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Sie standen einander gegenüber, Sie Gegner, der leere Raum nur zwischen ihnen.
Wenn sie Hütten Freunde werden können, wenn es gekommen wäre, daß sie Freunde geworden wären?!
Krafft zitterte ein wenig. Dann hob er rasch den Kopf, obgleich das Licht seinen Augen weh tat. Und rasch ging er.
Auf dem freien Platz vor der Kirche stand noch die Menge. Geteilt wie immer: links die Freunde, rechts die Gegner. Aber alle standen stumm. Aller Augen ivaren auf den Alten gerichtet, der jetzt oben aus tzer Freitreppe der Kirche stand. Der Krafft hielt betroffen den Fuß an.
Unmerklich reckte er sich auf.
Tann schritt er fest und sicher die Treppe hinab.
Noch einmal hielt er an und nahm die Brille ab. Er wollte nicht scharf sehen jetzt, er konnte nicht.
Und er wollte auch nicht gerührt werden.
Er ging festen Schrittes zwischen den Reihen hin.
Es schnitt ihm durch dieSeele: Ich bin ein Gezeichneter.
Ein Graukopf nahm tief den Hut ab.
Und er blieb stark und ging groß und stolz.- Man Hörte nur seinen Tritt — und fast auch den Atem der Leute.
Die japanische Dame.
In einem neuen Buche über das moderne Japan gibt Ludovic Naudeau, der mit der russischen Armee den ostasiatischen Feldzug mitmachte, auf deiu Rückzug nach Mulden gefangen wurde und 13 Monate lang in Japan verblieb, ein interessantes Bild von dem Widerstreit der Anschauungen und Bräuche im heutigen Japan, wo alte und neue Zeit so hart aufeinander stoßen. Jü der Stellung der Frau im fernsten Osten spiegelt sich dieser harte unvermittelte Uebergang am klarsten wieder: auf der einen Seite, noch weitaus in der Mehrzahl, die alte japanische Frau, die Vasalliu, die Dienerin des Mannes, auf der anderen Seite die moderne fortschrittliche Japanerin, die sich der unbedingten Herrschaft des anderen Geschlechts entwindet, au höheren Schulen und Universitäten ihren Gesichtskreis erweitert, ihre Bildung vertieft und Zielen znstrebt, die denen der europäischen Frauen- rechtSl .vegung gleichen. Mit Staunen und Bewunderung spricht Naudeau von dem Durchschnitt der japanischen Frauen- „Es ist ein Wnnder, daß die Unterdrückung der Frau eine so zarte Weiblichkeit hervorbringen konnte. Sie Ivar stets unterdrückt, stets Basallin, stets der Gerechtigkeit oder Ungerechtigkeit des Mannes ausgeliefert, stets gezwungen, seinen Willen als den einzigen anzusehen: sie hätte sich zu einem Wunder von List und Verschlagenheit entwickeln müssen, aber sie wurde dabei zu einem Engel von Güte und Zartheit." Aber die ritterliche Frauenverehrung des galanten Westens, die der Japanerin versagt blieb, wird ihr ersetzt durch die ungleich größere und zärtlichere Liebe der Kinder. Ihr Glück ist ihr Muttertum, sie lebt nur für ihre Kinder, sie vergöttert sie und sie allein leitet bis zum Jünglingsalter ihre Erziehung. Die Mutter ist es, die die japanische Kindesseele mit jenen hohen Gefühlen der Vaterlandsliebe, der Treue und der Selbstbezwingung erfüllt, die Japans Siegeszug möglich machten. Sie begleitet ihre Kinder aus alleu Wegen, und ost bleibt sie sogar in der Schule, um bei der Erziehung ihrer Lieblinge zugegen zu sein. „In einer Schule in Tokio sah ich in jedem Klassenranm neben der Tafel ein Bank, auf der die kleinen japanischen Mütter während der Unterrichtsstunden Platz nehmen." Alle Mutterschaftsinstinkte sind bis zum Aeußersten entwickelt und verfeinert. „Versagt das Schicksal ihnen das Glück, so muß das Spiel mit einer Puppe Ersatz bieten. Meine Köchin, eine 30 jährige Witwe, überhäufte täglich eine Puppe mit Zärtlichkeiten, pflegte sie und kleidete sie. Der Fall ist typisch. Oft sieht man auf den Straßen unverheiratete Frauen, die mit einer Puppe spielen, ihr Spielzeug schenken und sie in kleinen Wagen spazieren fahren." Aber dem gegenüber stehen die Ziele der moderneren Töchter Nippons, die mit dem Eindringen sozialistischer Ideen, mit der Entwicklung des Bildungswesens und mit der zunehmenden Berührung mit dem Westen auch den Ehrgeiz der europäischen Frauenrechtlerinnen ausgenommen haben. Es sind nicht nur die jüngeren, die an den Universitäten studieren, zu Hause ihr Klavier besitzen nnd zum Entsetzen der alten Generation mit ihren männlichen Studienkollegen spazieren gehen. Auch Damen der höchsten Gesellschaft, die bisher von ihren Gatten in strenger Abgeschiedenheit gehalten wurden, erscheinen an der Seite ihres Mannes in der Oeffentlichkeit. In den Speisesälen! der großen Hotels von Uokohama, Tokio und Kobe erscheinen
sie mit ihren Gatten. Es sind nicht die Genüsse der europäischen Küche, die sie hierher treiben; was sie genießen wollen, das ist das Gefühl, zum erstenmal in Gegenwart ihres Mannes nicht die Dienerin zu sein, sondern die Dame, die gleich ihm bedient wird. Und wo die Mütter mit so bescheidenem Bewußtsein sich noch zufrieden geben, verlangen die Töchter mehr und kämpfen unerschrocken für ihre Forderungen. Sie gehen sogar soweit, den Nationalhelden zu trotzen. Der Held von Port Arthur, General Nogi, ist u. a. auch mit der Beaufsichtigung der Schulen beauftragt, in denen die Töchter und Söhne der alten adeligen Familien erzogen werden. Der durch seine spartanische Einfachheit berühmte Krieger sah mit Sorge, wie unter den jungen Damen ein Häng znm Luxus die strenge Einfachheit von einst zerstörte. Mit scharfen Bestimmungen wollte er dagegen einschreiten. Aber die kleinen Japanerinnen trotzten seinem Willen, es gab eine regelrechte Verschwörung, und zum erstenmal erlitt General Nogi eine Niederlage. Eines Tages erschienen alle in prächtigen Seidenkimonos, und in den kunstvoll modernen geordneten Haaren prangten kostbare, fein gearbeitete Nadeln. Die Erregung bei den Schülerinnen war ohne Grenzen und nichts konnte sie von ihrem Willen abbringen. Diese kleinen Mädchen, die als erste mit der Leidenschaft der Jugend gegen die alten Bräuche sich auflehnten, sind die künftigen „Damen" des neuen Japan. Denn gleich ihnen drängen die fortschrittlich gesinnten Männer zur Abstreifung jenes alten Brauches, der die Japanerin ins Haus verbannte und zur Dienerin erniedrigte. Die Partei ist int Wachsen, und in kurzer Zeit wird die japanische Dame die kluge, geistreiche, sorgsam erzogene reizende kleine Geisha verdrängen, die bisher die einzige war, die zn öffentlichen Festen Zutritt hatte.
vermischte».
*’ W i e Biene n u n d A meiseu s i eh v e r st ändi g e u. Ter französische Gelehrte Gaston Bonmer macht in der Revue hebdomadaire interessante Mitteilungen über Experimente mit Bienen und Ameisen, die zeigen, wie diese Insekten mit Hilfe der Fühlhörner sich msiereinander verständigen. Boumcr erzählt von einer Bienenkönigin, die in ein kleines metallisches Gewebe verschlossen wurde, dessen Ata sehen zu eng waren, um einer Biene Durchlaß zu gewähren. Man brachte daS kleine Gefängnis dann in den Bienenkorb zurück, dem die Königin entstammte, und versetzte die ganze Kienenkolonie in völlige Dunkelheit. Nur von Zeit 'zn Zeit öffnete man ein Guckloch, um zu beobachten, was int Inneren des Korbes vorgeht. Eine kurze Zeit lang schienen! die Bienen die Gefangenschaft ihrer Königin nicht zu bemerken. Plötzlich aber war gleich eine größere Anzahl von Arbeitsbienen davon unterrichtet. Man sah, wie sie ihre Fühler durch das Metallnetz streckten, die Königin näherte sich ihnen, kreuzte ihre Fühler mit denen der Arbeitsbienen und es war, als begännet ein Gespräch zwischen ihnen. Dann wurden fruchtlose Versuche unternommen, um "die Königin zn befreien. Nach einer Wette gaben die Bienen, offenbar resigniert, diese Arbeit auf; matt sah einige Arbeitsbienen, die sich dem Netze wieder näherten und nut ihren Zungen der Zunge der Königin Nahrung übermittelten. Ganz ähnlich verliefen die Versuche mit Ameisen. Wenn ptnfl Ameise -eine Genossin sucht, die ihr bei dem Transport eines schweren Gegenstandes behilflich sein soll, so geht dieser gemeinsamen Arbeit stets eine Verständigung vorauf; die eine Ameise nähert sich der anderen, berührt deren Fühler mit den eigenen und sucht die Gefährtin offenbar zur Hilfe zu bestimmen; worauf die zweite der -ersten alsbald folgt. Noch merkwürdiger ist die Tatsache, daß sowohl in den Bienenkörben als in den Aineisenbauteit eine plötzliche Verständigung auch ohne die Fühlhörner cintritt, die die ganze Kolonie mit Blitzesschnelle in höchste Aufregung und zu fieberhafter Tätigkeit bringt. Es gibt offenbar ein Alarm- zeichen, das sich mit der größten Schnelligkeit durch den ganzer- Bau fortpflanzt; auf welche Weise aber dies geschieht, hat dte Forschung bisher noch nicht anfzuklären vermocht.
Logogriph.
Mit „fi" geschieht es alle Tage, Wohl dein, der immer in der Lage. Mit „L" ist's denen nicht genehm, Die träge sind tmb sehr bequem.
Mit „R" tuns Buben gar nicht selten, Wenn auch die Lehrer darob schelten. NIit „T" tritt man ins Leben em, Bisweilen braucht maiiS auch beim Weilt.
Auslösung in nächster Nummer.
Losung der Dechiffrir-Aufgabe in voriger Nummer: Ein rasches Pferd nur immer jagen, Ein saubres Kleid nur immer tragen, Den nützen Freund nur immer plagen, Thal niemals langen. Nutzen tragen.
Redaktion: K, Neurath. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Gießen.


