98
Mildem Hvssm und u»eingek»udenem Bangen lag wie ein heiliger Schmier über ihnen, meint sie flüsternd dicht nebeneinander auf der Bank saßen, die Heleuens Schmerz gesehen, und der Buchenwald, dessen dörrendes Laub immer lauter zischelte, in dem als iherbstiiche Mahnung schon leise und matt die Blätter fielen, ihre Reine Welt tetr, die sie und ihre Liebe abschloß von dem lär- Wenden, hastenden Getriebe mit seinen nneMMche» Forderungen, seinen strengen Sitten und seinen scharfen Zungen. Hierher folgte ihnen nichts von alledem. Hier hatten sie nur ihre Hoffnungen And Wünsche, freundliche Sterne, von der Fackel ihrer jungen Liebe entzündet und vom Buchenwald treulich vor dem Verlöschen geschützt. Es 'war eine ungetrübte Glückszeit. Sie war kurz genug.
Ter Sommer schwand. Schon wehte der Wind über kahle Stoppelfelder, und die Rächte wurden kühler.
Längst hatte das Bataillon seine Schießplatzzeit hinter sich And rüstete zum Manöver.
Leutnant Espach hatte keinen Urlaub genommen und Überstand, da er Lisbeth so nah wußte, und sich ihr nicht nähern durfte, nicht gerade gut gelaunt eine Harte Prnfungszeit, die Lisbeths Eltern dem jungen Paare auferlegt hatten.
Frau Schäffer hatte ihrem Töchterchen wohl verziehen, aber sie halte sich geweigert, ihrem Manne durch eine Lüge die Erlaubnis abzuringen, Lisbeths Pensionszeit zu verkürzen, eine kleine Strafe sand sie für das ungehörige, unpassende Betragen im übrigen ganz angebracht. Tie blonde Lisbeth war viel zu vernünftig und ehrlich, um sich nicht tapfer dieser gerechten Strafe ju unterwerfen, mit ihrem sicheren Glück im Herzen überwand sie in lächelnder Ruhe die Trennung von ihrem Walter, der.trotz des elterlichen Berbots durch Helene Falk Briefchen mit kurzen, sehnsüchtigen Grüßen in die Hände seines „grausamen Liebs" gelangen ließ, die Lisbeth aber nie direkt beantwortete.
Wer Hassingen berichtete dem Freunde getreulich alles, was Helene ihm von Lisbeths Freude beim Empfang dieser verbotenen Mebesgrüße zu erzählen wußte..
Und Espach teir so erfüllt von seinem eigenen Liebesglück und Leid, daß er nie mehr daran dachte, seine alte Warnung mtszusprechen, nur zuweilen etwas gezwungen, interessiert nach Kent Stande der Tinge fragte, so daß Hassingen ihn mit nichts- sagenden Antworten abspeisen konnte, ohne daß er dringlicher wurde.
Er hatte ein schlechtes Gewissen, ohne sich selber klar darüber zu sein. Roch hielt das Glück den rosigen Schleier über die Wirklichkeit gebreitet.
Der erste Riß klaffte, als an einem gewitterschwülen August- Abend, da ferner Donner grollte und Hassingen verstimmt ob des nahenden, störenden Unwetters an seinem Glückszaun stand, ein verstörtes, zitterndes Mädchen sich an seine Brust warf und Wirre Worte von Abschiednehmen und Abreise stammelte.
„Helene, Liebling, beruhige dich doch! Was ist denn geschehen? Doch sicher noch nichts, was dich so verzweifelt und mutlos machen dürfte," beschwichtigte er mit der Ruhe des Mannes, 'der sich weiblicher Hilflosigkeit gegenüber als der starke Beschützer . fühlt, und Helene beruhigte sich auch, sobald sie seinen kräftigen Arm stützend um ihre Schultern fühlte und sagte mit einem tiefen, schluchzenden Aufatmen:
„Run ist nrirs schon, als wäre alles gut, iveil ich bei dir bin, Liebster, als könnte mir gar nichts Schlimmes mehr passieren, ach, Hans, lieber Hans, verlaß mich bloß nicht, es wäre eine Grausamkeit, wenn du mich verließest, behalt mich bloß lieb!"
Sie hatte die Arme fest um seinen Nacken gelegt, sie schluchzte ' And zitterte. Auch ihn "faßte eine tiefe Erregung.
„Ich tverde dich immer lieb behalten, meine süße, kleine Helens."
Ihre Lippen fanden sich. Er fühlte, daß ihr Gesicht von Träne» naß war, zu erkennen vermochte er es nicht, denn es Mr unheimlich sinster, und die schwüle Spannung in der Natur Verstärkte sich.
„Was ist denn geschehen, Liebling?"
„Ich muß fort. Papa hat heut geschrieben^ er ist nicht gesund, er soll nach Karlsbad und will nicht allein gehen, Kranke sind ja oft eigensinnig, ich soll mit ihm fahren, weil Mutter: nicht abkömmlich ist, meine ältere Schwester einen teuren Malkursus in Düsseldorf nimmt, meine jüngere int Haushalt unentbehrlich ist, in drei.Wochen mußte ich doch nach Hause, Papa denkt mir eine Inende zu machen, mein armer Papa, ach, Hans !"
Sie fing an zu lveinen, ein leises, trostloses Weinen, das etwas .Aufrührerisches und Beklemmendes hatte für den Mann, der selber von diesem jähen Abschluß einer unvergeßlich schönen Glückszeit bis ins Herz getroffen Ivar. Roch immer nicht Herr solcher Situationen, bemächtigte sich seiner eine Unbeholfenheit, in
der er Las Nächstliegende, aber auch das Prosaischste fragte, was', es in diesem Falle zu fragen gab:
„Wann mußt du abreisen. Lieb?"
„Nebermvrgen früh!" war die vor Weinen nndeutliche Aut- wort. „Morgen abend feiern sie mich fort — Hans —", ihrs: Stimme wurde lauter und leidenschaftlicher, „es ist unser letzter Tag heute, begreifst du, unser letzter
, Ihre Tränen versiegten vor der UÄermacht dieser Borstellnng^ sie klammerte sich schwer atmend fester an ihn.
In den Buchenwipfeln begann es zu. rauschen, der : ersts Blitzstrahl zerriß grell die Dunkelheit und beleuchtete, für einen kurzen Moment Hassingens finsteres, starres Gesicht.
Aber seine Stimme war ruhig und fest.
„Rein, nicht unser letzter Tilg, Liebling, auch hier im Harz nicht. Höre mich rasch, du mnßt ja sofort ins Haus zurück. Mit welchem Zuge fährst du übermorgen?"
„Früh 10 Uhr nach Brannschiveig, dort hat mein Baten geschäftlich zu tun und will dort mit mir zusammcntrcffen."
Was hatte er vor? Eine unbeschreiblich schöne Hoffnung flog einen Moment in dein sch merz du r chwü. hl te n Mädchenherzen auf, aber ihre Schwingen reichten nicht' Weit Sie sank zu Boden.
„Telegraphiere, daß du. mit dem Abendzuge kämest!" klang Hassingens rasche Anweisung. „Passe gut auf, ich. fahre mit denv- selben Zuge, in H. mnßt du umsteigen, dort treffen wir zusammen, das weitere findet sich an Ort nud Stelle. Weißt di» Bescheid, Kind? Du bist doch einverstanden?"
Sie sagte zu allem Ja. Was hätte sie auch nicht gewagt um ein letztes, ungestörtes Zusammensein mit ihrem Hans? Wis viel hatten sie stich noch z» sagen, lvie viel zn besprechen!
Wieder durchleuchtete ein Blitz grell und goldfarben das! nächtliche Dunkel, der Donner krachte, di. ,v.n Tropfen sielen dumpf auf hartes Buchenlaub. Ein Kuß, glühend, verzweifelt, fast schmerzhaft.
Dann nahmen zwei junge Menschen Abschied von iKrems" „Glückszann".
(Fortsetzung folgt.)
WeüenMm Mr Medsrchem.
Bon O. Schell-Elberfeld.
Tie gewaltige Bedeutung, welche das Wasser für de» großen Haushalt der Natur wie für das Menschenleben, insbesondere zu alten Zeiten "hatte, erhob dieses namentlich in, der Form von Quellen und Brnunen, schon früh zu einem lu; lstigen Element in der Religion der Menschen. Daher ist der Kultus der Quellen und Brunnen ein ganz allgemein-religiöser Zug des ganzen Menschengeschlechtes. Auch die Germaneit teilten diesen Quellenkultus, um so mehr, als sich ihre ganze Religion auf .Naturanschauungen ausbaute. Tie geheimnisvoll aus dem Erdiu- nern hervorbrechende Quelle mußte auf die sinnige Natur des Germanenvolkes einen ungemeinen Einfluß" ausüben. Daß heiß« Quellen bei dieser Verehrung eine besondere Auszeichnung er- suhreu, lag sehr nahe. Schon die Römer fanden diese Quellenverehrung bei unsern Altvordern vor. Erhöht wurde diese durch den göttlichen Ursprung, welcher vielen Quellen zugeschrieben wurde: Ter Blitz des Gottes zerreißt den Wolkenmantel, dis himmlischen Gewässer ergießen sich auf die Erde, dringen in sie ein — und wiederum spaltet der glänzende, göttliche Blitzstrahl den Erdboden, um den lebenspendenden, mit göttlichen Kräften versehenen Qnell hervorsprudeln zn lassen. Danar ist darum nach germanischer Mythe der Quellenspender nnd Wohl-» täten der Menschen. Noch int 9. Jahrhundert kannte man in der Umgegend! von Fulda einen „Doneres tonnte." An DonarS Stelle trat unter christlichem Einfluß dieser oder jener fromme Held, z. B. Karl der Große. Sein. Biograph Einhart erzählt von ihm in den Annalen des Jahres 77L, daß das Frankenheer nach der Eroberung nnd Zerstörung der Eresburg von qualvollem Durste geplagt wurde, iveil alle Brunnen iveit nnd breit versiegt waren. Als nun der König im Mittagsschlaf lag, brach durch göttliche Gnade aus einem nahen Berge eine mächtige Quelle hervor, sodaß die säst verschmachtenden Krieger ihren Durst löschen konnten. Nach Einhartö Bericht war Karl bei diesem Wunder untätig. Anders stellt sich jedoch die Bolkssage zu diesen« Ereignis. Sie bezeichnet den Quickborn bei Kartstein als Liess wunderbare Quelle, welche Karl mit seinem Schwert (dieses ist an die Stelle des göttlichen Blitzstrahles getreten) ans ton Bergs schlug. Verwandte Sagenzüge sind häufig.
Ferner tritt in der segengeschichtlichen Entwicklung beim Ursprung der Quellen ein Kirchenheiliger auf. Auch hierfür besitzt der Niederrhein ein tresfliches Beispiel in der Legend« von Ge- »elin, dem frommen Schäfer, einem Laienbruder des Mosters Altenberg an der Dhünn. Auf ton Hofe Altenrath bd Schlebusch lebte er als Schäfer. Das Helle Wasser der Dhunn versiegte einst nnd immer mehr versengte das Gras von der glühenden Sonne. Die armen Tiere verschntachteten fast vor Durst nnd auch Gezelin litt entsetzlich. Ta wars et sich zur Erde und betete voll Jnnbrunstz Tann ergriff er seinen Stab und stieß ihn in den


