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Ausschreitungen kamen.bei dieser Gelegenheit nicht vor; dagegen hörte jede polizeiliche 'Einmischung, jeder Polizeiliche Schuh auf. Am nächsten Tage wurde mit Zerstörung gedroht, weshalb der Nentamtmcmn Kießling größere Exzesse nicht für ausgeschlossen hielt. In Nonndnwth wurde in! der vorhergehenden Nacht die Bürgerureisterwohnuug angegriffen, die Fenster eingeschlagen und Mr die kommende Nacht mit Brand gedroht.
(Fortsetzung folgt.)
Vermischtes.
* Eindrücke von der ersten Dampferfahrt. In unserer Zeit, in der sich, bereits das Brausen der Luftschiffe und das Geschwirr von Flugmaschinen hoch über unfern Häuptern M regen beginnt und die Aussicht auf einen neuen gewaltigen Fortschritt des Verkehrs in eine nahe Zukunft gerückt ist, wendet sich der Blick gern zurück in jene Epoche vor hundert Jahren, da mit dem Auftreten des Tauchf- schiffes ebenfalls eine neue Aera besserer Verkehrsmöglichkeiten eröffnet wurde. In den nächsten Wochen wird die Feier, die zur Erinnerung an Fultons erstes erfolgreiches Auftreten in Newyork veranstaltet werden soll, diese Kindheitstage unserer modernen Kultur mit dem verklärenden Schimmer einer rührenden Vergangenheit umgolden, wenn ivir von unseren ungeheuren Gebäuden gleichenden Riesen- dampfern auf die ersten Dampfboote Fultons zurückblicken. Jnl Contury Magazine gibt eine Urenkelin des genialen Erfinders, Alice Creary Sutcliffe, eine auf unveröffentlichten Dokumenten beruhende Schilderung der Entdeckung und der Frühzeit des Dampfbootes, die wie so viele Großtaten der Menschheit zunächst durch Hindernisse aller Art getrübt wurde. Die erste erfolgreiche Fahrt unternahm Fulton nicht in Amerika, sondern im August 1803 in Paris, wo ihm auf Veranlassung des damaligen ersten Konsul Napoleon Behörden und Gelehrte freundlich entgegenkameu. Eine ausführliche Schilderung dieser Fahrt gab ein Augenzeuge in dem „Polytechnischen Bericht der Brücken und Chausseen". „Am 9. August wurde ein Versuch mit einer neuen Erfindung gemacht, deren vollkommener und glänzender Erfolg wichtige Wirkungen für die Handels- und Binnenschiffahrt Frankreichs haben wird. Schon seit zwei oder drei Monaten war am Ende des Quai Chaillot ein Boot von merkwürdigem Aeußern zu sehen, mit zwei großen Rädern ausgestattet, die wie bei einem Wagen an einer Achse angebracht waren, während hinter diesen Rädern eine Art großen Ofens mit einem Rohr hervorragte, wie wenn es so etwas wie eine kleine Feuerspritze wäre, um die Rader des Bootes in Bewegung zu setzen. Einige Wochen früher hatten böse Menschen diese Konstruktion geschädigt; nun aber empfing der Erbauer, nachdem er den Schaden wieder repariert hatte, eine sehr schmeichelhafte Belohnung für seine Arbeit und sein Talent. Um sechs Uhr abends setzte er, nur von drei Personen unterstützt, sein Boot in Bewegung, wobei noch zwei andere Boote an dem seinen befestigt waren, und er bot nun einundeinehalbe Stunde lang das seltsame Schauspiel dar, wie ein Schiff gleich einem Wagen durch! Räder bewegt wird, wobei diese Räder mit flachen Platten oder Rudern versehen waren und von einer Feuerspritze bewegt wurden. Während ivir dem Schiff den Quai entlang folgten, erschien uns die Schnelligkeit, mit der es sich gegen die Strömung der Seine fortbewegte, etwa so groß wie die eines sehr raschen Fußgängers, b. h. etwa fünf Kilometer in der Stunde. Als' es dann mit dem Strom abwärts ging, war die Schnelligkeit viel größer. Das Boot fuhr viermal herauf und herunter; es manövrierte mit Leichtigkeit, drehte sich nach rechts und .nach links, ging vor Anter und begann ohne Mühe von neuem seine Fahrt. Auf einem der beiden anderen Boote befand sich eine Anzahl von Gelehrten, die zweifellos einen so günstigen Bericht erstatten werden, wie ihn dieser außerordentliche Mechanismus verdient. Der Erfinder dieser glänzenden neuen Einrichtung ist Herr Fulton, ein Ameri-, rauer und /berühmter Mechaniker."
* Die Stadt der Feste. Ein halbes Dutzend Volksfeste int Jahr, von denen das kürzeste eine Woche, das längste aber zwei Monate dauert, sind ein bißchen viel für jede andere Stadt, aber nicht für München. Jtz länger die großen Feste hier währen, uw io stürmischer werden sie gefeiert. Kaum hat das weite Jahr begonnen, so berauscht sich ganz München — es gibt hier, in unserm demokratischen Süden, keine Feste für ein- zekne Gesellschaftsklassen — an den Maskenbällen, Redouten, an den weltberühmten bals pärös und den Sivaßenumzügen zwei
Monate lang. Der Aschermittwoch' Und ein paar folgende Tage bieten hierauf Gelegenheit zur Sammlung und die Möglichkeit, in sich zu gehen. Dann aber hat man sehr bald wieder Wichtiges, zu tun: das Salvator ruft Nach dem Nockherderg. Als dieser Berg des Heils Und Biers noch nicht reguliert war, ließen sich die allzu Trunkenen in Scharen herunterkollerii, jetzt aber müssen diese Glücklichen, ohne die eigene Schwere Nusznnützen, ihren Weg nach Hause suchen. Ist das Salvator zur allgemeinen Trauer der Stadt aus die steige gegangen, dann naht schon die „Auer Dult", jener herrliche Jahrmarkt, in dessen zahllosen Tandlerbuden man „beinahe" einen Rembrandt um 50 Pfennig und eilten Raffael uni zwei Mark erstehen kann. Auch dieses Fest, zu dem wiederum ganz München ausrückt, dauert eine ganze Woche. Dann ist leider Schluß für eine lange Zeit. Diese wird weidlich ausgenutzt, denn der schöne Münchener Sommer fällt in sie mit seinen Ausflügen ins blühende Isartal, den Touren in die Vorgebirge und den Bergbesteigungen. Ende September, wenn die als Fremdenattraktionen berühmten Wagner- und Mozartfestspiele sowie das Dutzend verschiedener Kunstausstellungen geschlossen haben, ist München, das lebenslustige München wieder komplett; den in der frischen Bergluft regenerierten Kräften steht nun eine stolze Reihe weiterer Festlichkeiten bevor, die durch das Oktoberfest glänzend eröffnet werden. Wir feiern es Heuer zum 99. Male; seine äußere Gestaltung hat sich wohl recht sehr verändert, an die Stelle der alten Windlichter und 'später der spärlichen Gaslaternen sind blendende Ströme elektrischen Lichts getreten; statt auf den Pferdchen der alten unscheinbaren Karussells wiegt man sich jetzt in Zeppelins und Parsevals und auf Mono planen, die im Kreise herumsausen und statt der Brauerpferde, die in den alten Zeiten das Rennen („Rennats" auf Münchnerisch) bestritten, sausen jetzt sieggekrönte Traber durchs Ziel. Die Gemütlichkeit aber ist sicher die gleiche geblieben. GenaN so selbstverständlich wie die biedermeierischen Könige Ludwig I. und Max II. mischt sich der Prinzregent und der ganzd Hof fins Gedränge, lobt die Preiskälber und die Preisochsen und die Sennerinnen dazu, die sie Vorführern In den kolossalen im' Neu-Münchener Stil errichteten Bierbuden herrscht die angestammte Trinkfestigkeit und Seligkeit, die mit der von höllischem Ordjcfter» lärm begleitenden Aufforderung „Eins, zwei, drei: Gsuffa!" ihre höchsten Freudenausbrüche erreicht. Was der aus dem rauhen Norden kommende Fremdling mit Staunen und halbem Wohlgefallen im Hofbräuhaus zu konstatieren pflegt, begibt sich in höherem Maße und äufsallender auch hier: Alle Klassen, Md seien sie sozial Noch 'so sehr voneinander geschieden, finden sich hier zusammen; Minister, Künstler, Arbeiter, alles sitzt einträchtig und mit dem einen Ziel, die „Gaudi" mitzumachen, an einem) Tisch. Vierzehn Tage lang ist dazu Gelegenheit geboten, und vierzehn Tage hindurch 'ist ,die Wiese zu Füßen der Bavaria schwarz von Menschen; am Hauptsvnntag aber strömt nicht nur ganz München, sondern in zahllosen Extrazügen halb Bayern hier zusammen. In seiner köstlichen Stimmung ist das Otto berieft das alte geblieben; es ist Noch immer ein richtiges Altmünchener Fest, das sich auf der tagsüber im bläulichen Herbstdunst, abends in rötlichen Flammen liegenden „Wiesu" abspielt, gleich der Bavaria, dem Hofbräuhaus und den wie Maßkrüge aufragenden Frauentürmen ein echtes Wahrzeichen der Jsarstadt.
Literatur.
— Die B lü ch e r t ro mp e t e. Eine Geschichte aus der Lüneburger Heide von Ludwig Salomo n. Verlag von B. Elischer Nächst, Leipzig. Es ist eine vaterländische Erzählung — vaterländisch im guten Sinne des Wortes, frei von Hurralärm und Trommelsucht —, die der bekannte Literarhistoriker Ludwig Salomon hier zum ersteumale in die Welt wandern läßt. Alles hat der Trompeter dem Vaterlande geopfert, alles hat er der Sehnsucht nach dem einigen Kaiserreiche hingegeben — umsonst. Verfolgung ist auch sein Lohn. Aber er kann die deutsche Erde nicht missen; so flüchtet er in die Einsamkeit der Heide und lebt abgeschieden von der Welt. Nur einmal steckt er den Kopf aus seiner Klausnerhütte, als die Verwirklichung des alten Burschen- schaflerideals so nahe scheint; da krachen Gewehrsalven dem Volke entgegen. In tiefem Grame kehrt er zu seinen Bienenstöcken zurück. Erst am Ausgang seiner Tage darf er noch einen kurzen Blick werfen in das in Morgeuschöne aufsteigende junge deutsche Kaiserreich. --------------- H. R. Iockisch.
Bexir-Rätsel.
Herr Salomo wollte das Kindlein zerteilen;
Nun mag ihn das nämliche Schicksal ereilen.
Der richtigen Hälfte gesellest du
Einen deutschen Bauernburschen hinzu.
Und hast du zum Mineral sie verbunden, So hast du schon etwas vom Pulver erfunden.
Auflösung in nächster Nummer.
Auflösung des Rösselsprungs in voriger Nummer: Sieht jeder fein vergangnes Leben an, Bereut ein jeder etwas ganz gewiß;
Der eine, was er alles hat getan. Der andre, was er alles unterließ.
Redaktion: K. Neurath. - Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Gießen.


