Ausgabe 
12.8.1909
 
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bewies doch nur, wie gut er's Mit ihr meinte, wie wichtig er ihre Zukunft nahm.

Solche Gedanken kamen dem Peter nie. Er hatte nur bas Gefühl seiner Pflicht. Und seiner Pflicht widmete er sich jetzt ganz und allen Ernstes.

So hatte er sich in letzter Zeit für ein paar Privatkunden gesorgt. Denn wie's auch werden würde, ob er Geselle bliebe oder Meister würde, so ein wenignebenbei" war immer gut. Und wer weiß, wie's noch weiter einschlug mit Stadtkunden, die noch immer besser bezahlten als die Auf dem Lande.

Der Elise war das ai'ich wieder nicht so ganz recht. Zwar der Verdienst schon, denn sie rechnete auch; aber der Peter mußte doch diese Arbeiten all in seiner freien Zeit machen, außerhalb der Werkstatt. Da saß er daun die Wende auf seiner Bude bis in die tiefe Nacht und nähte. Und die Elise wartete vergebens auf ihn. So hatte sie jetzt gar nichts mehr. Nicht mal, wenn sie Ausgang hatte. Immer hatte er was pressant. Nur die Sonntage gehörten ihr. Wer was war das! Wie oft mußte sie daheim erst den Besuch abwarten, oder sie tappten am Rhein hin und her und ließen sich angaffen. Nein, daran hatte sie längst den Geschmack verloren. Wenn sie einen flotten Oesterreicher hätte! Dann wär's lustig! Musik! das war denen die Hauptsache, Tanzen, Singen, Küssen, Fröhlichsein! Gott!

und vorm anderen konnte man sich ja hüten.

Hatte ihr der Peter je einmal einen Kuß gegeben!? Alle hatte sie ihm gegeben. Der Peter war ein kalter Frosch, ein scheues Hinkel!, sie ivollte ihn nicht mehr.

Da hätte sie ebensogut einen aus ihrem Odenwald nehmen können. Da waren auch, ganz flotte Burschen drüben! Zum Beispiel der Nehers->Adam, der in Darmstadt Roßwärter am Hofe war. Und da wär sie auch ganz gut versorgt gewesen, wenn sie den genommen hätte.

Er war ja mal um sie herumgeschlichen, eh sie von zu Hause sortgegangen war. Sie war jung und dumm damals gewesen.

Was war das für ein anderer Kerl, der Nehers-Adam! Gewachsen wie ein Buchenbaum und stark wie ein Eichen­stamm. Vorm wildesten Gaul fürchtete der sich nicht. Und wenn er dann die Hosen in den Stiefeln hatte und auf dem Gaul saß das war ein Bild! Dagegen war der Peter--- Mäh! Mäh! Schneiderbock!

Was ging sie der alte Neher an! Ein Grobian war der * mußte doch nicht auch der Sohn einer sein! Was ihr die Mutter da vorgepredigt hatte! Zu ihr war der Adam immer sehr gut gewesen und zärtlich. Und er schwätzte so fein, ganz anders tote die andern Burschen. Er war ein rechter Städter.

Jetzt hatte sie den Peter anhängen. Ein guter Kerl war ja der Peter. Wer gegen den Nehers-Adam! Und lang­weilig war er, und ein Frosch.

Schneiderbock mäh, mäh!

Sie war wirklich neugierig, wie das einmal ausginge, ob sie ihm doch den Laufpaß gäbe!

Menn's nur nicht schon so lange wäre, daß sie mit dem Peter ging. Sie war so an ihn gewöhnt. Sie konnte sich gar nicht mehr ohne ihn denken. Dumm! Und sie hatte ja auch keinen anderen. Und auch nach keinem ausgeguckt. Es war rein zum Lachen. Ner sie würde sehen. Kommt Zeit, kommt Rat.

Ostern ging vorüber und Pfingsten. Sie sprachen vom Heiraten. Der Peter sehr ernsthaft und wichtig, die Elise mit Lächeln und leicht. Das sei doch so schlimm nicht, grad, als ob's gleich zum Sterben ginge, meinte sie. Aber der Peter behielt feinen Ernst und seine Sorglichkeit.Sorqenpeter" hatte sie ihn getauft.

Wir müssen nun aber mal zu deinen Eltern gehen," K der Peter eines Tages.Und dann zu meinem Meister, Eltern habe ich doch keine mehr. Es ist überhaupt nicht recht, daß du so lange nicht daheim warst."

Die Elise schnickte als Antwort die Schultern. Dann fiel ihr aber etwas ein, was zu sagen der Mühe wert war.

Wir warten bis zurKerb", dann ist's nicht so traurig in dem Nest." H

Der Peter war's zufrieden. Wann die wäre?

Anfangs Juli, sie sage es ihm schon. Daß er sich dann aber fern mache bis dahin!

Er lächelte.

Ja, das sei ihr Ernst. Sie wolle sich mit ihm stolz wachen. Für den Schneider würde sie sowieso schon genug geuzt werden.

Er zog ein sehr langes Gesicht. Den Schneider habe sie aber doch vorher gewußt.

Gewiß aber man denke doch nicht gleich

Es war ein kleines Weilchen still.

Dann könnten sie ja voneinander gehen.

Er sagte das so ernst und schwer und traurig, daß es der Elise jetzt doch leid tat, die Sache so weit getrieben zu haben.

Sie lachte hell auf, übertrieben laut.

Was fällt dir ein! So war's nicht gleich gemeint! Wer du weißt doch: Schneiderbock! Mäh!"

So ein bißchen Bosheit hatte sie sich nicht verkneifen können.

Ja, wie gesagt, da müßten wir wieder auseinander gehen. Ich laß dir ganz die freie Wahl. Ich zwing dich zu gar nichts. Ich halt dich gar nicht. Wie du willst. Wie du willst!"

Das machte ihn aber perplex. Dieser instinktiven Weiberpsifiigkeit war der ehrliche Peter nicht gewachsen. Er war still.

Eine ganze Strecke weit gingen sie stumm neben­einander her.

Na, wie is?" fragte sie.

Wie is?" fragte er.

Willst du mich nicht mehr?" fragte sie.

Willst du mich nicht mehr?" fragte er.

Und noch eine Weile gingen fie fremd und Ml neben­einander her.

Wieder gut?" fragte sie.

Bist du gut?" fragte er.

Peter, langweiliger Peter!" Sie lachte.

Dann zitierte sie das Volksverslein:

Peter, wo steht er?

Im Stall.

Was dut er?

Butzt ent Gaul 's Fuder.

Was meh(r).

Butzt em Gaul die Zäh(n)."

Und sie lachte hell auf.

Daß du keinen Spaß versteW! Laß mir jetzt das Sauerkrautgesicht und die Kopfhängerei und diese ganze langweilige Begräbnisgeherei. Herrgott! bin ich dadafüu auf der Welt! Entweder oder! Willst du mich oder willst du mich nicht? Sag's jetzt.!"

Sie tat so zornig, daß er erschrak und wunder meinte, wie großes Unrecht er getan habe. Er bat sie ordentlich.

Na, Elise! Mso ist alles wieder gut? Komm!"

Und sie gingen wieder eng zusammen. Die Elise luftig wie immer. Der Peter mit einem heimlichen Stachel. Aber er verbarg ihn.

Zank gibt's überall einmal," sagte die Elise zum Ab­schied.'s wär ja auch gar zu langweilig."

(Fortsetzung folgt.)

LWüId von Kleifts Heldentod.

Es ist nicht literarische Totengräberei, wenn man heute des Mannes gedenkt, der vor 150 Jahren zu Frankfurt a. O. einen ehrlichen Soldatentod starb; oer Dichter des Früh­lings, eines Gedichtes, auf das die beginnende Blüteperiode im friderizianischen Zeitalter mit Recht so stolz war; der Freund Lessings, das Urbild seines Majors von Tellheim und der Adressat seinerBriefe, die neueste Literatur be­treffend", hebt sich als lichte Gestalt aus der langen Reihe der vorklasfischen Dichter und hat den nimmer welkenden Lorbeer, um den er in rührenden Versen einst bat, längst empfangen. Kleist gehört zu den erfreulichsten Erscheinun­gen in unserer Literatur, von seinem Schaffen gehen noch heute belebende Kräfte aus; sein Heldentod macht ihn zum Ahnen der Freiheilsdichter, seine unglückliche Liebe zu Wil­helmine von der Golz und der Schatten, den ihre Verhej- vatung mit einem anderen auf sein ganzes Leben warf, läßt mehr als einmal an den Dichter desPrinzen von Homburg" denken.

Es war der Wunsch Kleists, der eigentlich, widerwillig in das Heer getreten war und am Waffenhandwerk mir Ge­fallen hatte, soweit es sich in Krieg und Gefahr bewegte, auf .dem Schlachtfelde zu fallen. Nachdem er anfangs irr dänischen Diensten gestanden, auf Befehl König FriedrichD aber in preußische getreten und dort bis zum Major auf­gestiegen war, nahm er an der blutigen Schlacht von Kunersdorf am 12. August 1759 teil. Au der Spitze seines