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1909 — Nr. rs
MS
Spätinghof.
Roman von K. v. d. Eide r.:
(Nachdruck verboten.^
• (Fortsetzung.)
Am Sonntagnachmittag kam Lieses Schwester, die an einen Steuerbeamten verheiratet war, mit Mann und Kmd. Sie verwöhnte ihren Mann, und dieser verzog das Kind. Liese schalt auf alle drei und wurde ausgelacht. Das gab viel ungewohntes Leben in der kleinen Stube. Man trank viel Kaffee und aß Kloben dazu.
Tine saß dabei und tvurde immer stiller. Es war ihr, als schaue sie in eine neue, glückliche Welt, zu der ihr der Eintritt verschlossen war . . .
Am andern Tage hatte Liese ein besonders schwieriges Kleid in Arbeit; ein herrschaftliches Hausmädchen hatte es als Ausgehekleid bestellt. Der Rock sollte abwechselnd mit Plissees und Krausen besetzt werden. Liese seufzte. „Die alte dumme Maschine hat wieder ihre Rücken. Sie ist tvie cüt Mensch. Manchmal macht sie ihre Sachen gut, und manchmal kann man ihr noch so gut zureden, dann will sie nicht von der Stelle."
Liese schwitzte bei der Arbeit; ihre groblustige Sonntagsstimmung war verflogen. Sie schalt auf die verrückten neuen Moden, die den Menschen ganz aus der Gewohnheit brachten. Ein paarmal schon hatte es Tine in den Fingern gezuckt, als sie sah, wie Lieses große Finger sich mit dem Geträufel abmühten. Endlich streckte sie die Hand aus. „Soll ich das nicht machen?" fragte sie. „Ich kann das auch!"
Liese warf ihr den Stoff herüber. „Da hast du das obstinate Zeug, wirst wohl ebensowenig was mit anfangen können als ich."
Tine fand sich bald in der Arbeit zurecht; sie verstand noch immer geschickt mit Nadel und Zwirn umzugehen. Während sie eifrig stichelte, war ihr, als sähe sie vor sich ihres verstorbenen Vaters lächelndes Gesicht, als spräche er in seiner alten Weise: „Die Spekülatschon war doch richtig!"
Es war also, doch noch zu etwas nütze, daß sie vor Jahren in Ramstedt zum Nähen ging.
Liese strahlte vor Vergnügen über die unerwartete Hilfe aus der Not. Sie wurde immer redseliger vor Freude.
„Ja, ja, die Maschine," sagte sie, „das ist ein Racker, was die einen manchmal zuschanden macht!"
„Mit der Schere ist es ebenso, die muß man schon ganz fest in der Hand halten. Na, wenn nachher aber das Eisen kommt, das macht alles wieder glatt und gut. Ja, das Plätteisen ist wie die liebe Sonne." >
„Aber Kind" — sie schlug mit einemmal einen ganz anderen Ton an — „du nahst ja wie eine ausgelernte Näherin!"
Sie sagten, seitdem sie sich näher getreten waren, „bu,'4 zueinander.
„Was willst du denn nachher ansangen, wenn" . . .
„Dann muß ich wohl weiterdienen," sagte Tine. ■
„Ich wüßte was Besseres," sagte Liese und zwinkerte mit den Augen, „aber ich weiß man nicht, ob du seßhaft bist."
„Ja, das bin ich." Tine lächelte, sie verstand dw Alte. ...
Immer mehr schlossen sich die beiden so verschiedenartigen Frauen aneinander. Immer tiefer sah eine der anderen ins Herz und fand auf dem Grunde lauteres Gold.
Tines schwere Stunde kam. Getreu und hilfreich stand Liese an ihrem Bette.
„Halt dich fest an mich. Halt dich an meinen Rock, und wenn du mir den Rock aus den Falten reißest! Halt dich an mich!"
Als der erste Schrei des kleinen Wesens ertönte, das hier das Licht der Welt erblickte, beugte sich die Alte mit feuchten Augen über das junge Weib.
„Es ist ein Mädchen!"
„Das ist gut," sagte Tine leise. Ermattet und bleich lag sie in ihren Kissen. Liese sah, wie ihre Lippen sich noch bewegten; tiefer beugte sie sich hinab, und obgleich die Worte nur tvie ein leiser Windhauch von den Lippen kamen, verstand sie sie dennoch.
„Wie sieht es aus?" fragte Tine.
„Es hat feines helles Haar und blaue Augen," sagte Liese.
Da glitt ein schönes, verklärendes Lächeln über das. Antlitz des jungen Weibes.
Als ihr Liese nachher das Kindchen im Steckkissen reichte, rosig und zart, das Köpfchen von einem lichten Flaum umgehen, da lag eine fast überirdische Freude auf dem bleichen, schönen Gesicht der jungen Mntter. „Jetzt weiß ich, wofür ich lebe," flüsterte sie.
Am andern Tage fragte Liese sie, wie das Kind heißen solle.
Tine hatte es gerade an die Brust gelegt, an der es sein Näschen platt drückte. „Jan," sagte sie in Gedanken verloren, dann aber verbesserte sie sich rasch: „Nein, Johanna!" ...
Drei Wochen waren seit der Geburt der kleinen Johanna verflossen. Das Kindchen war in aller Stelle getauft worden. Tine saß wieder aus ihrem Stuhle Liesen gegenüber und half nähen. In der Nähe des Ofens, in Liese Petersens altem Wäschekorb lag das Kind und schlief.
„Es ist ein geruhiges Kind," sagte Liese, „es verursacht wenig Ungemächlichkeit." (Liese sprach jetzt nur mit gedämpfter Stimme.)
„Ja," meinte Tine, „es wird Zeit, daß ich mich nach etwas umsehe."
„Willst du denn nicht hierbleiben?" fragte Liese.
„Es geht doch nicht," versetzte Tine etwas bedrückt.


