Ausgabe 
13.10.1909
 
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Ur. (60

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Rheinlandstöchter.

Roman von Clara Viebig.

Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.)

Nelda Dallmer hatte auch Hoffnungen.

Was war aus ihr geworden?! Zwei Monate waren verstrichen seit jenem Abend bei Tylanders, an dem Leut­nant von Ramer ihr beim Nachhansegehen so energisch die Aussichtslosigkeit seiner Zukunft vordemonstriert hatte. Sie hatten sich seitdem oft und viel getroffen war es Zufall, war es Absicht? In einer kleinen Stadt stoßen die Leute leicht aufeinander, wenn sie sich nicht gerade absichtlich aus dem Wege gehen; und das taten die beiden nicht.

Mit den linderen Lüften erwacht die Lust zum Spa­zierengehen. Ranier schritt öfters am Dallmerschen Hause vorüber ins Freie; und an besonders schönen Tagen machte der Regierungsrat, auf den Arm seiner Tochter gestutzt, eine Promenade die Chaussee weiter hinaus. Das erste Mal, als sie sich begegneten, schritten sie, stumm grüßend, an­einander vorbei. Das zweite Mal trafen sie sich in einem kleinen Seitentälchen des Rheins unter eben knospenden Büschen, da blieben sie stehen.

Der Vfad war schmal, ein Ausweichen nicht möglich; Nelda machte die Herren miteinander bekannt, man merkte ihr die Lust an, mit der sie es tat. Ihre Augen strahlten vor Freude auf. Wie sie in denk einfachen Kleid dastand, die ersten bescheidenen Frühlingsblumen in der Hand, frisches gesundes Rot auf den Wangen, erschien sie dem Mann begehrenswert. Nicht zum Bcsitzenmüssen, nicht zum Er­kämpfen allem zum Trotz nein, zum Dranfreuen, zum angenehmen, erquickenden Gruß an jedem Tag.

Und warum soll ich nicht?" dachte Ferdinand von Ramer.Soll ich mir selbst diese unschuldige Freude ver­sagen? Sie kennt ja meine Aussichten, und sre ist em vernünftiges Mädchen!" , ,

Dallmers machten nicht tm geringsten em Haus, des Reqierungsrats Kränklichkeit entschuldigte das. Zu ver­melden war's aber nicht, daß Leutnant von Ramer eines Tages Besuch machte, lediglich um sich nach dem Befinden des Hausherrn zu erkundigen; er hatte diesen wahrend Mehrerer Tage auf dem Spaziergang vermißt.

O nur eine leichte Grippe, eine ganz leichte Grippe," hüstelte Dallmer.

Sie saßen in der Studierstube, oben im ersten Stock; trotz der leichten Dämmerung fielen dem Besucher die hek­tische Röte, die glänzenden Augen des Rats auf. Sie unter­hielten sich gut miteinander, Politik bildete das Haupt- aespräch. Ramer hatte für einen Offizier ein ziemlich klares Urteil, wie es den Menschen eigen ist, die nicht als Herden­tier, sondern ein wenig abseits, für sich allein leben. Dall­mer freute sich, das Echo seiner Gesinnung zu finden. Die brennendsten Dagesfragen, die Stichworte flogen hm und

her. Derweilen lehnte Nelda am Fenster. Sie hatte sich zurückgezogen. Es war kein Gespräch für ein junges Mädchest mit zwanzig Jahren lassen die Fragen der Politik recht kühl aber sie neigte doch bett Kopf vor und ließ ketst Wort ungehört vorüberstreifen. Mochte Deutschland unter- gehtt, alles über den Haufen fallett in diesem Augenblick wäre es ihr nichts gewesen. Wenn e r nur da saß, gegenüber dem Vater, und ein so angeregtes heiteres Gesicht machte wie sonst nie!

Ein sehr netter Mensch," sagte Regierungsrat Dallmer zu seiner Frau, als diese zwei Stunden später aus ihrem Bostonkrünzchen nach Hause kant.

Mein Gott, was will der hier?"

Aber Lorchen, muß er denn gleich etwas wollen? Ich habe mich vorzüglich mit ihm unterhalten; er hat eine selb­ständige Meinung und vertritt sie auch, das ist etwas wert in der Welt." . ,, .

Ja, Papa, wenn der LeithammelBäh" schreit, schreten sie sonst auch alleBäh"!" Nelda war ganz übermütig und lachte ausgelassen. ,

Nelda, Nelda," Frau Rätin setzte sofort tm Klage­ton eindiese entsetzliche Ausdrucksweise! Hörst du so etwas von einer deiner Altersgenossinnen? Ich hatte schon gehofft, du ließest es» jetzt, btt warst in letzter Zeit etwas weiblicher. t.

Geh jetzt mal gleich hinunter itttb sieh, was bte Laura tut. Und ich sage bir, Dallmer, mir ist bas gar nicht angenehm, daß bei: Leutnant hier Besuch gemacht hat wozu?! Du sitzest immer in deiner Stube bei den Akten, du siehst von Gott und der Welt nichts, du solltest aber mal im Kaffee hören! Ein junger Mann macht nicht unanf- gefordert in einer Familie Besuch, wo ein junges Mädchen ist, ohne daß er Absichten hat. Und er hat ja nichts, rein nichts! Die Schmidt sagt, für die geisteskranke Muttet in Endenich bezahlen die Verwandten. Was das kosten mag! Und die Zünglein sagt na!" Sie schüttelte den Kopf und hob das spitze Näschen in die Luft, als wittre sie Unheil; ihre Stimme erhielt den tragischen Ton einer Sibylle.Ich sage dir, Dallmer, mir ist es sehr unan- aenehm und nicht mal einen anständigen Namen! Oh oh! Könnte es nun nicht anders sein?! Nie etwas Angenehmes?!"

Nun höre aber auf, Lorchen," sagte der Regierungsrat fast gereizt,das sind die reinen Hirngespinste! Davon kann ja gar keine Rede sein, dazu ist der Mensch viel zu verständig und Nelda auch,"

Biel zu verständig?! Nelda ließ die Tür hinter sich zuklappen - sie hatte bis dahin tauschend auf der Schwelle gestanden es gab ihr einen Strch durchs Herz,. Aber als sie die Treppe hinunterfchritt, warf sie trotzig den Kopf in den Nacken.

Warum denn nicht? Nun gerade!"