Samstag den <3. November
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9
Rheinlandstöchter.
Roman von Clara Biebig.
(Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.)
Zerstreut kritzelte sie allerhand Schnörkel auf den Rand des unbeschriebenen Mattes. Es war so still im Zimmer, man hörte kM Knirschen ihrer Feder da — ein rascher Schritt draußen im Flur! Sollte Besä schon vom Tanzboden wieder kommen, so früh?
Richtig, sie war's, ihr Kopf streckte sich zur Tür herein.
„Herr Borgemeister!" <
,„Hm, was willst du?"
,Lerr Borgemeister" — sie trat vollends ein, ganz außer Atem und schnappte nach Lust — „ha, ech sein e so gerannt' Herr Borgemeister, oe Meerfelder sein doll, on ve Manderscheider sein Esel! Se wollen Ihnen de Fenster einschmeißen on — ja, ech weiß «et, wat se wollen, se wissen es selber «et. Jeß, war dat en Schkandahl beim Hommes! Hän wollt se de Tür eraus schmeißen — ja, leicht! Se han den Heinrich verhauen. Ech han derweil Zuaekuckt, äwer— ha —" sie schnappte wieder nach Luft und preßte beide Hände gegen die heftig atmende Brust, ihre Wangen glühten — „gleich sein se als da, de Meerfelder, vn de Manderscheider schleppen se mit!"
„Was sagst du?" Nelda sprang auf. Dallmer blieb ruhig sitzen, keine Muskel in seinem Gesicht bewegte sich.
„Ja, se wollen de Fenster einschmeißen. Jesses, da sind se als schon!" Besä sprang hinaus, man hörte sie draußen über den Flur rennen und gleich darauf ihre helle Stimme an der Haustür. „No, no, wat gilt et dann? Reißt de Klingel «et af! Ufgemaach — wat saot ihr?! Ne, ech denken «et daodran, dän Borgemastex es als im Bett. Wat lvollt ihr?"
Ein donnerndes Pochen gegen die Tür antwortete, dann ein paar kräftige Fußtritte. „Dän Borgemaster soll eraus kommen, wir mässen hän ebbes fraogen!"
Befa lachte. „Eweil es't »et Zeit, kommt Widder iiwer hunnerd Jaohr! On nau Zieht schlaofen. Gud Nacht!"
Lachend trat sie wieder in die Stube. „Herr Borgemaster, se sein betrunken, se —" das Wort erstarb ihr im Mmrde, ein Hagel von Steinen prasselte gegen die geschlossenen Läden.
. „Hoho!" Dallmer verließ eiligen Schrittes das Zimmer; gleich -darauf riß er die Haustür auf und stand auf der Schwelle. „Was fällt euch ein, seid ihr verrückt oder betrunken? Macht, daß ihr nach Hause kommt, ich rat's euch im guten!"
„Im guden, im gilben — wat haot hän gesaot?!" Die Nächststehenden wichen zurück, die Fernerstehenden drängten vorwärts. Das ivar ein unruhiges Hin- und Hertreten, ein Sichschieben und Stoßen.
„Nun geht, oder sagt, was ihr wollt!" Klar tönte
des Bürgermeisters Stimme über die Köpfe hin. Er konnte keinen einzelnen erkennen, es «rar zu finster; die Gruppe draußen war eine verschwommene dunkle Masse, au fdie der Regen niederprasselte. Nur seine Gestalt auf der Schwelle war kenntlich, vom erleuchteten Hausflur fiel der Schein auf sein bleiches Gesicht. Fetzt drängte sich Nelda neben ihn.
„Onkel," bat sie leise, „mach die Tür zu! Laß sie! Komm doch!"
Unsanft schob er sie von sich. „Was wollt ihr? He?!" Ein undeutliches Murmeln' die Antwort. Dann ein unzufriedenes Murren, dann verworrenes Geschrei: „Hongev — krank — Geld — ons Maar — ans Maar!"
Aus denk dichtesten Haufen zeterte jetzt eine grelle Weiberstimme — Dallmer zuckte zusammen, es ivar dieselbe, die 'heute morgen in Meerfeld hinter den klappernden Läden an sein Ohr gedrungen — „wir krepieren! Dän Borgemaster soll ons ebbes von dem Geld gtimen, wat hän gestohl hast — jao, gestohl!" Langgezogen" kreischte sie das letzte Wort in die Nacht. „Gesto—h—l!"
Keiner in dem Haufen rührte sich; sie standen still, als habe die ungeheure Anschuldigung sie alle gelähmt. „Hal bei Maul, Schneidersch, bau bis zo frech," flüsterte einer unterdrückt.
„Nein, sie soll reden!" Dallmer reckte sich hoch auf, die grauen .Haare auf seinem Kopf schienen sich zu strauben, die Ader an der Schläfe schwoll zum Platzen. „Dre Schneider also!" Er bezwang sich „Tretet doch hier vor, Schneidersch, ich möchte Euch gern sehen!"
Das Weib machte sich mit den Ellenbogen Platz, nun hatte es sich durchgedrängt, es stand dicht vor der Tür. Das abgezehrte Gesicht ivar gespenstisch bleich, in den Augen glühte ein wildes Feuer.
„Nun?" Der Bürgermeister sah sie fest an. Sie erwiderte seinen Blick, ohne mit der Wimper zu zucken. „Was wollt Ihr, Schneidersch?"
„Geld!" Sie streckte den Arm aus, der dürr wie ein Stecken war. „Kuckt hei, ke Lot Flaisch, Hand on Knochen! Ke Fressen for saat zo gänn. On c su s immer al! Ihr haot Schold! Haha —" sie lachte schrill — „wär et gebliewen, wie et ivaor, eweil hätten mer Fisch genug; kein Krankhaat on bähten net versaufen! Geld!" Sie trat noch einen Schritt näher und tippte Dallmer mit dem Knochenfinger au«s die Brust. „Ihr haot Geld genug!" Ihre wilde«! Augen sprühten ihn an, wie die einer in die Enge getriebenen Katze. „For ons sollt et sein, bat Geld, Watz dän Hähr Kaiser geschickt haot! Et es net menschenmielich, bat bat bißchen Dreckschüppeu e su vill gekost haot. Wuh es bat anner Geld?" Sie reckte die flache Hand hin; Dallmer wich einen Schritt zurück, ihre dürren Finger stachen ihn fast ins Gesicht. „Geld, här damit!"
„Ihr seid toll, ich habe kein Geld!" Er stieß sie zur Seite. „Kann ich dafür, wenn ihr unvernünftig seid? Laß ich es regnen Tag und Nacht? Müßt mit dem da oben


