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}ei}t hieß das kleine Mädchen
Name ganz eingebürgert.
Tod. „Nein, Sehnsucht habe ich nicht," sagte sie, „aber wenn ich sterbe, soll Janne zu ihm."
Sie nannte die Kleine „Janne". Es war Wohl anfangs
überall Janne.
„Du tnynst!" sagte Liese. Entschlossen brach fte den Dämmerzauber und zündete die Lampe an, die ihren rötlichen Schimmer über die Gegenstände im Zimmer warf,
Tine blickte um sich. Sie blickte ans das liebliche Kind, das in seinem Korbe sanft und ruhig schlief. Sie überdachte, wie reich sie wäre, daß sie dies Kind ihr eigen nennen durfte, und was für eine gute Zufluchtstatte und treue Freundin sie hier gefundeii hatte.
„Ich bin glücklich", sagte sie zu sich selbst; „ich bin sehr glücklich." .
Sie hatte ihren Seelenfrieden wiedergefnnden, und das heiße Herz, das einst so voll lluruhe unb Wünschen war, war still und bescheiden geworden. • .
Einmal kam das Gespräch aiif die Wahrsagerei. „och kannte eine alte Wahrsagerin", gestand -riiie. „Die hat mir alles genau vorher gesagt, wie es kommen wurde,
will gern!"
„Aber eins bedinge ich mir aus" — die Alte legte ihr Gesicht in böse Falten — „die Hälfte von dem Kinde gehört itiic,,z
Lachend, mit Tränen in den Augen, reichten die beiden Frauen sich die Hände.
So blieb Tine bei der alten Näherin, drei Treppen im Hofe, und der zweite Stuhl am Fenster gehörte ihr. Liese legte ein gesticktes, rundes Kissen daraus, damit sie nicht so hart säße.
Still und friedvoll lebten die beiden dahin. Was sie verdienten, reichte vollauf zu ihrer einfachen Lebensfüh- rnng. Dao Kind gedieh und wurde der Sonnenschein in dem düsteren Stübchen.
Liese gewann das stille, junge Weib immer lieber, und Tine wiederum empfand eine unbegrenzte Dankbarkeit der alten Jungfer gegenüber. Sie lebte nur ihrem Kinde und der Arbeit. Fortwährend bewegten sich die fleißigen Finger, bis es dunkel wurde und Liese ihr die Näharbeit aus der
Hand nahm. „Nun hört» auf!"
Die Dämmerstunde ließ sich Liese nicht nehmen. Tas I war die Stunde, in der sie Einkehr hielt bei sich und zu .Hanse. Dann begann sie zn erzählen, von ihrer §eimnt, I ihrer Jugend, ihren Eltern, von ihrem Bruder, der in dein I dithmars ischen Bauerndorfe wohnte, den sie dumm nud ver I bauert schalt, und den sie doch im stillen beneidete. I
Tine ging dabei das Herz auf. Die Dämmerstunde, das war fast wie früher zu Hause, als der Baker noch lebte Dabei konnte man sich ganz gut einbilden, daß man in einem Stübchen auf dem Lande saß, daß draußen ein Garten voll Büschen und Blumen war; daß vor der Tür ein Schaf graste und man bloß die Tür aufzumachen brauchte, um draußen zu sein, draußen im Freien.
Tine saß und träumte, und allmählich, ganz zaghaft 1 begann auch sie zu erzählen. Nicht von Spätinghof und seinen düsteren Bildern; die Marsch war ihr ja immer I fremd geblieben. Sie erzählte vaih der kleinen Kate am I Landwege, mit ihren kleinen Fcnsterchen, der holprigen Lehmdiele und den gekalkten Wänden. Sie erzählte von dem Gärtchen, wo die roten, süßen Mehlbeeren im Zaune wuchsen, wo Lilien und Bauerrosen blühten und kleine Schwalben zwitscherten.
In einer solchen Stunde, als ’ die Dämmerung ^l)re weichen Schatten in das Stübchen warf, war es, als Line der alten Freundin ihre Lebensgeschichte erzählte und zuletzt mit stockender, flehender Stimme fragte: „War es recht so, wie ich es getan habe?"
„Ganz und gar", sagte Liese in ihrer kurzen Art. „Tas ist ja genau so wie in der Geschichte, die vor einiger Zeit im „Hamburger Wochenblatt" stand. Die hieß, na, wie hieß sie noch/ richtig: „Die unverstandene Frau". _ Ja, da ist auch die Frau davongegangen, sie haben nicht zufammen- gepaßt. Aber schuld hat doch allemal der Mann, weil die Männer von Natur schlechter sind als die Frauen. Ja, das war sogar ein Graf und eine Gräfin. Na, wenn solche vornehme Leute in den Romanen das tun, denn kann es doch kein llnrecht sein!"
Dankbar blickte Tine sie an.
Aber", fuhr Liese fort, „der Graf und die Gräfin lind dock nach langen Jahren wieder zusammengekommen."
„Nein, o nein", saget Tine erschrocken. ,
, Doch Aber sei man still, mein Kind", tröstete Stele sie, deren Herz voii Güte und Menschenliebe schier über« wallte. „Wenn du nicht gegangen wärest, dann wäre er ja gegangen. Nun kannst du dir wenigstens keinen Borwurf machen, daß du ihn weggetrieben hast. Laß ihn man; ein Mann hilft sich schon, oder hast du Sehnsucht nach ihm?"
„Sehnsucht?" Tine dachte einen Augenblick nach. Wohl fühlte sie manchmal in ihrem Herzen ein leises Sehnen nach frischer Luft, nach einem Blick über die Felder, aber Sehnsucht nach Jan empfand sie nicht; dazu waren sie sich innerlich zu fremd geblieben.
Plötzlich, ganz plötzlich kam ihr der Gedanke an den
und es jst alles eingetroffen."
„Quatsch!" sagte Liese. „Glaub nicht an solchen Hokus- pokns. ES ist alles eingetroffen, weil du dich danach ge- richtest hast." , .. , .
„Ach!" Tine erschrak. Hell und deutlich standen ihr die Momente vor den geistigen Singen, da Schaue Sönksen ihr die Karten gelegt hatte. War sie wirklich nur den Weg gegangen, den diese ihr gewiesen hatte? Ja, ja! — Neins nein! _
Sie sah Schaue vor sich neben dem lodernden Herdfeuer und hörte wieder ihre Worte: „Ter dich will, den willst du nicht, und den du willst, den kriegst du nicht, aber der dich nicht will und Den du nicht willst, den heiratest! du." lind dann das Schlußwort: „Ten du heiratest, den behältst du nicht." r. ... .
„Es war mein Schicksal," flüsterte sie „ja, Liese, e-, war mein Schicksal. Gerichtet hab' ich mich ja ent bißchen nach Schaues Prophezeiung, das mußte ich, denn ich war zu dumm und unselbständig; ich mußte einen haben, der mir den Weg wies, und sie wies mir ihn."
„Da fehlte ich," sagte Liese, „ich hält' dir schon znrechl- gehölfen Nach Wahrsagerinnen kann man nicht geljcn.. Mir haben sie schon vor dreißig Jahren einen Mann versprochen, und ich warte noch heute darauf. Glaubst du, daß jetzt noch einer anbeißt? Na — also! Aber wenn dreizehn am Tisch sitzen, daran glaube ich; denn dreizehn ist eine Unglückszahl. Die Wahrsagerinnen aber tun es bloß ums Geld." _ „ ■
Nein, ums Geld tat es «chane Sanften nicht , ver- teibiäte ^hte die Alte. „Sie hat niemals einen Grosthen von mir genommen, und sie glaubte auch selbst felsenfest, was sie sagte." ,, ,,
Ja ja" gab Liese zu, „es mag alles ganz recht und gerecht sein,' aber was ich dir sage, meine Deem, du mußt lernen, dir den ganzen Kram, der hinter dir liegt, aus dem Kopf zu schlagen. Bloß in die Zukunft mußt du schauen, getrost und wohlgemut; das mußt du lernen.
' „Ich 'bin man so hartlehrig", sagte Dine nut einem rührend traurigen Lächeln.
Jrn Korbe regte es sich, quieksende Töne wurden laut.
„Horch, unser Kind, ist es wach?"
Ja, „unser Kind", wie die Alte es nannte, war wach; I es forderte mit kräftiger Stimme fein kindliches Recht.
Jahre vergingen. Klein Janne wuchs heran. Bald saß I sie mit bunten Puppenlappen au einer Ecke des Tisches und „hals" nähen. Sonntags spielte sie mit den Kinder» des Steuerschreibers, die sich nach und nach auf vier ver- I mehrten.
Janne war ein kluges, hübsches Kind. Ihre Klugheit, ihr Helles Haar und ihre blauen Angeii waren der Stolz I ihrer Mutter.
„Sie wird wie Frauke Stesfeils," dachte Tine, „nur I den Kops muß sie ein bißchen höher tragen. Ja, sie wird I ihr ähnlich." _ „ .
Franke Stessens war in Tines Augen das schönste uno I klügste Mädchen, das sie je gesehen hatte.
(Fortsetzung folgt.)
„Es geht alles," sprach Liese bestimmt, „wenn du nur willst Du hast ’ne geschicktere Hand als ich. Wir können öutOWLkAK I g-sthch-n/,mch wisSatte « Sr
bleibt, teilen wir uns. Dann bleibt das Kind wenigstens l“,,f ,npfi hl1” Hentc Mcwckwn
bei der Mutter. Willst du ober willst nicht?"
„Ja, ich will," sagte Tine und fügte rasch hinzu: „Ich


