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Boden. Aber, v Wunder! Da sprang ein glänzender Quell aus der verbrennenden Erde empor, die fortan nimmer versiegte. Man erbaute später eine Kapelle darüber und jährlich bewegten sich Lis Vor wenigen Jähren) frouune Waller zur Quelle Ge- zelins. Noch heute schreibt die Umwohnende Landbevölkerung dem Wasser dieser Quelle Heilkraft zu, vor allen Dingen gegen Augen- Übel, gegen Krankheiten der Kinder-«sw. Kinder, welche mit diesen Nebeln behaftet find, werden in hehl Wässer' Mävek. Ae ckttelt Kleider des Kindes hängt man in den angrenzenden Büschen auf. (Lappenürünnen) und kleidet das Kind ganz neu. Ans des' frommen Gezelius Gebet zogen auch Wolken herauf, welche mit .ihrem Ratz den Erdboden befruchteten. So ist der Zusammenhang zwischen dem himmlischen und irdischen Wasser auch in dieser .Beziehung gewahrt.
Eine weitere Umgestaltung hat der ursprüngliche Quellen- Mythus dadurch erfahren, dass au die Stelle der Menschen, welche die Quellen weckten, Tiere traten, namentlich das Roß, unter idem die gewitterschwangere Wolke zu verstehen ist. Tie heiße Quelle in Aachen soll das Roß Karls des Groszen aus der Erde geschlagen haben. Auf weitere Berkürpernngen des Wolkcnsym- vvls durch andere Tiere (Esel, Rind, Eber etc.) kann hier nicht eingegangen werden.
Tas Geheimnis des himmlischen Ursprungs der Quellen legte die Folgerung nahe, daß dem Qnellivasser besondere Kräfte inne- wohnten. Tas sahen wir bereits bei der Gezelinquelle. Kranven- heilungen. aller Art gingen an der Quelle vor sich. Tiefsinniger ■; wird des Volkes Glaube, iveim er aus dem Quell (auch des vvu Gezelin) Kinder kommen läßt. An junge Eheleute richtet maii darum wohl die Scherzfrage: „Hast du in den Pätz (Quell) gelurt (gelauert)'?" Und zu einem kinderlosen Ehemann pflegt Man in der dortigen Gegend wohl zu sagen: „Du mußt mit Seiner Frau nach Gezelin gehen." Reiner in den ursprünglichen Zügen hat sich dieser Glaube bei den Nordgermnueu erhalten,' zum Beweise dessen fei nur an die berühmte Kirsten Niils-Quelle int Walde bei Kopenhagen erinnert. Nach altgermanischer Auffassung »ft em Quell der Urgrund alles Seins. Selbst chmir, der Urriese, entstammt dem Wasser. Es ist daher eine unmittelbare Tradition, ine tit Soßen, Sprichwörtern usw. unseres Volkes aus gcrmanisch- Heidinscher Zeit nachklingt, wenn man ans Quellen und Brunnen die Kinder kommen laßt.
Als die christlichen Sendboten hei den Germanen Eingang zu gewinnen suchten, fanden sic zwar die ausgebildete Religion unserer Borfahren noch vor; aber das feste Gefüge früherer Zelten war schon ins Wanken. gekommen. Diesen beginnenden Auflösungsprozeß suchten sie zu fördern, uni leichter ihr Ziel W erreichen. Ter trotzige Sinn mancher Stämme und das starre Feirhalten an der Väter Religion und Sitte nötigte sie aber auch Hnd) zu andern Maßnahmen, zur direkten Anknüpfung des christ- 'M» Kultus an die heidnisch-germanischen Mythen, an den alte» Glauben und Brauch. Unter anderem war cs den christlichen Bekehrern zur ausdrücklichen Pflicht gemacht, die Kultorte ^r. Germanen mit Weihwasser zu besprengen und dadurch zu «Mstltchen Kulturstätten zu weihen. So kam cs, daß die heiligen und vielfach als wundertätig gedachten Quellen des germanischen Altertums oft unter den unmittelbaren Schutz der christlichen P^,"ü.en und Ncärtyrer gestellt wurden und so auch in christlicher Zeir ihr An,«Herr behaupteten. Ost wurde ihre Verehrung den Germanen untersagt, z. B. durch Karl den Großen int Jahre ?8o,Jw&X erhielt ,te sia; in vielfach kaum getrübter Form durch die Jahrhunderte, soday der Große Kurfürst von Brandenburg zwch nu Jahre 1669 feine berühmte Verfügung dagegen erlassen mußte, die von. Cleve am Niederrhein datiert ist.
Untere heidnischen Vorfahren zündeten am Räude der Quellen Lichter an, verrichteten dort Gebete, legteit Gelübde ab und nahmen zu Quellen ihre Zuflucht in mancherlei Leibesnöten, brachten Opfer usw Man hofft dort Heilung leiblicher Schäden (wozu auch die Unfruchtbarkeit der Frau zu rechnen ist) und die Er- M'schttng der Zukunft zu finden. Als Mittel zum Zweck dienten «Waschungen, Gelübde, Opfer, Gebete Und Wachen. Leibliche Fehler Und Gebrechen traten bei den Germanen wie bei allen NatnrvölMt fast ausschließlich in den Vordergrund, wenn cs sich um die Einwirkungen der Götter und Göttinnett handelte. Daß aber die Heutige, wunderkräftitze Quelle auch als Orakelspenderin auf- gefaszt lvuroe, und dies bis zur Gegemvart herab, lag teilweise fchon in der Bitte um körperliche Heilung begründet.
Heilquellen und heilige Quellen sind scharf zu sondern. Außer Gezelinquelle erwähnen wir als Heilquelle perwonbe o 1,1 Gerresheim, in der Tendenz jenem nahe
-bct L^g^de nach durch einen apokryphen Heiligen s^rtkuch hervorgernkett. Ein heiliger Born
l öitfccrein bci^ dem alten Grafrath mit feiner
Ä' t” den uwren Duisburgs im Duisburger
Seudbown pÄ %<-bl der Ruhestätte des christlichen imudelt Heilquelle ähnlich der Gezelinquelle-
SÄ dkahe von Bonn, das sogenannte ^be^^t'ibis,='
M^c^OiBiitzchm genannt. Die Legende berichtet, r"L dldelhctdrs habe das Briinnlein aus der Erde guillen M1'*' Ä Mchaltende klirre Menschen und Vieh verschmachten IäL ^ivcnden gläubige Frauen das Wasser
rnefes Quells gegen Augenübel re. an.
M Quellen und Bnnmen- knüpfen sich auch am 'Niederrhein
vielfach beachtenswerte mythische Sagen anderer Art. Es seien nur folgende angeführt: Die schwarzen Männer am Siebenkal? bei Langenberg; die Ncugründung des Klosters Altenberg, der Brmmen auf dem Isenberg bei Hattingen, in den die letzte Burg- sran ihre goldene Spindel versenkte, die Äöiveugrube an Neander- tal, das Johannisvpser an. der Agger, Kühlborn, Entstehung der Wupper, Ursprung des StriinderbnchS, diDbrei Jungfrauen am!
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Spinnrad zu Wiitdeck und die Schlangenkönigiu zu Struttden. Unzählig ist auch die Zähl der Ortsname», welche unmittelbar au Quellen knüpfen, wie Sonuboru, Huckesivagen usw.
Auch die tausendjährige Entwicklung der christlichen Kirch« hat es also am Niederrhein nicht vermocht, die heidnischen Ueber- reste des Qnellenkultus ganz zu verdrängen. Das heidnische Altertum unseres Volkes reicht noch in die unmittelbare Gegenwart hinein. . Was wir von uiederrheinischcn Quellen ausführten, ist meist nichts als, Ueberbleibscl uud christliche Umwandlungett des nralten, heidnisch-germanischen Qüellenkttltus. Neben dem Baum tritt so im heidnisch-germanischen Kultwald der Kultbrunnen in den Vordergrund. Er besaß heilende, belebende, verjüngende Kraft — ivar ein Brunnen des Lebens und der Verjüngung.
Der arische Mythus von der lebenspendenden, verjüngenden Kraft der Quelle ist so den .Gerntauen vertraut gewesen in betl Zeit ihres Altertums st er hatte sich die Zeit des Mittelalters hindurch bis zur (Gegenwart int Bolksbewußtsein erhalten, wenn auch immer mehr abtassend. Ter mythische Brunnen der Fran .Holl« quillt durch alle Zeitalter unseres Volkes, auch im niederrheinisch«» Volksstamm, vielfach streng lokalisiert und ausgestattet mit Sagen und rumenhaftem Glauben. Ter Glauben an den Urquell des Lebens hat die verschiedensten Formen als Jungbrunnen, Quickborn usw. angenommen. Ta stder Johannistag, der.Höhepunkt in der Entwicklung des Jahres, gatcz besonders enge Beziehungen zuchl Quellen!,nst.einnahm, ist naheliegend. Ein. unvergleichliches Leben entfaltet sich noch heute an diesem Tage in dbr schon beilänW angeführten Kirsten-Piils-Quelle im Norden.
Wir. .konnten ckstcr nur einen silhouettcuartigen Ausschnitt aus! dem Glauben unseres Volkes in seiner ursprünglichen Art geben, .Aber doch.kann dieser eng umgrenzte Ausschnitt dartun, wie sich tue Sckjwtngitngcn des GlanbcnslebenS in unserem Volke durch alle Glieder und Stämme fortpflanzen und abgeschwächt bis heute erhalten haben, wie sie aber nur eine mitschivingende Saite im Glauben der gesamten Menschheit bilden. „Der Kultus Heu Brunne» und Quellen geht als uralter Gottesdienst durch die Geschichte der Völker."
Mlig E-uard als Redner.
C. K. Der Besuch des britischen Herrschers in der Reichs- Hauptstadt hat uns Gelegenheit gegeben, die Redekunst König Eduards kennen zu lernen, die in seinem Heimcftlande von Eingeweihten und Kennern über alles gerühmt tvird. Denn in England gilt der König neben Lord Rosebery als eines der hervorragendsten Sprachkünstler und schon Gladstone pflegte von dein damaligen Prinzen von Wales zu sagen, daß c3 wmig Redner gebe, denen er mit größerem Genüsse lausche. „Seme Reden sind stets ein Muster von Klarheit, Knappheit, anmutigem Ausdruck und vorbildlicher Aussprache." Der König verfügt über das wichtigste Instrument eines öffentlichen Redners, über eine klare und ivohllattiende Stimme, die sich ohne Anstrengung selbst in den größten Räumen überall, deutlich zu Gehör bringt. Man hat dabei nie das Gefühl stimmlicher Anstrengung, und der natürliche Tonfall der Sprache gibt nie das Gefühl von der Einschaltung einer besonderen oratorifchen Tonart. Aber das, ivas jetzt als ein Geschenk der Natur amnutet, ist doch zum großen Teil auch die Frucht einer langen, zielbewussten rednerischen Selbst- erziehung. Ein englischer Beobachter erzählt, daß dem heutigen König in seinen Prinzenjahren keine der offiziellen Pflichten so verhaßt war, als die Notwendigkeit, bet allerlei Gelegenheiten Reden zu halten. Aber das Unabwendbar« mar nun einmal nicht zu vermeiden, und so faßte der Prinz schon früh den Entschluß, die mangelnde Vorliebe für di« Redekunst durch Studimn und Hebung zu ersetzen. Wenn er schon sprechen mußte, so wollte er wenigstens auch sicher verstanden werden. Sein Vater, selbst ein geübter und guter Sprecher, gab ihm die erste Anleitung und unter der Aufsicht eines Lehrers der Redekunst erlernte der Prinz dann jene klare und vorbildliche Aussprache, die das An- hören seiner Reden zu einem Genüsse macht. Der Prinz erprobte damals mit allem Eifer die Wirkung seiner Stimme und noch heute erzählt man in englischen Hofkreisen zahlreiche Anekdoten davon, wie der Prinz von Wales feine Geschwister an verschiedenen Punkten eines Saales aufflelltc tmd Reden


