenen Zusammensetzung größerer Güter (Feld- Wiese, Wald u. nicht zu bebauender Trift) zu u««d ein gleichmäßiger Vererbungs- I Modus, Ivie in anderen Gegenden, würde bet Landwirtschaft I im inneren Odenwald den Todesstoß versetze««. In gleicher | Weise würde man aber auch den Besitz weit über die Er- tragsfähigkeit belasten, wollte man die Güter audji nur | annähernd dem wirklichen Werte entsprechend dem Rach- I folger veranschlagen.

Diese wenigen Bemerkungen mögen genügen, um den I Uneingetveihten die Verhältnisse, wie sie sich ja auch noch in anderen Gebirgsgegenden finden, übersehe«« zu lassen Und nun will ich versuchen, dem geehrten Leser einen tote pben erwähntenVerspruch" aus meiner Erinnerung zu skizzieren.

Wir steigen aus einem reizende«« engen Flußtälchen, an denen ja der südöstliche Odenwald so reich ist- nach einer mäßigen Seitenhöhe empor, und vor uns, auf einer kleinen I von Wald umsäumten Hochebene liegt ein Dörfchen, das wohl kann« 200 Einwohner zählt. Die Häuser stehen zerstreut; die vier weit gedehnten Baueruhofreiten sind durch große, wenig gepflegte Gras- und Obstgärten von einander ge­trennt, und nut die Häuschen und Gärtchen betkleinen Leute" lehnen sich mehr aneinander an, da ihnen ja auch die weitläufigen Ställe, Scheunen und Hofräume fehlen. Die Ortsstraße, die auch zugleich Feldweg ist, verbindet hie Bauernhöfe mit beit diese in weitem Bogen umschließen­den Feldern.

In einem dieser Bauernhäuser geht es heute besonders lebhaft zu. Der .Hof zeigt schon eine außergewöhnliche Ord- wung und Reinlichkeit, und ain Röhrbrunneu tm Hofe stehen die tteitzig scheuernden Mägde und- bespreche«« dabei lebhaft, wenn auch nur halblaut, das bevorstehende Famftieuereiguts. Und drinnen in der geräumigen Bauernstube aroetten die Töchter des Hauses in gleicher Weise an den eichenen Tischen, Ofenbänken, Stühlen und dem Fußboden, alles «nutz bmut geputzt sein, denn der heutige Festabend hat auch für fte eine besondere Bedeutung. In der Küche hort man besonders lebhafte Unterhaltung zwischen der Bäuerin und zwei halb- städtisch gekleideten Frauen, den Köchinnen des Festschmau- ses; es muß feftgchellt werden, was noch fehlt, und vom ältesten Knecht oder dem schmucken Bauernsohn selcht in der nahen Stadt mit Pferd und Wagen geholt werden soll. So sparsam die Hausfrau sonst auch: ist, heute darf nichts fehlen und selbst bet Bauer brummt nicht, wie er sonst zu tun pflegt, toenit er immer wieder den ledernen strupp- beutel ftehen muß er hat ihn aber auch heute ganz be ouders «iftt Goldfüchsen hesPÄt. Und wahrlich, heute abend, beimVerspruch" seines Nettesten und Einzigen, in den« sich ja seine eigene Jugend wiederholt, soll einmal etwas drauf gehen. Er ist nicht neidisch, daß ihn sein tuch- JAS 9etÄ« Auch-ich übertrifft. Er W * oucf} nicht wie jener Soldat gewesen, und dazu hat still Einziger noch im Jahre 70/71 das Deutsche Reich erkämpfen helfen. Ja, stolz ist er auf seinen Georg-Adam und in der Tat, er kann es auch fein. Nur in einem Punkt hatte et bem Vater noch folgen und dieeinzige -rochier des Größten im Dorfe" freien sollen, wie es die beiden Alten schon zurecht ge­macht hatten. Dann wären die beiden benachbarten Guter Msammengekommen und bet Georg-Adam wate der größte Bauer weit und breit geworden. Doch an der treuen Ge­sinnung des Jungen scheiterten die Plane des Ilten und die nun endlich zugegebene Partie wat doch auch keinesiveg^ zu verachten. Die Herzensneigung des Sohnes freilich kum- nterte ben Alten dabei wenig. Die Schwiegertochter brachte doch als einzige Schwester ihres Brubers 9000 fl. mit, man konnte so die drei eigenen Töchter mit je 3000 fL ahfinden und dazu war noch ein Tausch vorgesehen, die lungsteuh er sollte den Bruder der zukünftigen Schwiegertochter heiratcn ünd die beibeit anderen Töchter hatten bereits Aufsicht, ebenfalls auf große Bauerngüter zu kommen. Unter diefen