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Dachte Nelda Dallmer noch an jenes „viel zn verständig", als jetzt Orgelklänge sie nmbrausten, und sie, als erste der Brautjungfern, dicht am Altar hinter der Freundin stand?! Die Leute waren erstaunt über ihr Erscheinen; man hatte gar nicht an Nelda Dallmer gedacht, die war eigentlich hors de combat.
Durch die bunten Kirchenfenster flutete ein warmer Lichtstrom. Er tänzelte über die teppichbelegten Quadrate des Steinbodens, über die hohen Lorbeer -und Myrtew- biische, über die Blumensträuße in den Händen der jungen Damen, über die leuchtende Glatze des hochwürdigen Ober- konsistorialrats Zünglein und über den weißen Schleier der Braut. Ter warme Strahl legte sich aus Nelda Dallmers Haar, daß es goldig glänzte.
„Wo du hingehst, da will auch ich hingehen; wo du bleibst, da bleibe ich auch. Dein Volk ist mein Volk, und dein Gott ist mein Gott. Buch Ruth, Kapitel I, Vers 17."
Das war der Trantext, die junge Braut hatte ihn selbst gewählt. Nun überschwemmte der Redner die schönen Worte mit der ganzen Flut seiner oberkonsistorialrätlicheu Beredtsamkeit. Schauer auf Schauer überlief Neldas Rücken; sie hörte nicht den salbungsvollen Ton, nicht die blühenden Floskeln, vor ihre Augen trat die Gestalt der treuen Moabitin, greifbar, lebendig. Die biblische Landschaft verwandelte sich in wohlbekannte Gefilde, der Rhein floß, die Häuser lagen diesseits und jenseits. Tie Moabitin verschwand — es war die eigene Gestalt, die dort wanderte. Sie sqh sich selbst, Nelda Dallmer, im schlichtesten Kleid — Menschen Hafteten vorüber ohne Gruß — die dort ging mit zuversichtlichem Schritt, die lächelte! Und neben ihr wanderte einer — sie ergriff seine Hand, sie sah ihn an mit dem Blick höchster Liebe: ,„Wo du hingeht, will ich auch hingehen; wo du bleibst, bleibe ich auch."--
„Und so tretet denn hinaus ins Leben, ihr Neuvermählten!" schloß eben Oberkonsistorialrat Zäuglein. „Mitt hinaus, du holdselige Braut, an der Seite des Erwählten, des herrlichen Gatten! Tretet hinaus in den blühenden Paradiesgarten, den Gott der Allmächtige für euch aufgeschlossen hat! Ihr werdet darinnen wandeln, Hand in Hand, rein lvie die Engel. Eure Liebe wird sein wie der köstliche Demant, der, je mehr man ihn schleift, in desto wunderbareren Strahlen spielt. Tretet hinaus int Sonueu- glanz eures Glücks! Und der Segeir Gottes, die Gemeinschaft der Heiligen fei mit euch — Amen!"
Oberkonsistorialrat Zäuglein hatte gut gesprochen; er wußte das, die Wirkung seiner Traureden kannte er ganz genau. Er hatte deren drei Sorten. Die erste für die kveniger Begüterten, die zweite für die mittelmäßig Begabten und die dritte — nun, die war hier am Platz.
Die Frau Oberkonsistorialrätin, auf dem Ehrenplatz inmitten der Geladenen atmete befriedigt — das war eine allgemeine Ergriffenheit! Für eine Weile hörte man nichts als das Rauschen der Seidenkleider, das Räuspern der Herren ,das dumpfe Schnauben in die Taschentücher. Ein mächtiger Eindruck!
Nelda Dallmer war sehr bleich geworden. Sie wendete für einen Augenblick den Kopf vom Altar ab, ihre Blicke überflogen suchend die Kirche — ob er hier war? Er hatte davon gesprochen, sich die Trauung anzusehen. Für ihn nur hatte sie sich mit besondrer Sorgfalt gekleidet, für ihn nur den Veilchenstrauß an die Brust gesteckt, für ihn flatterte plötzlich das jähe Rot über ihre Wangen. Sie streßte ihr Riesenboukett fester in den Händen — sie konnte ihn nicht sehen. Wenn er jetzt hier war, ob er das Gleiche empfand wie sie? Ob es seine Seele auch mit Macht zu der andren Seele drängte?! Ob es ihn auch so inbrünstig verlangte, Hand in Hand ztl schlingen und Auge in Auge zu senken? !
Ein zitternder glückseliger Seufzer drängte sich über ihre Lippen; sie fühlte, wie ihr das Herz in der Brust zuckte und das Blut in den Fingerspitzen prickelte. Sie schämte sich dessen nicht. Da war kein unreiner Gedanke m ihr. Aber so vor dem Altar stehen zu können, sein vor Gott und den Menschen, das mühte eine Seligkeit sein, so groß, so überschwänglich, um daran zu sterben! '
„Wo du hingehst, will ich auch hingehn.
Dein Volk fei mein Volk,
Tein Gott mein Gott —"
Es überlief sie.
VIII.
Das Hochzeitsdiner neigte sich dem Ende zu. Getoastet und getrunken war genug worden, die schwersten Weine, zuletzt nur Pommery Greno extra dry. Kein Wunder, daß nach und nach -eine allgemeine Erschöpfung sich geltend machte. Ter Zunge, die bis zur Neige den Becher des Vergnügens gekostet hat, schmeckt der Rest schal. Einige ältere Herren sahen recht verschlafen aus, ihre Augen waren winzig klein geworden. Tie Fugend, Anselma von Koch als Königin an der Spitze, hatte auf dem gestrigen Polterabend bis in die Nacht hinein getanzt; auch sie war müde. Tie Mütter hielten sich noch am besten.
Nelda Dallmer saß neben einem indifferenten Herrn, ihrem Brautführer, es wollte keine Unterhaltung in Fluß kommen; sie war still, er schlang doppelte Portionen von Austern und getrüffelter Gänseleber hinunter. Und doch langweilte sich Nelda nicht, ihre Gedanken waren beschäftigt; sie woben sich ein ganzes Gespinst von lustigen Sommer- fäden und trugen es fröhlich zu Neste, wie die Schwalben am Gesims über'm Kirchenportal. Sie saß dem Brautpaar gegenüber. Sie sah, wie Osten unter'm Tisch die Hand der Braut unausgesetzt festhielt; sie mußte sehen, wie seine Blicke, je länger die Tafel währte, immer brennender und ungeduldiger wurden. Sie sah, wie Agnes erglühte unter seinem Flüstern, weich' schüchterne Seligkeit sich in ihren Mienen spiegelte. Nelda trank hastig ihr Glas aus, ein brennender Durst quälte sie. Der Indifferente schenkte rasch wieder voll, das ivar sein einziger Beitrag zu ihrer Unterhaltung.
Endlich verschwand die Braut, nach einer Weile der Bräutigam, man stand von der Tafel auf, trat in Gruppen zusammen oder drückte sich vereinzelt umher. Die abgespannten Väter redeten von Ausbruch. Die Nimmersatte Jugend von einem Tänzchen. Die ausdauernden Mütter von dem jungen Paar — ob sie wohl glücklich, werden -?!
Nelda schlüpfte unbemerkt zur Tür hinaus, wie sie es Agnes versprochen.
„Ich muß dich noch einmal allein haben, geliebte Nelda," hatte die kleine Braut gebeten, „niemand steht mir so nah wie du! Es wird mir furchtbar schwer werden, dir adieu zu sagen, du einzige, geliebte Nelda," hatte sie enthusiastisch unter Küssen hinzugefügt.
(Fortsetzung folgt.)
Die Amuhen um und in Hungen in den Jahren $30 und M8.
Von Adolf S t a u b a ch, Hungen.
(Bei unseren Preisausschreiben lobend erwähnt.) 1830.
Die Wellenschläge der Julirevolution von 1830 zitterten von von Frankreich aus nach Deutschland herüber und bewirkten hier eine tiefgehende Erregung. In Oesterreich und Preußen blieb die Ruhe gewahrt; aber in den Mittelstaaten Norddentscblands brachen Aufstände aus, die Verfassungsänderungen zur Folge hatten. Tie Wirkung der revolutionären Bewegung in den konstitutionellen! süddeutschen Staaten zeigte sich in heftigen Kammerkämpfen und ausrührerqchen Volkserhebungen. Allenthalben traten die Unzufriedenen mit ihren Forderungen wieder hervor. In Hessen, das sich seit dem 17. Dezember 1820 als einer der ersten deutschen eines „Staatsgrundgesetzes" erfreute, blieben die Unruhen auf ein geringes Maß beschränkt. Immerhin aber wird uns auch von solchen mehr oder weniger ernster Art berichtet, lieber die Vorgänge um und in Hungen im Jahre 1830 gibt uns der damalige solms-braunselsifche Kammerrat Dr. Schlosser Aufschluß. Unsere Darstellung folgt seinen Berichten.
Am 28. September 1830 verbreitete sich hier das Gerücht, daß in der Gegend von Wächtersbach-Büdingen und Meerhvlz ein Aufstand ausgebrochen sei, der die Einführung einer allgemeinen Freiheit und Gleichheit und die Aufhebung aller Abgaben zum Zweck habe. Die Insurgenten, 4000—5000 Mann stark, hätten unter Schonung- des Privateigentums alle Justiz-, Kameral-, Polizei- und Forstakten in den genannten Städten öffentlich verbrannt, die Beamten selbst mißhandelt und in deren Wohmmgen alles zerschlagen und verwüstet. Tie Grafen von Menburg hätten der Zerstörung ihrer Schlösser nur dadurch vorgebeugt, daß sie sich mit den Insurgenten in Unterhandlungen EgÄaMr, ihnen einen Teil ihrer Waldungen abgetreten -ud die Abschaffung des Zehnten und anderer Abgaben versprochen hatten. Diese Nachrichten fanden hier wenig Glauben, indessen erneuerten sie sich am 29. September mit dem Zusatz, daß die Insurgenten gegen Ortenberg im Anzug seien, und ein in der Nlicht vom 29. aus 30. September von Ortenberg hier angekommener Reisendex erzählte, daß sie bereits dort eingerückt wären,


