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alle Akten verbrannt und wahrscheinlich auch das Schloß ange-- znudet hätten, auch schon gegen Nidda in Anzug feien. Kammerrat Dr. Schlosser hielt es nun für nötig, die herrschaftliche Kaffe in Sicherheit zu bringen und wenigstens die wichtigsten Renteiakten zu retten. Die Kasse enthielt etiva 1500 Gulden, wovon Dr. Schlosser die am. fülligen Besoldungen schleunigst auszahlte und den Rest an einen sicheren Ort vergrub. Die Akten, die außerhalb des Schlosses nicht untergebracht werden konnten, wur­den in mehreren Zimmern des Schlosses in Schränken hinter den Tapeten verwahrt, die Registratur aber mit alten unbrauchbaren Akten ausgcfüllt, um den Insurgenten, falls sie hierher kämen, keine Veranlassung zu dem Verdacht zu geben, daß die Akten auf die Seite geschafft wären. Tas hätte vielleicht die Ver­brennung des Schlosses zur Folge gehabt. Während Kammerrat Schlosser mit dieser Arbeit beschäftigt war, kam von Nidda.die Nachricht, daß dort die Aufrührer eingezogen seien, die Justiz­akten verbrannt und in der Wohnung des Landrichters, der nur mit genauer Rot fein Leben gerettet, alles vernichtet hätten, daß die Bande von Nidda aus ihren Zug teils nach Hungen, teils nach Schotten nehmen und die nach Hungen bestimmte Abteilung am 30. mittags daselbst eintreffen würde. Dr. Schlosser benutzte diese Zeit, um auch die Betten und sonstigen Mobilien teils in der Stadt, teils in feuerfesten verborgenen Gewölben des Schlosses in Sicherheit zu bringen. So erwartete et, nachdem er auch seiner Familie ein Versteck angewiesen hatte, die Ankunft der Insurgenten, um durch seine persönliche Gegenwart zu retten, was möglich sei. Um 2 Uhr nachmittags erfuhr man, daß die Bande von Nidda nach Salzhausen und Bingenheim gegangen sei, um die dortigen Rentei-, Forst- und Stenerakten zu ver­brennen. Von dem Stadtkirchtum ans konnte man auch das Feuer bemerken. Außer den Akten wurde den Bingenheimer Forst- und Rentbeamten ihr gesamtes bewegliches Eigentum mitverbrannt.

Um 4 Uhr nachmittags traf aus dem Grasser Hof bei Hungen ein Deserteur von der Bande ein, der früher als Knecht dort ge­dient hatte, nnd benachrichtigte den Verwalter, daß die Bande von Bingenheim über Echzell und Berstadt nach Hungen und Graß ziehen wolle; dort sollten die Akten verbrannt und der Grasser Hof in Brand gesteckt werden. Ihre Ankunft gab der Deserteur aus 10 oder 11 Uhr abends an. Der fürstlich brauN- felsische Forstmeister von Rabenau ritt sogleich nach Echzell und traf daselbst die Bande, wie sie eben damit beschäftigt war, die dortigen Bürgermeister- und Steuerakten zu verbrennen. Er brachte ebenfalls die Nachricht mit, daß die Insurgenten ihre Richtung nach Hungen nehmen und in der Nacht um 11 Uhr ein­treffen würden, daß die Bande übrigens nur ans 500 besoffenen Menschen bestehe, von denen nur wenige mit Schießgewehren ver­sehen wären. Auf diese Nachricht hin beschloß man im Schloß Kammerrat Schlosser und der größte Teil der Dienerschaft Stadt und Schloß zu verteidigen, sobald man nur auf einige Mitwirkung von Seiten der Bürgerschaft rechnen könnte. Mit einer Anzahl feiner Leute begab sich daher Dr. Schlosser abends 8 Uhr zu dem Landrat, verlangte, daß die Bürgerschaft versam­melt und ihr der entsprechende Antrag gemacht würde. Kammer­rat Schlosser konnte seine Absicht jedoch nicht durchsetzen; die Stimmung der Bürger war derart, daß man auf ihre Mitwirkung nicht rechnen konnte, vielmehr besorgen mußte, daß ein großer Teil sich zu der Bande schlagen würde. Dr. Schlosser begab sich daher wieder in das Schloß, sandte von Zeit zu Zeit Boten aus, damit sie über die Richtung, die die Bande nähme, Erkun­digungen einzögen.

Fast jede Stunde verbreiteten sich Gerüchte, daß die Insur­genten im Anzug seien, auch hörte Schlosser, als er sich nachts um 12 Uhr zum Zweck des AuSspähens aus die Anhöhe von In­heiden begeben hatte, das Trommeln Und Glockengeläute stus der Gegend von Melbach her.

Am 1. Oktober morgens um 5 Uhr erfuhr man, daß die Bande, um sich zu verstärken, von Echzell nach Södel und Wölfers­heim gegangen sei, von da aus ihre Richtung nach Rockenberg nehmen, die Gefangenen loslassen, das Marienschloß in Brand stecken, sodann ihren Marsch nach Hungen, Lich und Laubach fortsetzen, sich daselbst mit den Vogelsberger Banden vereinigen und bann über Grünberg nach Gießen ziehen wolle. Um 9 Uhr traf von Wölfersheim die Nachricht ein, daß die Baude den Abend vorher dort eiugerückt sei und die Bürgermeister von Wölfersheim und Södel mit ihren Gemeinden gezwungen habe-, sich anzuschließen. Diese seien auch bis Melbach mit ihnen ge­gangen, hätten jedoch, als sie die Schwäche der Bande bemerkt, diese überfallen und sie total geschlagen, so daß sie völlig zer­streut und für Hungen keine Besorgnis mehr fei.

Bald darauf kam auch die offizielle Nachricht, daß nachmit­tags großherzogliches Militär hier einrücken werde.. Damit war jede Besorgnis geschwunden. Das Militär erschien indessen nicht, und abends 7 Uhr teilte der Sekretär Kießling dem Snmmerrnt Schlosser mit, das Militär fei zu Södel und Wölfersheim in feinem Marsche aufgehalten worden, indem diese Gemeinden sich dessen Zuge mit den Waffen widersetzt hätten, daß die Bande keineswegs zerstreut, sondern von Wohnbach her im Anmarsch gegen Hungen fei, daß 6 Spione derselben in Hungen gesehen worden, die, als man sie habe arretieren wollen, mitten in bet Stadt verschwunden und ohne Zweifel von den hiesigen Ein­

wohnern verborgen worden waren, daß endlich das Gerede gehe, das hiesige Schloß solle in dieser Nacht in Brand gesteckt werden. Jetzt blieb nichts mehr übrig, als zur Verteidigung das äußerste zu wagen. Ungefähr 20 Bürger versprachen Beistand zu leisten, und da von der Dienerschaft, die Landsrat-, Land­gerichtsdiener und Gendarmen mit eingefchlossen, gegen 20 Per­sonen mit Schießgewehren wohl versehen waren, so hatte man Hoffnung, die Bande in die Flucht zu schlagen. Zur Abwehr sollten die beiden Tore durch Wagenburgen gesperrt werden. Eben traf man Anstalten, die nötigen Magen herbeizubringen, als ein Trupp großherzoglicher Dragoner zum Obertor hereinsprengte; bald darauf folgte der Prinz Emil mit 200 Mann Kavallerie und 1100 Mann Infanterie. Gegen die von Wohnbach vor- rückende Bande waren schon von Wölfersheim aus einige Schwa­dronen Kavallerie detachiert worden, bei deren Anrücken sich jene in die Wälder zerstreute. Es war nun um so weniger etwas zu befürchten, als den Nachrichten zufolge das gegen die Insur­genten abgesandle Militär sich auf 45000 Mann belaufen sollte.

Mehr als 100 von der in der Wetterau eingerückten Bande waren vom 1. auf den 2. Oktober bereits eingefangen. Die übrigen sind, nachdem sie die furchtbarsten Exzesse zu Schotten und Laubach begangen hatten, nach der kurhessischen Grenze ge­zogen, wo der Aufstand noch viel bedeutender war, als in hiesiger Gegend.

1848.

Einen weit größeren Umfang unb eine tiefgehendere Be­deutung als die Bewegung vom Jähre 1830 gewann die Revo­lution von 1848 für Deutschland. Im Februar 1848 war in Paris der König verjagt und die Republik ausgerufen worden. Diese Vorgänge ermutigten das deuische Volk, die RegirruiH nachdrücklicher als vor 18 Jahren um Gewährung größerer Frei­heiten und Rechte zu bitten. In der Hauptsache wären es di« 4 Grundforderungen der Preßfreiheit, der Schwurgerichte, der Volksbewaffnung und der Parlamente, in denen man übereil» kam. Durch teilweise Gewährung dieser Forderungen unb durch Berufung liberaler Ministerien suchten die meisten deutschen Re­gierungen der Revolution porzubeugen. Dennoch wurde Deutsch- land von ihr ergriffen, am heftigsten Preußen unb Oesterreich. Auch in Hessen, wo man mit der Verwaltung des Ministers dn Thil unzufrieden war, ging die Bewegung nicht spurlos vorüber. Die Agitation erfolgte von Mainz aus, deut Hauptherde der Revolution. Der Gvoßherzvg nahm am 5. März seinen Sohn, den Thronfolger Ludwig III. zum Mitregenten an und übertrug Heinrich wn Gagern das Ministerium, lieber die Ereignisse, die sich im Frühjahre 1848 in unserer Gegend abspielten, unter­richtet uns der damalige fürstlich-braunfelsische Rentamtmann Kießling.

Anfangs März Nahmen in hiesiger Gegend die Unruhen einen bedrohlichen Charakter an. Tie Unzufriedenheit gab sich zunächst in der Grafschaft .Laubach 'durch Drohung und Demonstrationen, wenn auch noch in geringem Maße, funb. Besonders heftig richtete sich die 'Erbitterung gegen den großherzoglicheu Kreisrat, dem. man am Abend des 8. März den Weg öerfperrte. Die Fran Gräfin Laubach war am 8. März vorsichtshalber abgereist. Mit der hiesigen Verwaltung war man zufriedener, obgleich es auch nicht an unzufriedenen Elementen fehlte, die, wie zu Hungen die Grasseewiese und den Tiergarten zurückhaben, zu Villingen die Zehnten (Renten?) verweigern, den Waldvergleich aufheben und die Grenzsteine ausreitzen wollten. Kießling glaubte nicht, daß es zu Exzessen kommen wurde, empfahl aber dennoch ein bar» sichtiges Verhalten den Aufrührern gegenüber; vor allem schienen ihm Exekutionsmaßregeln im Augenblick nicht angebracht, zumal mit solchen auch vorn Großherzoglichen Kreisrat eiugehalten wurde. Am 10. März berichtet Rentamtmann Kießling, daß sich das Gerücht von der Abreise der Gräfin zu Laubach Nicht bestätigt habe; die Stimmung in den Laubachschen Orten sei allerdings sehr übel. In Inheiden, Utphe', Trais-Horlosf und WohNbach war am 8. Marz ein ungeheuerer Tumult, der mit der Absendung einer Deputation von 16 Personen an den Grasen Julins? nach Darmstadt endete. Welcher Art die Konzessionen waren, die diese Abordnung in Darmstadt erreichen sollte, konnte Kießling nicht genau erfahren. Nur so viel wurde ihm bekannt, daß. man vor allem Zurückgabe erworbenen Geländes, Aushebung der Monopole Und Abtretung der Präsentationsrechte forderte. In Hungen war feit zwei Nächten die ganze Bevölkerung ivie losgebunden. Ihr Unmut machte sich Lust in einer Adresse an den Staatsminister von Gagern. Zu den in ihr enthaltenen zahlreichen Petitionen gehörten u. a.: Aufhebung der Kreisratsstelle, freie Gemeiude- verwaltung, Abtretung des Rechtes, die Bürgernleister zu er» nennen, Ausrottung des schädlichen Wildes in Wald unb Feld, Beitreibung ber fürstlichen Gefälle mit bet Beitreibung der groß- herzoglichen Gefälle durch einen fix besoldeten Exekutanten. Die Deputation suhr am 10. März nach Darmstadt ab. In der Nacht vom 9. aüf 10. März war die innere Stadt illuminiert, die Vor­stadt dagegen nicht. Tie Bevölkerung trieb sich 'bis Anbruch des TageS in den Straßen herum. IN der Vorstadt, nicht weit von der Wohnung des Rentamtmanns Kießling, wurde ein Stnbent I durch einen Pistolenschuß leicht verwundet. Der.Täter wurde, 5 nachdem er halbtot geschlagen worden war, verhaftet. Sonstige