Ausgabe 
13.11.1909
 
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streiten!" Er wies zum Himmel hinauf, oben jagten zer­rissene Wolken über die Mondsichel, von fern klang ein dumpfes Grollen: ein Gewitter zog auf, das erste im Jahr.

Hör damit, Ihr haot et gestohl!"

War das ein Kreischen! Nelda drängte sich dicht an den Onkel; sie sah wie seine breite Brust sich krampfhaft hob und senkte, sie fühlte durch den Rock das Zittern seines Armes. Der Regen nrachte eine Pause; er hielt gleichsam den Ateni an, wie einer, der lauscht. Was nun?

Nun ein Wetterleuchten, das die Gesichter zuckend be- leilchtet für einen Augenblick und nun ein dumpfes Durcheinander.

®e haot recht, se haot recht! Jao, dän Borgemaster most ons kurautören; jao, jao, hän haot die Schuld!"'

Dazwischen wildes Weibergekreisch:Mer krepieren! -Hör dermit!"

Brot Geld Hunger Elend wie Kolben- schläge fallen die Worte.

Dem Leifager sei Mädche es auch als dod," sagt eine .Stimme.

Stehler!" Mit geballten Fäusten dringt die Schneidersch auf den Bürgermeister ein.Dau Stehler!"

. Patsch, eine flache Hand schlägt ihr derb auf den Mund. Zwischen Dallmer und die Megäre schiebt sich Befa, schnell ivie ein Gedanke. Ihre Augen funkeln, sie hebt entschlossen dre Hand wieder und fuchtelt drohend durch die Luft. Maach! Willste noach ein hau, Schneidersch? Hal bei Maul!" Mit einem heftigen Ruck wirft sie das Weib zurück mtb breitet schützend die Arme aus.

"Ihr seid al besoff, noach derzu am erschten heiligen Ost er d ag! Gieht Häm, schämt eich!" Ihre Helle Stimme tönt durch die Nacht. Jetzt packt sie mit ihrer ganzen jungen Kraft die erhobenen Arme der Wütenden und preßt sie ihr an den Leib. Das Weib schimpft und windet sich; Vefa hält fest, und die Männer sangen an zu lachen.

Laoß sin, Mädchen," sagt der eine,bemena dech liet mit der Saach!"

O dau Lappes!" Sie dreht den Kopf ein wenig zur Leite und sieht ihn verächtlich von oben bis unten an. Jetzt zuckt ein Blitz nieder, man sieht deutlich ihr hübsches Gesicht mit der heräufgezognen Oberlippe und den zornigen Augen.Schämt eich al! Ihr seid jao e su dumm, laoßt eich von e su enent alen Framensch kommandieren. On dat wollen Mannskerl sein?! Ba!" Sie spuckte aus.Noa, Stesses, dau sollst Hier uor kommen, dau kriehst ke Bützche mieh, ne! On dao hinnen dän Toni, dän soll sech uor verstechen, on dän Pitter on dän Hanni derzu ke Bützche mieh dän Hähr Borgemaster es vill zo gud sor eich! Noa, Schneidersch, strampelt net e su dao!" Sie gibt dem Weib einen Stoß, daß es rückwärts in den dichtesten Haufen fliegt.

Kladderadaatsch," sagt einer der Männer laut, und die andern grinsen.

Jao!" Vefa breitet wieder ihre Arina schützend aus; braun und keck steht sie vor dem Bürgermeister, der, wie aus Stein gehauen, ohne Regung auf die Menge starrt.

Es ist jetzt tageshell, Blitz auf Blitz folgt. Ueber'm Mosenkopf steht das Gewitter; ein Donner kracht und rollt dröhnend in den Bergen wieder. Und nun wieder ein Blitz! Einen Augenblick ist Dallmers graues Haar von einer Flamme umloht das Haus, die Straße schwimmen in blauem Feuer dann ein Rollen, ein Krachen, ein ohren­betäubender Schlag, kurz aber furchtbar mit einem Auf­schrei umschlingt Nelda den Onkel. Geblendet weicht die Menge zurück.

Jeßmarijusep!"

Kuckt elao" Befas helle Stimme übertönt den TumultMeerfelder, Maud er scheib er, schlagt en Kretz vn sprecht eil Gebot! Onsen Hährgott es ütoer eich!"

Se haot recht! O Jesses, Jesses!" Blitz auf Blitz, Donner auf Donner. Man wird blind und taub; und nun schüttet ein Guß nieder, furchtbar, gewaltig, Riesentropfen, schwer wie Blei, prasseln auf die Köpfe.

Onkel komm ins Haus!"

Dallmer fährt zusammen, er rüttelt dje Erstarrung' von sich ab.

Manderscheider, Meerfelder!" Dem Donner gleich dröhnt feine Stimme über den Platz.Seht, der Mosen­kopf steht in Flammen! Ein Gewitter! So lang ich denken kann, war noch keins utzu diese Zeit. Der Himmel zürnt uns, weil wir miteinander zürnen. Haben wir nicht fünsimd-

zwauzig Jahr alles zusammen geteilt? Ihr habt euch gefreut; ich habe mich gefreut, Ihr wart betrübt; ich war betrübt. Da sind welche unter euch, mit denen bin ich alt geworden, und welche, die hab' ich als Kinder spielen sehen; mir kennen uns, mein' ich, genau. Und ihr Teufels­kerle glaubt, ich werde einen Pfennig nehmen, von hem> was euch zukäm'?! Mag sein, ich hab' in meinem Leben viel verkehrt gemacht, mit euch hab' ich's immer gut gemeint. Mein Liebstes hab' ich verloren und manches andre noch. Golt im Himmel ist mein Zeuge, cs hat mir nichts so weh getan, als daß ihr" feine Stimme bebte<euch gegen mich kehrt! Und nun sagt ruhig und vernünftig, was ihr! wollt! Ich will tun, was ich formt; und dann werd' ich von Manderscheid fortgeheu. Ihr kriegt einen neuen Bürgermeister, leicht einen besseren. Nun sagt!"

Keine Antwort. Die Männer stießen sich gegenseitig an; die Schneidersch war in die hinterste Reihe gedrängt, als sie nur den Mund auftat, legte sich ihr eine derbe Faust drauf.Still, häit haot recht!" Es war nur geflüstert, aber die andern hörten's.

Hän haot recht! Hän haot recht! Ne, en annent Borgemaster ne, och e ne! Kommt, nter giehu Häm! Jesses, es dat en Wäder!"

Ihr gebt keine Antwort, wie?" Dallmer wartete. Keiner sprach, nur ein verlegenes Räuspern war hörbar.

Da Schritte die Gasse herunter! Durch den strömen­den Regen kam einer angetrabt, der schrie schon von weitemr , Hollah, seid ihr doll gäweu, onsen Bvrgemaster zu molestieren?! Dunnerknippchen noach emaol, schärt eich Häm!"

Es war Heinrich Hommes; er sprang auf den Bürger­meister zu und schüttelte ihm kräftig die Hand. Befa machte Platz, sie schlüpfte ihm unter'm Arm durch und mischte sich unter die Leute; Nelda hörte bald hier, bald dort ihre Stimme. Zu sehen war nichts mehr, das Blitzen hatte aufgehört. Nur Nacht und Regen.

No, da soll doch gleich!" Der junge Mann reckte die derben Fäuste aus den Aermeln und hielt sie dem Nächst- steheuden unter die Nase.Wan et es, waaß ech net, et is stichdonkel; äwer onnerstieht eich uoachehs!"

Laoß sin, Heinrich," lachte Befa sie stand schon iriebcr neben ihmeiveil es ales in Ordnung! Gnoen Awend, Meerfelder! Gilden Awend, Manderscheider!"

Guden Awend!" Ein Trupp entfernte sich. Da sagte auch eine Stimme:Guden Awend, Hähr Borgemaster!"

Ein Teil blieb noch und stand zögernd herum; lauter Meerfelder, die konnten sich noch nicht entschließen.

Meht häm, Meerfelder," redete Befa eifrig zu.Gicht! Kucktelhei dat Wäder! Haald eich net e fu onneedig ofsi ihr seid kwatschuaaß, ihr kennt krank gänn!"

»Jao, jao, bet Befa haot recht! Dat Wäder!" Unschlüssig traten sie von einem Bein aus's andere.

Kommt herein", sagte Dallmer plötzlich- feine Stimme klang ruhig und freundlich.Trocknet euch! Die Befa soll einen Kaffee kochen, wartet das schlimmste Wetter ab. Kommt!"

Er ging voran in's Hans, tiefatmend schritt er rasch durch den Flur, das Wasser lief ihm aus den grauen Haaren. Trappf end und scharrend folgten die anderen. Erst standen sie scheu im Eingang, daun Nelda drehte sich gerade um und sah, wie sie sich hinter Befa in die Küchentür drängten. Nur die Schneidersch fehlte, die hatte sich davon geschlichen.

(Fortsetzung folgt.)

NulturzuständL aus der Amgegerw von Eichen Zur Zeit des 30jährigen ttrieges.

(Nach einem alten Krosdorfer Kirchenbuch.)

In den unruhigen Zeiten des 30 jährigen Krieges gewährtes Stadt und Festung Gießen den Landbewohnern eine sichers Zufluchtsstätte. Der Zuzug von außen war so stark, daß die Stadtkirchä die Besucher des Gottesdienstes nicht alle fassen konnte. Es wurde deshalb demgeflüchteten Landvolk" in demüiri- stischeii Auditorium" gepredigt. Später wurde dasBallhaus" m Botanischen Garten, im dem die Studenten sich mit dem Federb alls WL vergnügten, zur Kirche eingerichtet. Tas Krosdorfer Kirchen- buch von 1629 berschtet von einer großen Anzahl Kinder, die iu Gießen imexilio" getauft wurden. So unter anderem: 1635 Wf Psiugstsvnnabend Hans Emil Hessen ein dochterlcin getaufst - bg» kmdt ist 'zu Gießen getaufft worden, weil man wegcst dös Kriegsvvlks zu Gleiberg nicht sein können." 1 636I. Kvlimann em toMerlein zir Gießen dem exilio getaufft.