Ausgabe 
13.9.1909
 
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bett Gedanken, es lohnte wohl, ein Weib zu zeichnen, das ohne' Sttngabe, ja ohne daß der Held nur eine Ahnung ümt ihrem Geschlecht bat, einem hohen Helden in verschwiegener Liebe folgt und für ihn in den Tod geht. Der .Held müßte freilich sehr kurz­sichtig fein, um nicht zu erkennen, daß sein Freund ein Weib ist. Gustav Adols war hochgradig kurzsichtig. Ich mache seinen Pagen Leufelfing zu einen; Mädchen!" Als er die prachtvolle Erzählung von derVersuchung des Peseara" schaffen wollte, suchte er lange nach einer psychologischen Motivierung der auch von den Historikern nie aufgeklärten Gründe, aus denen der große Feldherr Karls V. die ihm von den Italienern angeboteue Krone von Neapel und die Führerschaft Italiens gegen den Kaiser abgelehnt hatte. Da kamen 1887 die unheilverkündenden Nachrichten über bett Zustand des deutschen Kronprinzen, des späteren Kaiser Friedrich, und nun stieg in des Dichters Geist ein fruchtbarer Gedanke auf:Wie, wenn der kaiserliche Dulder selbst die Wahrheit wüßte, die man dem Volke noch nicht kundtun zu dürfen glaubt; die Wahrheit: daß der Bezwinger alles Irdischen, der Tod, ihm, dem Kaisersohn, versage, seine hohe Bestimmung zu erfüllen? Wie, wenn aus diesem zwingendsten aller Gründe auch Peseara alle Hoffnungen seines Volkes täuschte, aller Be­geisterung, Inbrunst und Verlockung Italiens widerstand? 'Denn auch Peseara trug ja seit der Schlacht von Pavia in seiner Speerwunde den Tod im Herzen, und kein Geschichtslehrer ver­mag zu sagen, welcher Artdas Fieber" tvar, an dem die Augen­zeugen und Chronisten den Helden plötzlich, noch im Jahre feinet: ruhmreichsten Schlacht, in den Tod sinken lassen. So hatDie Versuchung des Peseara" ihre jetzige Gestalt gewonnen, aus ur­sprünglich ganz anderer Anlage der Erzählung. Meyer betonte bann seine deutsche Gesinnung:Ich glaube ein guter Schweizer zu fein," sagte er,wenn ich auch den meisten meiner Landsleute zu konservativ erscheine, aber die größte Freude meines Lebens war doch das Entstehen der italienischen und deutschen Einheit." Mit hoher Anerkennung sprach er von seinem Landsmann Gott­fried Keller und gab für den Gegensatz ihrer beiderseitigen Naturen und Gesellschaftsformen den Beweis durch eine köstliche kleine Geschichte, die kurz zuvor passiert war. Keller wie Meyer hielten streng darauf, daß nur angemeldete und als willkommen bezeichnete Besuche vorgelassen wurden. Nun war Meyer der Besuch eines bekannten Berliner Schriftstellers angekündigt worden, aber statt des erwarteten einen Herrn traten deren zwei ein, da der Berliner gleich einen Freund mitgebracht hatte. Meyers Antlitz zeigte seine nicht sehr angenehme Ueberraschung und der Angemeldete stammelte nun ängstlich:Sie entschuldigen doch, Herr Doktor, daß ich meinen Freund N. mitgebracht habe?" Vornehm erwiderte Meyer:Diese Frage ist für mich erledigt, seit Sie beide meine Schwelle überschritten haben." Da rief der Berliner, von schwerer Sorge befreit aufatmend, aus:Ach, Herr Doktor, ich muß Ihnen sehr danken, daß Sie uns beide so liebenswürdig empfangen. Bei Gottfried Keller ist es uns viel böser ergangen. Denn als ich diesem heut unvermutet meinen Freund zuführen wollte, schrie er mich an:Use, use, Ihr sid e Lugner!" (Hinaus, hinaus, Ihr seid ein Lügner!)

VermischisS.

* Die Ausgrabung eines koptischen Klosters. Die! Ruinen einer großen koptischen Klosteranlage auf dem Plateau von Sakkarah in Aegypten, die bereits seit 25 Jahren Aufmerk­samkeit und Interesse der Archäologen erregt haben, sind seit dem Jahre 1906 in drei Wintern von dem englischen -Oberinspektor der Pyramiden Guibell ausgegraben worden und werden jetzt von Maspero in einem Aufsatz des Journal des Dsbats einer eingehenden Würdigung unterzogen. Zwar sind die Forschungen noch nicht ganz beendet Und im Osten und Südosten des sehr um­fangreichen Klosterbezirkes harren noch manche Funde der Ent- deckimg; aber im ganzen sind doch die wichtigsten Bauten frei» gelegt, die Kirche, die Zellen, die Küchen, auch das Hauptportal nach Sndwesten. Eine Anzahl der schönsten und wichtigsten' Archi­tekturstucke hat bereits im Museum von Kairo Aufstellung ge- funbeit. Tas Kloster wurde sehr wahrscheinlich in der ersten Halste des fünften Jahrhunderts n. Ehr. erbaut, wurde gegen Ende des zehnten Jahrhunderts teilweise zerstört und dann in sehr schlechter Weise wieder hergestellt. Die künstlerisch wertvollsten Stücke stam­men alle aus dem fünften Jahrhundert, wo die koptische Kunst, von christlichem Geiste belebt Und Noch wohlvertraut 'mit dem ästhetisch feinen Sinn der früheren heidnischen Periode, einen Höhepunkt ihrer Entwickelung erreicht hatte. Tie ganze Anlage zieht sich in einem Rechteck von Osten nach Westen: das Haupt- lor am östlichen Flügel der Südfront ist von großen steinernen! Wasserreservoiren flankiert, aus denen die Tiere der ankommenden Karawanen getränkt wurden. Tie Kirche war breit und tief, Uber niedrig: sie hat am meisten unter der schlechten Wiederher­stellung gelitten: nur die Kapitäle der Säulen zeugen noch von der alten Herrlichkeit. Viele von ihnen haben sogar ihre Farben bewahrt und leuchten in .einem überraschend starken Glanz; alle sind mit einem erlesenen Geschmack ziseliert Und keine unter den fünfzig, die man ans Licht förderte, hat die gleichen Motive wie

die anderen, sondern' alle zeigen' verschiedene Darstellungen, tote fie.jtur big byzantinische Kunst in ihrer reifen Zeit aufweist. Viele dieser Stücke stehen den besten Arbeiten alt den Kirchen! von Ravenna und Konstantinopel nicht nach, und wenn sie auch als kleine Ornamente einer kleinen Basilika nicht so reich und großartig ausgeführt wurden, so sind sie doch reife Früchte von dem Stamm der gleichen Kunstübimg. Oberhalb der Kirche dehnt sich ein gewaltiger Saal, der wahrscheinlich von beit Mönchen als Versammlungsort benutzt wurde. Tie Säulen, die sein Dach trugen, und auch andere Bauglieder, waren äugen» schemlich älteren ägyptischen Tempeln entnommen: alte Grab­denkmäler erhoben sich hier mit koptischen Inschriften und in der Mitte stand ein steinerner Sessel, von dem! aus wohl feierliche Gebete verlesen wurden. An Festtagen mögen die Mönche auch in diesem Kapitelsaal gegessen haben, beim er ist mit der Bäckerei und der Küche verbunden, ebenso mit den Mönchzellen, aus beiten die Brüder zu ihren täglichen Andachten dahinkamen. Auch die Zellen sind noch gut erhalten; sie zeigen die steinerne Bank, auf der die Bewohner schliefen, die Vertiefung in der Wand, in die die Lampen gestellt wurden, wohl auch noch roh aufgemalte Andachtbilder. In diesen engen, kaum erhellten, dumpsen Räumen muß besonders bei sommerlicher Hitze eine erstickende Luft ge­herrscht haben. Unter dem Boden einer dieser Zellen fand mait noch drei Goldstücke aus der Zeit der byzantinischen Herrschaft, die ein den zeitlichen Dingen noch nicht ganz entfremdeter Mönch .hier versteckt hatte. Zahlreich sind die Malereien, mit. denen die Wände der verschiedenen Klostergebände geschmückt wurden. Sie machen in ihrer dekorativen Gesamtwirkung einen frischen und beruhigenden Eindruck, zeigen eilt angenehmes Kolorit und ge­schickte Zeichnung, kurz das Nachklingen einer alten Kultur, die wohl ans den Ueberlieferungen der alexandrinischen Kunst noch lebendig war: aber in ihrer starren, steifen Art, in den lau.gr-, gezogenen verknöcherten Figuren lassen sie doch schon einen starken Verfall der antiken Malerei ernennen. Die ganze Anlage ist ein sehr wichtiges und merkwürdiges Beispiel für die früheste christ­liche Kunstübung an den Ufern des Nils, die zwar ihren be- stimmenden Einfluß durch griechisch-römische Vorbilder erhielt, aber durch die eingeborene künstlerische Kraft und die alte Tra­dition stark genug war, den Formen der byzantinischen Archi­tektur, Skulptur und Malerei einen besonderen Charakter zu verleihen, ein eigenes Leben einzuhauchen.

NmorWfthes.

* Paßt. Junger Manu, welcher um die Hand der Tochter bei einem! Herrn anhAt:Nur muß ich bemerken... ich habe allerdings von der Universität her noch Schulden!" Der Bäte«: So, da schickt sich es ja wunderschön! . . . Meine Tochter hat auch von der Universität her noch Schulden!"

* Ausgleich.Wie bist du denn zu den geschwollenes Backen' gekommen?"Die eine Ohrfeige bekam ich vom neuen Dienstmädchen, als ich ihr einen Kuß rauben wollte, die andere von meiner Frau, als sie gerade dazu kam!"

* Abgeblitzt.Fräulein Emma, dars ich Ihre Frau Mama zur Schwiegermutter machen?"Warum nicht, wenn Sie einen Manu für mich wissen, der mir gefallt!"

* Weitblicken d.Warum hast du dir eigentlich eine so häßliche Fran genommen?"Weißt du, der Mensch verändert sich doch mit der Zeit zum N a cf; teil, und da sagte ich mir, die kann sich nur zum Vorteil verändern!"

* H ei r a t s g e su ch.Junger Mann von ungewöhnlicher Tiefe des Gemüts sucht eine Frau mit entsprechender Höhe der Mitgift." ____________

Vilderrätfel

Auflösung in nächster Nummer.

sSk V-,

Auflösung des Geographischen Verschiebrätsels in vor. Nr.» Türkei Deiitsehland Rußland Griechenland

England

Kreta Europa T h u r g a u.

Universitäts-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Gießen,

Redaktion: I V.: E. Heß. Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen