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Sein letztes Hochamt.
Von W i l h e I m H o l z a m -e r.
(Schluß.)
Alle waren ergriffen, jeden: schlug das Herz höher. Das Schicksal erzwang sich Achtung, sein Anblick mahnte zur Einkehr. Der Krafft hatte jetzt die Orgel aufgeschlossen und die Noten ausgestellt. Dann setzte er sich auf den Orgelbock. Er wartete, bis der Priester aus der Sakristei trat.
Ernst und feierlich spielte er das Präludium, ernst und einfach begleitete er den Gesang des Volkes und des Priesters, schlicht und unverschnörkelt präludierte er und spielte die Zwischenstücke ohne viel Stimmenaufwand.
Durch nichts Aeußerliches verriet sich die Bewegung seines Herzens, und sie niemand auch nur in: leisesten zu künden, befleißigte sich Krafft der größten Strenge und bewahrte sie während des ganzen Gottesdienstes im begleitenden und füllenden Spiele.
Ter Pfarrer hatte die Predigt ausfallen lassen. Der Krafft war froh darüber. Er hätte ihn: heute nicht zuhören können. Er war froh, an seiner Orgel sitzen bleiben zu können. Zu spielen, zu vergessen. So wichtig waren ihm sonst die einzelnen Akkorde nie gewesen. Sie flössen ihm nicht zu er wählte streng und vorsichtig ans, alles Prunkende vermeidend. Er war schwer und ernst gestimmt. Er spielte nicht nur vor dein Gotte, den: der Priester opferte, den die Gemeinde anbetete — groß und streng sah er sein Schicksal vor sich. Er spielte vor seinem Schicksal. Und er wollte nicht klein sein vor ihm.
Als sei es sein Richter, war ihm, als wäge es nun, ob er zu leicht sei und schwach, oder wert, die Schwede seiner Last zu tragen und seinen Arm zu fühlen, der wie aus einer Ferne, einer Höhe, einer Ewigkeit herüberreichte.
Gut und groß ward der Krafft vor seinem Blick.
Er hatte alle Kränkungen und Beleidigungen vergessen, er stand über dem Augenblick, der so schwer ivar, und es war ihm, als weihe er sich jetzt, sein Verhängnis zu tragen. Er fühlte sich so außerhalb der Menschen, außerhalb ihres Kreises gesetzt. Er fühlte sich ganz allein. Und er gab sich für das Geringste, was er tat, tief und streng Rechenschaft,
So weihevoll gestimmt, wählte er die Akkorde aus. Tann war das Jte missa est gekommen — und Krafft atmete tief auf. Der Gottesdienst war zu Ende.
Und jetzt dachte der Krafft au den Abschied, an den Abschied von seiner Orgel, die er die langen Jahre gespielt, der er das Verborgenste seiner Seele und ein ganzes Leben anvertraut hatte.
Mächtig durchdrang ihn, was die Musik je in ihm ausgelöst hatte, mächtig packte ihn, was sie ihm gewesen war. Daß sie ihm mehr war, als ein Spiel, als eine Pflicht, daß sie ein. Leben war, das außer ihm lebte und doch seinen Puls hatte.
Und nun Abschied. Krafft bebte. Der Künstler in ihn: bebte, der vielleicht nie seinen ganzen Ausdruck hatte finden können, der ihm vielleicht nie klar geworden ivar. Der nichts iveiter in ihm war, als Liebe, als eine Freudigkeit, ein Vertrauen. Der vielleicht nie etwas mehr getan hatte, als in Stunden der Ergriffenheit seine Zuflucht zur Musik zu nehmen, und das nur in unklarem Trieb, fast mechanisch und unbewußt.
Aber der Krafft wollte es kurz machen. Er wollte abbrechen und gehen. Er konnte nicht. Es hielt ihn.
Daß er ja zum letzten Male spiele, rief's in ihm, daß er den Schluß machen müsse zu all dem, was er die Jahre hier in Tönen gesagt hatte. Daß er dann erst gehen könne, siir immer von diesen Tönen, die sein waren, sein eigen und seines Wesens — und daß ihr Inhalt dann erst ganz sein könnte, wenn er seinen letzten Sinn bekäme, den Sinn seines schwersten Erlebnisses.
Mächtig fühlte Krafft dieses Erlebnis in sich. Seinen ganzen Schmerz, all das Traurige, all die schweren Folgen, all das Ungewisse -r- freilich auch seinen Mut, seine Kraft, seinen Stolz und seinen Willen.
Daß er gefallen, fühlte er, aber nicht geschlagen fühlte er sich. Ja, ihm war, als habe er einen Sieg errungen.
Ein paar Akkorde hatte der Krafft wie im Traume gegriffen. Tie Rechte ivar ihm von den Tasten gesunken, die Linke hielt die Akkorde fest. Eü: Postludiun: von Bach hatte er fast mechanisch aufgeschlagen. Eine Fuge, deren Thema er jetzt spielte.
Er machte eine Pause und strich mit der Rechten über seine Stirne. Eine Strähne war ihm tief ins Gesicht gefallen.
Sein Schicksal stand nicht mehr vor ihm, es sprach in ihm. Er spielte. Er wiederholte das Thema. Zart und feierlich leitete er in: oberen Manuel ein. Dann zog er die Koppel. Immer inniger wurde die Verschlingung, immer mächtiger und sicherer schien das Thema zu werden, je ge° waltiger die Gegensätze anwuchsen. Und immer wieder und wieder setzte er ein.
Der Krafft hatte die ganze Orgel gezogen. Der" Schluß des Postludiums brauste durch die Kirche.
Die Gläubigen waren auf ihren Plätzen geblieben. .Keiner Hütte gehen können. Sie standen und sähen hinauf zur Empore.
Ein paar Männer waren tiefer ins Schiff gegangen und standen lauschend, staunend in den Gängen.
Krafft spiel! weiter.
Etwas. Großes brauste über die Gemeinde hin, etwas Großes, das kein Wort hat: der Ateu: einer Seele, die verhauchen möchte und festgehalten ist.
Keiner mochte wissen, was es war. Aber alle fühlten, daß es ein Etwas sein müsse, das stärker war, als die Musik, die es trug, stärker als Feier und Andacht, die dem Gotte gegolten hatte.
Alle standen und lauschten und sahen empor.
Und Krafft spielte noch. Er hatte den Blick von den Noten abgewandt, er hatte den Kopf vorgebeugt, das rechte Ohr der Orgel.zugewandt. Er lauschte tief in sein Spiel hinein. Er lauschte auf das Letzte, das er s i cf) spiele, das er nicht hinauskündete in die Welt.
Er hatte alle Register eingeschobeu bis auf die vox Humana und einen Baß — und nun schlug er unisono eine schlichte Folge von Tönen an, hielt jeden fest und sicher aus und faßte zuletzt einen Akkord, den er sacht verklingen ließ. Es war wie ein Verbluten, ein Senfzen. Oder es mochte wie ein Vergehen und Weinen sein.
Der Pfarrer war aus der Sakristei getreten. Er stand oben vor dem Marieualtar, deren Kerzen der Glöckner löschte. Er hatte die Rechte zur Faust geballt und stützte sie auf die Kommunionbank auf. Mit flammenden Augen sah er zur Orgel hinauf. Und er knirschte.
Krafft schloß die Orgel und zog den Schlüssel ab. Er blickte sich um. Er sah, daß die Leute jetzt erst ihre Plätze verließen. Es ging ihm auf — sein Spiel hatte sie fest- gehalten. Er hatte alles vor allen gesagt, was sein Herz bewegt hatte. Und alle hattews verstanden.
Er wurde tief rot. Er strich sich verlegen durchs Haar. Er schämte sich. Ihm ivar, als habe er sich der Menge preisgegeben.
Er war erlegen, er war schwach gewesen.
Er mußte sich stützen — er griff nach dem Orgelbock. Er griff fehl.
„Herr Lehrer!" klang eine Männerstimme neben ihm.
Einer feiner Sänger hatte ihn beobachtet und war auf ihn zugetreten, ihn zu.stützen. Der Krafft beherrschte sich wieder: „Ich danke!" sagte er.
Dann ging er. Er ging ruhig und sicher, wie er gekommen war. Die Kirche hatte sich geleert. Alle Kerzen waren gelöscht. Die Kirche, lag in: Dämmer. Nur durch ein offenes Fenster stoß ein Sonnenstrahl. Andreas Krafft stand an der Tür. Er ivollte sie anfziehen. Da mußte er sich noch einmal umsehen. Boll fiel das Sonnenlicht in sein Gesicht. Er senkte es ein wenig. Da sah er oben den Pfarrer stehen.


