Ausgabe 
13.2.1909
 
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memorierte, um zu erproben, ob seine Stimme trüge,und ob olle Worte überall auch deutlich verständlich seien. Heute gibt der Röntg, wenn er ' spricht oder mit freundlicher Mmert- samkeit der Tischrede eines anderen folgt, den Eindruck eines völlig sicheren Mannes, der in feder Situation die Ruhe der Selbstverständlichkeit zeigt.: Mx der auhrMaMre.Mstz'. achter wird bald allerlei Anzeichen nervöser Erregung finden, ein flüchtiges Sichüberdenbartstreichen, das Spielen mit der Uhrkettr und dergleichen unwillkürliche kleine Bewegungen, die verraten, daß der König trotz aller Selbstbeherrschung nicht völlig über seine Nerven Herr ist. In seiner Prinzen- zeit wurden seine Reden anfangs sorglich ausgearbeitet, ab-- geschrieben und memoriert. Bei einer wichtigen Gelegenheit hatte der Prinz das Manuskript vergessen, und wenngleich er selten während des Sprechens zu dem Konzept seine Zu­flucht zu nehmen brauchte, so beunruhigte ihn das Gefühl, im Notfälle' keine Stütze des Gedächtnisses zur Hand zu haben, aufs höchste. Aber es gab kein Zurück mehr, er muhte sich auf das Schicksal und auf seine Jurprovisations- gäbe verlassen, und so begann er das erste Mal ohne Ma­nuskript zu reden. Tas Geschehnis wurde zu einem Wende­punkt in seiner Art des Sprechens, denn jene Rede wurde trotz aller Unruhe zu einem oratorischen Erfolge. Das Selbst­vertrauen des Königs wurde damit gefestigt und er lernte es, sich künftig mehr auf sein Gedächtnis und auf die In­spiration zu verlassen. Seitdem werden die Reden des Königs nur mit wenigen Strichen in großen Unwissen vorher feft-- gclcgt. Der König vermeidet cs stets, in seinen Reden rur- gewöhnliche Wendungei; zu gebrauchen, mit Gesten zu agieren, oratorische Effekte auszubarien oder mit der Regu- lierung des Stimmklanges an das Gefühl zu appellieren. Er spricht langsam, mit deutlicher Betonung jedes Wortes, ohne Stocken, und jede Wendung ist ebenso sicher abgerundet wie fliessend gesprochen. Die Kürze gilt ihm als die Seele der Redekunst: seine Reden sind kurz, knapp und präzise, und dasselbe erwartet er auch von anderen. Sorgfältig vermeidet der König jedes Zitat, am meisten solche aus dem Reiche der Dichtung,' und ebenso geht er vornehm allen humoristischen Wirklingen aus dem Wege, obgleich er von Natur aus über einen scharfen, stets bereitcnWitz verfügt. Seine Haltung während des Sprechens ist völlig ungezwungen, die linke Hand ruht lässig auf desn Tisch, die rechte bleibt frei zu den spärlichen dis­kret abgemessenen Gesten, die hin und wieder einzelnen Pointen seiner Rede einen wohlabgewogenen Nachdruck ver­leihen. ______________

vermochte».

*Warum ich gern ein Engländer wäre". Man schreibt beu M. N, R. ans London: Der Dalli) MaiflKone- sportdent in Berlin hat dort den bekannteu. amernauischeu Humo- risten George Ade interviewt und von t(mr gehört, daß eram liebsten Engländer, in zweiter Linie aber deutscher Offizier sein möchte". Der englische Journalist war über das .Konrpliment' für seine Nation, das er in diesem Wunsch erblickte, sehr erfreut, und bat den amerikanischen Vetter, seinE Wunsch.zu begründen'. Ter Vetter tat das, wie folgt: . ..Wenn ich sägte, ich nEchte am liebsten ein Engländer sei», so wollte ich damit nut indirekt meine feste Ueberzeugung ausdrücken, hast der Engländer das glücklichste Wesen in der Welt ist, iveil ihm niemals auch nur der leiseste Zweifel an seiner Neberlegenheit oder der seiner englischen Umgebung aufsteigt. Manche Leute reisen, nm zu lernen Werte, zu vergleichen. Ter Engländer reist, um seinen mrgeborenen Glauben zu bekräftigen, daß alles Nwbritische Not­wendig inkorrekt, schlechte Form und döclassö ist. Er findet Überall bekräftigendes Beweismaterial. Das ist der Grund, warum sch ihn beneide. Ich wünscht«, ick könnte einen TwKd-ANz»g ait-

irgend. eilten neumodischen Trick zur'Ückzu führen' ist, der zu ab- geseinrt ist, als daß ihn ein wahrer Sportsman« verstellen könnte. Ich beneide den Engländer, weil er selbst in seinent herzlichsten Momente alle anderen menschlichen Wesen patronisiert und gar kein Geheimnis daraus macht. Der 'deutsche Offizier hat in der. Kunst der Selbstschätzung vom Englärcher nicht viel zu lernen, DZ-Mich. flÄr KÄl sün, klner zu sein. Wie Mmch, stden. Marge«! airfzustehen .und zu wisse«, daß sich weitere 24 Stünden alle himmlische;» Gestirn« nm dieselbe alte erste Bersvn -SingulariÄ drehen werden. Der deutsche Offizier siebt in jedem Zivilisten ein Insekt. In dem fremden Zivilisten sieht er einen BazilluZ und der amerikanische ist zu atvmgleich, als daß er ihn über- Haupt sieht."

C. K. D e r A st r a l m e n sch alsEhestö r e r. Aus Neivyork wird berichtet: Ein seltsamer Scheidungsprozeß beschäftigt jetzt die Gerichte von Philadelphia: ein in Amerika bekannter Dichter, W. E. Mountain hat nach bis vor kurzem glücklicher Ehe gegen seine Frau die Scheidungsklage erhoben. Valerie Mountain ist kürzlich tu denOrden der Fünfzehn" eingetreten, eine jener amerikanischen Vereinigungen, in denen religiöse Gedanken ver­mengt mit altindischen Weisheitsfrüchten, gepflegt werden uns deren Praktiken gewöhnlich in Spiritismus und Geisterseherei ausmünden. Frau Mountain erklärt seitdem,' im direkten Ver- . kxhr mit Geistern zu stehen, und hat sich ihrem Manne.immer mehr entfremdet. Ter Stein kam ins Rollen, als sie kürzlich ihrem Gatten erklärte, sie habe jetzt einen astralenSeclensreund gesunden, der aus einem anderen Vlanetcn wohne und der sie ost besuche. Ihrem Mann warf sie vor, er sei eben nur em fleischliches Wesen", während sie einätherischer Geist" sei, dessen erhabene Sehnsucht nach den hohen Sphären, des Uebersinnlichew durch die Gegenwart des allzmrdischeu Gatten nur gefesselt und geqriält werdet Mr. Mountain nahm sich diesen Borwurf zu .Herzen und der Erfolg ist die Scheidungsklage, die der Mann damit be* gründete, daß erspiritistisch eifersüchtig" sei. Der Fall erregt in der amerikanischen Gesellschaft lebhaftes Aussehen, denn er wirft ein grelles Schlaglicht ans die Wirkungen der zahllosen spir-itsuicaen Gemeinschaften, die in den Bereinigten Staaten in den letzten Jahren in saft allen Städten erstanden sind. Der.Orden der Fünfzehn" wurde ursprünglich von Studenten der Universität von Pennst:tvanieu begründet, und sand in anderen Universitätsstädten eifrige. Nachfolger. Tie Universitätsbehörden haben anknupfend- an diesen Fall jetzt eine genaue Untersuchung über dre zwecks und Praktiken dieses Ordens eingeleitet. und von allen Setten häufen sich nun die Anklagen gegen diese Geisterseliersette, die hier gewiß nicht zum'ersten Male ein häusliches Glück zerstört.

Literarisches.

Ueber die Sonder--Ausft rllnng von H a »S v o » Mar6es, sie vor kurzem in der Münchener Sezession eröffnet ivorden ist, und die Ende Februar auch in Berlin gezeigt werden wird, bringt die Darmstädter .KunstzeitschristDeutsche Kunst und Dekoration' kBerlagSanstalt Alexander Koch-Darmstadt! in ihrem Februarheft die erste, von zahlreichen Illustrationen begleitete Publikation. Allerorts beginnt man heute der Marsesschen Kunst näher zu treten, und wenn auch der Künstler selbst nicht mehr die Frück-e seiner aufopfernden, auf äußere Erfolge verzichtenden Arbeit ernten kann, haben doch seine Schüler wie Artur Volkmann und Tnatll.m, denen man heute schon die Palme reicht, die hohe Genugtuung, dem Meister das Verständnis und die Anerkennung entgegen-, gebracht zu sehen, die ihm während seines Wirkens versagt blieben. Bon Abbildungen seien u.a. erwähnt:Ganymed" (Moraes letztes iiZild), das große TriptychonDie Hesperiden". Außerdem enthält das Februarheft derDeutschen Kunst und, Dekoration" einen aMüärli'chen, reich illustrierten Bericht über die Wiener Jnüll lMns Mvhnuugskmist-Ausstellung. Statut folgen Abhandlungen: Boni Wesen der künstlerischen Begabung" von R. Klein,Zur Acsthetik des Eßtisches" von Prof. K. Widmer.Keramische Pla­stik" von Zimmermann,Das.deutsche. Volk und seine Künstler von W. 'Michel (zu den Reichstagsbilderu von Angelo Janks. Eine neue Perlen-Häkelei". Das .Heft beschließe» »>vei Seiten Illustrationen origineller BÜcherzeiche» und eine Seite moderner Monvgranime.

haben, der am Halse eine Wulst und an den Knien » bildet, und doch der flohen Zuversicht sein, ich sei fein angezogen. Ich wünschte, ich könnte ganz fest überzeugt sein, daß der beste Sitz am.Fenster mnd alle Gepäckrerheu nach göttlichem Recht mir. ge­höre». Weil» ich in irgend einem Spiel den Kürzere» .ziehe, möchte ich gar gern« meinen Stolz durch die Erwägung brsäitf' tigert können, daß.der.Sieg des Gegners , das Resultat eines ganz erstaunliche» Zufalls gewesen sein muß, oder daß er auf

ErgifltMttKörMsesi

V.. N.. i. ck e.. t

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W.. ii. r. g .. ei. t,

T, a.' . n G. d.. d!

s Auflösung in nächster Nummer.

Auslösung bei» Zitalcn-Ratselö in voriger Nuunuer: Wer den Tod ?«rchtet, hat das Leben verlöreit>

RedüktiyN! Tt, N e n r a t h, NötgtfmrsdrM und Verlag der Prllhl'schen lkmversuÄks- Buch' rmd Steirrdruckerei, R. Lanze, Gießen.