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Beim nähexett Zusehen sind cs
, und fern Gesang vereint sich mit dem übrigen ländlichen Lärnr | des Hauses. Dieser übrige Lärm der Gänse, Enten, Hühner ist I ans dem Erdboden versammelt, aber das alte Gerberhaus hat auch I einen offenen ersten Stock, einen vielfächerigen Dachboden mit I einem schmalen, eingeländerten Balkon, der Hof hat einen hohen I Taubenschlag und mehrere vrrlästige Bäume und darüber einen I freien Luftraum bis zu den Wolken hinaus und auch der ist durch- I aus bewohnt, bevölkert und durchrauscht. Was Flügel hat und I fliegen kann, kommt hierher und flüchtet aus der ungastlichen I Strotzen- und Wagenwelt in diesen heiligen Bezirk, ruht hier aus, I »ährt, tröstet sich nnd nimmt gestärtt Abschied nm bei nächster I Gelegenheit wieder zu kommen.
I Da find die Tauben. Die fremden, herrenlosen Tauben der I GrwWadt, von denen niemand weiß, wo sie hausen, die ihre liebe
Slot haben, imt das bißchen Firtter und vor den Schlingen und I Schrotschüssen hungriger Mörder, sie kommen als Gäste zu den । einheimischen, gesicherten, im Wohlstand gediehenen Tauben des I Gerberhauses. Und das gibt immer ein Geschiebe und Gedränge, I ein ehrbares Wandeln und Entgegengehen, Rucken und Grützen I aus gepreßter Kehle. Das wandelt auf dem Dachfirst, längs der I Rinne, schlüpft durch das geschwärzte Fachwerk, ivinbet sich durch die hängenden Häute, sitzt auf dem Balkongeländer. Eine Weile
I schemt alles ruhig. Nur ein paar fliegen ab und zu oder schnäbeln I und stehen einander still und zierlich gegenüber, die andern sitzen | dicht gedrängt beisammen und plnstern sich auf. Einen Augen- I blick haben und halten sie Ruhe, die weißen und die grauen, die einrarbigen und die gesprengelten, die mageren und zarten und
I die üpp,gen, blinkenden. Und mit einemmal, weiß Gott warum, | z-og em kälter Windstoß vörbei, drohte eine Gefahr, die wir nicht । einmal ahnen, sagte ein wilder Schrecken sie auf, mit einem Ruck,
| inte non entern Ruf und Schlag angetrieben und lotzgelasse», hebt I sich das Tanbenhundert mit einem Rauschen, das wie die zitternde
Sehne eines gewaltigen Bogens saust, von dem ein Pfeil abge- fandt worden, und flieht, so daß eine silbern schimmernde und eine I blaugrane dichte Wolke über dem Gerberhause bebt, eine klagende, (UtS der Brust von hundert Bögeln mit einem gleichatmigen, tiefen Gurren seufzende Wolke, die im nächsten Augenblick in hundert royefne, tveitze, graue und gesprengelte Flocken zersiattert, die auf ement Bst, entern Dachfirst, Schornstein doer Gesimse zitternd schwanken, mählich sich beruhigend einherwandeln, ab- und zu- fltegen, sich sammeln, einander naherücke,t und zierlich gegenüber- stehen, bis wieder alles ruhig scheint, um im nächsten Augenblick neuerdings mit dlitzendem, einmütigem Flügelschlag davon nnd auseinander zu stieben.
, VÄ es das alte, Gerbethans und seine Herren, das ist ja ein stück Paradies, ein Stück zeitlosen Friedens im Fluch der sorgenvollen Borstadtwelt! Geruhig lebt es in all seinem Getümmel, das sieh verträgt, wie draußen auf dem offenen Land oer Wolkenhimmel, die Sonne, die hohen Bäume, das demütige ! Gras, Wiese nnd Ackerland, Bauer und Feld, Aehre und Sichel und alle Geschöpfe sich vertragen, ob sie auch bett gemeinsamen Kampf der Kreatur zu bestehen haben. Aber sie streiten ihn in der goldenen Freiheit und mit allen entfalteten Kräften ihres Wesens. Bon solchem Streit und solcher Eintracht ist in dem Höfchen des alten Gerberhauses ein gutes Stück eingefangen und leuchtet auf, tvie aus enter Regenlache der blaue Himmel und feilte Sonne gefangen wiederstrahlen.
Ich weiß nicht, wer in diesem Hause wohnt. Wer ist der Geroer, wie alt der Meister und seine Fran? Haben sie Kinder, bearbeiten singende Gesellen die groben, starkriechenden Häute?
mochte nur gerne denken, hier Hanse die Jugend unter den Hühnern, oder utn.fi es ein weises einsames Alter Jeht, das sich Initter dem mannshohen Zaune von der rauhe», trostlosen, lauten Welt genugsam und stolz abschließt, sein unmodisches Gewerbe treibt und zah das unpassende Anwesen festhalt, als die einzige Bürgschaft des eigenen Wesens und Wertes? Wer blickt hinter den pinberen Vorhängen auf den Nußbaum, auf die ruhelosen Tauben, auf die ui Reihen wandelnden, lächerlichen Gänse, auf das Staren- Häuschen im Eichengeüst, auf die in vielen Klumpen wie große sGvarze Fruchte au den kahlen Zweiges hängenden Sperlinge. Gäbe e» doch eine Jugend, die feurig und zugleich treu, mutig und zu- gletch besonnen nicht höher hinaus will, als dies niedrige, ager vieteole Haus lehrt und gebietet, die sich nicht beschäme aus dem engen Kreise der Pflichte» des eigenen, freien Arbeitslebens nach dem wertlosen Gewinn des großen Lebens davonstiehlt, sondern am dein ererbten Wesen beruht und weiter nach innen blickt, als ie etn Auge nach außen dringen könnte!
, Es wird aber wohl das Alter fein, daS hier schafft und wartet und feinen Sarg dort wissen will, wo seine Wiege nnd sein Bett gestanden. Kommt einmal der Tag, wo der alte Gerber nicht mehr vom Balkon mir sein lustiges Geflügel hinabfieht, so wird sihG Haufe die stunde geschlagen haben. Mau wird die alten tcußbaume fällen, den Taubeufchlag niederholen, die Häute, die so schon iw Fachwerk hängen, entziehen, daS Geschäft em- fasttetzen, das nicht, in eine Großstadt gehört, wie es ja auch
Japren ganz bescheiden an ihrem Rande angelegt wurde, $1-*' ckch noch ntomnio träumen ließ, die Straßen würden fo rasch hier hsitauswachfen, wo sich die Füchse gute . Nacht sagten. Was lveitz man heute in bet Großstadt von diesen alten Haiidwerker- hausern, deren.iebeS nur eine bestimmte Familie beherbergte und Von ihr feine eigene Gestalt, sein Gesicht bekam, so daß Hans und
Wart Mirüs. keines,üstders, als durch keine Nummern. Mm Nachbar unterscheiden, jedes beherbergt jeden, der die Miete zahlt: Mmmerllche Amtsleute, kleine Gewerbetteibeube und ihre schmäch- Äge» Läden, arme BÜrgerfaiMien und kinderreiche Arvekter- Pppei?, uus den Fenstern schauen bleiche Stadtgesichter; in den Wohnungen, wüchst alles durcheinander: Sorge, Rot, Maukbeit, wenig. Vergnügen, viel Verdruß. Durch die. breite Straße fährt Hie „Elektrische" mit mächtigem Jagen und Läuten als die lebeitdrge Unrast dahin, vor lauter Eile weiß keiner mehr, daß und warum -er auf der Welt ist. Man baut die Gaffen so grad und soweit, Laß all das Jagen nur beileibe kein Hindernis hat und daß der Mens Raum nur um so gefräßiger die teure Zett verschlingt.
Das alte Gerberhaus aber ist trotzig quer über eine der sonst fc sorgfältig abgezirkelten Ecken gelagert, seine Front geht in zwei Straßen, sein Rücken in eine dritte. Was schert es der Stadtplan tob das Lineal! Es sperrt sich ruhig gegen düs Gedränge und läßt sich um seine Zeit nicht betrügen. Ein graues Holzstacket in iWcmueshöhe schließt es ringsum ab und lässt doch die ganze Zwietracht draußen in seinen stillen, stenndlichen Bezirk hineiu- Maue», als in eine alte, fremde, wunderliche, heitere Welt.
Es ist nicht so leicht, zu beschreiben, was in diesem imregel- Wäßigen,. zugleich vollbesetztes und wieder eigentlich unnütz freien Kaum steht, geht, stiegt, hängt, schwebt, wächst, Platz, Anrecht, Leben oehausitet, Schutz findet — Mio Zeit hat.
Einmal in einer Ecke ein nochmals nach innen emgeftiebeter Fleck mit einem großen alten Nußbaum und einer gedeckten, um- Wukteir Holzlaube vor ein paar sorgsam gehaltenen Beeten, wo im Sommer bunte Bauernblumen blühen.
Dau links von diesem Ruheplatz zieht sich das ganze Gebäude .LNtlaug, halb gepflastert, halb mit rohem Erdboden ein schmaler, »estrecktcr Hof. Auch da stehen ein paar Bäume, ferner ein Holz- Wcherda» mit vielen schmalen SHichtenwänden, m welchen von toben b-s unten Häute rinn Gerben aufgespanut find. Ein Taubenschlag ragt aus ernem grauen, hohen Stamm empor. Unten gibt e-3 Drei, vier geräumige Bottiche. Ganz nah beim Hause steht ein Mim -. gestrichener- Ziehbrunnen, dessen Schwengel noch ruhig hin And her schwankt, dessen Auslausrohr noch tropft. Eben erst Kat man gepumpt und die gepflasterte Rinne zieht vom Tröge ui dm Hof, voll gelben schmutzigen Wassers, das sich unweit des übschlietz-'nden Zaunes in eine runde, tiefe Lache ergießt. Das geschieht alles für das Geflügel, von dem als von der geehrtesten Bevölkerung noch die Rede fein wird.
Und nun das Haus selber. Beim nähepeU Zusehen sind es riüentUcy drei Häuschen, eine kleine, alte Familie, zwei erdge- Ichoisige mit niedrigem Schindeldach, schief angcdant an ein stock- iyohes, so. daß da nnd dort ein Winkel vor- oder cinspringt, wo Auch wieder allerhand lebt und haust und Rugchört. Das stockhohe Kebmide aber ist auch nur im Erdgeschoß, dessen trübe Fenster die Werkstätte verraten, für die Mensche» bestimmt, oben gibt es wieder ei» braunes, hölzesnes Fachwerk siir die Häute, einen" schmalen, Korlaufcnben, offen Balkon mit grvßgefchiiitztem Geländer, von wo der Gerber etwa auf das Treiben des Hofes vergnüglich hin- Nnterschauen mag, wenn er Zeit hat. Der weite, gefächerte Dacki- bodm ist offen, die Luft soll frei durch die hängende» Häute rtrerchen. Die zwei klemen Häuschen aber haben mehrere Türen, von deren rede eine, zwei Stufen in beit Hof führen, niedere, weißgerahmte Fenster, von denen man bei rechter Laune sich geradewegs hntausschwingen, durch die mau ebenso beguem aus »eilt «of wieder tu die Stube» zuiücksteigen kann, wenn man über- Riiitig üenug den Weg durch die Tür verachtet. Reinliche, schim- Merde Vorhänge,, zierlich^ Blumenstöcke verraten das behaglichste M-ohnwesen der niedrige« Zimmer,-wo gewiß der alte, wohlbetraute .Hausrat eng gedrängt ebenso in Ehren gehalten wird, wie das SW; gleich übervolle, rauschende und doch sinnreich zusammeu- gehaltene, mannigsaltige äußere Gebäu und Geräume.
t Eagans «nd -ein Leben, Lärm und Bewegung, i
aier rufen Hahn rmo Hühner, girren bk Tauben, schreien die I r Anfle ^uten. Da lebt das Federvieh in ungestörter Gemein- j z«lieb etWpst der Zichormmen und speist die schmutzige ösf'M lK? Hofe, in »velcher die weißen Ganse und Enten schnatternd paviii o-er von wo sie der Reihe nach einem tnibekannten Ziele MtgegeuwiMdetn, um ebenso imervvärttch wieder Kehrt zu machen L «lOn m Gedanken verloren aus den Fugen der geborstenen Pflastersteine das spärliche, niedere Gras. Es leuchte» ! die gelben Schnäbel und Schwimmhäute. Auch ein Paar bunt- seflederte, wilde Gämse schießen ratlos hin und her. Hier lolmt
Gans zu sein und eine violette Schwanzfeder St bfiU.i. Tann spazieri mit Würde ein hoher Haushahu unter I ferat« "ffta rVr,i als Beherrscher des gehorsamen
-s t0,r! besonderem Ansehen. Er trägt io dichtes I fm er iu-e ^Mnkgewachssuer Edelmann
fc ? .dl,.,;}1' nF $ W einer Pluderhose an seinen schmalen !
Leitet wichtig, bedachtsam und zierllck», | vor den anderen und ruht gelassen, sinnend, HaME mit purpurnem Kronenkminii und Kfopr. I R« Kropf, hat, wie er, kann leicht aufrecht bleiben unter dkUsiMgcA Welt. Mm ist die Autorität eingeboren mit I KEN, und Kropf, so recht von Gottes Gnade». Gelegentlich 'chmot- S Herrschaft und BedeuL Heu kS
«Ä lauten, aber ivohlMugenden Tönen.
Zmuc. Hähne JfafM er singt, .hier versteht mau sich auf Musik j


