Ausgabe 
13.1.1909
 
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Herr miteinander veriouchseu, wie Wurzel und Erde. Jetzt arbeiten ungeheure Maschinen, zahllos verzweigte Aemter mit wehr- und wissenlosen Menschenhaufen. Sage Vaterhaus, sage Heim und Statte, und du sprichst das Gleichnis eines solchen schützenden Daches ans, das nimmermehr über unfern Häuptern ruht, denn wir haben mir mehr Wohnungen, in beiteit wir nicht werden und nicht altern, die wir gleichgiltig vertauschen, in die unsere Seele nicht entwächst, mit denen unser Wille nicht verwurzelt. Die alten Häuser, wie dieses, sterben aus. Und aus unserer Muttersprache die ist ein schönes, durch und durch belebtes, vom Kamps und Frieden durchwohntes Haus wie dieses aus unserer Muttersprache wird Wort und Begriff: Vaterhaus aus-- sterbeit. ©eilte Jahre sind um. Wir haben dafür nicht Geld, nicht Zeit, nicht Bescheidenheit genug, wir werden allgemach das Fliegen lernen mtb das Gehen vergessen, wir überwinden Raum und Zeit und eilen unserem Tode zu, während wir einstmals stiller durch daS Gelände der vergönnten Tage schritten. Das Wort:Lauf der Welt" wird immer wahrer, einst aber schien es ein Gang oder gar ein Tanz. Dies alte Gerberhaus ivar noch ein Vater­haus und wird es bald gewesen sein.

Oft genug gehe ich dort vorüber und betrachte mit einer Art Andacht dies eingeheckte kleine Stadtparadies.

Neulich war es zeitig morgens, vor acht. Da kamen die Kinder in die nah gelegenen Schulen. Haufenweis eilten, hetzten, rauften, gingen sie. Scharen von Jungen und Mädchen, die rechten Bleichgesichter der Stadtarmut; sie strömten aus allen den hohen, grauenhaften neuen Lügenpalästen, dürftig und nicht eben an­mutigen Betragens, schimpfend und sich balgend, sie alle wissen was sie besser nicht gewußt, sehen, was sie besser nicht gesehen in ihren Wohnungen gibt es keine Geheimnisse, lind vor dem Gerberhause blieb ein ganzer Haufen stehen. Der Zaun war mit Kindern besetzt, wie die Aeste der winterlichen Stämme mit Sperlingen. Da standen sie nun und schauten in das Treiben des bewegten, unbeküntnterteu Hofes und jauchzten ans, so oft der rauschende Tanbenflug als weiße und graue Wolke auffuhr und wieder gedrängt sich niederließ und beschwichtigte, Nach-- denklich betrachteten sie dies fremde, friedliche Wesen. Sie wußten es freilich nicht, daß sie recht eigentlich ihren wahren Geschwistern zusahen, die im alten Gerberhause wohnten, denn die lichten Tauben die irrenden Hühner, die Gänse und Enten, die schreienden Spatzen aus den Bäume» sind alle Brüder des töricht bewegten Kinder­volkes, welches in diesem Treiben die Fröhlichkeit und Seligkeit jener Natur ahnen mochte, die der Kinder, aller Menschenkinder wahre und vorenthaltene Heimat ist, das verloren gegangene, schöne Vaterhaus.

So standen sie vor dem Zaun des Paradieses. Das alte Gerberhaus aber ward jung unter ihren Blicken und rauschte mächtig mit all seinem Federvolk, als stünde es frei im Freien. . ,

Vermisstes.

* Inserat. Bitte, kein Mißverständnis! Hier soll sich nicht etwa eine bezahlte Anzeige breit machen. Das ginge an dieser Stelle gegetr alle Sitte einer anständigen Zeitung. Nein, es handelt sich um das nackte Wort. Die Fachschrift Zcitungsverlag wirst nämlich solgende Frage auf:Die Ableitung des Wortes Inserat sestzustellen, dürfte für die Berufs genossen immerhin in­teressant sein. Wir stellen deshalb die Frage zur Diskussion. Sie erscheint uns insofern nicht beantwortet, als das Stammwvrt doch inserere mit deut Partizipium insertum heißt. Gibt es viel­leicht em spätlateinisches Wort inseräre?" Da diese Frage viel­leicht schon manchen Leser beschäftigt hat, versuchen wir sie hier zu beantworten. Nein, ein lateinisches inseräre gab es weder früh noch spät. Der beste Beweis dafür ist, daß die romanischen Sprachen, die sich der barbarischen Bastarde ihrer lateinischen Mutter jkt§ mit besonderer Vorliebe angenommen haben, dennoch ein insörat, inscraw und dergleichen nicht kennen; sie bieten dafür nur die untadeligen Formen insertion, inscrzione, insercion usw. Auch in Deutschland geht ein Jnseration nur aus unge­bildeter Feder hervor; richtig heißt es mir Insertion, was be­sonders^ in der Verbindung ^Jnsertionsgebühren vielfach gebraucht tvird. Um nun dem Geheimnis auf die Spur zu kommen, stellen War drei durch ein würdiges bnreaukratisches Band verknüpfte Mißgestalten zusammen:, Dezernat, Referat, Inserat. Ebenso wenig wie ein inseräre gibt es im Lateinische» ein decernare oder rejerare; deeenere und referre müssen genügen. Woher kommen nun reuefite"? Wir könnten gleich sagen Rente; denn Frevel gegen den heiligen Geist der ©mache sind sie alle drei. Sie sind, der Köln. Ztg. zufolge, im Grunde nicht einuml Hauptwörter, tote fie slch den Schein geben, sondern bloße Zeitwörter in der dritten Person der Vorstellungsform der Gegenwart oder des WUiunctwns praeseutis, tote die gelehrten Herren sagen, Gesetzt m U!lt Sketch bestimmte Personen mit bett geläufigen

-witfietintb Schultze, je nachdem Vortragende Rat oder Mssessor emzufuhren es läuft ein Schriftstück an eine Behörde E bkr höchste Vorgesetzte schreibt darauf: deeernat Müller, d.h Müller bestem m e aber die Behandlung des Gegenstandes; der Vortragende Rat gibt das Schriftstück weiter mit der Weisung: referat Schultze, d.h. cs berichte darüber Schultze; und der

Assessor Schultze verfaßt etwa einen schriftlichen Gericht, in k-elcheE er das Schriftstück oder Teile desselben einfügt mit dem Vermerkt ins. Aktenstücke R. X., d. h. inseratur oder: hier werde ein«! gerückt usw. (Besser hatten tvir die letzte Aufgabe einem Re«, ferendar Schultze überwiesen, denn der hat ja vom referat oder referendum seine Amtsbezeichnung.) Nun wird etwa gefragte wem ist das deeernat, wem das referat übertragen worden? Aw-i sangs als Zeitwort mit der ihm gebührenden Betonung decbrnat- referat, später mit irrigem Anschluß an die häufige Hauptwort- bilduug aus lateinischem atus ober atum (Magistrat, Attentat) mit der ursprünglich tvidersinnigen Betonung Dezernät, Referät. Ruit sind wir auch schon dem Zeitungsinserat auf den Leib gerückt, Jenes inseratur hat man mit der gleichen Geistesträgheit mi§> verstanden und aus dem eingerückten Schriftsao ein Inserat gemacht, als ob eine Grundform inseräre vorhanden wäre; welchen Ausdruck dann auch auf Zeitungseinrückungen übertragen worden! ist. Sollen wir nun noch einen Hilfsbeweis für das Nichtsein einer lateinischen Grundform mit are beibringen? Wir brauchen nut; neben Dezernat, Referat, Inserat die dazu gehörigen Wörter Dezernent, Referent, Inserent zu stellen, die ihren e-Stanrm tut* verkennbar an der Stirn tragen. DaS Inserat ist also der Wort­bildung gemäß falsch; die Insertion ist nicht geläufig; beide sinh überflüssig. Was tut nun der Manu von Geschmack? Er wirft die Fremdlinge zum Tempel hinaus und begnügt sich mit betz wacker» deutschen Ausdrücken Anzeige, Einrückung.

'"Wie man ein hohes Gehalt bekommt. Bon bet® kürzlich verstorbenen Direktor des Brüsseler Konservatoriums Frau« yoiS Gcvaert wird folgende hübsche Anekdote erzählt: Gcvaert befand sich in Gcnt, als der Direktor der schönen Künste, der seine Ernemntug zum Nachfolger von Fotis in her Leitung des Brüsselev Konservatoriums vorgeschlagen hatte, selbst zu ihm kant, ihn: daS Amt anzubieteii. Der Direktor war jedoch sichtlich verlegen. Nach langetl Uutschweifett setzte er cichlich Gevaert auseinander, daß sein Gehalt ein klein wenig niedriger sein sollte, als das seines Vorgängers.Fätis", sagte er,hatte massenhaft Schuldem und um ihn aiis seiner schwierigen Lage befreien, hatte man ihr® so besonders günstige Bedingungen zugestanden. Verstehen Sie?" Vollkommen," sagte Gevaert trocken.Ich verstehe vollkormncn. Sagerr Sie also dem König, daß ich ebenso viele Schltldett nmckM in erbe ivie Fotis . . Gevaert erhielt dasselbe Mhalt w ie sei® Borgiänger. Freilich hielt er sein Versprechen nicht; er hat nie* mals SchuDrn gemacht.

Der oder das Kompromiß? Ick, was ist nun richtig, der oder das Kompromiß? Bald liest man es so, bald so; man kann es sogar erleben, daß man auf der­selben Seite beide Geschlechter findet. Nun, eigentlich sollte es nurd a s Kompromiß" heißen, denn es ist das lateinisch« Mittelwort der Vergangenheit compromissum, wie es auch nur heißen darf: das Fideikommiß und das Petrefakt, Wer nunder Kompromiß" sagt, dem schwebt wohl ganz heimlich und dtmkel ein deutsches Wort vor, das denselben Begriff bezeichnet, nämlichder Vergleich", oderder Vertrag" oder aber er verwandelt gedanken l o s die Fort® ein Kompromiß (wird zustande kommen)" fälschlich zuber.f< stattdas K." Das eben ist seit alters eine der üblen Ngen« schäften der Fremdwörter, daß man nie recht weiß, welches! Geschlechtes sie sind; an Mißgelmrten und Zwittern kann man es ja in der Regel nicht erkennen. Kürzlich erst ist ein ganzes Buch geschrieben worden über das Geschlecht der Fremdwörter im Deutschen, nnb für die zahlreichen uu» entbehrlichen sind ja auch feste Regeln sehr erwünscht- Kompromiß" aber ist wirklich ganz entbehrlich; mast versuche es nur einmal mit: Vergleich, Ausgleich, Verein­barung, Verständigung, Einigung, llebereinkunft, Ueberein« kommen, Vermittlung n. a.

* Wirksames Mittel. Fremder (int Dorswirtshaus) t Wie haben Sie beim die Raufbolde so schnell zum Saal hinaus- gebracht?!" Wirt:O, i hab' bloß g'rufen. 's Zeppelins Luftschiff kommt, da toaren gleich alle draußen."

Magisches Dnadrat,

Folgende 16 Buchstaben sind io zu ordnen, baß die gleichen Reihen von links nach rechts und von oben nach unten gleich- Wörter von lochender Bebeulung ergeben:

0 K B N röm. Gott,

M A A 0 spart. HeereSableilung,

R OKA ainf. Stadt,

NAME Schriftsteller. to»

Aiiflösung in nächster Nummer;

Anflösurtg des Rätsels in voriger Nummer: Maskenball.

Rebaktton: E. Anderson. - RotationSbruck und Verlag der Brützl'jchen Universitäts-Buch- und Slemdrttckerei, R, Lange, G'.eßew