Ausgabe 
13.9.1909
 
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2us dein Wege zu gehen. Ich war aber entschlossen, we­nigstens des Freundes Interesse zu wahren uno nahm die Vertrauensstellung, die er mir zugedacht, an. Vielleicht gelang es mir, günstige Bedingungen Hernuszudrücken. Ich würde Fritz, der schon über diesen Gedanken nervös geworden wäre, gar nichts davon sagen, aber ich kannte meine Pflicht. Jedenfalls mußte es meine Sorge sein, daß der Kainpf einen regelmäßigen Verlauf nahm.

Ich versuchte Fritz, so gut ich konnte, zu beruhigen; es gelang allerdings nicht. Er nahm meine Hand und sagte, als wir uns an diesem Abend trennten :

Tn mir bloß einen Gefällen und beschleunige die Angelegenheit. Nach unseren Begriffen müßte es binnen vierundzwanzig Stunden erledigt sein. Da dauert die Qual nicht lange. Vierundzwanzig Stunden halten die Nerven ain Ende durch. Aber diese fortwährenden Unter­handlungen! Die Leute sind wieder in ihrer .Heimat, und ich konnte doch auch nicht in Wien bleiben. Ziesow bietet alles auf, um die Sache zu Hintertreiben, und jetzt sind drei Wochen vergangen, und wir sind noch zu keinem Er­gebnis gekommen! Weißt du, was so entnervt? Diese fort!nährende Erwartung, daß nun das Telegramm kommen könnte, das alles entscheidet.

Ich bitte dich jetzt eins: reise nach Wien. Dort ist die Sache geschehen, dort werden wir sie auskämpfen. Es ist. üicl, besser, wenn es nicht in Deutschland geschieht. Wien ist von nit3 gleich weit entfernt. Die kommen aus Serbien, ich aus Deutschland: ivir sind auf neutralem Boden. Aljv hi mir eine Liebe, fahre gleich hin, beschleunige die Sache, so sehr du kannst, mache die schärfsten Bedin­gungen ans, daß die Leute sehen, Ivie wir nicht mit nns spaßen lassen, und daß sie vor allen Dingen nicht glauben 't nur das nicht, nur das nicht, sonst meinetwegen alles! daß ich Furcht hätte.

3.

Tie Sache ging schneller ihren Lauf, als ich gedacht hatte. Als ich in Wien eintraf, war die Angelegenheit bereits so weit fortgeschritten, daß sich neben Herrn Petrowitsch noch ein zweiter Vertreter der Gegenpartei znr Stelle befand.

Ich. kannte Herrn von Ziesow von früher, wenn auch nicht näher, und ich fand in ihm, wie Fritz gesagt, einen ruhigen, sicheren Menschen, der sich nicht einschüchtern ließ. Nachdem wir kaum eine Viertelstunde über unsere gemein­same Sendung gesprochen hatten, setzte er mir klipp und klar seinen Standpunkt auseinander: ihm sei es darum zu tun, dieser Albernheit, wie er cs nannte, aus dem Wege zu gehen und im Interesse unseres gemeinsamen Freundes die Sache beizulegen.

Ich konnte keine Meinung äußern, weil ich noch zu svenig wußte, wie die Dinge lagen. Im Innern war ich über der Ueberzeugung, daß es zur Schlichtung zu spät sei.

. Wir wohnten im HotelMeißl und Schadn", und ob­gleich wir erst angekommen waren, die beiden andern sich jedoch schon in Wien befanden, so hatten die Serben doch die Liebenswürdigkeit, uns aufzusuchen.

Ich erinnere mich noch, als wäre cs erst gestern ge­schehen, des Augenblicks, als die beiden Herren eintraten.

Herrn Petrowitsch fand ich genau so, wie er mir be­schrieben worden und wie ich ihn mir vorgestellt: sehr elegant gekleidet, in einem langen Gehrock mit mächtiger, modischer Krawatte, perlgrauen Handschuhen und einem tadellosen Zylinder. Er hatte nach österreichischer Art einen kleinen Backenbart, der sich mit einer Biegung nach vorn ziemlich weit an der Wange hernnterzog, war äußerlich durchaus Oesterreicher, und sprach auch sehr gutes Deutsch, mit leichtem österreichischen Akzent, der sich jedoch mehr iit der Betonung als etwa in besonderen Worten geltend machte. Sein Begleiter, Herr Boschanowitsch, war ein großer, schlanker, bedeutend jüngerer Mann, der weit mehr dem Bilde, das wir uns von einem Serben machen, entsprach. Er hatte gelben Teint, außerordentlich dichtes, etwas strup­piges, kurzgeschnittenes schwarzes Haar, schwarze Augen und, was mir tut Laufe unserer Unterhaltung besonders aufsiel, an beiden Händen ticfgelb gefärbte Fingerspitzen von der unvermeidlichen Zigarette.

Diese Zigaretten spielen überhaupt eine große Rolle. Trotz des Ernstes der Lage wurden sie uns sofort ange­boten, und aus den früheren Verhandlnngen schien Herr von Ziesow zu wissen, daß ein Frühstück nötig sei. Es

wurde den Herren vorgesetzt, und Herr Petrowitsch saate in liebenswürdigem Ton:

Meine Herren, wenn Sie gestatten, wollen wir erst einmal ganz in gesellschaftlicher Art sprechen und uns rein als reine Privatleute gegenüberstehen. Ich denke, Sie wer­den nichts dagegen haben. Nachdem können wir auf den Gegenstand unserer Erörterung kommen.

. Es wurde angenommen, und wir waren also jetzt reine Privatleute". Die Serben entwickelten dabei eine sehr große Liebenswürdigkeit. Wir sprachen von ihrem Vaterland, während gefrühstückt wurde. Ich erfuhr einiges über Sitten und Gebräuche, über die Bauern, den Adel, das Volk, den Klerus, bis Landschaft.

Aus allem ging das Bestreben hervor, uns den Be­griff beizubringen, daß wir es mit einem uns ganz gleich­stehenden Kulturvolle zu tun hätten.

Herr Petrowitsch drückte sein Bedauern über die An­gelegenheit aus, die uns hier zusammenführt, und da wir nun also als Privatleute, wie die Serben es gewünscht, sprachen, so konnte ich mich nicht enthalten, zu sagen:

Sic erlauben wohl, daß ich auch rein als Privat­mann rede, es behandelt freilich den Gegenstand, weswegen wir uns hier treffen. Ich bin der Ansicht, daß die Be­leidigung wirklich nicht so groß ist, als daß es nötig wäre, ihr einen blutigen Ausgang zn geben.

Doch da stieß ich bei unseren liebenswürdigen Gegnern auf, Widerspruch. Sie meinten, eine Kränkung ihrer Nationalität würden sie von keinem Menschen auf der Welt dulden. Es sei ja zu bedauern, daß Graf Morsum gereizt worden sei, ober das Wort wäre nun einmal gefallen.

Wir wußten also, woran wir waren. Ich machte in­folgedessen keinen Versuch, in unserem Gespräch alsPrivat­mann" der Sache noch Erwähnung zn tun, und wir traten bald in die Verhandlungen ein. Dabei war es äußerst komisch, wie sich die beiden Serben plötzlich eine ganz andere Haltung gaben. Sie bekamen etwas Gesetzteres, Würdevolleres und Ernsteres. Wir nahmen am Tische Platz. Ziesow und ich nebeneinander, die beiden anderen uns gegenüber. Herr Petrowitsch sagte:

-- Ich glaube, wir können die Angelegenheit ziemlich schnell erledigen. Es handelt sich darum wie den Herren ja bekannt ist!, daß durch das WortHalbasiaten", das der Herr Graf Morsum auf meinen Mandaten, Herrn Stojan Protitsch, angewendet hat, eine tatsächliche Beleidigung vor­liegt. Diese Beleidigung ist um so schwerer, als sie in entern öffentlichen Lokal stattgefunden hat. Herr Protitsch hat uns beauftragt, seine Ehre zu wahren, und ich tue dies, indem ich zugleich im Namen meines Kollegen, des Herrn Boschanowitsch, eine Forderung auf Pistolen überbringe.

Er verneigte sich dabei, und ich antwortete:

Gestatten Sie, daß ich auf etwas aufmerksam mache. Ich möchte bemerken, daß zuerst die Beleidigung festgestcllt werden muß, und daß sich die Wahl der Waffen erst im Laufe unserer Verhandlungen Herausstellen wird. Wir sind das wenigstens so gewöhnt. Ich weiß nicht, wie die Herren darüber denken.

Herr Petrowitsch der jüngere Serbe, sprach kein Wort, sondern überließ die Verhandlungen dem älteren Kollegen verneigte sich mit sauersüßem Lächeln:

Gewiß, da haben Sie vollkommen recht. Aber nicht wahr, es ist doch Brauch, daß dem Beleidigten die Wahl der Waffen zusteht, und nach unserer Ansicht ist Herr Protitsch der Beleidigte.

Ziesow entgegnete ganz ruhig:

Also, ivir wollen zugeben, daß Ihr Mandat, Herr Protitsch, der Beleidigte ist. Es würde ihm somit aller­dings Die Wahl der Waffen zustehen.

Die beiden Serben verbeugten sich.

Es folgten nähere Auseinandersetzungen, wobei wir uns eigentlich immer int Kreise herumdrehten. Wir suchten die Serben zu überzeugen, daß Herr Protitsch sich durch? aus nichts vergebe, wenn er eine Entschuldigung an- net)nie. Andrerseits wieder wären wir der Ansicht, daß Graf Morsum mit größter Gemütsruhe um Entschuldigung bitten könnte. Wir schlugen vor, Morsum sollte in einem Schreiben sagen, es täte ihm von Herzen leid, in der Er­regung einen Ausdruck gebraucht zn haben, der HM National-! gefühl der Herren hätte kränken müssen,.

(Fortsetzung folgt.) ~ -